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12. März 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Übung, Ausdauer und der Erfolg der Beatles

Übung, Ausdauer und der Erfolg der Beatles

Alles wird gut, nur nicht sofort ~ @kosmar

Wer beginnt, sich ernsthaft mit der Fotografie zu beschäftigen, der wird an seine Grenzen kommen. Früher oder später wird er/sie feststellen, dass vieles nicht so funktioniert, wie erwartet. Der tiefrote Sonnenuntergang sieht auf dem Foto nicht so aus, wie er erlebt wurde.

Fragen tauchen auf. Kann ich das? Liegt mir das? Verdammt nochmal, wie geht das?

Auf viele Fragen, Zweifel und Schwierigkeiten in der Fotografie gibt es einen Hinweis, einen Anstoss, eine Art Antwort, die mir zunehmend wichtiger wird. Natürlich ist das nicht die Antwort auf alle Fragen. Aber auf sehr viele.

Sie heißt Übung & Ausdauer.

Vor ein paar Wochen habe ich im diesem Artikel zwei Schlüsselkomponenten angesprochen, die wichtig sind, um zu wissen, ob wir gute Fotos machen können. Die eine war Leidenschaft und die andere Hingabe. Letztere möchte ich hier nochmal kurz zitieren:

„Mit der Kamera am Start sein, völlig gleichgültig, ob ich nun gerade inspiriert bin, oder nicht. (…) Hier geht es um dem nötigen Biss, auch über längere Zeit dranzubleiben.“

Über diesen Biss und dessen Bedeutung, möchte ich heute mit Euch sprechen.

Mit den Möglichkeiten und Chancen, die uns heutzutage über das Netz zur Verfügung stehen, bekommen wir viele technische Fragen schnell beantwortet. Es gibt fast kein Thema, zu dem es nicht auch irgendwas in Form eines Artikels oder Videos gibt.

Und es geht schnell. Das ist bequem. Und das ist super so. Aber es gibt noch eine weitere Komponente, die nicht kurfristig, sondern längerfristig ist. Hier geht es darum, was und wie intensiv wir an uns arbeiten. Und: ob wir eine Perspektive haben, die die nächsten 12 Monate überdauert.

Um das mal praktisch zu machen, hier ein paar Fragen:

# Bin ich bereit, so lange, bis ich Land sehe, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen, auszuprobieren und mich den ganz normalen Frustrationen auszusetzen oder gleich das Thema zu wechseln, wenn es nicht recht klappen wird?

# Habe ich den Willen, mich für ein halbes Jahr so oft wie möglich in Lightroom hineinzubohren, zu testen, (auch) Artikel zu lesen, zu vergleichen, und alle Möglichkeiten durchzuspielen, wie ich meine Fotos optimieren und nutzen kann?

# Habe ich Geduld mit mir selbst, auch wenn ich länger brauche, als erwartet?

# Bin ich bereit, mich Jahre lang der Fotografie von Menschen hinzugeben, Termine zu machen, verschiedene Lichtsituationen durchzuspielen und ihren Ausdruck festzuhalten?

# Bin ich bereit, bei Bedarf über Monate hinweg meinen Blitz bis auf das Letzte auszureizen und ihn kennenzulernen, wie meine rechte Hosentasche?

# Habe ich einen langen Atem, auch wenn meine Ergebnisse jetzt gerade alles andere aussehen als gut?

Ja, jeder hat seine Problemzeiten, in denen er keine Lust mehr hat. Die hat wirklich jeder, auch die „ganz Großen“.

Doch tiefgreifende entscheidende Verbesserung unseres Stils, unserer Fähigkeiten, die erreichen wir nicht in zwei Wochen.

In diesem Zusammenhang ein Auszug aus dem Buch Überflieger* von Malcom Gladwell:

Die Beatles unternahmen im Februar 1964 ihre erste USA-Tournee. Damit läuteten sie die sogenannte britische Invasion des amerikanisches Musikmarktes ein und veröffentlichten eine Serie von Nummer 1-Hits, mit denen sie die Popmusik revolutionierten.

Das erste, was die Beatles in unserem Zusammenhang interessant macht, ist die Zeit vor ihrem internationalen Durchbruch. (…) Im Jahr 1960, als sie noch eine unbekannte Schülerband waren, bekamen sie nämlich die Möglichkeit, in Hamburg aufzutreten.

