28. April 2010 Lesezeit: ~11 Minuten

Was ist eine gute Bildkritik?

Schon seit Monaten geht mir diese eine, kleine aber nicht unwichtige Frage durch den Kopf, die ihr im Titel findet. Und je mehr ich darüber nachdenke, mich mit anderen austausche und darüber lese, desto häufiger treffe ich auf weitere Fragen, die sich mir in diesem Kontext stellen. Es fühlt sich an, als wäre ich in einem Gang mit vielen Türen. Öffne ich eine, öffne ich hundert Weitere.

So werde ich heute einmal versuchen, ein paar Gedanken zu formulieren, um mich mit Euch vorsichtig an das Thema heranzuwagen. Wie unten in der Erklärung zu den Kommentaren (der Abschnitt über dem Kommentarfeld) möchte ich zuvor betonen, dass es sich hier um keine empirische Ausarbeitung der Thematik mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit handelt.

Vor ein paar Jahren habe ich hier mit dem Video viele Viele Kommentare = gutes Foto? schon einmal offengelegt, dass es zwischen der Anzahl von Kommentaren und der Qualität eines Bildes nicht zwingend einen Zusammenhang geben muss. Zwar gibt es in gewissem Maße eine Korrelation, aber qualitative Schlüsse lassen sich daraus noch lange nicht ziehen.

Weiter ist ein „Tolles Bild!“ keine Kritik, sondern ein subjektives Lob. Die Person, die das Bild kommentiert, mag das Foto. Daran ist nichts auszusetzen – und eine große Anzahl solcher Kommentare ist ebenfalls: Ein kollektives Lob. Viele Menschen mögen das Foto. Das ist nicht schlecht oder gut – nur keine echte Bildkritik.

Falsch. Per Definition – und ich berufe mich hier auf Wikipedia – ist ein Lob eine positive Kritik. Was uns wieder tiefer in das Labyrinth eintauchen lässt, und so folgt die Frage, was denn eine Kritik nun ist. Schauen wir dabei nochmals auf Wikipedia – in dem Bewusstsein, dass auch diese Quelle nicht perfekt ist und nicht jeder diese Referenz für relevant hält. Dort finden wir weiter unten folgenden Satz:

„Kritik bezeichnet heute ganz allgemein eine prüfende Beurteilung nach begründetem Maßstab, die mit der Abwägung von Wert und Unwert einer Sache einhergeht.“

Und da fängt das Problem auch schon an. Warum?

Weil die Fotografie in sich zwar Empfehlungen und Richtlinien führt, die von manchen mehr, und von anderen minder akzeptiert werden, in sich aber keinen begründeten Maßstab hat, der „mit der Abwägung von Wert und Unwert einer Sache einhergeht“. Ein gutes Foto ist ein gutes Foto.

Es folgt ein Beispiel.

Es können sich viele Menschen der Meinung anschließen, dass ein gerader Horizont bei einem Sonnenuntergangsbild „gut aussieht“ – das bedeutet aber noch lange nicht, dass ein Foto mit einem schiefen Horizont schlecht ist. Kein Fotograf der Welt, niemand kann das festlegen. Es mag Gruppierungen geben, ja ganz Deutschland der Meinung sein, dass ein gerader Horizont besser als ein krummer ist.

Darauf folgt eine weitere Frage: Who cares? Und damit kommen wir der Sache schon näher. Echt jetzt.

Who. Cares.

Es gibt Rahmenbedingungen, in denen bestimmte Richtlinien über die Qualität eines Bildes entscheiden können. Ja, die gibt es. Und zwar dann, wenn ein Fotograf, nennen wir ihn mal Horst, eine Absicht und ein klar definiertes Ziel hat.

Horst möchte sein Foto nämlich an eine Werbeagentur verkaufen. Die hat klare Vorgaben, denn sie hat ihn beauftragt, eine Arztpraxis mit Ärzten und Personal zu fotografieren. Die Fotos sollen „frisch, offen und freundlich“ aussehen und später die Webseite der Arztpraxis schmücken.

