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09. April 2010 Lesezeit: ~ 7 Minuten

Von Kaninchen, Schlangen und von Kreativität.

Ein Geständnis: Ich saß wirklich ein bisschen wie das Kaninchen vor der Schlange, als mich über Twitter eine Direct Message von Martin erreichte. Ob ich einen Gastbeitrag für Kwerfeldein schreiben wolle, fragte er. War das wirklich denkbar für mich? Mein eigenes Blog ist wohl beschreibbar als die verrückte Hutmacherversion eines Photoblogs, und kaum mit dem, was hier passiert, vergleichbar.

Ich war mir also alles andere als sicher, ob es mir wirklich möglich wäre, für das hiesige Publikum zu schreiben, ohne mich zu sehr zu verbiegen. Und dennoch: Ich war wie elektrisiert von dem Gedanken, denn die Aktion war damit etwas, das ich für mein Leben gern tue: Ein Experiment. Und genau darum soll auch dieser Artikel gehen: Um Experimente, Kreativität und die eigene Handschrift in der Photographie.

Aber keine Sorge, ich werde Euch den Vortrag darüber ersparen, warum meiner Meinung nach die Prinzipien des Surrealismus und das Zufallselement des Dadaismus wieder Einzug in die Photographie halten sollten, ich werde keinen Rant über die Einfallslosigkeit der populären Lichtmalerei im Gegensatz zu anderen kreativen Genres der bildenden Kunst verfassen und Euch auch nicht zu erklären versuchen, warum kurzfristige Beliebtheit und viele Favoriten bei Flickr auf lange Sicht so wenig über den Wert von Bildern aussagen wie die Pop-Charts über die Qualität von Musik. Ich werde euch nicht mit Kunsttheorie oder Polemik nerven.

Beginnen wir stattdessen mit einer Zweiteilung: Ein Gegenteil des Experimentes ist die Gewohnheit. Das, was wir experimentell nennen, ist also die Durchführung einer Tätigkeit, die mit Gewohnheiten bricht. Radfahren ist kein Experiment für die meisten von uns, wohl aber für denjenigen, der es noch nie zuvor getan hat. Vielleicht findet er Gefallen daran und wiederholt es so lange, bis es zu einer Gewohnheit wird. Vielleicht aber bleibt es für ihn ganz persönlich nur ein einmaliger Versuch.

Auf die Photographie übertragen heißt das: Guckt Euch doch bitte mal um, lauft mit offenen Augen durch die Straßen. Werft Euer Auge in Zeitschriften, auf Poster, in Photogalerien: Fällt Euch dort etwas aus? Richtig: Es ist alles so wenig bunt hier, was die verschiedenen Stile betrifft. Die Modelabels geben uns einen photographischen Stil vor und wir eifern ihm allesamt nach. Wir übernehmen die Gewohnheiten der kommerziellen Hochglanzindustrie, ohne uns darüber Gedanken zu machen, weil wir durch die alltägliche Begegnung mit diesen Bildern auf deren Ästhetik programmiert sind.

Ist das der richtige Weg? Ich denke nicht. Zumindest nicht für diejenigen von uns, die die Photographie, und hier folgt die nächste Zweiteilung, als Kunst, nicht als Handwerk betrachten. Natürlich gibt es im echten Leben diese Zweiteilungen nicht. Es gibt kein schwarz und kein weiß. Es gibt nur Graustufen.

Welchen Vorteil aber habe ich als Photograph davon, wenn ich mich dem Stil der anderen, vielleicht sogar auf radikale Wiese, entgegenstelle, abgesehen von der reinen Befriedigung, nicht mit der Masse zu schwimmen? Die Antwort lautet: Eine eigene Handschrift. Die Entwicklung einer ureigenen Handschrift in ihren Bildern, das ist das, was wirklich große Photographen von der Masse der namenlosen H&M-Katalogablichter unterscheidet, was einen Edward Weston, einen Ansel Adams oder David LaChapelle ausmacht.

