Kwerfeldein
07. September 2010 Lesezeit: ~4 Minuten

Nach dem HDR ist vor dem Bild

Daniel BollingerDies ist ein Gastbeitrag von Daniel Bollinger (Flickr). Daniel ist 23, studiert Musikinformatik und beschäftigt sich in seiner Freizeit mit Fotografie und digitaler Bildbearbeitung.

Viele von euch kennen das sicherlich: Man sieht Bilder von anderen Fotografen, oft Landschafts- oder Architekturaufnahmen, deren Plastizität und Detailreichtum einfach nur beeindruckend ist. Irgendwann erfährt man dann, dass viele dieser Bilder sogenannte „HDR“s sind, lädt sich entsprechende Software runter, experimentiert herum – und die Ergebnisse sind enttäuschend. Grau, kontrastarm, matschig… eben alles andere als beeindruckend.

So ging es mir auch lange, doch inzwischen bin ich wenigstens einen Schritt weiter, und diesen möchte ich euch heute gerne zeigen.

Bild 1 - Das Resultat

Eine für mich entscheidende Erkenntnis habe ich im Titel bereits angedeutet: Die meisten, wenn nicht alle dieser „flashenden“ Bilder kommen nicht direkt aus dem HDR-Tool, sondern dort findet lediglich die Vorarbeit statt, das Zusammenrechnen der Belichtungsreihe. Die entscheidende Arbeit kommt erst danach, um aus dem unansehnlichen grauen Haufen Pixel ein imposantes Foto zu machen.

Im Folgenden will ich euch den Bearbeitungsprozess des obigen Bildes als einen möglichen vorstellen. Ein bisschen Bearbeitungserfahrung setzte ich dabei voraus, ich werde also gewisse Grundlagen (bspw. Tonwertkorrektur oder Bedienungsfragen) nicht extra erläutern.

Frisch aus Photomatix sieht das Bild erst einmal so aus:

Bild 2 - Original HDR

Zunächst erzeuge ich eine Einstellungsebene Gradationskurven, verknüpfe sie mit meiner Hintergrundebene, nehme eine Tonwertkorrektur vor und stelle die Einstellungsebene auf den Modus Luminanz.

Im nächsten Schritt geht es mir um die Kontraste des Gebäudes. Hierzu schaue ich mir zunächst die einzelnen Kanäle des Bildes an – der Rotkanal gefällt mir am besten, er bietet am meisten Kontrast zwischen den hellen und dunklen Teilen der Fassade und hat gleichzeitig überall genügend Zeichnung. Also erzeuge ich eine neue Ebene und füge in diese den Rotkanal meiner Hintergrundebene ein.

Dann füge ich eine weitere Einstellungsebene Gradationskurven hinzu, verknüpfe diese mit der darunterliegenden Ebene (dem Rotkanal) und nehme eine Tonwertkorrektur vor, wobei ich sehr genau darauf achte, in den Lichtern kein Clipping zu erzeugen.

Um den Kontrast noch weiter zu erhöhen, dupliziere ich die beiden Ebenen (Rotkanal und Einstellungsebene) und setze die obere Kopie auf den Ebenenmodus Überlagern. Abschließend gruppiere die 4 Ebenen und wähle für die Gruppe den Modus Luminanz.

Zur besseren Übersicht hier ein Screenshot mit eingeblendeten Ebenen:

Bild 3 - Screenshot

Leider laufen mir jetzt die Schatten komplett zu, was mir nicht gefällt. Um dies zu ändern füge ich zu der Luminanz-Gruppe eine Ebenenmaske hinzu. In diese füge ich das zusammengefügte RGB-Bild ein und ziehe anschließend (per Gradationskurven oder Tonwertkorrektur) den Weißpunkt der Maske extrem nach innen, damit die Maske wirklich nur in den extremen Schatten wirksam wird. Anschließend zeichne ich die Maske mit dem Gaußschen Weichzeichner mit einem hohen Radius (hier: 100px) weich.

Um einen etwas natürlicheren Eindruck zu erhalten, lege ich als (fast) letzten Schritt die korrekt belichtete Aufnahme aus meiner Belichtungsreihe mit einer Deckkraft von 30% über das Bild. Auch diese wird natürlich noch in den Tonwerten korrigiert.

Eine abschließende Tonwertkorrektur für das ganze Bild führt zu folgendem Ergebnis:

Bild 4 - Tonwertkorrektur

Jetzt nur noch ein paar kleine Schönheitskorrekturen (Sensordreck, Gullideckel…), verkleinern, entrauschen und zu guter letzt schärfen – fertig.

Diese Bearbeitung ist sicherlich kein Rezept, das man beliebig auf andere Bilder übertragen kann, lediglich ein exemplarischer Weg. Aber viele Elemente daraus lassen sich auch bei anderen Bearbeitungen anwenden, es gilt nur jeweils das richtige Ausgangsmaterial zu finden oder sich zu erarbeiten. Einzelne Kanäle (auch in invertierter Fassung) und ihre verschiedenen Verrechnungen sind hierbei ein schier unerschöpfliches Mittel seine Bilder aufzubessern.

