kwerfeldein
02. Februar 2010 Lesezeit: ~7 Minuten

Ressentiments in der Fotografie-Community

Viele Leser, die schon etwas länger hier dabei sind, kennen mich schon einwenig, sodass sie wissen, dass ich mit kwerfeldein.de in gewissem Sinne ein kommerzielles Blog führe und dennoch, wenn mir etwas wichtig erscheint, kein Blatt vor dem Mund nehme. Mit „kein Blatt“ ist nicht gemeint, dass ich hier mal geschmeidig die Sau raus lasse – viel eher, dass ich Dinge, die ich problematisch sehe, offen anspreche.

Warum ich solche Themen immer wieder anspreche (und vielleicht so manchen Lesern auf die Nerven gehe), liegt darin begründet, dass mir die Fotografie-Community an sich sehr viel bedeutet. Sonst könnte ich genüsslich mit den Achseln zucken und über so manche Schwierigkeiten ein Auge zudrücken.

Dem ist aber nicht so – viel mehr berühren mich einige Misslichkeiten tief, sie regen mich zum Nachdenken an und bringen mich schließlich dazu, mir teilweise tagelang Gedanken zu machen, welche Position ich dazu einnehmen mag.

So habe ich mir angewöhnt, Situationen und Geschehen zu beobachten und nicht gleich zu bewerten bzw. darauf einzugehen – auch nicht mit einem Kommentar. Vielmehr halte ich mich gerne zurück, spare mir eine Affektreaktion und versuche mit einwenig Abstand das Gelesene einzuordnen. Anschließend versuche ich (wenn es passt) meine Gedanken in eine Art „Statement“ zu fassen – und voilà, wir sind schon mittendrin.

Weiterhin möchte ich anführen, dass meine Gedanken und Feststellungen nie „fest“ sind, sondern vielmehr Positionen, die in der Zukunft wieder revidiert oder angepasst werden können. Ausserdem sehe ich mein Schreiben hier auch als „lautes Denken“ und ihr, liebe Leser seid herzlich eingeladen, ebenso „laut mitzudenken“.

Was nun folgt, ist eine Beobachtung. Diese bezieht sich nicht auf Einzelpersonen, sondern auf eine Entwicklung, so subjektiv, wie ich sie wahrnehme. Dementsprechend gibt es sicher Menschen, die anderer Meinung sind – und das ist auch okay ;)

„Martin, jetzt komm aber mal zum Punkt. Was willst du eigentlich sagen?“

Veränderungen in der Fotografie

So, wie ich die Fotografie-Community (ich mag das Wort „Szene“ nicht) aktuell wahrnehme, haben wir in den letzten Jahren einiges verändert, dazugelernt und aufgebessert. Das hat nicht wenig damit zu tun, dass die komplette Medienlandschaft kräftig in Bewegung ist – und nicht zuletzt auch die Fotografie.

Jeder hat heute die Möglichkeit, sich irgendeinen Dienst herauszupicken und seine Fotos online zu stellen. Kostenlos. Wann und wie es passt. Und das sogar OHNE eine professio des Fotografen. Kameraliebhaber erfreuen sich der digitalen Möglichkeiten und wer Lust hat, kann sogar in 10 Minuten ein eigenes Blog aufziehen und wird somit zum Schreiber, Journalist, Autor, whatever.

Ausserdem, und jetzt kommen wir meinem Punkt wieder etwas näher, haben wir gelernt, dass Technik allein nicht das Nonplusultra ist und jeder, der eine Kamera hat, gute Fotos machen kann. „Der Fotograf macht das Bild, nicht die Kamera“ ist ein Leitsatz, der gerne gehört wird und unsere Erkenntnis auf dem Punkt bringt. Auch ich habe das hier auf kwerfeldein.de immer wieder zitiert, weil ich davon zutiefst überzeugt bin.

Technik ist nicht alles

Diese Erkenntnis ist aber nicht nur eine Erkenntnis an sich, sondern erst recht eine Antwort auf unser Zeitalter und das, was wir von Fotozeitschriften und anderen Magazinen übermittelt bekommen (haben). Wir haben zu viele Reviews über dicke Kameras und Werbung für teures Equipment gesehen und wir hatten irgendwann die Schnauze voll – denn ein gähnend leerer Geldbeutel erinnerte uns allzu oft daran, dass wir wohl in den nächsten 10 Jahren nicht mit Hasselblad fotografieren werden.

