09. April 2010 Lesezeit: ~7 Minuten

Von Kaninchen, Schlangen und von Kreativität.

Ein Geständnis: Ich saß wirklich ein bisschen wie das Kaninchen vor der Schlange, als mich über Twitter eine Direct Message von Martin erreichte. Ob ich einen Gastbeitrag für Kwerfeldein schreiben wolle, fragte er. War das wirklich denkbar für mich? Mein eigenes Blog ist wohl beschreibbar als die verrückte Hutmacherversion eines Photoblogs, und kaum mit dem, was hier passiert, vergleichbar.

Ich war mir also alles andere als sicher, ob es mir wirklich möglich wäre, für das hiesige Publikum zu schreiben, ohne mich zu sehr zu verbiegen. Und dennoch: Ich war wie elektrisiert von dem Gedanken, denn die Aktion war damit etwas, das ich für mein Leben gern tue: Ein Experiment. Und genau darum soll auch dieser Artikel gehen: Um Experimente, Kreativität und die eigene Handschrift in der Photographie.

Aber keine Sorge, ich werde Euch den Vortrag darüber ersparen, warum meiner Meinung nach die Prinzipien des Surrealismus und das Zufallselement des Dadaismus wieder Einzug in die Photographie halten sollten, ich werde keinen Rant über die Einfallslosigkeit der populären Lichtmalerei im Gegensatz zu anderen kreativen Genres der bildenden Kunst verfassen und Euch auch nicht zu erklären versuchen, warum kurzfristige Beliebtheit und viele Favoriten bei Flickr auf lange Sicht so wenig über den Wert von Bildern aussagen wie die Pop-Charts über die Qualität von Musik. Ich werde euch nicht mit Kunsttheorie oder Polemik nerven.

Beginnen wir stattdessen mit einer Zweiteilung: Ein Gegenteil des Experimentes ist die Gewohnheit. Das, was wir experimentell nennen, ist also die Durchführung einer Tätigkeit, die mit Gewohnheiten bricht. Radfahren ist kein Experiment für die meisten von uns, wohl aber für denjenigen, der es noch nie zuvor getan hat. Vielleicht findet er Gefallen daran und wiederholt es so lange, bis es zu einer Gewohnheit wird. Vielleicht aber bleibt es für ihn ganz persönlich nur ein einmaliger Versuch.

Auf die Photographie übertragen heißt das: Guckt Euch doch bitte mal um, lauft mit offenen Augen durch die Straßen. Werft Euer Auge in Zeitschriften, auf Poster, in Photogalerien: Fällt Euch dort etwas aus? Richtig: Es ist alles so wenig bunt hier, was die verschiedenen Stile betrifft. Die Modelabels geben uns einen photographischen Stil vor und wir eifern ihm allesamt nach. Wir übernehmen die Gewohnheiten der kommerziellen Hochglanzindustrie, ohne uns darüber Gedanken zu machen, weil wir durch die alltägliche Begegnung mit diesen Bildern auf deren Ästhetik programmiert sind.

Ist das der richtige Weg? Ich denke nicht. Zumindest nicht für diejenigen von uns, die die Photographie, und hier folgt die nächste Zweiteilung, als Kunst, nicht als Handwerk betrachten. Natürlich gibt es im echten Leben diese Zweiteilungen nicht. Es gibt kein schwarz und kein weiß. Es gibt nur Graustufen.

Welchen Vorteil aber habe ich als Photograph davon, wenn ich mich dem Stil der anderen, vielleicht sogar auf radikale Wiese, entgegenstelle, abgesehen von der reinen Befriedigung, nicht mit der Masse zu schwimmen? Die Antwort lautet: Eine eigene Handschrift. Die Entwicklung einer ureigenen Handschrift in ihren Bildern, das ist das, was wirklich große Photographen von der Masse der namenlosen H&M-Katalogablichter unterscheidet, was einen Edward Weston, einen Ansel Adams oder David LaChapelle ausmacht.