Es ist mir hoffentlich gelungen, mit diesem kleinen Einblick das Interesse des einen oder anderen an diesen Möglichkeiten zu wecken. Ich freue mich wie immer über Fragen, Kritik und sonstiges Feedback in den Kommentaren.

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23 Kommentare

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  1. Interessant.
    Aber ist es wirklich notwendig diese aufwändige Kombination aus Einstellungsebenen und Ebenenmodi anzuwenden um das Endresultat zu erreichen? Und wie kommst Du gerade auf diese wilde Kombination?

    • Ich finde das vom Aufwand her noch sehr im Rahmen. Natürlich hab ich mich nicht hingesetzt und die Bearbeitung so straight durchgezogen, wie hier im Artikel beschrieben, manches ergibt sich auch erst im Laufe des Prozesses (z.b. die hier in der Chronologie erste Einstellungsebene, die kam erst nach dem Maskieren, weil ich vorher davon ausging, dass man den Hintergrund gar nicht mehr sehen würde, aber dann sind eben die Schatten so abgesoffen).
      Das Grundprinzip mit Kanälen zu arbeiten hab ich aus Dan Margulis’ “Professional Photoshop”, das Buch war für mich eine wahre Offenbarung was Bildbearbeitung angeht, auch wenn ich inzwischen einigen seiner Prinzipien nicht mehr folge.
      Ansonsten ist es einfach Erfahrungssache aus vielen Stunden bearbeiten und rumexperimentieren.

  2. es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, mit welch völlig unterschiedlichen Herangehensweisen man schlussendlich ans Ziel kommen kann! Sehr interessantes Tutorial, Daniel!

    Ich glaube das “Grundproblem” mit der Enttäuschung ist, dass der Begriff HDR einfach so falsch verwendet wird, daraus resultiert eine völlig falsche Vorstellung von der Funktion von HDR-Software. Das Ergebnis sind eben die besagten kontrastarmen, grauschleierbehafteten Bilder oder grässliche Quietschi-Buntis, bei denen man vor HDR-Schatten das Motiv kaum erkennen mag. Nämlich dann, wenn versucht wird direkt in Photomatix “spektakuläre” Ergebnis zu erzielen!

  3. Ich danke Dir für dieses Tutorial!
    Werde bei Gelegenheit das ein oder andere auch sicher ausprobieren, bis vor einigen Minuten war ich auch einer von denen, die fest davon überzeugt waren, die Ergebnisse müssten schon in Photomatix “perfekt” sein, jetzt weiß ich es besser :)

  4. Ich finde es auch interessant, mit welch unterschiedlichen Methoden gearbeitet werden kann, um das Ziel zu erreichen.

    Eine Frage: aus wie vielen Aufnahmen ist das HDR entstanden?

  5. Schöne Erläuterung deiner Vorgehensweise. Ich selbst habe auch zu Anfang versucht alles in der HDR-Software zu machen und war enttäuscht. Nachdem ich aber auch diese Vorgehensweise mit HDR-Software und dann Photoshop/Lightroom entdeckt habe, macht es richtig Spaß HDR-Bilder zu erzeugen.

    Allerdings bin ich schon erstaunt über die vielen Ebenen und Kombinationen. Wie bist du darauf gekommen? Es geht doch sicherlich auch mit ein paar wenigen Ebenen nahezu gleich gut.

    Gruß Bernd

    • Ich sehe in Daniel’s Ansatz den Vorteil des “Farblooks”. Ohne extra etwas dafür tun zu müssen kriegt insbesondere der Himmel eine sehr “spezielle”, dramatische Farbwirkung.

      Ob das gewollt oder zufällig entstanden ist wird wohl Daniel’s Geheimnis bleiben, aber IMO sieht es jedenfalls sehr gut aus! :D

    • Das sind wenige Ebenen ;) Ich hab dafür auch nur schätzungsweise 5-10 Minuten gebraucht, das wirkt so verschriftlicht wesentlich komplizierter als es (für mich) eigentlich ist.
      s. auch oben

  6. Gut erklärt!
    Bei mir läuft es ähnlich: zuerst korrigiere ich LR ein paar grundlegende Dinge, wie z.B. Vignetting, Chromatische Aberration, Weißabgleich. Diese Einstellungen synchronisiere ich dann einfach auf alle 3 Bilder. Danach geht’s mit dem Photomatix-Plugin für LR weiter. Im Tonemapping versuche ich immer, die “globalen Kontraste” auszugleichen, also z.B. den sehr hellen Himmel und den sehr dunklen Vordergrund. Heraus kommt meist ein recht “flaches” Bild mit wenig Kontrasten. In LR geht es dann mit dem Ergebnis weiter. Jetzt passe ich die Gradationskurven an und gebe dem Bild die endgültigen Kontraste, wobei jetzt die Detailkontraste wesentlich besser verstärkt werden können. Und dann kommt halt noch das Übliche: abwedeln, nachbelichten, Teiltonung usw.
    Heraus kommt dann z.B. sowas, ohne Grauschleier und Glowing usw.
    http://pabst-photo.com/2010/09/07/yet-another-violet-sunset/

