10. Juli 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Empfehlung: 100 Photos de Don McCullin

Es gibt Bücher, die bleiben bei mir im Regal, weil ich kein wirkliches Interesse habe. Einmal kurz durchgeblättert, aber nie ernsthaft hineingeschaut überdauern sie Jahre, weil ich es nicht übers Herz bringe, sie fortzuwerfen. Männer sind anders, Frauen auch oder Denke nach und werde reich, sowas.

Und dann gibt es Bücher, die bleiben ebenso im Regal, dennoch aus anderen Gründen: Weil ich zu großen Respekt vor dem Inhalt habe. Bücher, die mich an die Ernsthaftigkeit des Lebens erinnern, über Leid oder gar Tod berichten und deshalb so gar nicht in die Fussball-Sommer-GutesWetter-Laune passen.

Doch gerade in dieser Zeit haben Bücher wie diese eine eigenartig besondere Anziehungskraft auf mich.

Das folgende Buch (bzw. Magazin oder Zeitschrift, siehe Update unten) ist eines dieser Sorte. Es heißt: 100 photos de Don McCullin – Pour la libertè de la presse* und ist bei Amazon für knapp 15€ zu erwerben. Vor ein paar Monaten habe ich es mir besorgt und würde heute nicht mehr darauf verzichten wollen.

Aber erst mal alles der Reihe nach.

Informationen zum Buch

Buch ist eigentlich der falsche Ausdruck, denn die 144 Seiten DIN A4 sind nicht in Hardcover gebunden und so wie es aufgemacht wurde, erinnert das Ganze mehr an ein Magazin. Was es teilweise auch ist, denn es erscheint in einer Reihe der „Reporters sans frontiers“ und die ersten 24 Seiten sind eine Mixtur aus Produktwerbung und der Vorstellung des Fotografen.

Was vielen sicher schon aufgefallen ist, ist die Sprache. Wir finden fast alle Texte auf Französisch – und Englisch, was mir, der sich damals gegen Französisch in der Schule entschieden hat, sozusagen den Kragen rettet.


Ab Seite 26 folgen dann die angepriesenen 100 Fotos des britischen Fotojournalisten Don McCullin. Die Druckqualität ist meines Erachtens schwer in Ordnung und so, wie ich das von anderen Büchern dieser Art gewohnt bin. Minimal ungünstig wirkt es, wenn ein Bild eine Doppelseite überlappt, aber das ist sicher eine Frage des Geschmacks.


Inhalt, Eindrücke und ein (Kriegs-)Fotograf, der nicht so genannt werden möchte

Wie oben schon angedeutet, handelt es sicher hier um kein „ich blätter mal durch“ – Heftchen. 100 Fotos, das ist eine ganze Menge, und wenn man so will, kann man die Bilder eine Art Essenz der Arbeit Don McCullins nennen. Der hat zwischen dem Aufbau der Berliner Mauer (1961) bis heute nicht aufgehört, Ereignisse mit seiner Kamera zu dokumentieren.

Don McCullin war im Vietnam, im Congo, auf Zypern (1964), Biafra, Indien, Kambodscha und auch im Irak, um an diesen Orten das Leiden der Menschen zu dokumentieren. Meist befindet er sich im Krieg und so findet sich im Buch neben einem großflächigen Bild folgendes Zitat:

„I love photography. I respect it. I worship it, and i think about it all the time. I just don’t want people to call me a war photographer. It’s nice to be called a photographer. That’s the only title I need.“


Und darin sehen wir schon die Zerrissenheit, in der sich McCullin ein Leben lang befindet, denn auch in Interviews zur heutigen Zeit möchte er auf keinen Fall Vorbild für andere sein. Das Paradoxon Kriegsfotograf macht ja bekanntlich vielen Fotojournalisten dieses Genres zu schaffen und so sieht auch er sehr selbstkritisch auf das, was er geschaffen hat.

Und das – um nun auf die Fotos zu sprechen zu kommen – ist so schwer in Worte zu fassen und der Satz „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ trifft hier zu. Die Fotos sind sehr direkt und zeigen auf eine ganz besondere Weise das Leiden – und den Tod – der Menschen, die die unmittelbaren Opfer eines jeden Krieges sind.

Wer sich nun darunter (bis auf die gezeigten Beispiele) überhaupt nichts vorstellen kann, dem empfehle ich eine Google Bildsuche. McCullins Fotos sind düster – und das nicht nur der offensichtlichen Umstände wegen, sondern auch deshalb, weil McCullin seine Fotos bewusst dunkel entwickelt.


So kann es gut sein, dass die Intensität der Bilder zunächst überfordernd auf den Betrachter wirken – so ging es zuletzt mir selbst. Beim ersten Öffnen des Buches musste ich es nach ca. 20 Bildern wieder schließen. Wie gesagt, es ist harte Kost.

Zu sagen „es lohnt sich“ ist in diesen Kontext eine nicht vertretbare Aussage, denn es geht in diesen Bildern nicht um die Bilder an sich, sondern um das, was fotografiert wurde. Und dennoch möchte ich das Buch dringend empfehlen – und damit zusammenhängend natürlich die Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg an sich – das heute ja auch keine geringe Rolle spielt.

McCullin selbst ist sich seiner Machtlosigkeit durchaus bewusst und ich habe ihn an vielen Stellen sagen gehört, dass er mit seinen Fotos das Leiden nicht verhindern konnte. Doch aufmerksam machen, das Unrecht des Krieges offenlegen, das hat er getan.

Übrigens weisst uns Wikipedia darauf hin, dass  „1968 seine Nikon-Kamera eine Kugel auffing, die auf ihn geschossen worden war.“ McCullin ging wohl sein ganzes Leben dieses hohe Risiko ein, unter den Opfern des Krieges zu sein.

Im Buch finden sich auch Bilder von Personen der Öffentlichkeit, wie beispielsweise der Beatles. Ein sehr skurriles Bild ist dabei eines, bei dem John Lennon sich tot stellt und auf der Straße liegt…


Kritik


An den Bildern des Fotografen gibt es nichts auszusetzen, davon kann hier nicht die Rede sein. Doch sehr unglücklich ist meiner Meinung nach die Aufmachung des Buches/Magazines auf den ersten – und den letzten Seiten – auf denen sich eine teilweise noch unglücklichere Auswahl von Werbung (Beispiel: Toyota) findet.

Update: Wie Yannik in den Kommentaren ausgeführt hat, handelt es sich hier um eine Zeitschrift, was den Einsatz der Werbung erklärt.


Fazit

100 Fotos de Don McCullin als eins meiner Lieblingsfotobücher zu bezeichnen passt hier von der Ausdrucksweise überhaupt nicht, doch ich kann sagen, dass mir seine Bilder sehr ans Herz gewachsen sind und das Interesse an der Person McCullin geweckt hat. Daher kann ich – bis auf die Wermutstropfen der ersten Seiten – eine eingeschränkte Empfehlung aussprechen.

*Das ist ein affiliate Link. Wenn ihr darüber bei Amazon etwas bestellt, bekomme ich eine kleine Provision, ihr bezahlt aber keinen Cent mehr.

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