29. November 2010 Lesezeit: ~14 Minuten

Über Motivation in der Fotografie

Schaufenster, Internet, Kameras, viele, neu, toll, großartig. Kribbeln, Freude, Wunsch, sparen. Sparen. Kaufen, warten, Türklingel, Postbote, Paket, Kamera, eine, neu. Und was nun?

So oder so ähnlich hat sich das sicher bei vielen von Euch abgespielt, richtig? Da hat man sein tolle Neuanschaffung in der Hand, ein Traum in schwarz mit mehr Pixeln als man sich vorstellen kann, mit einem Objektiv, das perfekt geschliffene Linsen aus den utopischsten Materialien in einem Zylinder festhält der von den tollsten Schriftzügen, Zahlen und Schaltern verziert wird. Technisch ist also alles klar, der Grundstein gelegt – Zeit für das erste Meisterwerk.

Während der Akku lädt wird die Anleitung studiert – Früher jedenfalls war das mal so. Heute nutzt man die Ladezeit um das Internet nach dem frischen Schätzchen zu durchstöbern. Einfach mal ins Fotoforum der Wahl gegangen und nach Body-Namen und Objektivbezeichnung gesucht oder in der Suchmaschine des geringsten Misstrauens beides eingetippt mit dem Zusatz „Review“. Gibt doch so viele Menschen da draußen, die können mir doch bestimmt sagen wie toll die Kamera ist, richtig?

Falsch! Jedenfalls häufig falsch. Ernsthafte Reviews sind mehrere Seiten lang, untersuchen das Material in allen möglichen und unmöglichen Situationen, stellen Ergebnisse gegenüber und legen die Messlatte sehr hoch an: Weniger als Perfekt gilt nicht. So gibt es zwar am Ende eine „highly recommended“ Beurteilung aber die Liste der „Cons“ ist trotzdem fast länger als die der „Pros“. Und was nun?

In Foren melden sich in der Regel die Anwender, die ein Problem haben und nach Lösungen fragen oder die sich einfach mal richtig auslassen über die ganz offensichtliche Unfähigkeit einer Firma und deren sehr baldigen Niedergangs. Es mag vereinzelte positive Stimmen geben aber ziemlich sicher nicht mehr als negative. Die Liste der Fragen zu Problemen übersteigt nahezu immer die der freudestrahlenden Beiträge. Und was nun?

Fehlentscheidung? Kamera schnell zurückschicken und das größere Modell wählen? Teureres Objektiv nehmen weil der Superuser im Forum das auch viel besser findet?

Nein!

Macht Euch frei von diesen Kritikern von außen. Viel Information ist toll und Produkttests können durchaus hilfreich sein – wenn man lernt sie richtig zu lesen, wenn man versteht wer da testet, warum er das tut und wie Vergleiche zu bewerten sind. Ihr müsst verstehen: Einerseits wird immer über Serienstreuung bei Objektiven geredet, eine Lieferung kann besser justiert sein als eine andere, andererseits liest man sich aufmerksam Vergleichstests durch, bei denen genau eine Kamera-Objektiv-Kombination mit einer anderen verglichen wird. Und was nun? Schneidet nun eine Kombination schlechter ab weil sie schlechter, also generell unterlegen ist – oder nur weil genau diese eine Lieferung nicht 100%ig perfekt war?

Ist das überhaupt wichtig? Nicht wirklich – jedenfalls nicht ausschließlich. Ihr habt eine Kombination gekauft und genau diese ist wichtig – für Euch. Vergesst die Stimmen von außen. Das sind Dämonen die Euch verunsichern können. Vergesst sie. Lasst sie links liegen. Glaubt mir: Sobald Ihr ein paar Schritte weiter seid, sobald Ihr Euch mit Eurer Kamera – mit EURER Kamera – vertraut gemacht habt werdet Ihr ganz schnell selber zu einem Dämon, und als solcher könnt Ihr lernen die Stimmen der anderen zu filtern, einzuschätzen, richtig zu bewerten und Ihr werdet lernen aus all dieser Verwirrung Nutzen zu ziehen.

