kwerfeldein
05. Mai 2010 Lesezeit: ~5 Minuten

Filmbesprechung: Das weisse Band

Wenn ein Film in der Kategorie beste Kamera nominiert wird, dann höre ich zweimal hin. Die Empfehlungen, Das weisse Band anzusehen, überschlugen sich vor Wochen an einem Tag dermaßen, dass ich ihn unbedingt sehen wollte. So habe ich den Film ausgeliehen*, nicht nur um genauer hinzuhören, sondern auch um genauer hinzusehen.

Was ich sah, war alles andere als ein kitschiger, oberflächlicher, sondern ein ernster und von Spannung aufgeladener Film des Österreichers Michael Haneke. Mit überraschend wenig Musik konzentriert sich das Stück vor allem auf Ton & Bild. Und wer einmal einen Film ohne Musik gesehen hat, der weiß, wie plastisch bestimmte Szenen dadurch in den Vordergrund gerückt werden können.

Noch intensiver und direkter wirkt Das weisse Band aufgrund seiner Umsetzung in Schwarzweiss. Er wurde in Farbe gedreht und bekam in der Post eine Bearbeitung, die mir beim Zuschauen kaum auffiel (Update: wie in den Kommentaren erwähnt, hätte ich mir hier und da mehr Kontrast gewünscht, so bleiben aber viele Details erhalten – also nicht nur ein Nachteil).

Worum geht’s?

Hört man den Titel „… eine deutsche Kindergeschichte“ wird man sicher etwas ganz anderes erwarten, als dann geboten wird: Es handelt sich bei diesem Film keinesfalls um eine Geschichte für Kinder, sondern um eine Geschichte über Kinder. Und: Es ist definitiv keine leichte Kost, von der hier die Rede ist.

Das weisse Band spielt in dem erfundenen – und dennoch nicht weit hergeholten – Dorf Eichwald in Deutschland. Geschichtlich eingeordnet ist das Ganze kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges und wird aus der Sicht eines jungen Lehrers (dessen gealterter Erzählstimme) rückblickend erzählt.

In diesem Dorf ereignen sich ungewöhnliche Vorfälle, die von Mal zu Mal drastischer werden. Der Reitunfall des Arztes ist der Beginn einer Serie verdeckter Zwischenfälle (bis hin zur schlimmen Verletzung eines behinderten Jungen) und im Dorf weiß (fast) niemand, wer dahinter steckt.

Weiter, und darauf liegt auch die Konzentration des Filmes, wird in gnadenloser Transparenz Einblick in das Leben mehrerer Familien gezeigt, deren Pädagogik und Umgangsformen sich im Laufe des Filmes als brutal, grausam und kalt entpuppen. So werden Kinder körperlich gezüchtigt, seelisch bestraft und selbst der Dorfpfarrer schreckt nicht davor zurück, seinem Sohn das Kennenlernen des eigenen Körpers durch Anbinden ans Bett zu untersagen.

Der Zuschauer bekommt zu sehen, was passiert, wenn in einem Mikrokosmos wie dem kleinen Dorf eine gesetzliche Befolgung starrer Regeln und unnachgiebiger Befolgung von Befehlen des „Herrn Vaters“ erfolgt. Und so sind es Männer, die buchstäblich am Drücker sind und deren Autorität nur sehr selten – und dann nicht ohne Konsequenzen – hinterfragt werden.

Weiter sind Misshandlungen, Züchtigungen bis hin zum Mord das immerwährende Thema des Filmes; der Film wird nur durch die sich anbahnende Liebesbeziehung des jungen Dorflehrers und seiner Geliebten aufgelockert. Dieser macht es sich ausserdem zur Aufgabe, das System des Dorfes zu hinterfragen und herauszufinden, wer die Schuld an den Vorfällen trägt.

Im Blickpunkt des Geschehens sind eigentlich immer wieder die Kinder, die ganz unterschiedlich auf das Verhalten der älteren Generation reagieren und mitunter die Leidtragenden der Erziehungsmethoden ihrer Väter sind.

Mein Einduck vom Film

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich die Szenen aufgenommen und bin überaus davon fasziniert, wie Kameramann Christian
Berger
die Szenen festgehalten hat. So sind viele Momente des Filmes zweifellos großartig komponierte Bilder und die ruhige Kamera unterstreicht diese Wirkung.

Persönlich bin kein Fan von Filmen mit wenig Musik, doch in diesem Fall möchte ich eine Ausnahme machen, wie schon oben angemerkt. So werden die Szenen nicht von einer zusätzlich musikalisch erzeugten Stimmung zugekleistert, sondern mehr oder minder nackt präsentiert.

Die dadurch erzeugte Stille (viele Szenen werden weit ausgelegt und stille Momente haben ihren Raum im Film) macht eine Stimmung, die teilweise zum Greifen nahe scheint – und mir persönlich sehr zugesagt hat.

Das beim Dreh mit Bedacht auf Natürlichkeit eingesetzte Licht ist etwas, was mich an diesem Film immer wieder fasziniert. So erinnern die Innenaufnahmen häufig an Low-Key, so manches Landschaftsbild an High-Key, was auch im Film einen wunderbaren Kontrast bildet.

Fazit

Ich kann und möchte Das weiße Band beinahe bedingungslos empfehlen, jedoch mit der Einschränkung, dass jeder sich zuvor im Klaren sein sollte, dass hier sehr offen und deutlich das Verbrechen an Menschen dargestellt wird.

Es ist ein Film, den ich mit Sicherheit nicht das letzte Mal gesehen habe und der mich wieder für den Einsatz vom Schwarzweiss begeistert hat – und das in einem Film, den man so nicht als „schön“ sondern vielmehr als „schockierend“ bezeichnen kann.

Tipp zum Abschluss: Michael Haneke im Interview über den Film.

* = affiliate Link

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