kwerfeldein
12. Februar 2010 Lesezeit: ~3 Minuten

Fotografie-Porn

Liebe Leute, ich möchte mal wieder etwas einstreuen, was ich an manchen Stellen sicher schon angedeutet habe. Es ist nichts großartig-neues, kann aber in der Praxis einen enormen Unterschied machen.

Foto-Theorie wird tendenziell überbewertet.

Natürlich nicht immer, natürlich nicht bei jedem. Aber:

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir in etwas verfallen, was unter „Getting-Things-Done“-Denkern auch als Productivity Porn bekannt ist. Oliver Gassner hat das in einem Blogpost mal schön ausgeführt:

„Man glaubt, bevor man nicht das perfekte Notizbuch, das perfekte Onlinetool oder die perfekte Büroeinrichtung zu haben, könne man ja nicht gut loslegen.“

In Fotografen-Sprache umgewandelt könnte das so klingen:

„Man glaubt, bevor man nicht die richtige Kamera, das perfekte Objektiv und die besten 10 Tipps zur XY-Fotografie gelesen hat, könne man ja nicht gut loslegen. Man meint, bevor man nicht mindestens 10 Bücher durchgearbeitet und 30 Blogposts über die Basics gelesen hat, würde das mit dem Fotografieren nicht funktionieren.“

Eine spannende Frage zu dem Thema ist sicher: Wie viele Stunden verbringn ich in Büchern, Blogartikeln, Foren im Vergleich zu den Stunden hinter der Kamera?

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Also bei mir klingelts da gewaltig.

Ich mag es nicht, wenn Fotografie-Blogger oder Buchautoren ihre Leser mit sportlichen Parolen anpfeifen wie „Geht raus! Fotografiert was! Tu dies, tu das!“ Es wirkt, als ob der ganze Online-Wissens-Kram obsolet erklärt wird und klingt meist arrogant und militärisch. Das ist mir zu Schwarz-Weiss, zu Pro-Kontra und zu pauschal sowieso.

Denn Bücher, DVDs und FotografieCommunities sind super. Wir lernen von anderen, streichen wichtige Tipps in Büchern an, tauschen uns mit Leuten aus und hinterfragen uns gegenseitig. Mittels spannender Tutorials lernen wir Photoshop, Lightroom und andere Tools kennen und das inspiriert uns.

Doch ab und zu macht es vielleicht Sinn, uns zu fragen, ob das Verhältnis von „Information aufnehmen“ zu „Information anwenden“ stimmig ist.

Ich bin mir da manchmal nicht so sicher. Auch bei mir selbst nicht.

{Achtung überspitzte Formulierungen folgen}

Denn im schlimmsten Fall wissen wir alles und können nichts. Wenn wir zu Superhirnies werden, die jeden fotografischen Zusammenhang aufsagen und 1000000 Tricks&Tipps zur XYfotografie im Schlaf runterbeten können, aber eigentlich keine Ahnung haben, wenn wir mal ein Foto machen sollen.

Übel ist es dann, wenn wir uns mit jemand anderem darüber totdiskutieren, ob jetzt Blende 8 statt 10 mit 3,9 mm längerer Brennweite oder 1/100 kürzere Belichtungszeit bei halber ISO kompositorisch-technisch-anschaulich das bessere Ergebnis gebracht hätte.

Und dabei im Glücksfall einmal im Jahr, also ab und zu vor die Haustür treten um das auch nur annähernd zu erproben, was wir da wissen. Spätestens dann sind wir im Fotografie-Porn gelandet. Womit auch dieses Wort mal aus der Taufe gehoben wäre ;)

{überspitzte Formulierungen Ende}

Der Ernstfall der Fotografie ist die Praxis.

Und ich bin der erste, der sich all diesen Fragen aussetzen möchte & muss. Wer mag, kann ja mitmachen ;)

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