11. Oktober 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Die Farben der Nacht

Idyllisch, aber kahl stehen die mächtigen Baumriesen des Kellerwaldes fest in der nordhessischen Sommernacht verwurzelt. Spielerisch werden sie umtanzt von kleinen Lichtern, die Spuren durch die Nacht ziehen, feengleich. Was viele nur erahnen: Hinter diesen bildgewordenen Sinfonien aus Licht, Bewegung und Dunkelheit steckt viel Arbeit. Und jede Menge Freude am Tun. Vier Monate wurde der Nationalpark so zu unserer Bühne, haben wir die Nacht zum Tag gemacht.


Feentanz

Die Idee dafür entstand vor zwei Jahren: Es war ein lauer Sommerabend, als mir die neue Taschenlampe meines Vaters in die Hände fiel. Der Himmel versank gerade in einem malerischen Rot, ich musste unbedingt noch mal raus. Mit Kamera und Stativ zu einem nahe gelegenen Sandbruch hastend, malte ich fünfzehn Minuten später meine ersten Lichtspuren in die Dunkelheit. Es sollte der Beginn einer großen Leidenschaft werden.

Unsere (meine Lebensgefährtin Nadine unterstützte mich tatgräftig) letzte Entdeckungsreise führte mitten hinein ins Reich der urigen Buchen. Die spannende Frage war: Was würde uns abseits der öffentlich zugänglichen Wege erwarten? Durch meine Mitarbeit und die Besuche im Nationalpark hatte ich zumindest eine grobe Vorstellung: Skurrile Baumformen mit eingestreuten Felsfluren und verschlungenen Mittelgebirgsbächen.


Among the Dead

Kompositionen aus Licht und Wildnis

In Absprache mit der Nationalparkverwaltung begannen wir im Oktober mit der Arbeit. Unser erstes Ziel: Herbstimpressionen sammeln. Tagsüber galt es zunächst, nach geeigneten Motiven zu suchen. Das konnten von Wind und Wetter gezeichnete Bäume genauso wie markante Felsformationen sein. Oder wie in unserem Fall: In farbenfrohen Herbstgewändern erstrahlende Buchen.


Wunderland

Ist die geeignete Kulisse gefunden, geht es ans Planen: Welchen Standpunkt wählen wir für die Kamera, wie soll der Bildausschnitt aussehen? Wie wollen wir die Szene ausleuchten und wo setzen wir Lichtfiguren? Ist diese Vorarbeit getan, heißt es warten, warten bis die Dunkelheit einsetzt und die eigentliche Arbeit beginnen kann. D

er Sucher der Kamera ist dann schwarz, einzig die von Taschenlampen oder Fackeln gezogenen Spuren bringen Licht ins Dunkel. Was als Zuschauer lediglich wie ein wandernder Lichtpunkt aussieht, enthüllt erst in der Langzeitbelichtung seine wahre Gestalt: Von Kreisen über Spiralen bis hin zu geschlungenen Linien oder funkelnden Sternen.


Essenz

Manchmal ist weniger allerdings mehr. Hatten wir uns zu Beginn des Projekts noch darauf eingeschworen, möglichst immer mit filigranen Lichtfiguren zu arbeiten, so brach sich bereits nach wenigen Wochen eine neue Sichtweise bahn. Es war einer dieser rauen Herbsttage an denen sich die Sonne, wenn überhaupt, nur selten zeigt. Ich war entlang der Hagensteinroute unterwegs, hatte die mit bizarren Baumgestalten bestandenen Steilhänge gerade hinter mir gelassen. Eigentlich wollte ich umkehren.

Aber wie von Geisterhand gelenkt, ging ich weiter und fand mich Minuten später in einem alten Fichtenforst wieder. Mein Blick schweifte umher, blieb stehen: Was war das? Inmitten der kahlen Fichtenriesen ragte eine vereinzelte Buche empor, erstrahlte in vollem Herbstgewand. Schon bei dieser ersten Begegnung schien sie mir sagen zu wollen: „Ich habe Dich bereits erwartet.“ Solche Worte vergisst man nicht.

Lichtbringer

Alles eine Frage der Beleuchtung

Bis alles so erstrahlt wie es soll, können Stunden vergehen. Auf dem Weg dahin kommen rund zwei Dutzend unterschiedliche, teils modifizierte Leuchten zum Einsatz. Allen gemein ist ihr Zweck: Mit Licht die Kulisse ausmalen, ihr ein völlig neues Erscheinungsbild geben. Es ist, als ob man vor einer dunklen Leinwand steht. Doch während der Maler seinen Pinsel zur Hand nimmt, greifen wir zu Taschenlampe, Fackel, Wunderkerze – eben allem, was leuchtet. Der Verschluss der Kamera bleibt dabei bis zu 45 Minuten offen.


