24. August 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Probieren geht über studieren! Oder?

Der folgende Erfahrungsbericht soll euch einen Einblick in das Studium in Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotografie geben. Vielleicht kann das hier dargestellte aber auch für den ein oder anderen eine Anregung sein, mal wieder analog zu fotografieren.

Wo fängt der Himmel an…

Die Faszination war meine größte Motivation und so suchte ich nach einem Weg, der mir eine Zukunft im Bereich oder mit der Fotografie ermöglichte. Klar dachte ich zuerst an ein Studium in Fotografie selbst. Ich wollte mich jedoch nicht nur auf dieses Medium festlegen und wusste, dass ein Studium in Kommunikationsdesign mir fotografisch gesehen keine Grenzen aufzeigen würde. Ich denke, Niemand kann im Zuge der digitalen Revolution sagen, was morgen ist. Mein Studium bietet mir die Chance Crossmedial zu arbeiten, weshalb meine Entscheidung gegen die Fotografie, auch eine für sie war.

und wo hört er auf?

Thematisch gesehen sollten wir uns im ersten Semester mit dem klassischen Portrait beschäftigen. Hierzu musste jeder unterschiedliche Personen vollformatig portraitieren und das sowohl mit einem Tele- als auch mit einem Normalobjektiv. Insgesamt sollten am Ende mindestens 6 Aufnahmen gezeigt werden, wobei 3 handwerklich anspruchsvoll ausgearbeitet sein mussten.

Die verbleibenden Bilder konnten mit dem klassischen Handwerk brechen und daraus ihre Kraft schöpfen (sog. Punkfotografie). Darüber hinaus sollte mit einem Weitwinkelobjektiv ein Halbakt-Portrait vor Ort und nicht im Studio erstellt werden. Realisiert wurde das Thema mit Hilfe der analogen s/w-Technik.

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In den ersten Tagen des Studiums wurde ich mit Namen konfrontiert, die ich vorher noch nie gehört hatte. Richard Avedon, Nobuyoshi Araki, Robert Mapplethorpe oder Wolfgang Tillmans, um nur einige zu nennen. In unserer hochschuleigenen Bibliothek konnte ich Bildbände wälzen, die ich hätte niemals bezahlen können. Darüber hinaus widmete ich mich, schon in die Tage gekommener Pflichtlektüre, von Amsel Adams – Die Kamera / Das Negativ / Das Positiv.

Anfangs stand das Verstehen der Technik im Vordergrund. Wir besuchten parallel zur Fototheorie einen Grundlagenkurs in Gerätetechnik. Vielen war die Auseinandersetzung mit der Technik einfach zu komplex. Als man uns dann lediglich das Entwicklungsverfahren für einen Kodak T-Max 100 erklärte wobei es draußen so langsam Winter wurde, wandten sich viele ab. Probieren ging also erstmal über studieren ;)

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Schnell äußerte sich allerdings auch ein Unverständnis gegenüber dem analogen Verfahren. Welchen Mehrwert sollte diese in die Jahre gekommene Technik schon haben? Viele von uns besaßen keine analoge Kleinbildkamera, die Kosten für Chemie und Papier förderten den Missmut nur.

Meine Erfahrung ist es, dass ich durch den Umgang mit analoger Technik gelernt habe, anders zu sehen. Darüber hinaus bin ich offener gegenüber experimenteller Fotografie, da diese sich durch das häufige Scheitern fast selbstständig ergibt. Heute versuche ich so oft wie möglich analog zu arbeiten. Ich nehme mir demzufolge die Zeit, die Fotografie mit Hilfe ihrer Vergangenheit zu verstehen.

Klassik vs. Punk

Die hier gezeigten Fotos sind das Ergebnis meiner Abschlusspräsentation im ersten Semester. Lediglich das Halbakt-Portrait wird hier nach Absprache mit der abgebildeten Person nicht gezeigt. Alle Arbeiten wurden auf Ilford Multigrade IV RC Deluxe Papier / 24×30,5cm vergrößert. Ich selbst erwartete von mir, mich jeder Aufgabe zu stellen.

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Ich fotografierte dementsprechend mit einem alten 50mm f/2.8 Tessar von Zeiss, dem 85mm f/1.8 Nikkor und lieh mir manchmal eine Leica R4. Die ersten Bildbesprechungen mit meinem Professor verliefen anders als erwartet. Schnell wurde klar, für jedes gezeigte Bild einstehen zu müssen. Kritisiert wurde alles.

Nebenbei fielen immer wieder Bemerkungen zur Fotografie an sich. Wir müssten uns ihr bewusst werden gleichzeitig aber unsere Rolle als Fotograf dem gegenüberstellen. Was ist überhaupt ein Foto? Eine Momentaufnahme der Realität, die Interpretation der Kamera oder doch das, zu was es der Fotograf gemacht hat?