Und vielleicht sind es eher diese zeitlosen, großen Namen, denen wir wirklich nacheifern sollten, anstatt uns für seelenlose Technik übermäßig zu begeistern und in Foren seitenweise über den Unterschied zwischen den im letzten Jahr neu erschienenen Objektiven zu diskutieren. Versteht das nicht falsch: Natürlich ist das Handwerk wichtig. Aber ist es wirklich wichtig, eine Kamera zu besitzen, die zwei Bilder mehr pro Sekunde photographiert? Oder sich darüber überhaupt erst Gedanken zu machen?

Ein paar meiner aus meiner subjektiven Sicht besten Photos machte ich mit einem selbstgebauten Lochkameraobjektiv, das aus nichts anderem als einer Pappdeckelabdeckung über dem Body einer Canon-DSLR bestand. Martin hat vor einiger Zeit selbst mit dem Abkleben des Displays experimentiert, um eine ursprünglichere Sicht auf die Photographie wiederzugewinnen. Was ist denn eigentlich aus der praktischen Umsetzung des Witzes mit dem Koch und dem Photographen geworden? Kauft Euch Lomos, Spielzeugkameras, bastelt Lochkameras und euere eigenen Objektive. Zerlegt alte Objektive und baut sie neu zusammen. Do it yourself.

Natürlich braucht man Inspiration. Jeder Mensch, der kreativ tätig ist, braucht geistige Anregungen in irgendeiner Form. Aber die Frage ist: Woraus zieht man seine Inspiration für die Photographie? Aus anderer Photographie? Diese Idee mutet mir etwa so absurd an, wie ein Schriftsteller, der selbst nichts erlebt und die Gefühle, über die er schreibt, nur aus anderen Büchern kennt. Dabei kann alles zur Quelle für Inspiration in der Photographie werden, allen voran natürlich die Beobachtung der Natur, die Literatur, aber auch die Popkultur, Musik, das bunte, wirre Leben.

Warum nicht Szenen aus Euerem Lieblingsroman oder Film in abstrakter Weise photographisch illustrieren, die Kamera mit Self-Timer hoch über euch werfen, Euere Freunde wirr anpinseln oder mit Doppelbelichtungen und Lightpaintings experimentieren, eine Serie, die nur aus Zeigefingern von Menschen besteht oder Leuten, die Kopfstände machen? Warum nicht Ereignisse aus der eigenen Vergangenheit nachstellen und ablichten oder Reportagen aus dem alltäglichen Leben photographieren?

Man muss sich nur bewusst machen: Alles ist erlaubt und jede verrückte Idee ist machbar. Vergesst doch einfach mal komplett die ganzen Regeln, die ihr so lange gelernt habt (natürlich sind Bildgestaltungsregeln wichtig, aber es ist noch wichtiger, sie zu hinterfragen und ihnen nicht einfach nur zu folgen) und photoshopped den Menschen ein drittes Auge rein, wenn es Euch gefällt und es gut aussieht, macht absichtlich fehlfokussierte Bilder mit tollem Bokeh, experimentiert mit neuen Formaten, überblendet Euere Bilder mit bunten Texturen und denkt dabei immer daran:

Jeder neue Photo-Trend, war zu Beginn ein Experiment, das nach und nach den Gefallen der Menschen fand. Und so lange das Experiment keine allzu offensichtliche Kopie von etwas bereits Dagewesenem ist, werden die Leute euch dafür wertschätzen, dass ihr ihnen Ideen und gutes Kopfkino liefert.

Ihr müsst deswegen natürlich nicht gleich zu radikalen Avantgardisten werden, die alles, was die Mehrheit macht, als nutzlos wieder verwerfen und zu neuen Ufern aufbrechen, wohin ihnen nach einiger Zeit vielleicht wieder die Masse folgt. Aber einfach mal ein bisschen um die Ecke denken ist wirklich gut: Spätestens dann, wenn das erste Mal jemand über eines Euerer Bilder sagt: „Ich hätte gewusst, dass das Bild von Dir ist, auch wenn Dein Name nicht darunter stünde“, dann wird Euch klar:

Das Experiment zahlt sich aus.