OK. Stimmen vergessen, stattdessen lieber ein paar Ausgaben von What The Duck ansehen bis der Akku geladen ist. Akku geladen, dann raus und Bilder machen, ausprobieren, experimentieren, ja sogar spielen. Habt Spaß und freut Euch. Ihr habt es Euch verdient. Fotografie ist so ein tolles Hobby und es hat etwas magisches wenn der Photonenfänger am Ende ein fertiges Bild zaubert – Ganz egal ob analog oder digital, es ist immer wieder ein tolles Gefühl.

Aber es lauert eine große Gefahr. Ein böser Dämon. Wie? Ihr habt die schon alle beiseite geschoben und ignoriert die Stimmen? Richtig – ist auch gut so. Ich meine aber nicht die Stimmen von außen. Nein, die echte Gefahr kommt, wie so oft in allen Bereichen, von innen. Ihr selbst seid es, oder etwas von Euch, nein, etwas IN Euch.

Ihr schaut Euch Eure Bilder an. Ihr seid vermutlich ziemlich erschrocken. Dafür habt Ihr soviel Geld ausgegeben? Ganz ehrlich? Da sahen die Bilder mit der billigen Knipse vorher besser aus… sagt wer? Die Stimme in Euch! Und vielleicht hat sie Recht. Vielleicht hat die Knipse viele clevere Automatiken gehabt die einen wirklich guten Job gemacht haben, in vielen Fällen. Belichtung, Farbe, Schärfe, alles super. Jetzt habt Ihr vielleicht eine tolle Spiegelreflexkamera, größeren Sensor, den Schärfepunkt genau zu treffen ist jetzt schwieriger, nicht zu verwackeln auch, Form und Gewicht sind ungewohnt, die Haltung will noch nicht ganz passen und der Blick durch den Sucher ist ungewohnt. Und was nun?

Ja, die ersten Bilder sind vielleicht nicht richtig toll und diese fiese Stimme in Euch knallt Euch das gnadenlos in die Ohren – also eher direkt ins Hirn. Jetzt müsst Ihr aufpassen. Diese Stimme mag in Ihrer Direktheit aggressiv und gemein klingen aber im Kern hat sie ja Recht. Fasst diesen Dämon also nicht als Feind sondern als Helfer auf. Nutzt ihn. Geht noch mal los und macht Fotos. Diesmal aber anders. Diesmal haltet Ihr nicht einfach drauf, nein, diesen Gefallen tut Ihr dem Dämon nicht. Diesmal überlegt Ihr was Ihr eigentlich fotografieren möchtet. Schaut Euch Euer Motiv genau an, ohne Kamera. Was ist es was Euch daran interessiert. Dann schaut durch den Sucher und fangt genau das ein… Wie man das machen kann, dass ist ein Thema für sich aber Ihr findet da schon Euren Weg, habt Mut und probiert aus, vertraut mir.

Ihr werdet besser werden. Digitale Kameras geben Euch eine sofortige Rückmeldung. Zwischen „Wow – haste geil gemacht“ bis zu „Was sollte das denn“ seht Ihr auf dem Display sofort was passiert ist. Ihr werdet Euch noch wundern wie schnell Ihr dazu lernt, wie schnell Ihr immer besser darin werdet genau das einzufangen, was Ihr gesehen habt, was Ihr zeigen wolltet oder sogar was Ihr gefühlt habt. Das ist eine tolle Zeit, ein tolles Gefühl. Ihr zeigt Eure Bilder und andere sind begeistert. Familie, Freunde, Bekannte und Unbekannte im Internet geben Euch positive Kommentare, Ihr werdet immer häufiger gefragt, ob Ihr nicht dies oder das, hier oder dort fotografieren möchtet. Und was nun?