„In Hamburg gab es damals keine Rock‘n‘Roll-Clubs. Es gab Nachtclubs“, erzählt Philip Norman, Autor der Beatles Fotografie Shout!. (…) „Und die Bands spielten ununterbrochen, um die Passanten in den Club zu locken.„

Aber was reizte die Beatles an Hamburg? Die Bezahlung kann es nicht gewesen sein, denn die war schlecht. (…) Es war schlicht und ergreifend die Zeit, die sie auf der Bühne stehen konnten.

In einem Interview, das er nach der Auflösung der Band gab, berichtete John Lennon über ihre Auftritte in einem Nachtclub namens Indra:

“Wir sind immer besser geworden und haben mehr Selbstvertrauen bekommen. Das war kaum zu vermeiden, bei der ganzen Erfahrung, die wir mitgenommen haben, weil wir die ganze Nacht durchgespielt haben.

(…)

In Liverpool hatten wir immer nur einstündige Auftritte gehabt, und wir haben immer nur unsere besten Stücke gespielt, jedes Mal dieselben. In Hamburg haben wir acht Stunden am Stück auf der Bühne gestanden, also mussten wir uns was Neues einfallen lassen. „

Acht Stunden?

Pete Best, der damalige Schlagzeuger der Beatles, erinnerte sich: “Als bekannt wurde, dass wir einen Auftritt haben, war der Club voll. Wir haben sieben Tage die Woche gespielt. Zuerst fast nonstop bis halb eins, bis der Club zugemacht hat, und dann, als wir besser waren, sind die Leute an den meisten Tagen bis zwei Uhr morgens geblieben.„

Sieben Tage die Woche?

(…)

Bei ihrem Durchbruch im Jahr 1964 hatten sie insgesamt 1200 Auftritte hinter sich. Das ist mehr als ungewöhnlich. Heute kommen die meisten Bands in ihrer gesamten Laufbahn nicht auf so viele Bühnenauftritte. (…) “Hamburg war der Schlüssel zum Erfolg.“ {Seite 46-49}

In der Gefahr, mich zu wiederholen, möchte ich es dennoch auch hier anbringen:

Das, was wir bei den großen erfolgreichen Fotografen meistens nicht sehen, sind ihre 1000 Stunden, in denen sie geübt, geübt und nochmals geübt haben.

Die Folge davon ist, dass wir uns gedankenlos mit ihnen vergleichen. Oder sogar glauben, diese Fotografen hätten eben ein besonderes Talent. Doch ihre Übungzeiten, die sehen wir nicht.  Ich glaube, wenn wir mal alle schlechten Fotos der Fotografen sehen würden, würde uns einiges klar werden.

Übung macht den Meister. Ausdauer auch. Und Fehler, die sind erlaubt.

*Dies ist ein Affiate Link. Wenn ihr darüber bei Amazon.de etwas bestellt, bekomme ich eine kleine Provision. Ihr aber zahlt keinen Cent mehr.

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20 Kommentare

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  1. Sehr schön geschrieben… Mit ähnlichen Fragen habe ich mich auseinandergesetzt, als ich mein Projekt 365*1 gestartet habe: http://bit.ly/cZ7LxL

    Bisher ist es zwar anstrengender als erwartet, aber ich bin noch begeistert bei der Sache…

    Gruß, Paul

    Und ich merke auch, dass ich mich viel intensiver mit der technischen Seite beschäftige.

  2. Im Zusammenhang mit dem Schlusswort, würde ich gerne mal ein paar Fotos aus deine Anfangszeit sehen. So als Beispiel für (ich sag einmal) „uns“ Neulinge und damit wir mal einen Vergleich haben dafür, dass unsere missglückten Versuche genau so wie deine aussehen.

    Das könnte vielleicht auch einigen Leuten helfen bei der Stange zu bleiben, wenn sie/wir sehen, dass du auch mal so angefangen hast!

    MfG

    Patrick

  3. ja, fehler sind erlaubt aber durchaus ägerlich ;)
    schicker artikel. für mich steht fest, dass ich am ball bleibe, aber das ganze muss mir spaß machen. schließlich ist es mein hoby und ich muss meine brötchen nicht damit verdienen.