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63 Kommentare

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  1. Blogartikel dazu: Tweets die Von Kaninchen, Schlangen und von Kreatitität. Über Originalität in der Photographie | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel erwähnt -- Topsy.com

  2. Schöner Artikel!
    Bitte mehr davon, vielleicht auch mal ein Artikel, der die technische Seite, speziell Bearbeitung am Rechner, z.B. vom Bild ‘The Melody’, erklärt.

  3. Der erste Schritt zu einer eigenen Handschrift sind sicherlich eigene Ideen.

    Doch nicht selten mangelt es bereits an dieser Grundvoraussetzung. Ideen zu sammeln ist wiederum auch nicht der Grund an dem die Anfertigung eines wirklich gutes Foto scheitert, sondern leider übersehen wir allzu oft welch harte Arbeit es bedeutet eine gute Idee bis zum endgültigen Ergebnis zu entwickeln und hartnäckig weiter zu verfolgen.

    Gerade aus diesem Grund lieber Martin gefallen mir Deine Artikel besonders gut und auch der heutige Beitrag von Sebastian geht in dieselbe Richtung.

    Gute Bilder entstehen nun einmal nicht von selbst, sondern sind stets ein Resultat guter Vorbereitung… :-)

    Viele Grüße
    FOTOQUIP

  4. Sehr poetisch. Ich mag deinen Schreibstil :)

    Ganz ehrlich: Die Fotos mag ich größtenteils nicht. Muss ich aber auch nicht, ist ja Geschmackssache! Aber die Experimentierfreude ist denke ich einer der Hauptbestandteile der Kunst – insofern machst du alles richtig.

    Ich finde es auch toll, dass du den Spruch “Der Fotograf macht die Fotos, nicht die Kamera” mal etwas ausgeführt hast. Vielleicht verstehen es einige Hardcore-Foren-User dann besser :)

    Camera Tossing ist geil :P

  5. Echt toller Artikel! Das mit der Lochkamera probier ich gleich mal aus.

    An Martin Gommel:
    Was mir in letzter Zeit ein bisschen negativ auffällt: Werden die Artikel eigentlich mal auf Rechtschreibfehler überprüft (siehe Headline!)?

    • @Jochen: Oh, habs gleich mal korrigiert. Danke für die Rückmeldung. Was die Korrektur betrifft gebe ich mir Mühe – aber nicht immer gelingt es mir, jeden Fehler auszumerzen. Aber ist gut, dass Du mich nochmal draufhinweist, werde dann nochmal mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden ;)

  6. Wahnsinns Artikel, ganz großes Kino.
    Ich selbst stecke derzeit in einer Phase, in der ich meinen eigenen Stil suche und alles was ich mache, irgendwie mies oder langweilig wirkt, weil es nicht der Qualität von anderen (Flickr-)Fotografen entspricht.
    Dein Artikel hat mir wirklich geholfen meinen Fokus wieder auf mich selbst und meine Vorstellungen zu setzen, danke!

  7. @FOTOQUIP: Es ist sicherlich richtig, dass ein gutes Bild in den meisten Fällen exakte Planung und Ideen braucht, die im Vorfeld entwickelt wurden. Aber genauso wichtig ist es auch, spontan zu bleiben und dann on Location mit den vorhandenen Mitteln Sachen auszuprobieren – nicht jedes Experiment gelingt :). Aber dazu braucht es auch Models, die in Dich vertrauen (wenn Du mit Menschen arbeitest).

    @Luca: Das ist völlig ok, ich will gar nicht, dass jeder meine Bilder mag. Am Ende ist es meiner Auffassung nach besser, jemanden zu haben, der sagt: “Ich mag Deine Bilder nicht” als jemanden, der schulterzuckend dran vorbei geht und keine Meinung dazu hat, weil die Bilder wie die von hunderttausend anderen Photographen aussehen.

