30. Januar 2010 Lesezeit: ~4 Minuten

Foto: Gegenwind

Dieses Du-musst-heute-unbedingt-raus-Gefühl war schon da, als ich beim ersten Blick aus dem Fenster noch überlegt hatte, mich nocheinmal umzudrehen. Sehr trefflich, dass mein Telefon gleich neben meinem Kopfkissen lag und ein paar Freunde (ja, die kennen auch sonntags keine Gnade, was die morgendliche Uhrzeit angeht) beschlossen hatten, wandern zu gehen – „Und DU gehst mit!“.

‚Nehme ich die Kamera mit, oder lass ich sie in Anbetracht des sich zuziehenden Himmels besser zu Hause‘ – ein Blick auf den Himmel: dunkle Wolken, leichter Regen, windig – hin, her – ‚Ok, sie kommt mit – zur Not bleibt sie einfach im Auto‘. Stop! Plastiktüte nicht vergessen – sicher ist sicher. Vier wanderlustige Personen und ein Hund haben sich daraufhin eine dreiviertel Stunde später in der wirklich wunderschönen Fränkischen Schweiz am sogenannten „Walberla“, einem 532 m hohen „Berg“, zum Sonntagsspaziergang getroffen. Devise: „Rauf auffn Berg und dann sehmer schon!“.

Ich hatte es natürlich nicht geschafft, die Kamera im Auto zu lassen – die Gefahr, sich das wenige Equipment im Regen zu ruinieren war zwar groß – was solls – das Wetter war einfach zu verlockend. Oben angekommen herrschte eine Windstärke, die für mittelfränkische Verhältnisse schon ein größeres Highlight darstellte – kurz: Mütze fast verloren, Jacke sah aus wie ein Ableger des Michelin-Männchens, an eine Zigarette war nicht zu denken und den Kaffee hätte man sich höchstens horizontal in die Picknicktasse fliegen lassen können – wenn man getroffen hätte.

Zu sehen, wie 3 Erwachsene wieder zu Kindern werden und anfangen mit dem Wind zu spielen war eine großartige Sache – vor allem, wenn es einen dann selbst überkommt, sich 45° gegen den Wind zu lehnen und das „Jackensurfen“ für sich neu zu entdecken. Da war doch nochwas… die Kamera – eben. Der erste Versuch, die Kamera aus der schmalen Umhängetasche zu nehmen war ein voller Erfolg, allerdings mit dem Haken, dass die Tasche darauf hin zu leicht war und sich selbständig gemacht hat – das Ding ist mir nur so um die Ohren geflogen. Ok, Tasche wieder unter Kontrolle, Objektivdeckel ab und – weg. Mist.

Es war mir absolut unmöglich die Kamera zu so halten, wie ich das normalerweise mache – entweder hat sie mir der Wind schmerzlich gegen die Nase gedrückt, oder an den Wangenknochen geschlagen – mir war bis dahin nicht klar, dass Fotografieren Schmerzen bereiten kann. Dank einer Mischung aus Joe McNallys Haltetechnik für Linksäugler und ein wenig Probierei habe ich es dann gerade noch geschafft ein paar Fotos zu machen, bevor der Wind richtig unangenehm wurde (war er dann auch…).

Das Foto heisst „Gegenwind“ und ist – wie so oft bei mir der Fall – aus dem Zufall heraus entstanden. Meine Begleiter waren mit sich und dem Wind beschäftigt – ich mit der Kamera. Erst ein strahlendes Lächeln im Angesicht der Naturgewalten – dann: was im Auge – *Klack, Foto.* Die Plastiktüte kam im Übrigen beim Abstieg noch zum Einsatz – Wolkenbruch! Elektronische Lieblingsgadgets inklusive der kompletten Kameratasche in die Tüte, Knoten rein und in aller Ruhe naß werden – ein beruhigendes Gefühl.

Zur Bearbeitung gibt es relativ wenig zu sagen, darum

– Das Bild ist in der Höhe und der Breite etwas beschnitten.
– Farbig fotografiert (RAW), anschliessend in Graustufen gewandelt.
– Der Kontrast ist etwas verstärkt, die Tiefen dunkler, die Lichter heller – nichts aufregendes.
– Von links oben und rechts unten sind leichte Verlaufsfilter eingefügt um die Person etwas besser vom Hintergrund zu trennen.

Technische Details

– Belichtung: 1/320 bei ƒ4,5
– Brennweite: 70 mm
– ISO 100
– Kamera: EOS 50D
– Objektiv: Sigma 17–70 mm

Was habe ich dabei gelernt?

Es lohnt sich immer, die Kamera dabei zu haben, eine Plastiktüte gehört zur Grundausrüstung in der Fototasche, Damen mit langen Haren geben bei Sturm klasse Fotomotive ab und dass ich bei starkem Wind das nächste mal besser den Rucksack packe – das spart blaue Flecken. Und wie gesagt: „Keep it simple.“

Vielen Dank an Martin an dieser Stelle, dass das Foto und die Geschichte dazu hier auf kwerfeldein.de Platz gefunden hat.

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