20. August 2010 Lesezeit: ~10 Minuten

Objektive abseits des Mainstreams

Objektive gibt es viele – Canon zum Beispiel bietet mehr als 60 verschiedene Objektive für ihre DSLR Kameras an, und Fremdanbieter erweitern das Angebot nochmals beträchtlich. Da sollte doch für jeden Anspruch und Geldbeutel das passende Objektiv dabei sein – könnte man meinen.

Allerdings findet man oftmals Nutzer, die sich zumindest teilweise mit alten Objektiven ohne Autofokus und ohne von der Kamera gesteuerten Funktionen „herumschlagen“.

Ich gehöre zu dieser eigenartigen Spezies Fotograf ;-)

Mein Einstieg in die Welt der manuellen Objektive an DSLR Kameras war wohl ähnlich unspektakulär wie bei den Meisten: Ich hatte einige Objektive, darunter ein paar wenige Zeiss Optiken, für meine analoge Contax / Yashica Ausrüstung. Diese wollte ich auch nach meinem Wechsel in die Digital-Foto-Welt nutzen. So stand für mich schnell die Entscheidung für Canon EOS Spiegelreflexkameras fest, da dieses System aufgrund des etwas kürzeren Auflagemaßes und des großen Bajonettdurchmessers für Adaptionen alter Optiken ideal ist.

Meyer Trioplan - 100mm ƒ2.8

Anfangs nutzte ich noch eifrig das Canon EF 50mm/1.4 und EF 28-135mm IS USM mit vollem Automatik-Komfort an meiner EOS 350D Crop-Kamera. Zusätzlich kamen meine manuellen Optiken zum Einsatz – aber die große Freude an den klassischen Objektiven kam erst mit dem Kameraklassiker EOS 5D, Canons erschwinglicher Kleinbild-Digitalkamera.

Erst damit machten die manuellen Objektive richtig Spaß – soviel Spaß, dass ich zur Zeit mehr als 95 Prozent meiner Aufnahmen damit anfertige. Zum Einen hilft der große Sucher bei der Bildgestaltung und beim Scharfstellen, zum Anderen laufen die Objektive erst bei 24×36 mm Sensorgröße zu ihrer vollen ursprünglichen Leistung auf – die großen Pixel der EOS 5D helfen dabei.

Weshalb tue ich mir diesen eklatanten Komfortverzicht an?

Autofokus (AF) war für mich noch nie wirklich relevant. Für die eine oder andere Gelegenheit war AF zwar ganz gut, aber viele Autofokusobjektive machen mir einfach haptisch keinen Spaß. Zudem muß ich mir so keine Gedanken wegen Front- oder Backfocus machen, und komme erst gar nicht auf die Idee, meine Bildgestaltung nach AF-Feldern zu richten.

Deswegen werde ich zwar ein paar AF Optiken weiterhin behalten, aber sie verstauben im Regal.

Die Springblende ist schon eher ein Verlust der schmerzt – immer bei Arbeitsblende scharf zu stellen ist vor allem bei Blitzaufnahmen, zum Beispiel im Makrobereich, unangenehm.

Was sind dann die Vorteile?

  • Die manuellen Objektive sind oftmals von der Machart wesentlich robuster und wertiger. Der persönlich gefühlte Abstand zwischen dem hochgelobten Canon EF 50mm/1.4 und dem als “Joghurtbecher“ verunglimpften EF 50mm/1.8 II ist etwa ähnlich wie zwischen meinem manuellen Minolta Rokkor 58mm/1.2 und dem EF 50mm/1.4.
  • Alte manuelle Objektive kosten in der Regel weniger als aktuelle Objektive. Ein Pentacon 50mm/1.8 kostet oft nur 20 Euro, ein passender Adapter mit Schraubgewinde M42 auf das Kamerabajonett nochmals 10 Euro. Ein Rokkor 58mm/1.2 kostet um die 300 Euro – eine vergleichbare aktuelle Optik kostet gebraucht 900 Euro. Und mit etwas Geduld finden sich bei den Manuellen eher Schnäppchen.
  • Alte Objektive haben zum Teil Charakter: Das Bokeh, also das Unschärfeverhalten, des Meyer Trioplan 100mm/2.8 ist bei Offenblende als spacig zu bezeichnen, beim erwähnten Rokkor ist es sahnig. Verschiedene Objektive haben eine malerische Überstrahlung. Zeiss (West) Objektiven wird ein spezieller 3D-Look der Bilder nachgesagt – das ist zum Beispiel eine Sache, die ich für mich erst noch austesten muß. Vergleiche und Bewertungen nehmen da fast esoterische Züge an.

