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18. Dezember 2010 Lesezeit: ~4 Minuten

Der fotografische Stil

https://kwerfeldein.de/index.php/2010/12/18/der-fotografische-stil/Es folgt ein Beitrag von Michael Gelfert (Blog · Facebook · Twitter). Michael ist hauptberuflich Fotograf mit einer Spezialisierung auf Fashion, Beauty & Lifestyle. Darüber hinaus hat er als Autor das Buch „Fashion-Fotografie“ verfasst und schreibt auf dem Blog Licht(in)former.

„Ich mag Deinen / ihren / seinen Stil“ – das hört man öfter. Man solle an seinem Stil feilen oder einen Stil finden – das hört manmanchmal, als Kritik.

Aber was ist das – Stil? Eine subjektiv-philosophische Betrachtung: Ich neige stark zum Pragmatismus. Ich mag es einfach, geradlinig und offen heraus. In Gesprächen, beim Lehren, beim Kommentieren und beim Fotografieren. Oder? Lässt sich das mit meiner Liebe zum Licht vereinbaren?

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Ich spiele gern mit Licht & Schatten, vor allem aber mit der spannenden Zone dazwischen. Und ich neige (nicht nur dabei) auch zum
Perfektionismus. Ich improvisiere auch gern, schüttele neue Lichtsets „aus dem Ärmel“ und lasse mich auf das Posing des Models ein. Ich spiele gern mit Perspektive und Verzeichnung. Mit Farbharmonien und Formen.

Ist das pragmatisch, einfach und direkt?

In meine Fotos fließen all diese Aspekte meiner Persönlichkeit. Und einige mehr, die mir gar nicht so bewusst sind. Mein Geschmack, mein Stilbewußtsein (oder auch das Fehlen davon), meine fotografische Erfahrung, mein schlichtes Wissen, meine Menschenkenntnis, meine Empathie, meine Sichtweise der Dinge.

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Denn so sind wir Künstler: Widersprüchlich, vielschichtig, expressiv.

All das ist in meinen Bildern.

Das und noch mehr ist es, was den „fotografischen Stil“ prägt und ausmacht. Die meisten dieser Aspekte sind nicht fix, sondern immer im Fluss, in ständiger Veränderung. Während ich grundsätzlich immer „ich“ bleibe, so ändern sich doch die Details, Kanten werden abgeschliffen oder herausgearbeitet.

So ist auch ein Stil nicht fix. Immer nur eine Momentaufnahme, ein Augenzwinkern. Grundsätzlich wie Ihr, etwas, das man wiedererkennen kann, aber doch jedesmal ein wenig anders. Deshalb ist es Euer Stil, der Eure Arbeiten auszeichnet und unverwechselbar macht. Der unnachahmlich ist, weil er sich eben nicht nur in einem Eurer Bilder findet, sondern in den meisten.

Und ob der Gemeinsamkeiten doch immer etwas anders ist. Eine Kaleidoskop der Möglichkeiten, deren Bausteine nur Euer Unterbewußtsein kennt. Ein variierendes Muster, das in seiner Individualität aber auch von anderen wiedererkannt werden kann.

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Natürlich nur dann, wenn Ihr zulasst, das soviel von Euch in Eure Fotos fließt. Wenn Ihr Euch der Fotografie verschreibt. Leidenschaft investiert. Wenn Ihr bereit seid, das Umzusetzen, was Euch gefällt, wie es Euch gefällt und weil es Euch gefällt. Manchmal auch gegen den Widerstand oder die Meinung anderer.

Erzwingen kann man einen Stil dabei aber nicht! Ein „Stil“, der mit allem Vorherigen bricht, in Ignoranz aller Regeln und ästethischen Empfindungen, ist selten echt. Ebenso wie ein „Stil“, der sich lediglich auf Technik stützt. Das ist meist der aufgesetzte Versuch, Originalität zu erschaffen. Kein Spiegelbild unseres Selbst, unserer Geschichte und der Umgebung, die auf uns wirkt.

So ein „Stil“ wird oft statisch sein, keine Weiterentwicklung zeigen. Künstliches kann nicht gleichzeitig „leben“.

Fast jeder Stil zeigt Einflüsse anderer Künstler, Werke oder Stile.

Die Kombination der Einflüsse und Techniken, die Auswahl dieser und die eigene Dosierung, Nuance und Abwandlung – das alles findet sich
im eigenen Stil.

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Wollt Ihr an Eurem Stil arbeiten, oder besser formuliert ihn verfeinern, beschäftigt Euch mit Euren bisherigen Arbeiten. Untersucht, was Euch gefällt und was nicht, findet heraus, was vielen Aufnahmen gemeinsam ist. Und beschäftigt Euch vor allem mit Euch selbst, was Euch wichtig ist, was Ihr gar nicht leiden könnt und was Euch inspiriert.

Ich persönlich liebe z.B. die Dramatik des Film Noir, mancher Musikvideos – und epische, düstere Comics. Wollt Ihr raten, welche? Der fotografische Stil entsteht mit Übung, Erfahrung und durch Selbstreflektion der eigenen Arbeiten, Gedanken und Empfindungen.

„Die Kunst aber ist kein Handwerk, sondern Vermittlung von Gefühlen, die der Künstler empfunden hat.“

Das Zitat ist von Leo Tolstoi – hat der eigentlich auch fotografiert? ;-)

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15 Kommentare

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  1. Natürlich entsteht ein Stil durch Selbstreflexion, aber ist es zur Stilbildung oder -verfeinerung nicht enorm viel wichtiger, sich andere Arbeiten anzuschauen?

