kwerfeldein
14. Dezember 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Mobilographie vs. Photographie?

„Fotografie – das ist doch heute auch nicht mehr, was es einmal war.

Toll. Die Grenzen zwischen Video & Foto sind verschwommen und ja nicht mehr wahrnehmbar. Und überhaupt. Jetzt haben Kameramänner vom Film das Drehen mit der DSLR kennengelernt und die ersten Fotografen beschnuppern schon mit ihren neumodischen fuffzig D’s das Bewegtbild. Die machen Videos. Toll. Echt toll.

Ja schön!

Doch das alleine reicht ja nicht! Jetzt kommt auch noch, dass Fotos nicht mit herkömmlichen Kameras gemacht werden, sondern: Mit Handys! Das hat uns grad noch gefehlt! Ja verdammt nochmal, ist das noch Fotografie, oder was? Amateurgeklicke! Nervtötendes Spielzeuggeknipse! Bäng Boom Bäng!“

*****

Wahn. Sinn. Dem ein oder anderen steht der Sinn nach Wahn, wenn er mitbekommt, wie rasant Technologien die Art, wie wir Fotografieren verändern. Da drängt förmlich die Frage auf, die erst kürzlich auf appstorm gestellt wurde: Is the iPhone Ruining Film and Photography?

Stehen wir kurz davor, die Fotografie, so wie wir sie kennen, zu verlieren?

Diese Fragen klingen in den Ohren so mancher Early Adopter sensibel dramatisch, etwas überzogen.. Aber ist das wirklich Übertreibung?

Hören wir doch mal genauer hin: (Quelle)

As of July of this year (2010), Facebook now sees more than 100 million photo uploads every day.“

„And then there’s Instagram, the two month-old, hit iPhone app that signed on more than 100,000 users in its first week and is now seeing two to three photo uploads per second.

Natürlich sind das nur tote Zahlen, aber sie belegen das, was wahrscheinlich die Meisten unter uns bemerken: Da tut sich was. Und zwar so schnell, dass einem schonmal schwindelig wird. Ausser, man steht auch auf Geschwindigkeit. So wie ich (und viele andere).

Übrigens: Klar möchte ich mit dieser Einleitung auf einen Standpunkt hinaus, ohne den dieser Artikel wertlos wäre.

Deshalb nochmal zur Frage zurück:

Stehen wir kurz davor, die Fotografie, so wie wir sie kennen zu verlieren?

Verändert sich das Fotografieren gerade so rapide, so – sagen wir mal – krass, dass sich damit auch die Gewohnheiten verändern, wie fotografiert wird? Die Haltung? Die Mittel? Und so weiter?

Ja natürlich.

Offen ist, ob das ein Problem sein muss.

Die Zeiten, in denen die meisten Fotos mit Bridge/Kompakt oder gar DSRL Kameras gemacht werden, sind gezählt. Sag ich jetzt mal so ins Blaue hinein. Noch nie wurde so viel und so oft fotografiert, wie heute. Weil fast jeder (im westlichen Teil Europas) ein Handy hat. Und fast jedes Handy hat auch eine Kamera. Das ist praktisch, das ist gut.

Natürlich kann man argumentieren, dass je mehr Fotos in den Rachen der Raupe Nimmersatt aka das Internet geworfenen werden, desto mehr (Verzeihung) Bullshit wird dann am Ende herauskommen.

Stimmt. Hat aber nichts mit dem Medium Kamera am Handy zu tun. Hätte jeder eine DSLR, ich bezweifle, ob wir dann bessere Fotos hätten. Technisch gesehen, vielleicht. Aber bildkompositorisch? Da habe ich meine Fragen.

Viel eher hängt das damit zusammen, dass Internet und Mobilkameras gemeinsam einen riesigen Daten – ich will jetzt nicht sagen -Müll -Komplex erschaffen. Wie viele Fotos pro Stunde im Netz landen, das weiß keiner. Ist auch eigentlich wurschd.

Aber: Jeder kann fotografieren.

Diese Feststellung ist genauso provozierend, wie es wohl vielen ein Dorn im Auge sein wird. Doch es ist eine Tatsache. Und ich finde das gut.

Denn es ist doch grad mal piepschnurz egal, mit welchem Gerät fotografiert wird. Fotografische Qualität auf das Aufnahmemedium zurückzuführen wird gerne eine Sackgasse, das wissen wir alle. Denn fotografische Qualität ist nicht nur Schärfe, Brillianz oder Auflösung.

Auch. Aber nicht nur.

Und mir ist es mittlerweile immer weniger wichtig, mit welcher Kamera ein Foto gemacht wurde. Ob ein Bild nun mit der 50D, einer schrottigen Lochbüchse oder dem schräg in die Luft gehaltenen Laptop gemacht wurde? Das ist, gelinde gesagt, nur geringfügig relevant – was die Qualität betrifft.

Was zählt, ist das Ergebnis.

Was zählt ist, ob der, der einen Auftrag gegeben hat, zufrieden ist. Was zählt, ist, ob der, der fotografiert Spaß dran hat.

Dass ich selbst eine offene Zuneigung der mobilen Fotografie gegenüber pflege, ist ja nun auch kein Geheimnis mehr.

„Was? Ich muss kurz zum Auto, weil ich die Gummibärchen habe liegen lassen? Klar doch! Handy mitnehmen, vielleicht begegnet mir ja ein rosa Einhorn etwas schickes für ein gutes Foto. “ Kurz aufgenommen, Kamera Handy wieder eingepackt, fertig ist der Obstsalat. Das ist so einfach, so schnell, so gut. Ja, ich bin begeistert.

Ob ich nun eine Hochzeit fotografiere (nein, das mache ich nicht mit dem mobilen Gerät) oder unterwegs ein paar Bilder aufnehme, samt Kamera in der Landschaft stehe oder zu Hause meine Tochter fotografiere, alles ist eins:

Fotografieren.

Ich wechsle nur das Gerät.

Der Übergang ist flüssig, für mich ist das ein und dasselbe. Ich fotografiere nicht richtiger, wenn ich mit der DSLR in der Hand den Auslöser betätige. Und nicht weniger, wenn ich irgendein Handy gerade in der Hand halte oder sonst irgendwas, was „Fotos macht“.

Was sich ändert, ist der Handlungsspielraum. Und den zu kennen, zu bedienen und auszunutzen, das ist für mich die Kunst. Die Herausforderung. Und: Das Spannende daran.

In diesem Sinne wünsche ich allen für diese Woche „gut Licht!“ – völlig egal, mit was ihr fotografiert ;)

Ähnliche Artikel