Was läßt sich alles adaptieren – und weshalb sind nicht alle Kombinationen sinnvoll?

Der erste zu berücksichtigende Faktor ist der Bildkreis. Das ist der maximale Durchmesser eines Bildes mit nutzbarer Qualität. Bei vielen alten Objektiven sind das 43 mm – die Bilddiagonale vom 24x36mm großen Kleinbild (abgekürzt KB), auch bekannt als Vollformat. Daher kann man für KB gerechnete Objektive an Sensoren im KB-Format oder kleiner nutzen.

Der zweite Faktor ist der freie Abstand zwischen dem letzten Bauelement des Objektivs in Richtung des Bildes und dem Sensor. Dies ist die Schnittweite. Wenn dieser Abstand zu klein ist, kann eventuell der Schwingspiegel der Kamera anstoßen. Nur dummerweise sind diese Maße nirgends angegeben. Stattdessen wird daher oft das Auflagemaß herangezogen.

Zeiss 85mm ƒ1.4 CY

Gerne wird geschrieben, das Auflagemaß sei eins der absoluten Maße für eine Adaption. Sobald das Auflagemaß des Objektivs größer oder zumindest gleich groß sei wie das der Kamera, seien Adaptionen mit reinen Adapterringen ohne Linsen möglich. Andernfalls nicht.

Was ist das Auflagemaß?

Bei Kameras ist das einfach der Abstand von der Fläche, die als Anschlag des Einschraubens dient, zum Sensor. Bei Objektiven ist es der Abstand von der Anschlagfläche bis zur Schärfenebene des Objektivs.

Gut, wenn wir jetzt ein M42-Schraubgewinde-Objektiv in eine Kamera mit entsprechendem M42-Adapter einschrauben, paßt alles wunderbar, sofern die Auflagemaße übereinstimmen.

Ist das Auflagemaß des Objektivs kleiner als das der Kamera, landet das Bild unendlich entfernter Motive irgendwo in der Luft vor dem Sensor – schade eigentlich. Die einzige Lösung wäre, sich auf Motive im Nahbereich zu beschränken – nicht immer wünschenswert. Das ist das Problem bei der Adaption der meisten manuellen Objektive an das Nikon F-Mount.

Andersrum landet das Bild erstmal hinter dem Sensor. Da beim Fokussieren auf nahe Objekte der Abstand zwischen Optik und Sensor vergrößert werden muß, kann oftmals der dazu vorhandene Schneckengang in diesem Fall auch zum Fokussieren auf Unendlich genutzt werden – Glück gehabt. Nur wird die Nahgrenze des Objektivs verloren gehen.

Porst 135mm ƒ1.8

Auch bei Objektiven wie den alten Olympus Zuiko OM Optiken stimmt die einfache Aufkagemaß-Regel. Diese Optiken finden mittels des Adapters problemlos im Canon EF Bajonett Platz.

Dann schweift unser Blick umher und trifft auf den Pentax K-Mount. Vom Auflagemaß paßt alles wunderbar – nur in der Praxis stößt die einfache Auflagemaß-Formel an ihre Grenzen, und der Spiegel der Vollformat-Kamera an Hebelchen des Objektivs. Gut, die Hebelchen und eine „Nase“ lassen sich schnell entfernen, und dann kann man die Pentax Optiken gut verwenden.

Schauen wir jedoch mal Zeiss Objektive mit Contax / Yashica Bajonett an: Das Auflagemaß ist wieder größer als bei Canon EF. Und nach dem Kürzen eines Blendenhebels passen die Optiken auch wieder – zumindest einige. Bei Kleinbild im Weitwinkelbereich stehen manche Rücklinsen dem Kamera-Schwing-Spiegel im Weg! Die Linse abzuschleifen wäre sehr verwegen, optische Nachteile wären zu erwarten ;-). Deswegen schleifen viele Manuell-Fokus Liebhaber den Spiegel der Kamera an, um diese hochwertigen Zeiss Objektive nutzen zu können.