Wenn Horst, der Fotograf, es schafft, dem Kunden, also der Werbeagentur, ein Foto zu erstellen (meistens sind es mehrere), und die Werbeagentur das/die Fotos annimmt, dann hat er – für die Werbeagentur – ein gutes Fotos gemacht. Die Bestätigung dessen findet er dann auf seinem Bankkonto.

Nun gibt es in diesem Fall – wie oben schon angesprochen – klare Rahmenbedingungen, die zur Beurteilung des Bildes zuträglich sind. Und: Es ist klar, wem das Foto gefallen muss: Der Werbeagentur und, natürlich, den Chefetagen der Arztpraxis.

Hierzu ein Zitat von Lightning-Essentials:

Without knowing what the photographer was trying to say, it is simply impossible to judge. Sharpness? Noise? Saturation? Composition? – All depend on what the artist was trying to say with the work. In a vacuum, critiquing the color can be done, but no one needs criticism that lives in a vacuum.

Behalten wir das mal im Hinterkopf.

Nun zu unserem Foto im Internet

Ein junge Frau, die gerne fotografiert, nennen wir sie Anna, stellt regelmässig Fotos ins Netz. Menschen sind ihr Thema und somit ist ihr Portfolio gefüllt mit Portraits ihrer besten Freunde, Bekannten, und auch ein paar Selbstportraits sind dabei. Wir wissen nicht, was sie mit den Fotos erreichen möchte, sie möchte sie weder verkaufen noch sonstwas. Sie stellt sie einfach ins Internet.

Unter ihren Fotos gibt es eine Kommentarfunktion. Der entnehmen wir, dass Anna sich über ein Feedback sicher freuen würde.

Es folgen nun 6 wirr aus dem Netzalltag entnommene Kommentare und ich versuche einmal, deren Wirkung offenzulegen. Wir stellen uns vor, dass wir die Kommentare unter einem einzigen Foto in Anna’s Portfolio auffinden.

Nummer 1 „Super Foto! Das gefällt mir gut!“

Es ist ein Lob. Der Person gefällt das Foto und sie begründet es nicht weiter. Sollte es viele Kommentare dieser Art geben, weiß Anna nicht viel über das Foto. Aber sie weiß, dass es vielen Menschen gefällt.

Nummer 2
„Ich mag es, wie Du den Mann fotografiert hast. Das Licht von der Seite gibt dem ganzen eine Tiefe und sein Blick aus dem Fenster ist irgendwie nachdenklich. Weiter gefällt mir, wie die warmen Farben in den Lichtern sich mit den kalten Tönen in den Schatten vermengen und so einen feinen Farbkontrast ergeben. Schöne Athmosphäre.“

Auch das ist ein Kommentar, eine positive Kritik. Die Person begründet sogar, warum sie das Foto gut findet. Wenn Anna Lust hat, kann sie der Kritik vieles entnehmen und wenn sie noch mehr Lust hat, beim nächsten Foto darauf achten.

Nummer 3
„Gefällt mir gar nicht“.

Das ist eine Meinung. Jemand mag das Foto nicht. Sollten viele dieser Kommentare auftauchen, weiß Anna wiederum nicht viel über ihr Foto, doch sie weiß, dass es scheinbar vielen Leuten nicht gefällt. Es ist keine besonders gute Kritik, und da stimme ich ich Seth Godin zu, wenn er sagt:

If a critic tells you that, “I don’t like it,” or “this is disappointing,” he’s done no good at all. In fact, quite the opposite is true. He’s used his power to injure without giving you any information to help you to do better next time. Worse, he hasn’t given those listening any data to make a thoughtful decision on their own. Not only that, but by refusing to reveal the basis for his criticism, he’s being a coward, because there’s no way to challenge his opinion.


Nummer 4
„Hm. Die Situation ingesamt finde ich schön, aber irgendwie sagt es mir doch nicht so zu.  Ich hätte es Schwarzweiss gemacht und der Blick aus dem Fenster – ich weiß nicht. Die Person wendet sich ab von mir, das spricht mich so überhaupt nicht an. Ich mag es, wenn Menschen direkt in die Kamera schauen. Ach, noch eines: Was hältst Du davon, mal einen Blitz einzusetzen, um die starken Schatten etwas aufzuhellen?“.