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Beeindruckt von diesen kritischen Anmerkungen zum fotografischen Prozess, begann ich die Fotografie zu hinterfragen, bevor ich sie überhaupt verstand. Während der ersten Monate versuchte ich, Aufnahmeverfahren die ich schon digital angewandt hatte analog zu übertragen.

Konsequenz waren die klassisch angelegten High- und Low-Key Portraits. Das hier gezeigte Low-Key entstand mit Hilfe einer Studioblitzanlage und einem hochauflösenden Orthopan Ur ISO 20 Film von SPUR. Ich wollte dieses Foto unbedingt. Ich entschied mich also bewusst für die langweilig anmutende Schlüssellochperspektive, die Ausarbeitung der Hauttöne sowie dem Model. Als Kritik bekam ich lediglich “langweilig” zu hören.

Ich wusste nicht damit umzugehen, nahm das Foto aber trotzdem in meine Präsentation auf und orientierte mich um. Das nicht betitelte, sich in Unschärfe auflösende Portrait einer Kommilitonin war ein Ergebnis dieses Prozesses. Die Anregung für das Spiel zwischen Unschärfe und Bokeh lieferte mir übrigens ein Beitrag zum Lens-Tilting hier auf kwerfeldein.de.

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Das Semester näherte sich dem Ende entgegen und ich konnte mich einfach nicht mit der Punkfotografie identifizieren. Andere zerkratzten ihre Bilder, bemalten sie oder vergrößerten sie durch einen Teebeutel hindurch. Und ich? Ich wollte dem Medium entgegen treten.

Mich hatten schon immer Fotos gereizt, die Verwitterungsprozessen ausgeliefert waren. Hierbei empfand ich die dem Prozess geschuldete Ästhetik als eine Auseinandersetzung der Natur mit dem Medium. Ich selbst fand darin meine Inspiration. Meine Vorstellung war es, den Film so weit wie möglich aufzulösen bzw. anzugreifen ohne die abgebildeten Personen zu stark zu deformieren.

Das Ergebnis ist eine Serie bestehend aus 3 Bildern (von ca. 50) die durch Wärme und Kälte verfremdet wurden. Bedingt durch den Zustand der Negative können diese niemals wieder so vergrößert werden.

Ist der Himmel die Grenze?

Auf mich warten in den folgenden Semestern Aufgabenstellungen zur narrativen Fotografie, inszenierter und manipulierter Fotografie sowie der angewandten Fotografie. In Zukunft werden wir die Technik zur Umsetzung unserer Arbeiten frei wählen können.

Was haben das analoge Mittel- oder Großformat für Potential? Wäre es zu früh, sich schon dem Digitalen hinzugeben? Ich kann euch diese Frage heute noch nicht beantworten aber vielleicht können wir auch weiterhin hier auf Kwerfeldein darüber in einen Dialog treten.

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27 Kommentare

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  1. Mit den ersten 3 Bildern kann ich was anfangen. Das 3. ist echt super!
    Viel Spannung und Gefühl wird für mich transportiert.
    Die letzten Bilder bleiben mir verschlossen. Ich kann damit einfach nichts anfangen. Bin mir sicher, anderen wird es ähnlich gehen….

  2. Schön das du das analoge “ Gepansche “ im Labor auch noch lernst, das prägt fürs weitere Leben, dadurch kann man im Photoshop viel besser realisieren wie man ein Portrait gut bearbeiten kann. ;-)
    Eine meiner ersten Aufgaben während der Lehre war ein Portrait mit der 13 X 18 Planfilmkamera. mit leichtem Tele und Blende 8 ….. der Effekt ist wie Blende 1,2 bei 85 mm an der VF Kamera ….. Tiefenschärfe NULL!!
    Probiere es aus, alleine das Scharfstellen wird zu Schweißausbrüchen führen, ausser du klemmst dein Model fest, wohlgemerkt, klassiches Kopfbild. :D
    Also meiner Meinung nach ist alles über Mittelformat bis Großformat sehr prägend, aber ich brauche es nicht unbedingt.
    Zu deinen Fotos.
    # 1 ist mir etwas zu hart und dunkel, die Augen ( DAS Kriterium beim Portrait überhaupt!) saufen ab, wären da nicht die Glanzpunkte, dann wären sie zu stumpf/tot.
    #2 Schönes highkey.
    # 3 Da fehlt mir die Schärfe in den Augen, ansonsten hat es sehr viel Erotik! ;-)
    Die letzten 3 nun ja als Experiment mit partiell aufgetragenem Entwickler ok aber da fehlen mir zu viele Infos zum Gesicht.

    LG frank

    • Hallo Frank, danke für die Zeit sowie Deiner Anmerkungen.