Schicksal

Das Faszinierende an dieser entschleunigten Art von Fotografie lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Ihr Grundprinzip ist einfach, die gekonnte Umsetzung aber erfordert viel Übung und nicht weniger Geduld. Auch die Beharrlichkeit, bei widrigen Wetterverhältnissen loszuziehen, wird manchmal belohnt. Es war Anfang Dezember, der Winter stand vor der Tür. Es war kalt und nass, Schnee noch nicht in Sicht. Alles in allem also ein Wetter, bei dem man eigentlich lieber zu Hause bleibt.

Wäre da nicht der Nebel gewesen. Geräuschlos kroch er durch den Wald, hüllte alles in einen gespenstischen Schleier – wunderschön. Unsere Freude währte jedoch nicht lange: Gegen Mittag hatte sich der Nebelschleier gelüftet, was blieb, war Feuchtigkeit und eine durch jede Ritze kriechende Kälte. Sollten wir abbrechen?


Zuflucht

Gegen Nachmittag hatten wir schließlich eine vielversprechende Stelle gefunden. Aber bei dem Wetter? Der Nebel kam unserer Entscheidung zur Flucht zuvor. Kaum setzte die Abenddämmerung ein, da stieg er erneut aus unsichtbaren Quellen empor, kroch langsam auf uns zu. Schnell wurde die Kamera in Position gebracht, die passende Lichtquelle ausgewählt. Und siehe da:

Der bei Tageslicht so unscheinbar wirkende Wald wurde plötzlich zur Kulisse einer mysteriösen Lichterscheinung. Wer das fertige Bild betrachtet, sieht zunächst einmal nur hohe Fichtenstämme, mysteriös beleuchtet. Ein genauer Blick jedoch lenkt das Auge auf eine vereinzelt stehende kleine Buche. Nicht nur einmal wurde ich schon angesprochen, was hinter diesem „Omen“ steckt. Mein Hinweis: Hier wächst die Zukunft. Denn die Fichten sind vom Borkenkäfer befallen, ihre besten Tage gezählt. Fallen sie, machen sie der unscheinbaren Buche Platz. Urwald im Werden.


Omen

Etwas schaffen, das nicht von dieser Welt scheint

Ähnliche Geschichten ziehen sich durch die meisten unserer Bilder, auch wenn sie dem flüchtigen Betrachter oftmals verborgen bleiben. Eine besondere Faszination geht dabei von rauen, kargen Orten aus, an denen sich das Leben seinen Existenzanspruch immer wieder neu erkämpfen muss.

Mein liebstes Beispiel: Die Steilhänge des Hagensteins. Brüllende Hitze und quälende Trockenheit lassen die Bäume hier tagtäglich ums Dasein kämpfen. Ihre Wurzeln tief in den Fels gekrallt, recken sich die knorrigen Körper gen Himmel und regen die Fantasie des Betrachters an. Schon bei Tage drängt sich der Verdacht auf: Hier könnten Kobolde und andere Fabelwesen zuhause sein.


Die Geister von Berich

Mit der Landschaft arbeiten, aber gleichzeitig etwas zu schaffen, das nicht von dieser Welt scheint, das ist die Zauberformel, die uns immer wieder nach draußen treibt. Es gibt noch viel zu entdecken.

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31 Kommentare

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  1. Ich fand ja den Urwaldsteig „pur“ schon unglaublich beeindruckend, aber was ihr mit eurer Beleuchtung aus den diversen Szenerien herausholt ist der Hammer.
    Ein wunderschönes Stück Landschaft als Kulisse für Bilder die, sagen wir mal, von exzellent beleuchteten Nachtaufnahmen bis zu skurrilen Formen reichen. Besonders muss man bedenken dass ja offensichtlich in jeder Aufnahme sehr viel Vorarbeit steckt.

    So, genug geschwafelt, ich glaub ich muss mal Sachen packen und wieder an den Edersee fahren. Und die einsame Buche im Tannenwald suchen (Lichtbringer). ;)

  2. Super Bericht – kannte schon ein paar Bilder davon. Denke ein Nachtsichtgerät hilft da vielleicht ein wenig, wenn man bei Nacht im steinigen Gelände wie am letzten Bild, herumklettert ;-)

    Vor allem LAPP steht auch noch auf meiner Liste der Gemeinschaftsprojekte im Rahmen vom Photoproject Vienna.

    lg Chris

  3. Wow, super Bilder! Finde ich gut, dass ihr das Projekt so zielstrebig verfolgt habt! Bei uns (in Hamm, NRW) gibt es im Moment im Maximilianpark etwas ähnliches! Nennt sich Herbstleuchten! Das ist der ganze Park in unterschiedlichen Farben beleuchtet! Aber auf keinen Fall vergleichbar zu eurem Projekt!

