kwerfeldein
29. Juni 2010 Lesezeit: ~5 Minuten

Fotografie & persönliche DNA

If you are by nature a loner, a crusader, an outsider, a jester, a romantic, a melancholic, or any one of a dozen personalities, that quality will shine through your work. ~Twyla Tharp, The Creative Habit* | S. 40

Als Kind war ich felsenfest davon überzeugt, dass meine Eltern und deren Vorfahren früher in einer schwarzweissen Welt gelebt hatten. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen, denn wenn ich einen Film von früher sah, war er Schwarzweiss. Diese Filme beeindruckten mich irgendwie – und das ist auch heute noch so. Man denke an Das weiße Band.

Als mir dann mein Vater irgendwann sagte, dass die Welt vor 40 Jahren auch in Farbe war, war ich völlig überrascht. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen! Ausserdem gefielen mir schon als Kind diese grauen Filme, die dank großartiger Schauspieler wie Heinz Rühmann so charmant wirkten.

Letzte Woche sprach ich mit Uli Staiger beim Mittagessen darüber und im Gespräch wurde mir klar: Kein Wunder, dass Schwarzweiss auch heute noch eine besondere Wirkung auf mich hat. Schwarzweiss und geheimnisvoll hängt für mich ganz nah zusammen und somit kommt das Faszinosum nicht von irgendwoher. Natürlich hat das noch viele weitere Gründe und lässt sich nicht alleine darauf zurückführen, aber es spielt sicher zu einem Großteil mit hinein.

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Ich mag Menschen. Natürlich nicht alle, dennoch hatte ich schon immer ein großes Interesse an unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Aber: Ich hasse es, in übermässig großen Menschenmengen zu sein. Das ist mir zu nah dran, zu dicht und das alles wirkt auf mich sehr einengend. Große Festivals lösen in mir stets ein Unbehagen aus und so suche ich mir immer wieder Minuten, in denen ich die Einsamkeit genieße und den Überblick behalte. Mit Sicherheit ist das auch der Grund, warum ich bis heute kein Fussballstadion betreten habe.

Ebenso bin ich jemand, der Menschen gerne fotografiert. Aber vorwiegend aus der Distanz. Ich fühle mich superwohl dabei, Menschen quasi versteckt und mit gewissem Abstand bei ihrem Tun abzulichten. Ich bin nicht scheu, aber ich räume mir und der fotografierten Person gerne einen Freiraum ein. Diese Freiheit bedeutet mir viel, und ist – wenn man so will – schon mit den nächsten Punkt in Verbindung zu bringen.

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Die Weite und Ursprünglichkeit der Natur hat mich mein Leben lang angezogen. Aufgewachsen am Rande eines Dorfes hatte ich es nur 10 Schritte in Wald und Felder und so sind wir als Kinder oft draussen gewesen. Kwerfeldein ging es dann auch mal bei großen Wandertouren mit der Familie, was mitunter ein Grund dafür ist, warum dieses Wort positiv in meinem Unterbewusstsein verankert ist. Und Kwerfeldein war auch eins: Barfuß rennen über Stoppelfelder. Herrje, sind wir gerannt, damals.

Als Jugendlicher und Ausreißer bin ich oft in die Natur gegangen, wenn es mir gar nicht gut ging. Ich weiß gar nicht, warum, aber draussen in der Weite fühlte ich mich einwenig frei und ungebunden, groß und stark. Selbst in den beschissensten Zeiten.

Es ist kaum verwunderlich, dass ich bis heute diese Verbindung zur Natur habe. Ein Spaziergang alleine im Wald oder über Felder ist jetzt nicht das Superduper-Erlebnis mit tralalla und dem Auswurf von berauschenden Glückshormonen. Ich fühle mich irgendwie wohl, und das Wort zuhause klingt hier vielleicht albern, trifft es aber trotzdem ganz gut. Was liegt also näher, als Landschaften mit der Kamera festzuhalten?

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Schwarzweiss, aus der Distanz und die Natur – passt gut zusammen. Passt zu mir. Das sind keine Regeln für mich, die ich stoisch für alle Ewigkeiten einhalten werde, nein, es sind drei von vielen roten Fäden, die zurück in die Vergangenheit führen. Ich bin mir dessen bewusst – und das hilft mir in meinem alltäglichen Arbeiten mit der Kamera.

Natürlich sind alle Punkte nicht zwingend in einem Ursache-Wirkung Schema einzusortieren. In vielerlei Hinsicht spielen da jeweils noch weitere Dinge mithinein, die einen Stil, eine Herangehensweise, einen Charakter formen.


Epilog

Seit Monaten schaue ich mir Bilder von anderen Fotografen an und habe jedes Mal dabei im Hinterkopf, dass die Fotos, die jemand macht, sehr eng mit seiner Persönlichkeit verwoben sind. Mit der individuellen Geschichte, dem Charakter der Person.

Als ich dann heute Morgen in Twyla Tharps Buch das Kapitel 3, „Your creative DNA“ zu lesen begann, bestätigten sich diese Gedanken. Denn sie spricht unter anderem genau dieses Thema an, erklärt, warum sie so arbeitet, wie sie arbeitet, und stellt Zusammenhänge zu ihrer Geschichte her. Als Beispiel nennt sie weitere Künstler, Musiker und Fotografen, bei denen sie Ähnliches beschreibt (Mahler, Adams).

Wie ist das bei Euch? Könnt ihr auch Zusammenhänge zwischen Euerm Arbeiten mit der Kamera und Eurer Persönlichkeit entdecken?

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