Auch nicht jedermanns Sache.

Minolta Rokkor 58mm ƒ1.2

Eine weitere Variante, die von der „Regel“ abweicht, sind C-Mount Optiken an FourThirds Kameras. Diese können zum Teil mit ihrer Auflage im 4/3 Bajonett eintauchen. Wenn wir dann den Blick etwas zurück wenden, stellen wir fest, dass auch z.B. M42 nur deswegen an Canon EOS Kameras paßt, weil das M42-Gewinde in den EF Mount eintauchen kann – ein weiterer Gesichtspunkt, der beachtet werden will. Hier verliert Sigma mit dem kleinen Bajonettdurchmesser.

All diese Punkte sind bei den DSLR Kameras bei Canon und wohl auch Sony am besten – die Systeme sind ideal für die Nutzung fremder Objektive per mechanischem Adapter ohne Umbau. Wer zum Schraubendreher greift, hat andere Optionen.

FourThirds Fans werden jetzt grinsen, sie haben mehr Möglichkeiten mit Adaptern. Und bei Micro-FourThirds ist die Objektivauswahl noch größer. Da werden auch Canon FD und Minolta SR Objektive nutzbar.

Allerdings gibt es den berechtigten Einwurf, dass 4/3 nur ~28% der Kleinbild Sensorfläche nutzt – Cropfaktor 2. Kleinbildobjektive (KB) sind nicht auf die kleinen Pixel optimiert, liefern nicht den bei 4/3 gepriesenen bildseitig telezentrischen Strahlengang, sind für andere Aufnahmewinkel optimiert, was Streulicht anbelangt – alles Punkte bei denen adaptierte KB Optiken schlechter sein dürften als 4/3 Objektive. Zu den Punkten, die hier eventuell für alte Objektive sprechen, kommt vielleicht noch ein Statusdenken in Bezug auf das „dicke“ Objektiv hinzu.

Bei meiner Arbeit mit Industriekameras mit 2 bis 11 µm Pixelgröße sehe ich, was aus dem Sensor wirklich rauskommt – ein Grund mehr für mich, bei Kleinbild zu bleiben.

Canon FD 300mm ƒ2.8 L

Mit den neuen Sony NEX-3 und NEX-5 Kameras hat man die gleiche Sensorgröße wie bei Canon-Cropkameras, aber durch den Entfall des Schwingspiegels eine große Auswahl an Objektivadaptierungen mit Adaptern. Von dem Gesichtspunkt her sehr empfehlenswert – nur ohne die Aufstiegsmöglichkeit zum Kleinbild bzw. Vollformat.

Das Auflagemaß alleine macht also nicht glücklich. Zumindest eine erlaubte Eintauchtiefe müßte noch beachtet werden. Bei Canon EF Vollformat sind das circa 1-2 mm hinter dem EF Bajonettring. Eine M42-Optik, die z.B. mehr als einen Millimeter hinter dem Adapterring hervorsteht, sollte man besser nicht unbesorgt an eine 24x36mm KB Format DSLR ansetzen.

Was würde eigentlich passieren, wenn man’s trotzdem tut?

Es kann sein, dass der Spiegel nur kurz am Objektiv entlang streift, und sonst passiert nichts. Oder der Spiegel bleibt hängen, klappt aber wieder runter wenn man in den Nahbereich fokussiert. Oder, wohl ein Worst-Case, es haut einiges an der Spiegelmechanik zusammen.

Fatal könnte es werden, wenn man zum Lösen des hängenden Spiegels das Objektiv weiter in die Ferne fokussiert – dann wird der Spiegel nach hinten gedrückt.

Auch kritisch könnte das Entriegeln sein, die Drehung könnte zerstörerische Wirkung haben.

Nun möchte ich aber nicht als Missionar in Sache manuelle Objektive auftreten – sondern einzig diese Alternative vorstellen, um Unsicherheiten und Fehlkäufe zu vermeiden. Die steigenden Preise für einige manuelle Schätzchen, wie das Rokkor 58mm/1.2, zeigen das schon bestehende große Interesse. Es gibt auch bei den „Alternativen“ einen Mainstream!

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