  4. Chapeau, ich bin echt begeistert!
    Da ich an etwas ähnlichem arbeite kann ich die Kälte des Nebels förmlich spüren, aber das ist ja gerade das was einen die ganze Aktion so intensiv erleben lässt.

    Gruß Frank

  5. Sehr cool gemacht, wobei ich zugeben muss, dass mir nicht alle Bilder gefallen. Aber das ist geschmackssache!

    Ich glaube auch, dass allein die Entstehung der Bilder ein tolles Gefühl ist (wenn ich an manche Langzeitbelichtung zurück denke). Das Warten, bis der Verschluss wieder zu geht und dann das Ergebnis sichtbar wird… Hat was! :)

  6. Sehr imposant und geistreich! Sehr anspruchsvolle Motive mit irre guten Ideen und seinen kleinen Geschichten, wunderschöne Umsetzung. Und dann auch noch ein sehr angenehm lesbarer Bericht dazu! Ganz hervorragend!

    Hut ab vor soviel Phantasie. Einfach toll. Danke!

  7. Oh mein Gott! Das ist wunderbar, unfassbar! Ich bin sprachlos… Was für ein Aufwand und was für ein Ergebnis! Ich beneide Menschen, die für soetwas Großes die Geduld und das Können haben!!!

  8. das mit dem Feentanz, Wunderland und Essenz sieht echt Klasse aus. Wie wurde es gemacht. (Feentanz, Beleuchtung punktuell stationieren ???.
    Wie lange waren die Zeiten. Denn sowas nach zu machen, wäre echt spannend….

    • Vielen Dank für die positive Resonanz! Uns war fast ein wenig wehmütig zumute, als das Projekt schließlich zu Ende ging. Es gibt doch einfach nichts schöneres als mitten in der Nacht im Wald zu stehen, während es im Unterholz knackt, ein leichter Wind durch die Wipfel der Bäume fährt oder die immer neuen Verwandlungen des Abendhimmels zu beobachten. :o)

      Für alle die nun auf den Geschmack gekommen sind, es einmal selbst zu probieren: Wunderbar – möge das Licht mit Euch sein! Und nicht verzagen, wenn nicht alles sofort so klappt, wie man es sich vorgestellt hat. Mehr als eine wirklich gute Aufnahme pro Nacht kommt bei uns meist auch nicht raus, manchmal muss man gar unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren. Thats life. :o)

      @Martina Rebscher
      Feentanz wurde im großen und ganzen mit einer Taschenlampe gemacht, lediglich für das Anleuchten der Fee kam noch eine weitere Lichtquelle (Fackel) zum Einsatz. Was die Belichtungszeit betrifft, so war das Foto in rund fünf Minuten im Kasten. ;o)

  9. Dein Feenbild und Zuflucht finde ich besonders herausragend, Thomas! Ich glaube an sowas möchte ich mich auch einmal versuchen :-) Eines kann ich auf jeden Fall bestätigen, wenn man Nachts allein auf weitem Feld & Flur steht dann nimmt man vieles auf ganze andere Art und wesentlich intensiver wahr. Gerade die Nachfotografie ist dabei immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis – klar in der freien Natur ist das umso intensiver, aber auch in städtischer Umgebung bemerkt man während des fotografierens Dinge die sonst unbeachtet blieben…

    Viele Grüße
    Sascha

  10. @Christoph Wohlfahrt
    Zu den Sternen im Wunderwald: Das sind natürlich kleine Feengeister, die Nachts an verwunschenen Orten zu tanzen belieben und…. ok, im Ernst. Für die Sterne kannst Du jede x-beliebige Taschenlampe neben. Das Prinzip ist in etwa so, als wenn Du bei Tage die Sonne fotografierst, wobei der Sterneffekt selbst je nach Objektiv etwas anders aussieht. ;o)

    @Matse
    Zum Anleuchten der Bäume bei Feentanz bzw. Lichtbringer haben wir neben einer handelsüblichen Maglite eine alte, aber dennoch ziemlich lichtstarke Taschenlampe verwendet, die dank ihres warmen Lichtes für einen angenehm verträumten Farbton sorgt. Ich habe auch mit stärkeren Lampen >500 Lumen experimentiert, aber lande meist doch wieder bei der „schwachen“ Maglite, weil sie mir mehr Kontrolle bei der Ausleuchtung gibt. Die Flutlichtstrahler brauchts meiner Meinung nach nur bei großflächiger Ausleuchtung von mehreren Hektar. Letztlich Geschmackssache. ;o)