  4. Ich finde, das Thema hast du einzigartig mit den Beatles verknüpft!
    Dieser Vergleich hat bei mir so ein Aha-Erlebnis ausgelöst, vor Allem der Satz „wir haben immer nur unsere besten Stücke gespielt“. So könnte man auch in der Fotografie sagen „Ich habe immer nur bei dem besten Wetter/Licht/Stimmung fotografiert“, anstatt zu versuchen, auch mit eher minderwertigen Ausgangsbedingungen Leute zu beeindrucken. Bei den Beatles sind die Leute ja auch bei den „eher durchschnittlichen“ Stücken in den Clubs geblieben und haben sich über die Musik gefreut…
    Man kann eben auch Erfahrung sammeln und Spaß haben, wenn man bei schlechten oder ungünstigen Bedingungen fotografiert, und selbst wenn man keine erstklassigen Fotos mit nach Hause bringt: Der Weg ist das Ziel, und wenn man nur für sich selbst fotografiert und nicht (oder nicht nur), um andere mit tollen Bildern zu beeindrucken, kann einen ein fehlendes Tagesergebnis eigentlich auch nicht aus der Reserve locken: Man hatte ja seinen Spaß beim Fotografieren!

    Toller Artikel, Martin, wirklich große Klasse!

  5. Wirklich guter Artikel. Gerade die Fragen, die du stellst, inspirieren mich wieder neu. Habe auch grad so eine ‚Krise‘, hab’s bisher auf das Wetter geschoben, aber so geht’s ja auch nicht weiter ;)
    Das Thema ist ja nicht neu, aber diesmal irgendwie konkreter.
    Vielen Dank für neue Ideen und das ‚wieder anschubsen‘!

  6. Tolle Analogie mit den Beatles. Das war mir bisher nicht bewusst mit Ihrer „Hamburger Zeit“.

    Um Deine Fragen allerdings zu erweitern, Martin: „Wieviel Zeit kann ich für die Fotografie aufbringen, um so gut zu werden wie ich es mir wünsche…“ Wenn ich zu 100% in einem anderen Beruf maloche und vielleicht noch ein paar andere Hobbies habe wird das nichts mit der vielen Übung. Vielleicht muss man sich dann einfach mit Weniger zufrieden geben.

    @Paul: Geile Bilder auf dem Blog, werd ich auch verfolgen. Dran bleiben.

    Gruss aus Zürich,

    Martin

  7. Ab und zu gelingen mir gute Fotos – kann aber nicht sagen was ich getan habe.
    Mir kommt vor man denkt viel zu kompliziert!

    Vieles funktioniert mit Glück und die Kamera gerade dabei haben.

  8. also ich kann aktuell die ersten kleinen erfolge für meinen ehrgeiz (kamera fast immer dabei/artikel lesen, lesen, lesen/einstellungen ausprobieren…usw) der letzten 6 monate einfahren. ich bin schon einiges mehr von meinem output und seiner qualität überzeugt. keinesfalls werde ich aber jetzt nachlassen. nein, im gegenteil, diese dynamik, die ich gerade spüre, nutze ich selbstverständlich aus, um noch weiter zu kommen.

    es ist tatsächlich so, dass es eine initialzündung geben kann, die einen plötzlich und unerwartet weiter bringt. so ist es bei mir gerade. zumindest fühlt es sich so an. ud das ist die hauptsache.
    ich bin nach fast 2 jahren dslr fotografie so motiviert, wie nie zuvor. :)

    dran bleiben ist soooo wichtig!

  9. Ein absolut toller Artikel!
    Schön, dass du dieses Thema noch mal aufgegriffen hast.
    Das spricht denke ich so in etwa jedem aus der Seele.

    Für mich ein toller Anspron für dieses Wochenende und für die nächste Zeit^^
    Auch wenn ich gerade kein Tief habe^^
    Ich bin einfach nur geil aufs üben…denn ich glaube, dass ich langsam kapiert habe, was du jetzt in deinem Artikel geschrieben hast.

  10. Übung macht den Meister.
    Und auch für mich ist es frustrierend, wenn ich die Weiterentwicklung von anderen in dem Bereich sehe und dann meine Fotos mit ihnen vergleiche. Dabei gerät die Ausdauer schnell in den Hintergrund. Der eine beschäftigt sich 24/7 mit seiner Kamera, der andere nur am Wochenende. Da stimmt die Relation überhaupt nicht, würde jedem Statistiker auffallen.