Es lauert die größte Gefahr. Seid auf der Hut vor Eurem Dämon, Eurer inneren Stimme, Eurem größten Kritiker. Seid auf der Hut vor Euch selbst. Hatten wir schon mal, Ihr erinnert Euch? Ganz am Anfang war aber alles noch in Ordnung. Alles war neu und die Stimme sagte im Kern nur: „Du musst mehr üben, Dich konzentrieren“. Jetzt aber seid Ihr viel weiter. Fotografische Regeln habt Ihr gelernt, angewendet, erst bewusst, dann unbewusst. Ihr habt Euren kreativen Werkzeugkasten aufgefüllt mit Ideen und Lösungen und Ihr habt ständig ein wenig an Qualität oder Originalität drauf gelegt.

Bis jetzt.

Plötzlich meldet sich der Dämon in Euch und sagt etwas wie: „Das war alles?“ oder „Das konntest Du auch schon mal besser!“. Das blöde daran ist, dass Ihr plötzlich anfällig geworden seid für diese Stimme. Ihr vertraut inzwischen auf Eure Arbeit und Ihr habt Euch Eure Ziele stets etwas höher gesteckt um voran zu kommen. Alles toll aber jetzt ist Schluss. Ein Stillstand, sogar ein Rückschritt vielleicht. Euer Dämon sieht es und jetzt seht Ihr es auch. Überall. Im Grunde auf jedem einzelnen Bild. Alles Mist. Ihr könnt es nicht mehr. Alles langweilig.

Hat der Dämon, der Kritiker in Euch, Recht? Ich vermute: Nein! Zumindest nicht in dieser Konsequenz.

Was passiert hier? Die Lernkurve ist nicht unendlich steil. Irgendwann flacht sie ab. Ihr lernt weniger neues hinzu und wendet immer mehr bereits gelerntes an. Das wiederum ist am Anfang noch alles neu für Euch, für Eure Augen und für Eure Erfahrungen. Aber auch diese Kurve flacht irgendwann ab. Es entwickelt sich eine Routine. Durch diese Routine werden die Ergebnisse jeweils ein klein wenig besser. Ihr achtet irgendwann auf andere Details weil das Grobe bereits automatisch geschieht – aber irgendwann passieren auch die Details von alleine. Es wird einfacher für Euch, selbstverständlicher aber die Ergebnisse werden Euch auch vertrauter. Es überrascht Euch immer seltener was aus einem Bild wird nachdem es durch den RAW-Entwickler gerauscht ist und auch Variationen in schwarz/weiß, cross oder entsättigt habt Ihr schon tausend mal gesehen. Und was nun?

Dieser grimmige Kritiker in Euch sagt eigentlich nur: „Kenn ich schon“. Das ist aber nichts schlimmes. Nein, das ist etwas sehr Gutes! Ihr habt eine neue Stufe erreicht, ein Plateau vielleicht das etwas größer, länger und weiter ist als eine kleine Stufe. Ihr habt eine gewisse Selbstsicherheit erreicht, eine Routine um eine gewisse Qualität zu liefern. Diese Qualität war vor kurzem noch was ganz tolles – lasst Euch bloß nicht einreden, dass dies plötzlich etwas schlechtes ist. Ihr seid gut, vertraut auf Euer älteres Urteil und hört nicht auf die negativen Äußerungen Eures Dämons.

Nun seid Ihr also vielleicht nicht mehr unglücklich aber Ihr möchtet vielleicht trotzdem nicht stehen bleiben. Und was nun?

Hört genau hin, lernt die Stimme zu verstehen. Der Dämon macht Euch nicht nieder, er sagt Euch in seiner unnachahmlichen und gnadenlosen Art nur wie es weitergehen könnte, er zeigt Euch Lösungen auf – Ihr müsst sie nur erkennen. Die Bilder sind schlecht, langweilig und entwickeln sich nicht weiter? Ihr möchtet aber weiter kommen? Ja dann macht es doch. Wie? Na indem Ihr mal etwas tut, was Ihr sonst nicht tut. Hört der Stimme genau zu wenn Ihr Euch Eure letzten Fotos anschaut. Schaut genau hin, hört genau hin. Was sagt er Euch, der Dämon?

