kwerfeldein
03. März 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Fotografieren: Wie ich am Ball bleibe

Fotografieren

Dieser Tage bin ich über einen Tweet von Alain de Botton gestolpert, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Er lautet:

„To start writing means trying to quieten the thousand internal voices that argue why one is obviously not the right person for the job.“

Es dauerte nicht lange, bis mir hunderte Sätze durch den Kopf gingen, die ebenso zum Fotografieren passen. Das klingt dann ungefähr so (um auch im sprachlichen Sinne bei Botton zu bleiben, habe ich den Satz auf Englisch weitergeführt):

# To start photographing means trying to quieten the thousand internal voices that argue why this is obviously the wrong weather, time or place to take some photographs.

# To start photographing means trying to quieten the thousand internal voices that argue why this is obviously the wrong camera, lens or even postprocessing software to work with.

# To start photographing means trying to quieten the thousand internal voices that argue why one shurely hasn’t enough skills to make a good photograph today.

# To start photographing means trying to quieten the thousand internal voices that argue why no one will ever look at the photographs or actually like them.

# To start photographing means trying to quieten the thousand internal voices that argue why today the light is too soft, too hard or just not good enough for the effort.

# To start photographing means trying to quieten the thousand internal voices that argue why our camera hasn’t enough ISO sensivity, megapixels or is just too friggin‘ slow.

Ich glaube jeder von uns kennt diesen Kampf mit sich selbst, den Zweifeln und 1000 Gründen, warum es sich einfach nicht lohnt, zu fotografieren. Mir passiert das meistens kurz vor einem Fototrip. Denn wenn ich losgelegt habe, finde ich wieder neu Spaß daran und selbst wenn kein einziges Foto etwas wird: Allein schon, weil es für mich ein Vergnügen ist zu fotografieren, lohnt es sich.

Und ich glaube, das jeder schwerpunktmässig andere Zweifel hat und anders damit umgeht.  Deshalb möchte ich hier nun nicht darüber sprechen, wie man (!) sich selbst überwindet und mit diesen Kämpfen umgeht. Das ist mir zu allgemein und zu groß. Doch ich kann darüber sprechen, was mir bisher konkret geholfen hat, am Ball zu bleiben.

  • Fototrips mit anderen Leuten. Es gibt Leute, die laden regelmässig Freunde ein, weil sie wissen, dass sie dann öfter die Wohnung säubern. Ich bin jemand, der sich gerne im Vorraus mit Leuten zum Fotografieren verabredet, weil dann noch jemand involviert ist, dem ich nur ungern absage. Vor allem dann, wenn eine Fototour schon Wochen zuvor geplant war. Ausserdem macht es mir enorm Spaß, mit einem guten Freund zu fotografieren, nebenher einwenig zu quatschen und hinterher ein Bierchen zu trinken.
  • Festgelegte Projekte. Soweit ein Projekt ausdefiniert ist, habe ich einen Rahmen und Grenzen, die ich mir selbst festlege. Beispielsweise war ich kürzlich im Kinderheim und habe in meiner alten Gruppe die Kinder mit der Kamera begleitet – es handelte sich aber um keinen Auftrag, sondern um ein selbsternanntes Projekt. Definiert waren: Start – und – Schlußzeit des Projektes (wann fange ich an, wann höre ich auf), die Art des Fotografierens (keine Gruppenfotos, die Kinder möglichst natürlich und unbemerkt ablichten) und ein Ziel, nämlich eine gebrannte DVD mit den Fotos darauf (anschließend haben die Erzieher die besten Fotos ausgesucht, groß drucken lassen und den Kindern geschenkt). So ein Projekt ist in seiner Länge variabel sein und muss nicht zwingend andere Menschen miteinschließen. Mir hilft es aber, im Vorhinein die Bedingungen abzustecken und mich dann auch dran zu halten – ohne unflexibel zu werden, klaro.
  • Zweckentfremdung. Komisches Wort, passt hier aber am Besten. Das kommt daher, dass ich manchmal nicht des Fotografierens wegen fotografiere (huh?), sondern um zu entspannen. Nach einem anstrengenden Tag in Büro „reicht es mir“ manchmal und ich mache einen kleinen Spaziergang. Die Kamera nehme ich mit, vielleicht komme ich so ja auf andere Gedanken. Meistens endet das dann in einem ausgedehnten Photowalk und fast immer komme ich mit 100-xy Fotos nach Hause. Selten aber mit gar keinem. Diese Art Verlagerung des Zweckes nimmt mir den Druck, perfekte Ergebnisse abzuliefern. Und enstpannt bin hinterher meistens auch noch.
  • Jobs (no-brainer). Bekomme ich einen Aufrag, dann ist das ein sehr wichtiges Projekt. Das ist quasi ein No-Brainer, weil es die Frage nach der Motivation dann für mich nicht gibt. Wenn ich einen Vertrag (mündlich oder schriftlich) zusage, dann ist klar: Ich werde da sein und 150% Vollgas geben. Egal, wie ich mich fühle, denn der Kunde ist König. Aber: Ein Auftrag ist keine Garantie dafür, dass auf einmal alle Zweifel fort sind. Die Zweifel spielen schlicht und einfach eine viel geringere Rolle. Ich bin schon auf Hochzeiten gefahren und habe innerlich mit den Zähnen geklappert, wie ich das schaffen würde und wenn das Wetter und ob alle Akkus und und und … Doch fotografiert habe ich trotzdem. Und nach ein paar Jobs kommt Routine rein. Und die ist gut.

Nun gibt es noch viele andere Wege, über die ich mit meinen Zweifeln umzugehe oder „am Ball“ bleibe. Da ich diesen Artikel aber nicht überfrachten möchte, belasse ich es erstmal dabei. Ich hoffe, Euch einwenig inspiriert zu haben und vielleicht passt ja der ein oder andere Weg, den ich gegangen bin auch für Euch ;)

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