kwerfeldein
04. Mai 2010 Lesezeit: ~3 Minuten

Ohne Worte



Als kleiner Junge habe ich mich an unser altes Klavier gesetzt, als ich hörte, dass meine Großtante gestorben war. Um das zu verarbeiten, fing ich an, kurze Lieder zu spielen und wusste eigentlich gar nicht, was ich da tat. Mich in die Wonnen der Musik hineinlegen, das war einfach schön, auch wenn die ersten Klänge für einen Aussenstehenden sicher stümperhaft klingen mussten.

Freunde zu finden fiel mir in meiner Kindheit schwer – ich hatte nicht wirklich Ahnung davon, wie man sich „verhält“. Es war nicht leicht, beständigen, guten Kontakt mit meinen Mitschülern zu gestalten. Es fühlte sich an, als ob ich auf einem Auge blind wäre, während alle andere mit beiden Augen sehen konnten.

Aber mit der Musik war es irgendwie anders. Unser Lehrer ließ mich manchmal ein Stück vorspielen, das ich geschrieben hatte – obwohl ich keine einzige Note auf Blatt notiert hatte. Ich spüre jetzt noch den Schweiss in meinen Händen, wenn ich daran denke, wie ich mich damals vor die Klasse setzte und mit den Fingern die Tasten berührte.

Diese Momente waren für mich überwältigend, aber nicht wegen meiner Musik. Nein, weil ich den Eindruck hatte, jetzt würde alles stimmen. Diese Harmonie hatte ich mir eigentlich immer gewünscht. Am Klavier, da musste ich nichts sagen und konnte trotzdem sprechen. Und eigentlich nicht viel falsch machen, weil es ja meine Lieder waren.

Heute fotografiere ich. Und auch jetzt kann ich über meine Bilder mit Menschen ganz ohne Worte kommunizieren. Ich kann ihnen zeigen, wie ich die Welt sehe und was mir dabei wichtig ist. Auch heute bekomme ich schwitzende Hände, wenn ich fotografiere. Wenn ich ein Foto ins Netz lade oder einfach nur einem guten Freund zeige.

Mittlerweile geht es mir nicht mehr darum, eine Harmonie herzustellen, die mir im Leben fehlt. Mein Leben hat sich verändert, ich bin älter geworden und meistens (nicht immer) geht es mir ganz gut. Die Traurigkeit von früher ist zwar nie ganz weg, aber sie dominiert mein Leben nicht mehr.

Fotografieren bedeutet heute für mich, das Wunderbare um mich herum festzuhalten, aus meiner Sicht aufzunehmen, mitzugestalten, und mich darüber zu freuen. Es gelingt mir nicht immer und ich weiß, dass meine Versuche heute vielleicht für manch aussenstehenden Betrachter stümperhaft aussehen mögen.

Doch langsam aber sicher entferne ich mich davon, andere Menschen von meinen „guten Fotos“ überzeugen zu wollen – diesen Kampf kann man nur verlieren. Es geht mir weniger darum, eine äussere Harmonie herzustellen, die mir fehlt. Vielmehr möchte ich den Ausschnitt der Welt um mich herum zeigen, den – und wie ich ihn – wahrnehme. Mit meinen Landschaftsfotos und in manch alltäglichen Bildern.

Das (und viel mehr) ist Fotografieren für mich.

Epilog: Ich habe schon lange kein Klavier mehr angefasst. Die Zeit ist noch nicht reif, aber eines Tages fang ich wieder an.

P.S. Weil in den Kommentaren danach gefragt wurde: Mir geht’s gut ;)

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71 Kommentare

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  1. Hallo Martin,

    es ist schön, immer wieder auch mal etwas persönliches von Dir zu lesen. Ich denke, das macht Deinen Blog auch aus, neben den vielen interessanten Themen über Fotografie auch etwas über den Menschen dahinter zu lesen.
    Deine Ansichten und Einstellungen haben mich schon manches mal inspiriert, doch mit einer anderen Blickweise auf einen Bereich in der Fotografie, aber auch im „normalen“ Leben, zu schauen.
    Ich hoffe, Du findest weiterhin die Energie und die Freude daran, den Weg so weiterzumachen.
    Gruß,
    Matthias

  2. Für mich ist ja dein Blog kein Blog – sondern eine art digitales Tagebuch, indem du deine Gedanken und Gefühle – und manchmal auch einfach nur News präsentierst. Dieser Eintrag bekräftigt dies nur noch.
    Ich finde auch, dass Fotos zu machen eine Art kommunizieren sein kann, bzw muss. Und dabei müssen keine schönen Fotos entstehen – toll wenn sie nebenbei auch schön werden, aber das steht für mich nicht (immer) im Vordergrund.
    Auch deswegen lege ich großen Wert darauf, dass meine Bilder immer eine Geschichte erzählen, weshalb ich die „Beschreiben“ Funktion in Flickr nie ungenutzt lasse. (fast)

    Noch habe ich aber nicht viel Lebenserfahrung, und trotzdem regt ein solcher Eintrag in ein „Tagebuch“ meine Gedanken auf eine tolle Art und Weise an!
    Großen Lob an diesen Artikel!