  8. Sebastian, Du hast das Thema Kreativität in der Fotografie schön beschrieben. Was mich jetzt beschäftigt bzw. verwirrt, ist die Kurzweiligkeit von Bildern. Fotografiere z.Z. sehr viel mit dieser Hipstamatic IPhone App. Das macht wirklich Spaß und ist sehr kurzweilig. Was mich zu der anderen Seite bringt, meinen Aufnahmen mit professionellen Mitteln. Die wären dann, wendet man die deutsche Sprache ‘richtig’ an – langweilig *g* … halt mit einem anderem Sinn :-) – dauerhaft würde besser passen – aber was ist davon wieder das Gegenteil??? Egal – ich habs genossen. Danke sehr!

    lg Chris

  9. Danke für den tollen Artikel. Deine Einstellung gefällt mir sehr gut. Leider ist es manchmal schwierig neben einem Fulltime Job in der Freizeit kreativ zu sein.

    Was die Rechtschreibfehler angeht. Wenn man sich wirklich auf den Inhalt der Artikel konzentriert, dann sollten einem gar keine Fehler auffallen.
    Genauso sollte man in Zukunft bei Fotos mehr auf den Inhalt achten und weniger auf die richtige Belichtung, Bearbeitung, etc.

    @Jochen: die kleinen Fehler machen den Blog eher symphatisch!

  10. @Chris: Die Hipstamatic-App benutze ich in letzter Zeit auch recht oft. Was mich aber daran deutlich stört ist die Tatsache, dass man nur eine begrenzte Auswahl von Styles hat, die auf das Bild gepackt werden, was die Resultate zwar nett aussehen, aber schnell austauschbar werden lässt. Andersrum formuliert: Alles von Hand selbstgemacht ist immer besser, auch im digitalen Zeitalter und in Bezug auf Photoshop und digitale Photographie. Man sieht leider immer wieder, dass gerade Anfänger in Bildbearbeitung den Fehler machen, zu glauben, dass man die coolsten Sachen nur mit Plugins und Effekten erreichen kann. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

  11. Wow. Okay, Deine Schreibe ist wie ein Strudel.. sehr.. mitreißend. :) Muss ich doch gleich mal schauen, dass ich mehr davon finde!

    Ich experimentiere übrigens recht häufig, wenn auch bei weitem nicht gut genug.

    Liebe Grüße,
    die Sternstaubfee

  12. @Raventhird: Nicht ganz – genau durch diese Limitation wird diese App wieder interessant von den fixen Rahmen mal abgesehen. Hab mir schon gedacht, was man alles an der App verbessern könnte, fikt. Imagestabilizer, grössere Anzeige, Voransicht des Bildergebnisses usw. aber dann wäre es ein viel leichteres, damit interessante Fotos zu machen. Dieser Zufallsaspekt ist genau deswegen sehr attraktiv.

  13. Sehr faszinierender Artikel! ich musste dabei sofort an ein Zitat aus einem anderen Text denken, den ich letzthin gelesen habe.

    “…das verführerische Paradox, eine Ausnahme zu fordern, um sie für allgemeingültig zu erklären.”

    Darin gings um Surealisten, dass passt also ganz gut ;)
    Das Zitat ist auch immer mehr mein leitendes Motiv in meinem Designstudium. Beim Fotografieren suche ich aber noch einen etwas anderen Stil. Da nagt gerade noch der Selbstzweifel.

  14. Es ist schwer die eigene Handschrift zu behalten, wenn doch jeder Grundgedanke und jede Idee schon einmal da war. Ich höre aber trotzdem nicht auf daran zu “arbeiten”. Jede Vorbereitung auf ein Foto beansprucht großes Denken, zumindest bei mir. Vielleicht sollte ich einfach mal aufhören zu denken und einfach machen =) Dieser Konflikt erreicht mich in letzter Zeit immer öfter. Überlegte oder spontane Fotos…

    Dein Artikel hat mich von meinem Dasein gerade völlig weggerissen, das gefiel mir, danke =)

  15. @ChrisW: Im Rahmen von Limitationen zu experimentieren ist richtig super – siehe Twitter :). Aber das Problem bei der Hipstamatic-App ist, dass die Limitation sich sehr auf den Stil auswirkt bzw. den Stil schon sehr festlegt (mal abgesehen von ein paar Zufallseffekten und drei, vier “Linsen”, die es gibt).

