16. August 2010 Lesezeit: ~5 Minuten

Nasco Yankee Meet 2010 oder fast ein „bad camera day“

Wenn wir Deutschen an Schweden denken, fallen uns in erster Linie IKEA und Volvo, Elche und rote Holzhäuser ein. Klar, dann auch noch Astrid Lindgren, ABBA und, ja … noch mehr rote Holzhäuser. Dass Schweden aber auch in Sachen Ami-Straßenkreuzer eine echte Hochburg ist, wissen nur wenige.

Ihren Ursprung hat diese Leidenschaft in der „Raggare“-Jugendbewegung der 50er-Jahre. Rock ’n‘ Roll, US-Cars, Bier und eine gehörige Portion „White Trash“ sind die wesentlichen Merkmale dieser Szene.

Während der Sommermonate treffen sich die „Raggare“ und Liebhaber von US-Fahrzeugen (vornehmlich der 50er, 60er und 70er Jahre) auf unzähligen sogenannten „Meets“ im ganzen Land, die von tausenden Zuschauern besucht werden. So auch vergangenes Wochenende im südschwedischen Falköping. Auf dem kleinen Flugplatz der Stadt waren beim „Nasco Yankee Meet“ mehrere hundert meist hochglanzpolierte Fahrzeuge versammelt.

Grund genug für mich, meine Kamera zu schultern und nach brauchbaren Motiven Ausschau zu halten. Dabei hatte ich meine Zweitkamera – eine betagte Canon EOS 20D mit einem EF 75-300mm 1:4-5.6 III USM Zoom sowie das Canon EF-S 17-85mm 1:4-5.6 IS USM. Beides Objektive, deren Abbildungsleistung mich bis heute nicht recht überzeugt hat, die aber solide und verlässlich sind und zusammen einen großen Brennweitenbereich abdecken.

Da ich nicht alleine unterwegs war, waren die Möglichkeiten der Motivsuche aus Gründen der Rücksichtnahme und Höflichkeit ein wenig eingeschränkt. Zudem bemerkte ich nach dem Prüfen der ersten Bilder, dass ich munter im M-Modus mit den Einstellungen des Vorabends fotografiert hatte (1/200s bei ISO 800 – da kam Freude auf) und ich meine ersten Versuche also gleich wieder löschen konnte. Ein wunderbarer Start …

Also gut, alles noch mal von vorne: ich stellte auf den AV-Modus mit Blende 5.6 und ISO 400 um. Damit hatte ich die größtmögliche Blende auch im maximalen Telebereich des 75-300mm-Objektivs mit einer hoffentlich schönen Tiefenunschärfe und zugleich eine schnelle Verschlusszeit, da bei 300mm Brennweite die Gefahr des Verwackelns doch recht groß ist.

Im Brennweitenbereich von 200-300mm machte ich einige Aufnahmen der gestaffelt stehenden Fahrzeuge sowie einige Detailaufnahmen, aber irgendwie wollte sich das rechte „Feeling“ nicht einstellen. Als dann die Wagen zum Cruisen auf die Rollbahn des Flugplatzes fuhren, brachte ich mich mit dem Tele am Rollbahnrand in Position und versuchte, einige Fahrzeuge im Heranfahren und beim Vorbeifahren einzufangen.

Die Autos fuhren nicht schnell und mit einer kurzen Verschlusszeit sollten scharfe Bilder kein Problem sein. Ich knipste auch noch ein paar Heckflossen im Vorbeifahren, war aber beim Blick auf den kleinen LCD-Schirm der 20D nicht wirklich zufrieden. Ich hatte den Eindruck (wieder mal) nur Mist zu fotografieren.

Zurück also zu den parkenden Fahrzeugen. Ich schnallte kurz noch das zweite Objektiv auf die Kamera, um ein paar Weitwinkelbilder zu machen, aber auch da wollte sich kein gutes Gefühl einstellen. Meine Kompositionen kamen mir bei einem weiteren Blick auf den Kameramonitor langweilig vor, die Motive mies, kurz: es war nicht mein Tag – nicht schön, aber kann ja mal sein. War halt ein „Bad camera day“. Kamera eingepackt, ab nach Haus, abhaken.

Aber wenig später ging’s dann doch noch an den Rechner. Lightroom geöffnet und siehe da: so schlimm war’s ja gar nicht! Da waren doch einige ganz ansehnliche Fotos dabei. Merke: lass Dich vom ersten Eindruck der Bilder auf dem Kameramonitor nicht gleich beeinflussen! Am Computermonitor sieht die Fotografenwelt doch gleich ganz anders aus.

Und mit ein bisschen Experimentieren und Herumspielen an den Einstellungen stellte sich allmählich das Gefühl für die Bilder ein, das ich beim Fotografieren die ganze Zeit vermisst hatte. Jetzt merkte ich plötzlich, wohin die Reise ging und wie sich die einzelnen Bilder zu einer homogenen Serie fügten.

Ich versah die Bilder mit einem relativ starken Retro-Touch, indem ich eine deutliche Vignette verwendete und mittels der Farbtemperatur einen wärmeren Look erzeugte. Zudem erhöhte ich die Schwarzwerte und verschob einige weitere Farbwerte. Plötzlich ergaben in diesem Look auch viele kompositorische Einstellungen einen Sinn, da die Bilder insbesondere durch die Vignettierung einen ganz anderen Charakter bekamen. Und auf einmal sah das alles gar nicht mehr so langweilig sondern wirklich spannend aus. Viel mehr kalifornischer Highway als schwedischer Provinzflugplatz.

Wow – der Tag war gerettet und ich war froh, dass ich mich nicht von meinen Gefühlen und vom Kameramonitor hatte leiten lassen, denn wäre es danach gegangen, hätte ich alle Bilder am liebsten sofort gelöscht – und das wäre wirklich schade gewesen.

Zum Abschluss gibt es die Lightroom-Einstellungen als Preset zum Download. Außerdem kann man alle Fotos des Tages in Jens Blog anschauen.

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