  3. Du weisst dich zu formulieren, auch und besonders auf emotioneller Basis.

    Wieso nicht öfters?

    Wahrscheinlich auch, weil diese ganzen Gedanken und Gefühle wohl sehr persönlich sind und man sie nicht der ganzen groß-kleinen Welt (je nachdem, wieviele Menschen das lesen. Man weiß es ja nie genau) vollkommen preis geben und man auch noch etwas für sich behalten möchte.

    War auf jeden Fall ehrlich schön zu lesen. Auch interessant vom einem, ich sage mal plump, Genossen mehr aus dessen Kopf erfahren zu können. Da fühlt man sich kurz nicht mehr ganz so alleine, was dieses Kopfgeblubbere angeht. Danke :)

  4. Blogartikel dazu: Tweets die Ohne Worte | KWERFELDEIN | Digitale Fotografie erwähnt -- Topsy.com

  5. Hat mich echt angesprochen! Kenne das auch so ähnlich und kann mich damit identifizieren! Sehr gut und intensiv geschrieben! Wow lange nicht mehr darüber nachgedacht wie gut es mir geht! Danke für die Anregung!

  6. Ohne Worte
    Danke, denn genau das empfinde ich auch. Auch wenn ich noch lange nicht über den Punkt hinaus bin, andere mit meinem Fotos überzeugen zu müssen. Aus irgendeinem Grund trifft es mich hart, wenn kein Feedback kommt.

    Aber – Musik und Fotografie ist wahrlich etwas, womit man ohne Worte alles sagen kann, was einen bewegt.

  7. Schöne Worte, die du da gefunden hast. Ich hab heuer mit dem Klavierspielen begonnen, ohne je diese Erfahrung, die du beschreibst, gemacht zu haben. Dachte mir, jetzt kurz vor meinem 40er ist es endlich Zeit, mehr zu leben und weniger Zeit mit Zwängen, die einen nur stressen, zu verplempern. Einfach überlegen, was einem wichtig ist und auf was man verzichten kann. Das dann umsetzen und schon wird das Leben ein wenig leichter. In meinem Fall ist das eben auch Fotografie und jetzt auch ein wenig Musik :-)

  8. Hallo Martin,
    ich habe schon sehr lange den RSS-Feed Deines Blogs abonniert und lese immer mal so mit. Über die Jahre ist kwerfeldein ja zu einer echten Instanz geworden. Du hast viel Arbeit und Herzblut dafür investiert. Danke und Glückwunsch dazu.
    Trotzdem habe ich bei Deinen Artikeln oft gedacht „ja, nee, klar…“ ;-) wenn Du weißt, was ich damit sagen will. Die kumpelhafte Art (die durchaus nicht unsympathisch ist) hat es immer locker gehalten. Die Texte waren meist angenehme leichte Kost, um ein bisschen „drin zu bleiben“ und „dabei zu sein“.
    War alles gut, war alles schön, hat mich aber selten zum kommentieren angeregt. Entweder war schon alles gesagt, oder andere hatten schon alles kommentiert! :-)))

    Aber heute hast Du wirklich etwas ganz tolles geschrieben. Ich habe bis zum Ende vermutet, gleich wird ein Autor dieses Gastbeitrages genannt. Das ist doch nicht der lockere coole Martin. Der „hey Leude“ mal eben schnell über drei tolle Gadgets abstimmen lässt…

    Danke für diesen wundervollen persönlichen Einblick, rund geschrieben, nicht zu lange ausgeschmückt, nichts Wesentliches weggelassen (wenn, dann ist es nicht aufgefallen ;-)) und ehrlich sympathisch.