Eine neue Philosophie

Im Gegenzug haben wir eine eigene Arbeitsphilosophie entwickelt, die besagt, dass wir auch mit geringen finanziellen Mitteln eine Ausrüstung besitzen können, die was taugt.

Ja, wir können auch mit ganz normalen Kompaktkameras, DSLRS oder sogar Handykameras gut fotografieren. Es funktioniert. Wir brauchen nicht zwingend teures Equipment, und um es mit Chase Jarvis zu sagen: „Die beste Kamera ist die, die Du hast“.

Einwände

Aber. Ich habe manchmal (edit: nicht immer) den Eindruck, dass wir in unserer Rebellion gegen die Dominanz der Technik leicht übers Ziel hinaus schießen. Wie sich das bemerkbar macht? In Foren, Blogposts und in Gesprächen. Ein Beispiel?

Wir sprechen über gute Objektive und sofort meldet sich jemand, um uns daran zu erinnern: „Aber gell, nicht vergessen, der Fotograf das Foto, nicht die Kamera“. Fast krampfhaft hysterisch kommen solche Einwände dann daher, die wie das schlechte Gewissen darauf pochen, nicht verdrängt zu werden.

Ähnlich geht es zu, wenn wir jemanden sehen, der teures Equipment hat. Eilends wird quotiert, wie peinlich das doch sei und dass wir das ja gar nicht brauchen. Teilweise fallen wir wie Raben über diesen Status quo her, und es stellt sich die Frage, wer hier jetzt eigentlich das Problem hat.

Eine Stellungnahme

Leute, nehmts mir nicht krumm, aber ich kann diesen Satz „Der Fotograf macht das Foto …“ so langsam nicht mehr hören. Denn wir vergessen gerne, um was es eigentlich geht – und wir beten diesen Satz teilweise runter, egal wann, egal wo. Und werden zu dem, was wir nie wollten. Technikversessen, nur auf der anderen Seite der Medaille.

(Achtung übertriebene Bildsprache): Manchmal verhalten wir uns so, wie die „Alternativen“, die um keinen Preis so konform und spießig sein wollen, wie der Durchschnittsbürger und sich deshalb ganz anders anziehen – aber deren Style beim genauerem Blick dann doch wieder einheitlich ist. Die Katze beisst sich nicht in den Schwanz, sie beisst sich ins eigene Gesicht.

Denn das Problem ist meiner Meinung nach nie teures Equipment gewesen. Das Problem ist die Überbetonung dessen. Meiner Meinung nach wird es dann schwierig, wenn jemand in aller Öffentlichkeit über seine sagenhaften Objektive sinniert und anschließlich zeigen muss, wie schnell seine Kamera doch ist. Dann wird es prekär, dann tritt in den Hintergrund „wer das Foto eigentlich macht“.

Aber genauso schwierig ist es, wenn wir ständig darüber sprechen, dass wir das ja alles nicht brauchen und wie doof es ist, mit teurer Ausrüstung zu arbeiten. Es wird schwierig, wenn wir jedem Besitzer einer 1DMkIV oder einer Hasselblad unterstellen, dass er damit nur angeben will. Wir stecken ihn genauso in Schubladen, wie wir von niemand in Schubladen gesteckt werden wollen, weil wir mit „normalen Kameras“ fotografieren.

Ausblick

Wir fallen auf der anderen Seite des Pferdes herunter und merken es oft gar nicht. Vor lauter „wir brauchen das alles gar nicht“ vergessen wir, was eigentlich der Punkt war:

Jeder kann fotografieren. Jeder kann gute Fotos machen. Das schließt niemanden aus, das schließt alle ein.

Teures Equipment ist okay. Günstiges Equipment ist okay.

Wichtig ist, dass wir uns auf das konzentrieren, für was das Zeug gemacht wurde: Fotografieren.

Wir müssen aufhören, einander einzusortieren und zu bewerten. Lernen, freundlich miteinander umzugehen, völlig gleichgültig, wer mit was fotografiert. Respektvoll miteinander umgehen und uns gegenseitig anfeuern, ermutigen, richtig Gas zu geben mit der Kamera.

Scheißegal, mit welcher.

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