    Und jeder ist doch so, dass er nur die besten Bilder zeigt. Oder zumindest nur die, mit denen er größtenteils zufrieden ist. Die andere zig Stück sieht kein Mensch. Das ist vielen nicht bewusst, obwohl man es aus eigener Erfahrung heraus kennt.

  11. Ich muss mich meinen Vorpostern anschließen! Genialer Artikel und macht vielleicht auch vielen das Genannte bewusst: die 1000 Übungsstunden. Leider verstehen das meist Leihen nicht so recht.

  12. So ist das.
    Ich hoffe mal ICH kann dran bleiben! :)
    Ich bin so oft frustriert wenn ich nicht die kreativen Ideen für Motive habe oder das Motiv nicht so einfangen kann wie ich will.
    Üben… üben… üben…
    Und du hast Recht. Man muss immer dran denken, dass alle Profis auch mal klein angefangen haben. Dass sie immer noch Fehler machen, diese aber halt nicht zeigen. Dass sie SEHR viel Arbeit in ihre Bilder investieren.
    Dran denken. Dran denken.

    Ich will auch mal so gut werden. Irgendwann…

    Der Point.

  13. Das trifft den Nagel auf den Kopf!
    Gerade diesen Punkt betonen ja auch manche top Fotografen. Komme grad von der wppi Convention in Las Vegas zurück und bin noch ganz unter dem Eindruck davon: Joe Buissink übt seine Reaktionsfähigkeit zu Schnappschüssen sogar im Supermarkt. Markus Bell betont, dass er ständig sein Auge trainiert und sich selbst vor neue Herausforderungen stellt.
    Was in anderen Bereichen gilt (z.B. Musik), gilt gerade auch in der Fotografie – wer dran bleibt und nicht aufgibt, der schaffts auch. Talent selbst ist nur ein Startkapital.

  14. Das Schönste an der „Übung-macht-den Meister“-Sache ist, daß dieses „Üben“ verdammt viel Spaß macht!!!
    Inspiration statt Vergleich, Hingabe statt Druck, Neugier statt Zwang, Erfolg und Lernen-durch-Mißerfolg. Und dann diesen Erfolg GENIESSEN. Yeahh!!!

  15. Mal wieder ein für mich lesenswerter Artikal. Kommt irgendwie gerade zum richtigen Zeitpunkt, weil….irgendwie steck ich gerade in so einer „Problemzeit“ und kämfe mit meiner Camera.Danke Martin!:-)

  16. Für mich schwingt in Deinem neusten Artikel der „Zwang“ zu sehr mit. Hab ich die „Ausdauer“ / bin ich bereit jeden Tag zu fotografieren? Ein klares Nein!
    Wenn die Lust fehlt, kann ich immer noch ein technisch perfektes Foto machen (selten, aber es kommt vor), aber die Bilder sprechen mich dann hinterher nicht an.

    Du hast sicherlich Recht damit, dass man sich schneller verbessert, wenn man regelmäßig am Ball bleibt, andererseits ist die Fotografie für viele nur ein Hobby. So auch für mich.

    Für mich steht der Spaß am Umgang mit der Kamera im Vordergrund und danach sicherlich auch die stundenlange Bildbearbeitung (bzw. das Experimentieren mit der Software), aber doch nicht das „zwanghafte sich verbessern“.

    Wenn ich mal 1-2 Monate keine große Lust am Fotografieren verspüre, dann bleibt die Kamera halt in der Tasche.
    „Übung macht den Meister“ bleibt dabei sicherlich auf der Strecke, aber es ist und bleibt mein Hobby.
    Umso größer ist bei mir die Freude am Fotografieren nach so einer Ruhephase.

    Meiner Meinung nach widerspricht Dein Beatles-Vergleich auch in gewisser Weise Deinem „Gut ist das neue gewöhnlich“-Bericht.
    Man sollte auch mal mit einem gemachten Foto zufrieden sein, und nicht ständig nach Verbesserung streben.

  17. Wichtige Fragen, die du da aufstellst. Die muss auf jeden Fall jeder für sich beantworten. Neulich bin ich auch bei meiner Vollmond-Fotografie an eine Grenze gestoßen, die ich vorher nicht hatte (näheres in meinem Blog).

    Wichtiger und lesenswerter Artikel.

    Gruß
    Andreas