Das ist ebenfalls eine Meinung, und sogar auch eine konstruktive Kritik. Die Person bleibt bei sich und schildert ihre Wahrnehmung. Sie respektiert Annas Person, begründet aber dennoch, warum ihr das Foto nicht gefällt. Ausserdem stellt sie eine Frage, und lädt Anna ein darüber nachzudenken oder gar zurück zu schreiben.

Nummer 5
„Was ist das denn? Du hast Dir scheinbar gar keine Gedanken gemacht. Das Foto in sich ist schon so schlecht komponiert, und die Farbe ist ja mal dermaßen Fehl am Platz. Ausserdem: Das Foto hat kein 100%iges Schwarz! Ich habe in Photoshop nachgemessen und diesen Fehler solltest Du nicht wiederholen. Und: Warum fotografierst Du eigentlich Menschen? Langeweilig! Das! ist! kein! gutes! Portrait!“

Ebenfalls eine Meinung. Die Person schildert aus ihrer Sicht, warum ihr das Foto nicht gefällt, jedoch ist der Ton wesentlich unfreundlicher als beim Kommentar zuvor. Der Kritiker stellt Vermutungen an, die verallgemeinernd sind („Du hast Dir scheinbar keine Gedanken gemacht“) und – obwohl die Person gar nicht weiß, warum Anna die Fotos ins Netz stellt – führt Bewertungen ein, die hier (und das ist jetzt meine Meinung) fehl am Platz sind: Das Foto hat kein 100% Schwarz und das ist ein Fehler. So sieht kein gutes Portrait aus.

Nummer 6 „Scheiß Foto. Du bist einfach zu schlecht, um Menschen zu fotografieren.“

Auch eine Meinungsäußerung. Dem Kommentator scheint das Foto ebenfalls nicht zu gefallen, er geht aber noch einen Schritt weiter: Er beurteilt Anna’s grundsätzliche Fähigkeit, Menschen zu fotografieren. Wie alle anderen Kommentatoren legt er sein eigenes Wertesystem an sie an. Es gibt nichts, was Anna aus diesem Kommentar lernen kann. Im schlimmsten Fall fühlt Anna sich persönlich angegriffen, was nicht unbedingt förderlich ist, das hängt aber von ihrer Person ab. Im besten Fall wird sie diese Kritik ignorieren.

Was ist also eine gute Bildkritik? Darauf in einem Satz zu antworten wäre sehr schwierig. Denn es spielen viele Faktoren in diese Frage mit ein und ich habe einmal versucht, Teilaspekte zu beleuchten. Dabei wurde sicherlich auch klar, was, wohlgemerkt in meinen Augen, keine gute Bildkritik ist.

Zwischen-Fazit

Ich bin der Meinung, dass die Art und Weise, wie eine Kritik formuliert wird, in großem Maße beeinflusst, ob der Kritik von Seiten des Fotografen auch die Bedeutung beigemessen wird, die ihr entspricht. Respekt und Achtung der Person spiegeln sich auch (oder erst Recht) in der Wortwahl.

Ausserdem ist es hilfreich in diesem Setting zu begründen, warum eine Sache nicht gefällt oder was daran zu kritisieren ist. Das darf auch ehrlich, direkt und hinterfragend sein. Auf ungünstige Dinge darf hingewiesen werden und da braucht man – unter Berücksichtung des ersten Punktes, Respekt – auch kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Dafür ist es aber wichtig, zu wissen, was der Fotograf mit seinem Foto erreichen wollte. Welches Ziel hat der Fotograf mit diesem Foto? Das ist sicherlich eine gute Frage. Wenn diese nicht zu beantworten ist, wird es auch schwer sein, eine gute Kritik abzugeben.

Und zum Schluss möchte ich bemerken, dass wir alle – dann, wenn wir das Werk anderer kritisieren – ruhig auchmal darauf schauen können, ob wir auf dem kritisierten Gebiet ebenfalls gute Leistungen vorzuweisen haben, bevor wir auf die Fehler der anderen deuten. Und so folgt nun das bekannte Sprichwort:

„Aber was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

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