  16. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich fand ich diesen Artikel richtig gut und grade dadurch, dass er anders ist, sehr erfrischend! Nicht zuletzt von der rhetorischen Seite…;-)

    Am Ende hätte ich dennoch gerne gewusst, warum Dadaismus und Surrealismus wieder Einzug in die Fotografie erhalten sollten, aber naja, vielleicht kommt das ja ein andern Mal!

    Die Fotos finde ich übrigens richtig klasse und machen tatsächlich Lust darauf, selbst Sachen auszuprobieren. Und auch Deine teils extrem gewählten Formate steigern die Experimentierlust ungemein…:)

    Viele Grüße,

    Julian

  17. Feiner Artikel. Das erste Bild ist äußerst gelungen.
    Kurz zusammengefasst sagt der Artikel: “Alles ist erlaubt… und erwünscht.”
    Eine eigene Handschrift ist etwas das sich langsam entwickeln muss und nicht erzwungen werden kann (und wahrscheinlich auch nicht von jedem Betrachter erkannt wird). Eine eigene Handschrift kann aber auch einschränkend sein, wenn ich konventionalistisch jedes Bild damit versehen muss. Das würde mich in meiner Experimentierfreudigkeit wiederum einschränken.

  18. Ein ganz toller Artikel, super mitreissend und wirklich inspirierend! Besonders gefallen hat mir der Satz “Es gibt kein schwarz und kein weiß. Es gibt nur Graustufen.”, auch wenn oder gerade weil er nicht unbedingt mit Fotographie zu tun hat.
    Ich freu mich schon auf dein nächstes Gastspiel hier!

  19. Der Beitrag hat mich einfach gefesselt. Zum einen dein Schreibstil (und damit ist wohl wieder ein Blog hinzu gekommen den ich verfolgen werde)und zum anderen war vieles dabei, in dem ich mich wiedergefunden habe und es einfach nicht hätte besser audrücken können.

    Toller Artikel, würde mich über mehr freuen =)

  20. @Raventhird: Gebe Dir vollkommen Recht! Ich habe nur einen Artikel von Martin im Hinterkopf der im Fazit besagt, dass gute Resultate nicht vom Himmel fallen.

    Spontanität schließt Fleiß nicht aus, z.B. in der Nachbearbeitung. Jeder hat sich – sicher nicht nur einmal -selbst dabei ertappt Resultate zu schnell und selbstverständlich zu erwarten… ;-)

  21. @FOTOQUIP: Gute Bilder entstehen nun einmal nicht von selbst, sondern sind stets ein Resultat guter Vorbereitung…

    Da möchte ich ganz entschieden widersprechen (nur gegen den Teil dieser Aussage nach dem Komma).

    Wie Sebastian schon geschrieben hat, ist auch Spontanität sehr wichtig.
    Es gibt Motive – zB. in der Dokumentar-Photographie – die eine Vorbereitungszeit nicht zulassen, und sicher gibt es auch Artisten, die diese nicht zwingend benötigen.
    Das kommt wohl auf die betreffenden Motive, bzw. Photographen an.

    Was jeder gute Photograph in erster Linie braucht, ist ein gutes Auge und die Fähigkeit seine Wahrnehmung umzusetzen.
    Ohne geht’s nicht.
    Man kann das trainieren, einiges kann man mit theoretischen Sehgewohnheiten (goldener Schnitt ect.) erklären, bei manchem ist dieses Wissen, oder dann besser Gefühl, angeboren.

    Ohne diese Voraussetzungen – das unterstelle ich jetzt mal einfach – bleibt ein Experiment ein Experiment, mit ungewissem Ausgang, und alle Vorbereitung der Welt wird nicht dabei helfen, gute Bilder zu machen.

    Erst danach – und das wird in dem Artikel ignoriert – ist ein wenig technisches Wissen nicht unwichtig.
    Es gibt da noch einen Unterschied zwischen Handwerk und technischen Daten.
    Wenn ich weiß, wie sich welche Einstellung auf das Ergebnis auswirkt, erweitert das meinen kreativen Spielraum enorm – und das ohne oder mit wenig Vorbereitungszeit.
    Insofern ist natürlich auch gutes Werkzeug – eine Kamera, bei der man möglichst vieles manuell einstellen kann, gut und hilfreich, aber nicht zwingend notwendig.