    Ich glaube, ein Stil festigt sich im Grunde durch kreative Entscheidungen. Das lässt sich auf sämtliche Kunstgattungen beziehen. Immer muss ich kleine und große Entscheidungen treffen, warum ich etwas so mache und nicht so. Von kleinen kann ich dann auf große Entscheidungen schließen und umgekehrt, eine Entscheidung kann ich abstrahiert auf einem ganz anderen Gebiet wiederverwenden; meine Entscheidungsgewohnheiten bilden ein System, was ich „Stil“ nennen würde.

    Seinen Stil zu verfeinern, bedeutet dann aber nicht, in sich zu gehen und seine eigenen Arbeiten zu studieren. Seinen Stil zu verändern oder verfeinern bedeutet für mich, sich selbst in seinen Entscheidungen zu überraschen – oder mittels äußerer Inspiration überraschen zu lassen – und diese für sich selbst zu testen und schließlich sogar in seine Gewohnheiten zu integrieren.

    Natürlich kann Intuition und Gefühl solche Entscheidungen vordefinieren und darüber einen Stil aufbauen. Richtig detailliert kann man in diesen aber erst eingreifen, wenn man auch weiß, was man da tut. Und das genaue Wissen, was passiert, wenn ich einen Parameter in meinen Entscheidungen ändere, hat doch eine ganze Menge mit Technik und Handwerk zu tun, oder [an dieser Stelle möchte ich auch Tolstoi entschieden widersprechen]?

    Gruß, Marcus

  2. Der Tipp im letzten Abschnitt war hilfreich: „Sich mit der eigenen Arbeit und seinen Aspekten beschäftigen.“
    Ich finds immernoch schwierig einen eigenen Stil wahrzunehmen, wenn es als Hobbyfotograf noch so viel zu entdecken und zu lernen gibt.

  3. Sehr treffend formuliert und überdies inspirierend. Ein fantastisch geschriebener Artikel zum facettenreichen Wesen der Fotografie.

    Das Schöne ist, dass man immer hinzulernen kann – wenn man dazu im Innersten bereit ist. Dann entstehen auch oft die besten Bildergebnisse die einen zur nächsten Stufe des eigenen Stils beflügeln.

    Ich füge noch was passendes von Feininger hinzu:

    „Erfahrene Fotografen wissen, daß ihre Augen dazu neigen, sie in dem Punkt zu täuschen, wo die Wirklichkeit in ein Bild umgeformt wird. Sie wissen auch, daß vieles von dem, was an Fotoschulen gelehrt wird, stereotypes technisches Zeug ist, das ungeeignet ist, kreative Wünsche zu befriedigen. Obwohl immer eine Nachfrage nach dieser Arbeitsweise bestehen wird, ist die reine Technik Routine und wird niemals zu jemandes künstlerischem Wachstum beitragen.“…

    (Andreas Feininger – „das ist Fotografie“, Schlußfolgerung)

  4. Ich finde der Stil wird ueberbewertet. Jeder ist auf der Suche nach einem Stil. Jeder sollte einfach so fotografieren wie er moechte. So wie es einem selbst gefaellt. Den Stil bekommt er dann von anderen angedichtet. Welchem beruehmten Kuenstler ging es um seinen Stil? Das war denen doch scheiss egal. Auch ob es jemandem gefiel war denen egal, ob es Geld einbrachte war auch Wurscht. Deshalb rate ich dazu, einfach Spass an der Sache zu haben und nicht so viel rumzulabern. Das zumindest ist mein Style.

  5. Ich bin mehr zufällig über die Seite „gestolpert“.
    Ich muss hier aber kurz bemerken, wie sehr Michael Gelferts Fotos mich beeindruckt haben.
    Alle Fotos sind von einer enormen Brillanz und Intensität im Licht- und Schatten-, beziehungsweise im Helligkeit- und Dunkelheitsspiel, unglaublich gut ausgeleuchtet (und bearbeitet?).
    Außerdem ist frappierend,wie die Bilder einerseits etwas weiches haben und gleichzeitig „knallhart sind“.
    Man achte beispielsweise auf bestimmte Töne im Hintergrund und in in der Färbung der Hautpartien. Klasse!

  6. Schönes Essay :)

    Ich glaubem Stil ist auch, wenn man aneckt („Warum sehen deine Bilder immer so Gelb aus und sind am Rand unscharf?“ – „Gefällt mir nicht“). Ich mag es, wenn man sagt „das sieht nach dir aus“. Ich mag es auch, dass mein „Portfolio“ auf der Übersichtsseite eine klare Linie hat (Portfolio deswegen in Anführungszeichen, weil ich keines habe. Ich meine da eher sowas wie die Startsseite meines Fotoblogs oder die 1. Seite bei flickr).

    Niemandem muss mein Stil gefallen, wichtig ist, dass ich mit meinem Stil im Reinen bin. Dass mein Stil ich ist. VIelleicht oder wahrscheinlich ist das bei professionellen Fotografen anders. Wobei ich mich da frage, inwiefern Vielseitigkeit/Abwechslungsreichtum einem Stil im Wege steht, oder umgedreht.

    LG
    FC

  7. Spitzenartikel – sehr gut geschriebener „Aufruf“ an die Selbstverwirklichung gepaart mit der Bereitschaft an dem Eigenen auch zu arbeiten. Ein Artikle der bestätigt, motiviert und Mut macht sich der leidenschaft Fotografie voll und ganz zu verschreiben und mit dem eigenen Stil in dieser Welt eine Marke zu setzen ;) Toll mehr von solchen Artikeln bitte!!

    Greetz and Respect

    Petra (aka dAzErO)

  8. Blogartikel dazu: Blogreihe Bildbearbeitung: #5: Wie wichtig ist die Verbindung von fotografischem Stil und Bildbearbeitung? – Alles ist möglich