    Tom

  9. Wunderschön geschrieben! Absolut ehrlich und mutig. Ich kann mich richtig in dein früheres Ich hineinversetzen.

    Und ein wenig erinnert mich das an mich. Auch ich gehörte an meiner Schule selten richtig „dazu“, weil meine Art zu sein einfach so anders war als die der vielen Ärzte- und RA-Kinder. Fotografie war immer der Bereich, in dem ich einfach ich war, in dem ich niemandem etwas beweisen musste.

    Bewusst war mir das nie, aber nach deinem Artikel denke ich: Das könnte einer der Gründe sein, warum ich gerne fotografiert habe. Hast mich zum Nachdenken gebracht.

  10. Ein sehr guter Artikel, man merkt Du lebst die Leidenschaft Fotografie richtig aus.
    Besonders Dein vorletzer Absatz trifft den Nagel auf den Kopf. Man muss aufhören andere Leute von seiner „Kunst“ zu überzeugen, oder schlimmer, Fotos zu machen, die den „Mainstream“ treffen, nur um der Masse dann zu gefallen.
    Viel wichtiger ist, sich selbst zu entdecken, seinen eigenen Stil zu finden, eben Fotos zu machen die mir wirklich gefallen, die von Herzen kommen.

    Wenn ich Fotografie mit der Musik vergleiche, so finde ich gibt es durchaus viele Parallelen.

  11. Was soll man da als Kommentar schreiben?
    Irgendwie erkenne ich mich in diesen Zeilen wieder. Sogar die Musik ist meine Leidenschaft, im Gegensatz zu dir ist sie immer noch im Vordergrund.
    Und: ich finde es faszinierend, dass du hier dein Inneres so nach Außen kehrst. Meine Hochachtung!

  12. Sehr bewegend, danke für deine Offenheit…ist ja auch nicht jedermanns Sache im Internet so persönliches von sich preis zu geben. Es ist immer wieder schön zwischendurch auch mal etwas persönliches von dir zu lesen. Da fühlen wir uns gleich nicht mehr so allein mit unseren Gedanken. Weiter so!!

    Und den Kommentaren entnehme ich, dass du nicht nur mir, sondern so manchem hier aus der Seele sprichst. Mir ergings in meiner Kindheit ähnlich, ich war nie ein Mensch großer Worte und schwinge auch heute keine großen Reden. Anstatt Klavier zu spielen hab ich mich als Kind mit malen, dichten, basteln ausgedrückt, bis ich dann die Fotografie für mich entdeckt habe. Und meine Mitmenschen müssen meine Fotos auch gar nicht gut finden (tu ich auch nicht immer) aber es ist schön zu wissen, dass sie gesehen, ich gehört werde… auch ohne Worte.

    Liebe Grüße

  13. Eigentlich bin ich jetzt total sprachlos, man braucht doch nur das Klavier gegen eine Blockflöte, Gitarre oder sonst was austauschen, – und schon sieht man sich selbst.

    Toll wie Du es schaffst einem aus der Seele zu sprechen.

    Lieben Gruß

    Nobby

  14. hey martin!
    was soll ich sagen…ein wunderschön bewegender artikel, in dem ich mich selbst so wiederfinde. gerade, was die musik und ihre wirkung auf mich in meiner jugend betrifft.
    ich kann dir nur empfehlen, wieder mit dem musizieren anzufangen.
    es lohnt sich. in jeder hinsicht. gerade, was das aufarbeiten von (alten) gefühlen betrifft, neue zu endecken und für sich ‚eigen‘ zu nennen.
    auch wenn aller (neu)anfang, gerade was die musik angeht, schwer ist.
    weitermachen.

    thomas

  15. Hey Martin,

    Bin gerade nach Hause gekommen, gut angetrunken. Und die Musik zu später Stunde kommt nicht von der Platte sondern zu später Stunde vom PC. Mr Johnny Cash singt von der American III und mir war noch nach dem neuesten Topic auf Kwerfeldein. Du glaubst nicht welche Sympfonie ihr zwei gerade abgebt.
    Heute hab ich mich noch für ein Theaterseminar an die Uni gequält und dort von einer großatigen Schauspielerin folgendes gehört: Kunst hat heilendes Potential! Sie hat das schöner verpackt als ich das in betrunkenem Zustand wiederzugeben vérmag. Die Botschaft bleibt jedoch dieselbe. Danke fürs Teilhaben-lassen!