Und vielleicht sind es eher diese zeitlosen, großen Namen, denen wir wirklich nacheifern sollten, anstatt uns für seelenlose Technik übermäßig zu begeistern und in Foren seitenweise über den Unterschied zwischen den im letzten Jahr neu erschienenen Objektiven zu diskutieren. Versteht das nicht falsch: Natürlich ist das Handwerk wichtig. Aber ist es wirklich wichtig, eine Kamera zu besitzen, die zwei Bilder mehr pro Sekunde photographiert? Oder sich darüber überhaupt erst Gedanken zu machen?

Ein paar meiner aus meiner subjektiven Sicht besten Photos machte ich mit einem selbstgebauten Lochkameraobjektiv, das aus nichts anderem als einer Pappdeckelabdeckung über dem Body einer Canon-DSLR bestand. Martin hat vor einiger Zeit selbst mit dem Abkleben des Displays experimentiert, um eine ursprünglichere Sicht auf die Photographie wiederzugewinnen. Was ist denn eigentlich aus der praktischen Umsetzung des Witzes mit dem Koch und dem Photographen geworden? Kauft Euch Lomos, Spielzeugkameras, bastelt Lochkameras und euere eigenen Objektive. Zerlegt alte Objektive und baut sie neu zusammen. Do it yourself.

Natürlich braucht man Inspiration. Jeder Mensch, der kreativ tätig ist, braucht geistige Anregungen in irgendeiner Form. Aber die Frage ist: Woraus zieht man seine Inspiration für die Photographie? Aus anderer Photographie? Diese Idee mutet mir etwa so absurd an, wie ein Schriftsteller, der selbst nichts erlebt und die Gefühle, über die er schreibt, nur aus anderen Büchern kennt. Dabei kann alles zur Quelle für Inspiration in der Photographie werden, allen voran natürlich die Beobachtung der Natur, die Literatur, aber auch die Popkultur, Musik, das bunte, wirre Leben.

Warum nicht Szenen aus Euerem Lieblingsroman oder Film in abstrakter Weise photographisch illustrieren, die Kamera mit Self-Timer hoch über euch werfen, Euere Freunde wirr anpinseln oder mit Doppelbelichtungen und Lightpaintings experimentieren, eine Serie, die nur aus Zeigefingern von Menschen besteht oder Leuten, die Kopfstände machen? Warum nicht Ereignisse aus der eigenen Vergangenheit nachstellen und ablichten oder Reportagen aus dem alltäglichen Leben photographieren?

Man muss sich nur bewusst machen: Alles ist erlaubt und jede verrückte Idee ist machbar. Vergesst doch einfach mal komplett die ganzen Regeln, die ihr so lange gelernt habt (natürlich sind Bildgestaltungsregeln wichtig, aber es ist noch wichtiger, sie zu hinterfragen und ihnen nicht einfach nur zu folgen) und photoshopped den Menschen ein drittes Auge rein, wenn es Euch gefällt und es gut aussieht, macht absichtlich fehlfokussierte Bilder mit tollem Bokeh, experimentiert mit neuen Formaten, überblendet Euere Bilder mit bunten Texturen und denkt dabei immer daran:

Jeder neue Photo-Trend, war zu Beginn ein Experiment, das nach und nach den Gefallen der Menschen fand. Und so lange das Experiment keine allzu offensichtliche Kopie von etwas bereits Dagewesenem ist, werden die Leute euch dafür wertschätzen, dass ihr ihnen Ideen und gutes Kopfkino liefert.

Ihr müsst deswegen natürlich nicht gleich zu radikalen Avantgardisten werden, die alles, was die Mehrheit macht, als nutzlos wieder verwerfen und zu neuen Ufern aufbrechen, wohin ihnen nach einiger Zeit vielleicht wieder die Masse folgt. Aber einfach mal ein bisschen um die Ecke denken ist wirklich gut: Spätestens dann, wenn das erste Mal jemand über eines Euerer Bilder sagt: „Ich hätte gewusst, dass das Bild von Dir ist, auch wenn Dein Name nicht darunter stünde“, dann wird Euch klar:

Das Experiment zahlt sich aus.

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