07. April 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Anregungen zur Fotografier-Blockade


Gestern haben wir hier ausgiebig darüber diskutiert, dass sich der lange Atem und das exzessive Üben mit der Kamera auf die Qualität unserer Bilder auswirkt. Doch auf unserem Weg mit der Kamera gibt es Zeiten, in denen es überhaupt nicht läuft. Diese Zeiten werden gerne als kreatives Loch bezeichnet.

Unter Autoren als Schreibblockade bekannt, geht es ambitionierten Fotografen ähnlich und manchmal ist es so, dass man keinen Lösungsweg mehr sieht. Im Falle von Holger Lückerath (Twitter), der gerade durch solch eine Zeit gegangen ist, hört sich das dann ungefähr so an:

„Hab meine Sachen gepackt, bin losgezogen –
Und jetzt? Wohin? Was fotografieren?

Ich mache sowas eigentlich sehr gerne.
Ohne Ziel losziehen, und Motive finden.

Aber die hatten sich wohl alle vor mir versteckt.
Vielleicht lags an Ostern, da wird ja auch das ein oder andere Ei versteckt.

Aber ich konnte sie einfach nicht finden.
Dazu noch diese typische Feiertagsstimmung in der Stadt.

Alles war so betäubt und leer. Und ich mittendrin. Und genauso hab ich mich dann auch gefühlt.

Leer.

Und wenn man dann merkt, dass man anfängt krampfhaft zu fotografieren, sollte man eigentlich schon wieder aufhören.

Deswegen bin ich nach ein paar unmotivierten Fotos wieder nach Hause gefahren, und hab die Bude aufgeräumt.
Damit kann man immer so schön sein Gewissen beruhigen…“

Nicht schön, oder? Manchmal überdauert so eine Phase nicht mal eine halbe Woche, andernfalls kann das sich so etwas auch über Monate hinwegziehen. Dennoch kommen wir leider nicht drum herum.

Auf kwerfeldein.de habe ich schon einige Male über dieses Thema gesprochen, und so mancher Tipp wird denen, die schon einige Zeit hier mitlesen, bekannt vorkommen. Dennoch möchte ich das Thema hier nochmal auffrischen, u.A. auch, weil ich erst vor zwei Tagen nach Vorschlägen dazu gefragt worden bin.

Kamera weglegen

Gleich zu Beginn ein Tipp, der eigentlich erst zum Schluss kommen sollte, oder? Schließlich sollte es unsere allerletzte Option sein, die Kamera wegzulegen, oder? Nunja – diese Meinung teile ich nicht. Denn die Fotografie ist – solange sie kein Beruf ist – eine freiwillige Angelegenheit, die dem Zeitvertreib und der Muße dienen, Spaß machen und keineswegs in Stress ausarten sollte.

Daher finde ich es angemessen, auch einmal gänzlich darauf zu verzichten, wenn die Situation es erfordert und sich eine Phase über längere Zeit hindurchzieht. Häufig lässt dann auch der selbstgemachte Druck nach, welcher sich von Mal zu mal aufbaut, wenn wir unseren eigenen Erwartungen nicht gerecht werden.

Als ich vor zwei Jahren keine Landschaftsfotos mehr sehen – geschweige machen – konnte, war das die einzige Möglichkeit, um „mal wieder locker“ zu werden und auf andere Gedanken zu kommen. Über einen Monat (oder sogar länger) habe ich kein einziges Landschaftsfoto gemacht. Das hat ganz schön befreiend gewirkt.

Literatur

Ich bin jemand, der unwarscheinlich gerne liest, und sich weiterbildet. Und so lese ich vor allem in den „trockenen Zeiten“ ein Buch über Fotografie. Mich steckt das an, elektrisiert mich neu und es inspiriert mich zu entdecken, wie andere Fotografen gearbeitet haben und ihrere Passion gefolgt sind. Aktuell lese ich gerade Schwarzweiss Fotografie* von Michael Freeman, in dem er die Grenzen und Möglichkeiten der Monochromen Fotografie sehr ausführlich erläutert.

Doch hierbei muss es nicht zwingend ein „How-To“-Buch sein, sondern kann auch ein spannender Bildband sein mit Fotos, die ganz ohne Erklärung und EXIFs auskommen. Dann bekomme ich wieder neue Lust, die Kamera auszupacken und Dinge auszuprobieren, und eigene Ideen zu verfolgen.

Übrigens: Es gibt auch Bücher, die direkt rein gar nichts mit Fotografie zu tun haben, die aber dennoch einen inspirierenden Charakter haben können – weil sie indirekt das Thema Begabung, Leistung & Können behandeln wie beispielsweise Überflieger* von Malcom Gladwell.

Das Gegenteil tun

Aus meiner Landschaftskrise heraus erwuchs der Wunsch, mal das glatte Gegenteil von dem zu machen, was ich bisher getan hatte. Eine verrückte Idee, aber sie hat sich bis heute bewährt:

Als Landschaftsfotograf habe ich Fotos teilweise ausgiebig geplant, manchmal bis zu einer Stunde auf das richtige Licht gewartet und dann erst das Foto gemacht. Anschließend wurde das Ergebnis durch lange Prozeduren in Photoshop aufgehübscht und so saß ich an einem Foto häufig zwei bis drei Stunden.

Das Gegenteil davon? Fotografieren im Alltag. Keine Planung, kein langes Warten. Es wird fotografiert, was da ist. So wie es ist. Und auch keine langen Bearbeitungsszeremonien in Photoshop sondern zügiges Finalisieren in Lightroom.

Für Euch bedeutet das mit Sicherheit etwas ganz anderes – aber überlegt mal, was das Gegenteil von dem wäre, was ihr gerade tut.

Übrigens: Ich hatte schon die Idee, aus Witz mal Katzen zu fotografieren – warscheinlich würde ich vor Kichern am Boden liegen, aber es wäre kein bisschen langweilig.

Und zum Schluß sehen wir, wie Holger mit seiner Zeit umgegangen ist:

„Da ich so etwas schon öfers erlebt hatte, konnte ich meine letzte Phase entspannter angehen. Ich habe versucht, mich nicht zu verkrampfen, das Ganze entspannt zu sehen. Ich hab die Kamera, wie Martin beschrieben hat, einfach mal liegen gelassen. Ich glaube, dass die so genannten kreativen Löcher meistens durch Zwang entstehen. Den selbstauferlegten Zwang, kreativ sein zu müssen. Zwang und Kreativität vertragen sich meiner Meinung nach gar nicht.

Angenehmerweise ging die Phase relativ schnell vorbei, denn ich hab gestern Abend dann wieder richtig Lust gehabt, mal die Abendsonne der ersten Frühlingstage einzufangen.

Und so ist gestern, nach meinem Tief unter anderem dieses Foto enstanden, welches ich in Köln-Rodenkirchen an der kölschen Riviera gemacht habe.“

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