    Das ist nicht nur in der Malerei so: Nur wenn ich die Regeln (bzw. Technik) kenne, kann ich sie missachten.

    Was diesen Artikel betrifft, ich finde ihn sehr gut als Anregung zur Ideenfindung, jedoch bezweifle ich, dass man, indem man eine Kamera mit Selbstauslöser in die Luft wirft, seinen eigenen Stil findet. Ein Glücksspiel wie beim Roulette, wenn dabei überhaupt etwas herauskommt, im Zweifelsfall ist die Kamera kaputt.

    Auf jeden Fall enthält er einige Wahrheiten, denen ich bedenkenlos zustimme.
    Es kann kein Fehler sein, andere Wege als die bereits bekannten zu finden, um sich auszuprobieren.

    Letztendlich bleibt die Suche nach dem eigenen Stil und die damit verbundene Vorgehensweise aber eine Frage des persönlichen Geschmacks.
    Man braucht nicht irgendwelche Romane nachstellen, oder radikal photoshoppen, um eine eigene Handschrift zu finden.
    Manchmal genügt es einfach, ein wenig zur Seite zu treten von den üblichen Sehgewohnheiten, einen anderen Blick zu suchen, Details wahrzunehmen, die in der Masse an (Bild-)Informationen üblicher Weise untergehen und diese selbsteigene Perspektive abzubilden.

  22. Hallo Cindy,

    ein riesiges Dankeschön für Deinen langen Diskussionsbeitrag. Endlich kommt hier mal richtig Leben in die Kommentarbude ;). Ich antworte mal mit Zitaten aus meiner eigenen Sicht:

    „Was jeder gute Photograph in erster Linie braucht, ist ein gutes Auge und die Fähigkeit seine Wahrnehmung umzusetzen. (…) Man kann das trainieren, einiges kann man mit theoretischen Sehgewohnheiten (goldener Schnitt ect.) erklären, bei manchem ist dieses Wissen, oder dann besser Gefühl, angeboren.“

    Das ist sehr richtig, auch wenn ich eigentlich ein Gegner dieser Genie-Theorie bin, nach der man entweder mit Talent gesegnet ist oder nicht. Was man als Photograph als allererstes und allerwichtigstes braucht, ist ein Auge für Motive und ein Empfinden dafür, ob etwas funktioniert oder nicht. Aber: Das kann man, wie Du schon sagst, trainieren. „Angeboren“ ist es wohl bei niemanden, man wird geprägt durch die Sozialisation und davon, was und wie viel Kunst in jeder Hinsicht man sich anguckt bzw. selbst macht. Dann entwickelt man ein in eine bestimmte Richtung geprägtes Auge.

    „Erst danach – und das wird in dem Artikel ignoriert – ist ein wenig technisches Wissen nicht unwichtig.“

    Nein, das habe ich sicher nicht ignoriert, sondern nur in einem Nebensatz gelassen, weil ich bewusst ein Gegengewicht zu den vielen technischen Artikeln bilden wollte. Je mehr Sachen ich an der Kamera manuell einstelle und je mehr Möglichkeiten ich habe, mit denen ich umzugehen weiß, umso breiter wird auch mein Spielraum in Sachen „Neues ausprobieren“.

    „Das ist nicht nur in der Malerei so: Nur wenn ich die Regeln (bzw. Technik) kenne, kann ich sie missachten.“

    Exakt das.

    „jedoch bezweifle ich, dass man, indem man eine Kamera mit Selbstauslöser in die Luft wirft, seinen eigenen Stil findet. Ein Glücksspiel wie beim Roulette, wenn dabei überhaupt etwas herauskommt, im Zweifelsfall ist die Kamera kaputt.“