      #1 Gern würde ich Dir einen original Handabzug dieses Fotos zeigen. Es macht schon einiges mehr her. Darüber hinaus war ich von den entstandenen Negativen mehr als beeindruckt und kann mit etwas mehr Erfahrung in der Dunkelkammer eben diese vllt in Zukunft weiter ausreizen. Es ist alles da, ich kann es nur noch nicht auf’s Papier bringen ;)

      Die letzten 3 wurden übrigens, wie oben erwähnt, nur am Negativ selbst verändert. Der Vergrößerungsprozess wurde ganz normal durchgeführt.

  3. Danke für den Beitrag, mehr davon bitte.

    @Frank: zu deinem Urteil über Bild 1 möchte ich sagen: das Bild #1 zeigt einen alten Mann und für mich (bin selber alt) unterstreicht low key inkl. der Augen sehr diesen Zustand und die Entwicklung, die ihm innewohnt.

    OT: was nicht heisst, dass ich keine Freude am Leben Habe!

    Mitch

  4. Hallo Tobias,
    interessant zu lesen was es andere KD-Studenten so erleben. Ich habe gerade mein erstes Semester hinter mir, leider wird der Bereich Fotografie aber erst in den späteren Semenstern tiefer erforscht ;-) Nächstes Semester befassen wir uns auch mit Porträts und ich hoffe, dass mich das etwas weiter bringt… würde mich interessieren wie es bei euch so weiter geht!

      • Ich studiere an der FH in Trier. Wir hatten Foto auch im ersten Semester, aber nicht so intensiv wie ich erhofft hatte. Da wir eben auch Leute im Semester haben, die sich noch nicht viel mit Fotografie beschäftigt haben, müssen wir eben erst mal auf einen gemeinsamen Stand kommen. Das kann ich auch verstehen, ist aber schade für die, die eben nicht viel Neues erfahren. Da wäre es wohl besser gewesen, wenn man in zwei Gruppen unterteilt hätte – Anfänger und Fortgeschrittene. Wegen der Umstellung auf den Bachelor wurde Fotografie auch zeitlich leider etwas rausgekürzt. Aber naja, ich hoffe auf die nächsten Semester =)

  5. wunderbar…ein sehr hochwertiger Artikel, endlich wird hier in diesem digitalen chaos mal wieder die analoge Fahne geschwungen…ich fotografiere auch fast nur noch Analog (außer für Aufträge) und ich muss sagen das es das Auge und die Sinne in beachtlicher Manier fordert und fördert!

    danke danke danke!

  6. Hallo Tobias, deine Bilder gefallen mir echt super. Am besten gefällt mir das dritte Bild, das ist wirklich etwas Besonderes. Du kannst wirklich sehr gut mit der Kamera umgehen und hast ein sehr gutes Verständnis für die Fotografie.

  7. Schöner Beitrag und schöne Bilder! Mich sprechen die ersten 3 Bilder sehr an. Die anderen Bilder sehe ich als Kunst – gut gelungen – aber nicht so meins. Aber trotzdem sehr interessant, hat etwas besonderes. lg cagi

  8. Da hat sich ja in den letzten 20 Jahren im Studium nicht viel verändert. Wobei ich mich wirklich frage ob die analoge Geschichte noch Sinn macht. Klar, ist das mal interessant mit Chemie rumzupanschen, bringt Dich aber praktisch nicht wirklich weiter. Dunkelkammer ist doch nur noch was für Nostalgiker.

    • Veränderungen sind überall. Das analoge arbeiten gestaltet sich immer schwieriger. Papiere können nicht mehr geliefert werden, Farbprozesse laufen nicht mehr konstant und es gibt immer weniger Leute, die das nötige Knowhow nachweisen können. Dem gegenüber stehen Tendenzen hin zu Bildern, die nur von Rechnern gerendert werden. Von denen also kein Pixel jemals das Licht der Welt erblickt hat. Diese Aufzählung erscheint endlos. Es ist heutzutage möglich mit Stoffen zu drucken. Die Fotografie erscheint durch das Digitale evtl. in naher Zukunft fähig genug, um Malerei wirklich nachzuahmen…

      • „Die Fotografie erscheint durch das Digitale evtl. in naher Zukunft fähig genug, um Malerei wirklich nachzuahmen…“

        Ob das wünschenswert ist? ich glaube nicht.
        Fotografie ist Fotografie. Ich will keine Malerei nachahmen.

  9. Grüß dich.
    Du schreibst: „Das Ergebnis ist eine Serie bestehend aus 3 Bildern (von ca. 50) die durch Wärme und Kälte verfremdet wurden. Bedingt durch den Zustand der Negative können diese niemals wieder so vergrößert werden.“

    Ich probiere seit Beginn des Studiums vor zwei Monaten ebenjene Ergebnisse zu erreichen. Meine Dozentin möchte mich zu dem Ergebnis bringen, dass die Fotos nicht mehr als solche zu erkennen sind und ich habe schon vieles ausprobiert, traue mich aber nicht, die Negative direkt anzugreifen. Wie hast du das geschafft?

    LG, Silwyn

  10. Blogartikel dazu: Probieren geht über studieren « Sehfahrten