Vielleicht ist es das langweilige Licht. Dann versucht es mal mit Blitzlicht. Ein enorm weites Feld mit dem Potential Euch mindestens zwei oder drei Plateaus weiter zu bringen. Vielleicht ist es die Perspektive. Dann konzentriert Euch mal auf eine Festbrennweite, oder klebt das Zoom fest – Mit einem Klebestreifen. Kein Witz! Arbeitet mal einen Tag, besser eine Woche oder einen ganzen Monat mit nur einer einzigen Brennweite. „Zoomt“ mit den Füßen, lauft also hin oder geht weg und beobachtet dabei die Perspektive. Neue Welten werden sich auftun.

Vielleicht ist es die Farbe. Dann beschränkt Euch doch mal auf Schwarz/Weiß. Ihr werdet plötzlich mehr auf Formen und Linien achten, auf Strukturen und Flächen. Eure Bildsprache könnte sich grundlegend ändern und schon habt Ihr Euren fotografischen Kreativwerkzeugkasten erweitert. Ihr habt inzwischen einen ganzen Satz an fotografischen Regeln in Euer Nervensystem aufgenommen, ins Unterbewusstsein eingebrannt. Jetzt ist es an der Zeit diese Regeln mal bewusst zu brechen. Denkt noch mal intensiv darüber nach bevor Ihr auf den Auslöser drückt: Welche Regel wendet Ihr gerade in erster Linie an? Erkannt? Dann brecht sie, jetzt!

Es gibt sicher noch viel mehr Beispiele aber was ich mit meinen, vielleicht etwas sehr pauschalisierten Aussagen erreichen möchte ist, dass Ihr die Angst und die Zweifel ablegt. Gegenüber Stimmen von außen ist das noch verhältnismäßig einfach zu machen wenn man sich etwas Distanz zu fremden Kommentaren bewahrt. Bedenkt: Diese fremden Nutzer eines Forums, Flickr oder anderen Plattformen kennen Euch wohl in den meisten Fällen gar nicht persönlich, sie können Kommentare also auch nicht persönlich meinen, sie sagen nur Ihre Meinung – auch wenn Sie Euch dutzen, so wie ich hier.

Richtig böse ist aber der eigene Kritiker in Euch. Der kennt Euch nämlich verdammt gut, oft besser als Ihr Euch selbst zu kennen glaubt. Hier ist es ganz besonders wichtig einen gewissen Abstand zu bekommen und die Stimme richtig zu deuten. Versteht diese mentalen Rückschritte eben nicht als solche. Es geht nie zurück, es wirkt nur so, weil die erste Raketenstufe gerade ausgebrannt ist und die zweite noch nicht gezündet hat. Entscheidet aber selbst, ob und wann Ihr diese zünden möchtet. Setzt Euch nicht selbst unter Druck. Wenn Ihr auf bestimmte Bilder keinen Bock mehr habt, dann fotografiert etwas anders, oder fotografiert sie anders, macht mal ganz bewusst „Fehler“ und entdeckt so ganz neue Möglichkeiten, Euch in oder mit Bildern auszudrücken.

Und nehmt bloß nicht alles so verbissen, lauft nicht Kopfschwanger herum und versucht nicht in allem ein Kunstwerk schaffen zu wollen. Erzwingt es nicht, lasst es auf Euch zu kommen. Einen Tag nur banale Fotos gemacht? Na und? Ihr habt immerhin Fotos gemacht und vertraut mir: Diese, für Euch banalen Fotos, werden immer noch viel Staunen und Entzücken bei ganz vielen Betrachtern hervorrufen. Und wenn es wirklich mal nicht mehr geht weil es keinen Spaß mehr macht, dann legt die Kamera einfach mal zur Seite. Macht mal eine Woche gar kein Foto. Vielleicht einen ganzen Monat lang. Der Dämon wird verstummen, der Druck von den Schultern fallen und plötzlich wird sich der Dämon langweilen, er möchte wieder Bilder sehen, Euch helfen Euch weiter zu entwickeln.

Mit sanfter Stimme wird er Euch vorsichtig fragen:

„Und was nun?“

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