    Du pickst in dem Fall allerdings einfach ein paar Beispiele raus und willst daran ein Gegenargument stricken. Natürlich ist die Beispiele, die ich gebe, schon sehr experimentell, aber sie sind auch nötig, um es zu illustrieren. Die generelle Linie, auf die ich damit gehen wollte und will, ist die, dass man eigene Wege finden soll, wie man an Photographie rangeht. Und wenn dazu gehört, die Kamera in die Luft zu werfen, dann gehört das eben dazu. Hast Du schon mal was von „Camera Tossing“ gehört? Das ist nämlich tatsächlich ein eigenes kleines Genre geworden. Man findet seinen Stil, indem man Dinge ausprobiert, am besten solche, die man selbst erfindet und guckt, was davon einem liegt und wo man sich wohlfühlt. Und eben nicht, indem man irgendetwas nachmacht, auch nichts von dem, das in dem Artikel steht, denn das sind eben meine eigenen spontanen Ideen. Ich rufe genau zum Gegenteil auf als dazu, irgendetwas nachzuahmen ;).

  23. Hallo Sebastian,

    besten Dank für die Antwort, gleichfalls!

    Ein gutes Auge zu haben hat nicht unbedingt mit Genie zu tun, sondern mit der Art und Weise, seine Umwelt wahrzunehmen.

    Als visuell denkender Mensch fällt es mir beispielsweise meist schwer, mir Worten umzugehen. Mit einem Deutschlehrer als Vater bin ich zwar eindeutig geprägt, trotzdem fällt es mir oft schwer im alltäglichen Leben, die richtigen Worte zu finden. Ich glaube schon, daß mir ersteres eher im Blut liegt.

    Was deinen Nebensatz angeht, schriebst du genau genommen über technische Merkmale von Photoapparaten, nicht über das Wissen, was man damit bewirken kann.

    Aber ich gebe dir ja Recht, denn die Technik – was auch immer damit gemeint ist – ist eben nicht entscheidend.

    Viel mehr ist es meiner Meinung nach der eigene Blick, der den Stil ausmacht.

    Mir gefällt der Absatz in deinem Artikel wirklich gut:
    „Alles ist erlaubt und jede verrückte Idee ist machbar…“

    Ich stricke hier kein Gegenargument, ich behaupte aber, daß man auch auf anderen Wegen zum Ziel kommen kann, zB. durch blosse Beobachtung.

    Jeder Mensch sieht andere Dinge, wenn er sich die Zeit dafür nimmt.
    Wie du aber richtig bemerkt hast, werden werden wir in unseren Gewohnheiten gelenkt von genormten Bildern, die eines gemeinsam haben: Sie sind so gestrickt, dass sie einer Mehrheit gefallen. Es gibt nichts besonderes, das uns als Zielgruppe von einer eventuellen Kaufentscheidung abbringen könnte.

    Das Besondere zu sehen und abzubilden, ist aber das, was einen guten Photographen ausmacht.

    Wie jemand dahin kommt, ist eine individuelle Sache.
    Manchem nützt es, spielerisch heran zu gehen, und zu experimentieren.
    Aber das ist eben nicht jedermanns Sache und kann uU. auch vom Ziel ablenken.

    Viel wichtiger ist, seine eigene Perspektive zu trainieren, sich nicht vom Mainstream einnehmen zu lassen, dann kann man auch in den alltäglichsten Dingen ein Kunstwerk finden.

  24. Blogartikel dazu: 5 Jahre kwerfeldein.de | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel

  25. lieber martin,

    unglaublich, dass schon fünf jahre vergangen sind.
    mach weiter so, ich glaube wir wissen alle noch nicht, zu was kwerfeldein.de noch alles fähig ist.
    ich freue mich sehr, dass ich diese entwicklung von anfang an beobachten konnte.

    viel glück weiterhin!

    grüße aus koblenz
    sven

  26. Blogartikel dazu: Fundstücke im Netz: Dinge, die mich inspirieren | jorni.de

  27. Blogartikel dazu: Kunst, Fotografie & Schwerelosigkeit | KWERFELDEIN | Digitale Fotografie

  28. Blogartikel dazu: Kreativität beim Fotografieren : steven.at [ life in a frame ]

  29. Blogartikel dazu: Damien Walters 2010 {oder: wie mich ein Akrobat inspiriert hat} | KWERFELDEIN | Digitale Fotografie

  30. Blogartikel dazu: Manipulationsphobie | KWERFELDEIN | Fotografie Magazin