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17. Mai 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

DNG – eine echte Alternative?

DNGDieser Gastbeitrag ist von Philippe Schrettenbrunner, IT-Berater und leidenschaftlichem Fotografen aus München.

Philippe betreibt ein eigenes Fotografie-Blog und twittert.

Eine Frage, die unter Fotografen immer wieder gestellt wird, ist „RAW oder JPEG?“. Auf Blogs, Twitter und beim Kaffee werden gerne und ausführlich die Vor- und Nachteile diskutiert. Dabei kristallisiert sich raus, dass all jene, die ihre Bilder später noch aufwändig nachbearbeiten, zu RAW tendieren. Bei der ganzen Diskussion wird ein Punkt jedoch gerne vergessen:

Es gibt kein RAW-Format

Hinter dem Begriff RAW-Format verbirgt sich vielmehr eine große Ansammlung an Dateiformaten (und -endungen), mit denen Sensordaten einer digitalen Kamera gespeichert werden. Bei Canon werden die Daten meistens mit der Endung CR2, bei Nikon mit NEF, benannt.

Leider ist die Vielfalt an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Denn eine CR2-Datei einer EOS 40D ist anders aufgebaut, als eine CR2-Datei aus einer CyberShot G10. Diese Tatsache hat sicher jeder schon einmal schmerzlich erfahren, wenn die RAW-Daten der brandneuen, brandaktuellen Kamera von Photoshop & Co nicht gelesen werden konnte. Und das, obwohl CR2 (oder NEF oder XY) bisher immer funktioniert haben.

Zu dem Formate-Wirrwarr kommt erschwerend hinzu, dass die meisten proprietären RAW-Daten digital verschlüsselt sind und somit nur mit dem Segen des Herstellers verarbeitet werden können.

Was fehlt, ist ein offener Standard

Im September 2004 hat Adobe daher das Digital Negativ, kurz DNG, vorgestellt. Hierbei handelt es sich ebenfalls um ein RAW-Format, bei dem jedoch alle Spezifikationen offen liegen. Es baut auf dem bereits etablierten TIFF/EP Standard auf und hat gute Chancen, eine echte Alternative zum proprietären RAW zu werden.

Denn auch wenn sich Kameras und Sensoren unterscheiden, so liefern sie am Ende doch immer ähnliche Daten, aus denen sich ein Bild errechnen lässt. Im DNG-Format ist daher genau festgelegt, auf welche Art und Weise Bild- und Farbinformationen gespeichert werden. Jede Kamera kann diese Informationen liefern.

Allerdings wurde bei der Spezifikation von DNG auch bedacht, dass eine Kamera Eigenschaften haben kann, die sonst keine andere hat. Daher lässt das DNG-Format zusätzlich weitere Informationen neben den eigentlichen Bilddaten zu, mit denen solche kameraspezifische Eigenheiten aufgezeichnet werden können.

Mit Hilfe dieser so genannten Rendering Hints kann der RAW-Konverter anschließend entscheiden, wie er das Bild berechnet. Einige Hersteller, darunter Hasselblad, Leica, Ricoh und Casio, haben sogar schon Kameras auf den Markt gebracht, die Aufnahmen direkt im DNG-Format speichern.

Für alle anderen Kameras bietet Adobe einen kostenlosen Konverter, der automatisch und in Stapelbearbeitung ganze Sammlungen an Bildern umwandeln kann. Benutzer von Lightroom können entweder beim Import festlegen, ob die Bilder sofort ins DNG-Format konvertiert werden oder dies später für einzelne Bilder und Sammlungen entscheiden.

DNG oder nicht DNG?

Für die tägliche Arbeit macht es erst mal keinen Unterschied, ob man mit dem Hersteller-RAW oder DNG arbeitet. Alle gängigen Bildbearbeitungsprogramme können beide Formate.

Archivierung

Wesentlich spannender ist die Frage, wie es mit der Langzeitarchivierung aussieht. Kann man im Jahr 2020 noch eine proprietäre RAW-Datei öffnen? Was ist, wenn einer der Hersteller pleitegeht? Oder den Support eingestellt? Dieser Fall ist gar nicht so unwahrscheinlich:

Kodak unterstützt bereits heute einige seine ersten RAW-Formate offiziell nicht mehr. Hier hat das DNG Format einen klaren Vorteil: die Spezifikation liegt offen. Sollte Adobe, die das Format veröffentlicht haben, vom Markt verschwinden, kann immer noch ein anderer Hersteller oder ein Konsortium das Format fortführen. Eine Garantie ist das natürlich nicht, aber die Chancen sind deutlich besser als bei proprietären RAW-Files.

Dateigröße

Ein weiterer Vorteil von DNG ist die Dateigröße: Dank einer verlustfreien Komprimierung sind DNG Bilder etwas kleiner als das Original RAW. Im Internet liest man, dass sich durch die Verwendung von DNG rund 20% Speicherplatz sparen lassen. In einem kleinen Selbstversuch, bei dem ich 100 CR2 Bilder einer EOS 40D in DNG umgewandelt habe, waren es immerhin 17%. Gerade für Notebook-User eine interessante Option!

Die geringere Dateigröße liegt daran, dass DNGs gezippt sind, wohingegen die meisten RAW Files unkomprimiert sind. ZIP-Algorithmen gibt es jedoch wie Sand am Meer: es würde mich also nicht wundern, wenn in naher Zukunft auch proprietäre RAW-Formate komprimiert werden und somit der Dateigrößenvorteil von DNGs an Bedeutung verliert.

Wesentlich interessanter ist, dass bei DNGs Entwicklungsinformationen in der Datei neben den Rohdaten eingebettet werden können. Wer also oft Rohdaten von Rechner zu Rechner transportiert, wird sich freuen, dass er die Einstellungen nicht immer erst als XMP-Sidecar abspeichern muss. Und nicht nur beim Austausch von Daten ist das ein riesen Vorteil: DNG Dateien, die alle Einstellungen enthalten, lassen sich wesentlich leichter backuppen und wiederherstellen, da alle Informationen in einer Datei sind.

Der Workflow

Solange die Hersteller das DNG Format nicht nativ unterstützen, muss der Fotograf mit einem weiteren Schritt im Workflow einschreiten. Auch wenn Lightroom und andere Tools eine gewisse Automatisierung bieten, kommt ein zusätzlicher Schritt zum Arbeitsablauf hinzu: die Konvertierung. Und dieser Schritt kostet, auch auf einem modernen Rechner, mehr Zeit, als das reine Kopieren der Daten.

Der Converter

Der wohl größte Nachteil momentan ist, dass man dem Converter vertrauen muss. Werden die Original-RAW Daten nicht korrekt ins DNG Format übersetzt, können später wichtige Informationen fehlen. Bisher ist mir so etwas noch nicht passiert. Dennoch liest man im Internet vereinzelt, dass bei extrem kontrast- oder farbreichen Bildern die Qualität bei der Konvertierung gelitten hat. In diesem Fall ist es natürlich sehr ärgerlich, wenn man seine Original RAW Dateien bereits entsorgt hat.

Trotzdem ist die Zeit reif für DNG. Ich selbst habe schon bei ein paar Shootings die Bilder direkt beim Import in Lightroom in DNG umgewandelt und die Originale nur für eine gewisse Zeit zur Sicherheit auf einer externen Platte archiviert. Der Workflow blieb unverändert, dafür hatte ich einen Lightroom-Katalog, der ein paar Gigabyte kleiner war und gefühlt flotter war. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte die Original RAWs immer noch auf einer DVD sichern.

Ich sehe kaum etwas, was gegen DNG spricht.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

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