kwerfeldein
08. Januar 2010 Lesezeit: ~7 Minuten

ICH, der Künstler

Liebe Leute, wir haben nun das Jahr 2010 begonnen und viele von uns setzen sich neue Ziele und neue Pfade, die sie mit der Kamera gehen wollen. Ich möchte heute etwas ansprechen, das ich seit ein paar Monaten beobachte und mir teilweise täglich Gedanken darüber mache. Vieles von dem, was ich nun sagen werde, hat damit zu tun, wie wir uns selbst als Fotografen wahrnehmen, respektive verhalten und in unserer Gesellschaft bewegen.

Es ist eine Kritik, bei der ich keine bestimmte Person vor Augen habe, die ich kritisieren möchte. Nein, es geht mir vielmehr um eine Haltung, die ich zunächst einmal bei mir selbst und eben auch häufig „zwischen den Zeilen“ in der Fotografie-Szene (insofern es eine solche gibt) bemerke. Damit möchte ich auf keinen Fall alle über einen Kamm scheren, sondern eine Tendenz, eine Entwicklung beschreiben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf alle zutrifft (1).

Viele von Euch haben dem ironischen Titel schon entnommen, welche Richtung diese Kritik einschlagen wird. Und eigentlich lässt es sich auf diese 3 Worte in der Tat reduzieren: ICH, der Künstler. Aber ich möchte es nicht dabei belassen, sondern ausführen, was ich genau damit beabsichtige zu sagen.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir Fotografen häufig nur uns selbst sehen.

*Achtung, überspitzte Formulierungen folgen*.

Wir drehen uns um unsere Fotos, unser Portfolio, unseren Fotoblog, unseren Auftrag und um unser Recht am Bild. Wir schuften, lernen dazu und fotografieren, um unsere Fotos an unseren Wänden hängen zu sehen und stolz darauf zu sein. Selbstbeweihräucherung olè.

Wir laden Fotos ins Netz, um gesehen zu werden und uns auf die Schulter klatschen zu lassen. Werden wir gelobt, sind wir voll in unserem Element, werden wir kritisiert, ist der Tag gelaufen. Noch schlimmer: Wenn gar niemand auf unsere Großartigkeit reagiert, sind wir schlecht gelaunt und fragen uns, warum denn die Welt nicht versteht, wie einmalig unser Werk doch ist. Und alle so, yeah.

Wir fotografieren nicht um des Bildes wegen, sondern weil wir uns damit in Szene setzen können. ICH, der Künstler. Roten Teppich, bitte.

Und ich behaupte mal, dass wir selbst oft nur übernehmen, was uns von anderen vorgelebt wird. Wir sehen, wie einzelne Menschen Erfolg mit Ihren Fotos haben und damit eine Menge Aufmerksamkeit auf sich ziehen – was ja an sich noch gar nicht schlecht ist. Doch wir laufen Gefahr, das als ultimatives Ziel der Fotografie zu sehen und werden ein Teil des Problems. Wir beginnen, darauf hinzuleben und unsere Hoffnung dort hineinzusetzen, wofür die Fotografie nie gemacht wurde: Ich, der Rockstar.

Dabei hat die Fotografie schon immer den Fokus von uns weg auf andere Dinge oder Menschen gelenkt.

Selbst der Akt des Fotografierens ist einer, bei dem ich durch den Sucher auf andere (oder etwas anderes) schaue. Offensichtlicher geht es kaum. Das Ergebnis kann dann mehr oder weniger gut ausfallen und unsere Fähigkeit trägt natürlich einen gewissen Teil dazu bei.

Doch wir sind immer davon abhängig, was vor der Linse passiert – egal wie gut wir sind. Wäre da nichts Interessantes zu fotografieren, gäbe es auch keine Fotografen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir das vergessen.

„Ich habe mir meine Techniken und Fähigkeiten alle selbst beigebracht, ganz autodidaktisch“. Das stimmt leider nicht ganz.

Schon in dem Moment, in dem wir nur die Bedienungsanleitung unserer Kamera lesen, lernen wir von jemand anderem.

Wenn wir nur ein superschönes Foto einer eindrücklichen Landschaft sehen, beeinflusst uns das. Ob wir nun wollen oder nicht – wir sind keine autonome Individuen, die völlig alleine und nur durch sich selbst jeden Tag ein Stückchen besser werden. Tut mir leid, aber auf diesen Lorbeeren können wir uns nicht ausruhen.

Nein, jeder von uns ist in einem Beziehungsgeflecht und wir lernen ständig von anderen. Keiner von uns kann von sich behaupten, alles alleine geschafft und gelernt zu haben. Ein Beispiel?

Meine neue DVD. Sie ist nicht ausschließlich das Ergebnis meiner Erkenntnisse, sondern auch Eure Kommentare hier auf kwerfeldein.de haben mir einiges beigebracht, was ebenfalls in die DVD einfließt. Alles, was ich in den Videos sage ist von den vielen Blogartikeln, Büchern und Gesprächen mit Fotofreunden – und eben auch durch Eure Meinungsäußerung hier oder per Mail geprägt.

Natürlich habe ich auch eine eigene Position und kopiere nicht alles, was hier gesagt wird. Meine Meinung ist nicht immer konform mit der von anderen – das wäre nicht gesund. Ich brauche eigene Positionen und das ist auch gut so.

Doch zu behaupten, ich hätte alles, was ich hier oder auf der DVD erzähle – ganz alleine gelernt, wäre glatt gelogen.

Wenn eine Toni Frissell, nachdem sie an Alzheimer erkrankt ist, ihr Gesamtwerk von 300.000 Fotos an die Nationalbibliothek spendet – und somit alle Rechte auf ihre Fotos abgibt – dann weiß ich, dass sie etwas verstanden hatte. Nein – ich glaube nicht, dass wir alle jetzt unsere Fotos verschenken sollten. Hier geht es um ein Prinzip.

Wann habe ich das letzte Mal jemandem ein Foto geschenkt? Also ich meine nicht zu Weihnachten.. Einfach so, um der Person einen Gefallen zu tun und weil ich weiß, dass sie sich freuen würde?  Wann habe ich das letzte Mal einfach nur danke gesagt, weil ich von jemandem etwas lernen (oder ihn/sie fotografieren) durfte? Wann habe ich das letze Mal einer Einzelperson von meinem Kamera-Wissen weitergegeben – ohne auf die Uhr zu schauen oder gleich daran zu denken, was MIR das jetzt bringt?

Gerade weil ich mich selbst auch häufig egozentrisch und auf mich bezogen erlebe, stelle ich mir Frage wie diese. Denn ich glaube, dass es einen Ausweg gibt – sonst würde ich das hier nicht schreiben. Ich glaube, dass wir gute Fotografen sein können, ohne ständig über uns selbst zu reden. Sondern beispielsweise aktiv mit unseren Bildern & Erfahrungen anderen Leuten zu helfen und eine Freude zu machen.

Update: In der SZ gab es einen sehr guten Artikel zum Thema Ich-Falle, den ich als weiterführende Literatur empfehlen kann.


(1) Ich bin manchmal sehr angetan davon, wie respektvoll, freundlich und offen ihr hier kommentiert und Euch einbringt. Das sehe ich als ein positives Beispiel dafür, dass es nicht immer so laufen muss. Daumen hoch.

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