  16. Wunderschön geschrieben, spricht mir in vielem aus der Seele und der ganze Ton des Artikels bringt in mir eine Saite zum Schwingen. Fotografie und Musik hängen für mich sehr eng zusammen, sind oft nur zwei Seiten einer tieferen Herangehensweise ans Leben. Und was das Klavier betrifft kann ich Dich nur ermutigen, habe mit über Vierzig (wieder) damit angefangen und habe es keine Sekunde bereut. (Naja vielleicht mit Ausnahme der Schrecksekunden, als ich auf Wunsch der Klavierlehrerin meine Tochter bei einem Vorspiel begleitet habe und dabei vor Aufregung völlig eingebrochen bin…)

  17. Eine sehr schöne Geschichte. Ich kann mir das richtig wie in einem Schnulzen-Film vorstellen :-)
    Dazu noch das starke Foto!

    So ähnlich war das bei mir früher auch. Anstatt Klavier war es bei mir Gitarre ;-)

  18. …genau, gut geschrieben.

    Ja, man kann gute Bilder von weniger Guten unterscheiden.
    Ja, man kann Kriterien festlegen und andere Bilder auseinander nehmen.
    Ja, es gehört viel Handwerk dazu, so zu fotografieren, dass es andere anspricht.

    Aber letztlich ist nur das Zusammenspiel zwischen dem Bild und der Geschichte des Fotografen entscheidend. Nur daraus versteht man seine Bilder.

    Gruß Mat

  19. Blogartikel dazu: Fotografie Kreuels – Foto – Natur – Kunst » Blüte unscharf

  20. Hut ab, ich finde es gehört Mut dazu so offen über seine Empfindungen zu schreiben, diese Gabe fehlt mir leider. Vieles von dem was Du schreibst kann ich aus persönlichen Erfahrungen nachvollziehen
    Danke für Deine Worte

  21. Gefühlvoll geschrieben, das spricht einen direkt an und in der ein oder anderen Situation findet man sich selber wieder.
    Ich finde es toll, wie du es umschrieben hast, dass du dich davon entfernst andere Leute von deinen guten Fotos zu überzeugen. Ich bin der Meinung, dass es Momente im Leben gibt, in denen man aufgrund seiner Situation oder momentenen Lage ganz besondere Fotos macht und diese für einen sehr wertvoll sind, obwohl sie für manch einen nicht die Wirkung erzielen, die du dabei empfindest.

    Danke für diesen schönen Artikel.

    Gruß
    Andreas

  22. OHNE WORTE – hat es gut getroffen! Toll das du uns teilhaben lässt!
    Es gibt einige Parallelen zwischen dem was du geschrieben hast und meinem Leben (zu mind. in der Musik). Hat mich berührt und zurück versetzt wie meine erste Fingerbewegung auf den Tasten waren. Auch ich hatte wenige bis keine Freunde. Nur meine (eigene) Musik liebten alle und darin wurde ich bestätigt, leider nur darin. Nun ja! Es war nicht einfach! Die Musik begleite mich noch heute, es ist einfach nur schön und ich bin dankbar!… Hast du sehr schön geschrieben. grüße cagi

  23. Am meisten beeindruckt hat mich in dem Text die Tatsache, dass du soweit mit dir im Reinen bist, niemanden mehr überzeugen zu wollen.

    Wenn ich mir meine eigenen Bilder so ansehe, dann sind es oft diejenigen, die in diversen Communities zwar „durchgefallen“ sind, aber mir persönlich am meisten gefallen und geben.

    Wenn mir dieser Umstand noch klarer wird, dann erreiche ich vielleicht mal eine Bewusstseinsstufe wie du, die ich in höchstem Maße bewundere.

  24. Danke.

    Nach meinen Bedenken, ob ich mich überhaupt in einer Fotogruppe blicken lassen kann und dem mangelnden Selbstbewusstsein, fand ich den Artikel sehr schön.

    Darum fotografiere ich. Um Gefühle auszudrücken. Deshalb zweifle ich auch so sehr an meinen Fotos, weil ich weiß daß ich technisch noch so viel lernen muß bzw. möchte. Viele entstehen eben einfach aus dem Gefühl heraus, das ich damit gerade ausdrücken möchte.

  25. Sehr schön beschrieben wie ich finde.
    Ich fing an zu lesen, und während den ersten Sätzen fing ich an ruhig zu werden. Es ist sehr interessant, was du hier beschrieben hast, und sehr bewundernd. Deine Einstellung beeindruckt mich sehr.
    Viele Grüße, Verena

  26. Hallo Martin,

    danke, dass Du mit Deinem Artikel Mut machst.
    Vielen Dank für die Ehrlickeit und dafür, dass ich mich nicht mehr so unverstanden fühle.

    Alles Liebe,
    die Sternstaubfee