kwerfeldein
22. Januar 2010 Lesezeit: ~7 Minuten

Das erste Objektiv: Eine Empfehlung

„Sag mal Martin, welches Objektiv soll ich mir als erstes kaufen? Lieber ein Tele oder ein Weitwinkel? Ich weiß noch gar nicht so recht, was ich denn fotografieren möchte. Bald hole ich mir endlich eine DSLR, und die haben ja immer so ein Kitobjektiv dabei. Soll ich das dazunehmen? Oder lieber extra ein Weitwinkel? Oder ein Tele-Zoom? Achja, viel Geld habe ich leider nicht.“

Diese berechtigte Frage nach dem ersten Objektiv bekomme ich schon seit geraumer Zeit in abgewandelter Form gestellt. Und ich kann sie gut verstehen, die Neueinsteiger. Klar, manche wissen für sich schon, dass die Technik erstmal sekundär ist, aber mit irgendwas muss man ja anfangen. Ganz ohne Objektiv gehts halt auch nicht.

Und so stellt man sich vors Regal im Media Markt, lässt sich hier und da beraten, liest den ein oder anderen Blogpost – und ist nicht selten hinterher genauso schlau wie vorher. Tausend Angebote fliegen einem durch den Kopf, und Worte wie „Blende“, „Lichtstärke“ oder „nicht ganz so scharf“ werfen eigentlich mehr Fragen auf, als dass sie wirklich helfen.

Ganz weit vorne in der Auswahl ist natürlich das Kitobjektiv, das in den meisten Fällen nicht besonders gut, aber auch nicht grottenschlecht daherkommt. Mit einer Brennweite von 18-50mm (ich weiß, es gibt auch andere, aber dieses wird sehr häufig dabeisein) hat der angehende Hobbyfotograf schonmal viele Möglichkeiten.

Zum einen kann man damit weitwinklige Landschaftsaufnahmen, aber auch Portraits erstellen. Wer mag, kann auch mal eine Nahaufnahme von den Blumen im Hinterhof machen. Und man kann…

Moment mal. Brauchen wir das alles denn am Anfang?

Liebe Leute, wenn ich ehrlich bin, überzeugen mich die Standard-Kitobjektive nicht wirklich. Und mittlerweile empfehle ich immer seltener, zum Kitobjektiv zu greifen, und immer häufiger spreche ich mich für ein Objektiv aus, das ich gleich benennen werde.

Eigentlich sollte ich ja die Frage stellen: „Was willst Du denn fotografieren? Also, wenn Du lieber Tiere fotografierst, dann nimm mal das Tele. Oder Architektur? Dann brauchst Du das und das…“

Und ihr merkt schon, irgendwie ist das an der Sache (und vor allem der Person) vorbei. Denn meistens, wie oben geschildert, wissen die meisten ganz am Anfang noch überhaupt nicht, was sie denn fotografieren sollen. Und das ist auch gar nicht schlimm. Ich würde mal sagen: Das ist ganz normal.

Und somit empfehle ich gerne ein Objektiv, das:

a) günstig
b) lichtstark
c) einigermaßen scharf
d) eine Festbrennweite ist.

Das 50mm 1.8 (gibt es für Canon*, Nikon* und auch für Sony*).

Warum diese Festbrennweite?

Nun, eigentlich steht die Antwort schon ein paar Zeilen drüber. Das 50mm ist günstig, lichtstark und scharf (+ -). Und: Es ist eine Fest(e)brennweite. Das bedeutet, dass man sich bewegen muss, wenn man etwas näher ran oder weiter weg von Objekt möchte.

Das hört sich im ersten Moment ganz schön unbequem an – macht aber eine Menge Spaß, sobald man sich daran gewöhnt hat. Und dadurch lernen wir quasi von der ersten Stunde an, was wir mit einem kleinen Schritt nach vorn, zur Seite oder nach hinten bildkompositorisch bewirken können. Das sind Sachen, die mit einem Zoom erstmal auf der Strecke bleiben – aber unter Umständen ganz entscheidende Grundlagen zur Bildgestaltung mit auf den Weg geben.

Dazu kommt die Lichtstärke, bei der kein Kitobjektiv mithalten kann. Mit  1:1.8  haben wir wesentlich mehr Möglichkeiten, in dunklen Lichtsituationen zu fotografieren als mit einem Kit-Objektiv, das bei Blende 3,5 aufhört.

{Kommentar am Rande: Ehrlicherweise frage ich mich ohnehin, warum nicht das 50mm 1.8 als Kitobjektiv angeboten wird. Fotografisch würde das gerade für Einsteiger wesentlich mehr Sinn machen.}

Dazukommt, dass man mit dem 50mm sehr gut Portraits von Menschen machen kann. 50mm gibt uns genügend Abstand zur Person und wir können sogar schön mit der Unschärfe im Hintergrund spielen (1).

Und wer plötzlich merkt, dass er/sie doch Landschaften fotografieren möchte: Auch mit einer Festbrennweite von 50mm können wir gute Landschaftsfotos machen – wir müssen lediglich mehr laufen und können halt nicht superweitwinklige Verzerrungen in Bild bringen.

Aber das ist vielleicht auch noch gar nicht so wichtig. Gerade am Anfang hat man genug damit zu tun, Belichtungszeit, Blende und ISO auseinanderzuhalten und passend einzustellen – da kann es unter Umständen sogar angenehm sein, nicht noch zusätzlich herumzuzoomen, sondern sich voll auf den technischen Kleinkram zu konzentrieren.

Ich finde, dass das 50mm dafür gute Vorraussetzungen bietet. Und klar – wer schon von vorne herein weiss, dass er supergerne mit dem Zoom spielt oder für den ein weiter Winkel unverzichtbar ist, der kann getrost auch zum Kitobjektiv greifen, klar doch.

Und ja, das 50mm 1.8 hat auch Schwächen. Es ist weitgehend aus Kunststoff hergestellt und der Autofokus gehört nicht zu dem Schnellsten (zumindest bei Canon’s Version). Aber für knapp über 100 Euro ist das schon zu verkraften ;)

(1) Wer etwas weiter in die Tasche greifen kann, könnte sich überlegen, gleich das 50mm 1.4 zu kaufen. Das ist einen Ticken lichtstärker, besser verarbeitet und hat ein etwas weicheres Bokeh. Da muss jeder für sich entscheiden, was für ihn/sie das Richtige ist.

So – ich hoffe, dass dieser Artikel gut verständlich geschrieben war und ihr etwas daraus ziehen konntet. Für die Wissensdurstigen: Hier ist noch ein ausführlicher Bericht darüber, warum ich Festbrennweiten empfehle.

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Update: Da dieses Thema von vielen Kommentatoren bereichert wurde, hat es natürlich auch meine Gedanken angeregt (vielen Dank auf für die kritischen Bemerkungen). Ich möchte deshalb ergänzen, dass es für den ein oder anderen Einsteiger evtl. von Vorteil wäre, zu einer 35mm Festbrennweite zu greifen. Der Sinn dahinter ist, dass 50mm für manche Einsteiger evtl. ein zu  enger Brennweitenbereich sein könnte.

Auf Einsteigerkameras, die in der Regel einen Cropfaktor von 1,6 haben, sind die 50mm ausserdem equivalente 80mm. Viele 35mm Linsen sind allerdings u.U. teuerer als das 50mm 1.8.

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Frage an die Einsteiger:
Ist die Idee mit 50mm Euch auch schonmal gekommen oder ist Euch das komplett neu?
Was denkt ihr darüber?

Frage an die Fortgeschrittenen:
Seit ihr mit mir d’accord oder ganz anderer Meinung?

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