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20. Mai 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Mit einem Fotoessay Geschichten erzählen

Simon Sticker Dies ist ein Gastartikel von Simon Sticker. Er arbeitet als freier Dokumentar Fotograf, Filmer und Multimediaproduzent mit einem Schwerpunkt auf Afrika. Mehr über Simon erfahrt ihr in unserem kürzlichen Interview hier. Seine Arbeit findet ihr unter www.simonsticker.com.

In meiner Arbeit versuche ich Geschichten mit meinen Bildern zu erzählen. Dabei ist es nur selten ein einzelnes Bild, was ein Symbol für die ganze Geschichte werden kann, sondern ich stelle verschiedene Bilder, die unterschiedliche Aspekte der Geschichte zusammen zu einem Fotoessay um einen tieferen Einblick zu geben. Oft haben die Themen meiner Geschichten einen Fokus auf sozialen Missständen, wie hier im Beispiel hier über Straßenkinder in Rwanda.

Wie baue ich solch einen Essay auf? Heute will ich mit euch ein paar Gedanken dazu teilen, die meine Vorgehensweise hoffentlich etwas klarer machen.

1. Das Thema

Bevor ich tiefer in den Aufbau schaue, ist es wichtig erstmal das Thema genau festzulegen. Was ist die Geschichte? Was willst du mit den Bildern erzählen? Ich versuche das immer für mich selber so klar wie möglich zu machen.

2. Recherche

Bevor ich eine Geschichte fotografiere versuche ich immer soviel wie möglich über das Thema oder die Menschen, deren Geschichte ich erzählen will herauszufinden, was der Geschichte zuträglich sein könnte. Das gibt dir mehr Freiheit dich in dem Thema zu bewegen und zu reagieren, während du fotografierst. Es gibt dir auch die Möglichkeit das Besondere zu sehen, was du vielleicht ohne das Wissen gar nicht wahrnehmen würdest.

Wenn du dokumentarisch fotografierst ist vor dem Fotografieren in den seltensten Fällen bereits alles klar, das Wissen gibt dir aber mehr Freiheit zu reagieren. Als ich einmal in Laos eine Geschichte über die buddhistischen Mönche dort fotografierte, hatte ich all diese klassischen Bilder im Kopf, wie sie meditieren, auf dem Boden schlafen, der puristische Lebensstil, usw. Und das stimmte natürlich auch, aber gleichzeitig gab es auch viele andere Geschichten. Dass Phra, einer der Mönche einen Computer hatte und fleißig Englisch lernte.

Dass auf einmal ein Handy klingelte und es natürlich einem der Mönche gehörte, sie damit Fotos auch von mir machten und Musik hörten. Das sie mir am Ende ihre Emailadressen gaben, damit ich ihnen die Bilder schicken konnte. Nicht wirklich, woran ich vorher gedacht hatte, aber die Recherche erlaubte mir das Besondere darin zu sehen und darauf zu reagieren.

3. Der Blickwinkel

In der Regel gibt es am Ende viele kleine Geschichten und damit auch viele Möglichkeiten, wie ich die Geschichte anpacke. Was sind also die wichtigsten Teile der Geschichte? Gibt es einen klaren Anfang und ein Ende? Von welchen verschiedenen Blickwinkeln kann ich die Geschichte erzählen?

4. Länge

Meine Erfahrung bisher ist, dass ein Fotoessay, besonders, wenn er fürs Web ist, sollte nicht länger sein als 15 Bilder. Wir konsumieren soviel und so schnell, dass es schwer ist die Aufmerksamkeit lange hochzuhalten. Insofern ist ein Essay mit zehn guten Bildern, die die verschiedenen Aspekte der Geschichte abdecken in der Regel besser als ein Essay mit den 30 besten Bildern, die dann aber verschiedene Aspekte wiederholen und das, was man erzählen will nicht weiter bringt.

Insofern macht es auch Sinn sich die Frage zu stellen:

Was ist die Geschichte? Was erzählt die Geschichte am besten? Es geht um die Geschichte, die Bilder sind das Medium um sie zu erzählen. Ich habe hunderte guter Bilder, die vermutlich nie veröffentlich werden, weil sie nicht zu der Geschichte passen, für die sie fotografiert wurden.

5. Die verschiedenen Teile

Denkt über den Essay als Geschichte. Jede Geschichte hat einen Startpunkt, einen Höhepunkt und ein Ende. Jeder Fotoessay formt diese Aspekte mit unterschiedlichen Bildern.

Das Einleitungsbild gibt eine Einführung und zeigt, wo die Geschichte stattfindet. Es ist meist ein Weitwinkelbild.
Der Medium Shot führt die Protagonisten ein und erzählt etwas mehr über es.

Das Close-up ist ein klassiches Detailbild, was einzelne wichtige Teile der Geschichte näher betrachtet.
Das Portrait bringt den Protagonisten nah und stellt einen persönlichen Bezug her.

Der Moment bringt spezielle Momente der Geschichte. Es kann eine kleine Geschichte in sich selbst sein oder Teil der großen Geschichte.

Das Abschlussbild fasst die Geschichte zusammen und beendet sie mit einem Gedanken oder einem Fazit.

Die verschiedenen Teile finden sich in den meisten Fotoessays, jedoch müssen sie nicht zwingend enthalten sein. Sie geben mehr ein Gerüst an dem man die Geschichten erzählen kann. Durch das Internet und seiner Schnelllebigkeit kann es wichtig sein die Aufmerksamkeit des Betrachters direkt beim ersten Bild zu bekommen. Deshalb kann es manchmal Sinn machen die einzelnen Teile zu tauschen, zum Beispiel nicht mit dem Einführungsfoto anzufangen, sondern mit einem Highlight, was den Betrachter sofort in die Geschichte bringt. Es lohnt sich auf jeden Fall hier etwas zu experimentieren.

6. Bildunterschriften

In den meisten Fällen sind die Bildunterschriften auch ein wichtiger Teil des Fotoessays. Ich versuche immer, dass die Bildunterschriften nicht das beschreiben, was man in den Bildern eh schon sieht, sondern vielmehr zusätzliche Informationen bieten, wie Namen, Hintergrundwissen oder sonstige wichtige Infos. Sie erlauben damit auch den Essay zu lenken und zu präzisieren.

7. Experimentieren

Erstmal gibt es natürlich immer alle Freiheiten und diese Punkte sollten auch eher als Anhaltspunkte gesehen werden, von denen man ausgehend neues ausprobieren kann. Jede Geschichte bietet tausende Möglichkeiten sie zu erzählen, klassisch linear oder non-linear. Vielleicht startest du mitten in der Geschichte und erzählst von da, wie es dazu kam und wo es hinführt. Oder du mischst verschiedene Perspektiven. Einfach mal ausprobieren und experimentieren.

Nach all dem möchte ich euch noch eine kleine Inspiration geben mit meinem Projekt ‚With our own eyes’. Die Photoessays wurden vornehmlich mit Handycameras von Studenten in Rwanda im Rahmen eines Workshops fotografiert. Die meisten hatten vorher noch nie ernsthaft fotografiert. Jetzt hatten sie drei Tage Zeit Fotoessays über kleine Geschichten zu fotografieren. Hier sind die Resultate.

Habt ihr auch schon mal mit Fotoessays experimentiert (dann postet doch gerne die Links zu euren Essays in den Kommentaren)? Wann setzt ihr Fotoessays ein? Fehlten euch wichtige Aspekte oder habt ihr weitere Fragen?

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