  7. Endlich mal jemand, der ne Lanze für HDR bricht!
    Leider bist Du mir ein wenig zuvor gekommen – mein Beitrag in diese Richtung kommt erst Mitte September…

    Anyway – ich finde auch dass HDR nicht immer Kunterbunt und Übertrieben aussehen muss! Leider gibt es aber sehr viele Leute die Ihre AEB Reihe durch Photomatix jagen und dann eben surreale Ergebnisse bekommen. Was aber noch schlimmer ist, es gibt Leute den gefällt das auch noch! ;-)

    Jedem das Seine – ich für meinen Teil finde HDR eine Weiterentwicklung der Fotografie.

    Guter Beitrag!

    Falls sich jemand für ne SW Variante interessiert:
    http://www.panoramio.com/user/4483496

  8. Schönes Endreslutat mit realitv kleinem Aufwand. Sieht gut aus.
    (Kann es sein dass du Oben-Links ein Staubkorn oder einen Fleck auf dem Sensor hast? bei den ‘Bearbeitungsschritten’ ist der noch da, ganz oben im ersten (wohl fertigem) Bild ist er weg (-retuchiert?)).
    Danke für’s Teilen. :)

    • Ich wär froh wenns nur einer wär ;) Hab die 5D noch nicht lange und das mit der manuellen Sensorreinigung noch nicht so drauf…

      @all
      Danke fürs Feedback und die Diskussionsbeiträge!

  9. Auch wenn es mich eher in die People-Fotografie verschlagen hat, möchte ich doch gern ein Kompliment geben: das Ergebnis gefällt mir :) – insgesamt mag ich bei Architektur-Fotos wohl den dezenten Einsatz von HDR.

    Obwohl ich eher darauf getippt hätte, dass sich langsam ‘near Infrared’ durchsetzen würde und HDR auf einem absteigenden Ast wäre. ;)

  10. Sehr schöner Beitrag. Da sieht man mal wieder, dass man Photomatix nur “richtig” bedienen muss, um schöne Fotos zu bekommen. Viele drehen bei diesem Programm einfach an den falschen Knöpfen und wundern sich, dass sie vor lauter Kontrast fast blind werden.
    Ich habe mich mit diesem Thema auch schon sehr oft beschäftigt. Wer Lightroom einsetzt, kann für HDR’s auch ein sehr schönes Tool einsetzen: [url=http://www.blog.brennweite50.com/?p=23]LR-Enfuse[/url].
    Grüße Oliver

  11. Für mich eines der besten Tutorials die ich je gelesen habe.
    Dieses Thema interessiert mich sehr, bitte mehr davon :)
    Leider funktioniert das ganze bei mir noch nicht richtig aber ich tüftle noch etwas rum. Wird irgendwann schonnoch klappen.

    Macht weiter so ;)

  12. Hallo,

    schön geschriebener Artikel, macht Spass zu lesen.
    Mich stört an dem Endergebnis einfach das es sehr nach Computeranimation aussieht. Der natürlich Eindruck ist irgendwie verloren gegangen. Meiner Meinung nach einfach zu viel des guten an EBV.

    z.B. sieht der Boden ziemlich künstlich aus, aber auch bei anderen Details vermisse ich die “Lebendigkeit”. Insgesamt ist das Bild auch sehr weich ähnlich einer weichgezeichneten Haut, da fehlt mir einfach Details, Struktur, Kontraste etc.

    Aber Anderen gefällt es ja, und das ist ja auch gut so.

    Gruss

    • Hallo Marvin,

      in Photoshop geht das per “Bildberechnungen”-Dialog.
      Du wählst zunächst deine Zielebene an, dann gehst du in Bildberechungen, suchst dir dort deine Ursprungsebene und ggf. den Kanal aus und wählst unten einen Ebenenmodus als gewünschte Verrechnungsmethode.

      @Bodo
      Ich glaube, dass dieser Eindruck v.a. am Himmel liegt, oder? Der ist durch die lange Belichtungszeit verwischt und sieht natürlich anders aus, als man ihn normalerweise sieht.

  13. Unser Weg hier ist immer Photomatix und dann nicht hdr Bild erstellen sondern die Fotos importieren mit Fusion. Diese Ergebnisse sind – auch mit der anschließenden bearbeitung in Photomatix – unserer Meinung nach die natürlichsten. Klar, danach noch in Photoshop – trotzdem, so macht die Kombination aus verschiedenen Belichtungen für uns am meisten Sinn. Gruß aus Köln, dirk