kwerfeldein
22. Dezember 2009 Lesezeit: ~3 Minuten

Alles hat seine Zeit

winter landschaft

In 99% aller Fälle komme ich von einem Landschafts-Shooting leicht aufgeregt nach Hause, lade die Bilder auf den Rechner und möchte gleich sehen, „wie sie geworden sind“. Nachdem dem Import blättere ich meist ungeduldig durch die Fotos und halte Aussschau nach potentiellen Volltreffern.

Manchmal setze ich mich gleich dran, sortiere die mittelprächtigen aus und bearbeite die Guten. Aber nicht immer mache ich das so – und gerade bei Landschaftsfotos immer seltener. Über die Jahre habe ich mir etwas angewöhnt, wovon ich Euch heute erzählen möchte:

Manche Fotos müssen reifen.

Natürlich reifen Fotos nicht wortwörtlich – schließlich sind sie keine Äpfel. Aber: Es ist nicht immer an der Zeit, unmittelbar nach dem Shooting die Fotos auszusortieren und zu bearbeiten. Und das liegt nicht an den Fotos, weil sie etwa „unreif“ sind, sondern vielmehr an mir selbst.

Wenn ich direkt nach dem Shooting beginne, meine Fotos zu bearbeiten und fertig zu machen, fehlt mir meistens die Ruhe. Ich bin noch zu sehr in Neugierde, was denn jetzt aus den Bildern geworden ist. Und zusätzlich fehlt mir noch etwas ganz Entscheidendes: Abstand zu den Bildern und Erfahrungen, die ich damit verbinde.

Zum Selektieren und Optimieren meiner Landschaftsfotos brauche ich Ruhe und Gelassenheit.

Und ich gehe ganz anders an meine Fotos heran, wenn ich sie nach ein oder zwei Wochen betrachte und nicht direkt nach dem Fotografieren.

Denn dann kann ich meistens viel besser die Guten von den weniger guten trennen – das weiß ich aus Erfahrung.

Das hat einen ganz einfachen Grund. Beim Fotografieren draussen in der Natur empfinde ich etwas, sammle Eindrücke und Erfahrungen. Ich spüre den Wind über meine Schultern streichen, bewundere das rote Licht oder staune über die grimmigen Wolken am Horizont. Diese Eindrücke bleiben erst einmal in Erinnerung. Wenn nun direkt nach dem Shooting die Fotos ansehe, dann vermischen sich gerne mal die Erfahrungen von draussen mit der Beurteilung der Bilder.

Dann fällt es mir schwerer, mich von so manchen Fotos zu trennen. Und das Trennen ist ein ganz entscheidender Prozess beim Aussortieren.

„Das war doch soooo schön, als die Sonne draussen unterging!“

Tja, das muß aber noch lange nicht heißen, dass das Foto ebenso schön geworden ist.

Aus diesem Grund lasse ich in 90% aller Fälle meine Landschaftsfotos mindestens ein, zwei Wochen liegen. Reifen, wenn wir so wollen.

Danach habe ich Ruhe und genügend Abstand zu den Erfahrungen und kann meistens deutlich besser beurteilen, welche Fotos gelungen oder nicht gelungen sind. Dann fällt es mir leichter, die eher mittelprächtigen Fotos loszulassen.

Mir hilft das. Und diese Herangehensweise hat sogar die Qualität meiner Fotos gesteigert – auf lange Sicht. Natürlich muss ich hauptsächlich direkt beim Fotografieren konzentriert sein – aber die Zeit danach gehört ebenso zum kreativen Prozess.

Es gibt Fotos, die liegen nicht nur 2, 4 6 oder mehr Wochen auf der Festplatte. Die liegen dann ein halbes Jahr und schlummern vor sich hin. Ich spicke ab und zu rein, und wenn die Zeit reif ist, sortiere ich die Bilder durch, bearbeite eines und das geht dann online. Oder ich lasse sie nochmal liegen und schaue einen Monat später nochmal rein ;)

Alles hat seine Zeit.

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39 Kommentare

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  1. schöner artikel. hab die erfahrung auch gerade wieder neu gemacht. allerdings muss ich mehr um das aussortieren bemühen, da hängts bei mir meist noch ein wenig. das bearbeiten der bilder, zu denen ich über die zeit mehr abstand gewonnen hab, macht auf eine besondere art auch viel mehr spaß, da ich dabei gut in erinnerungen verweilen kann.

    lg!

  2. Interessante Perspektive – aber mir scheint es anders zu gehen.

    Ich hebe meine Bilder auch relativ lange auf und gucke immer mal wieder meine alten „aussortierten“ Bilder durch. Jedoch geht es mir ganz und gar nicht so wie dir. Ich fühle mich immer wieder bestätigt bei der Wahl meiner Bilder. Im Gegenteil: Ich ahne immer schon während des Momentes des Auslösens, dass das Bild des Tages sein wird – oder eben nicht. Bei der anschließenden Betrachtung werde ich fast immer dorthingehend bestätigt.

    Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, meine aussortierten Bilder nicht auf ewig zu archivieren, weil ich bisher im Nachhinein keine Schätze darin finden konnte.

    aggn

  3. mir gehts da ähnlich ich fotografiere des öfteren meine Heimatstadt von den umgebenden Hügeln. das Blickfeld meiner Augen erfasst soviel mehr als ich mit der Kamera einfangen kann. Emotionen die sich in mir bilden lassen sich ebensowenig im bild festsetzen. Aber manchmal mache ich ein Bild, schaus mir auf dem Monitor an und denke das ich genau das auf dem Monitor zusehen bekomme, was ich aus dem Kameradisplay herausgedeutet habe. meistens sieht es aber dann ganz anders aus. einge Ideen kommen auch erst wenn man die Bilder vier mal gesehen hat und zwischenzeitlich eine andere technik bei Bildern ausprobiert hat die garnichts mit dem ersten zu tun haben und diese dann bei eben diesem auch ausprobiert.

  4. Ja, genauso geht es mir auch! Ich habe oft auch nicht die Geduld. Aber Du hast vollkommen recht. Mir ging es so mit der Konzert-Serie, die geschossen habe (Schiller-Konzert in Königstein). Erst nach einigen Wochen war ich in der Lage, aus diesen Bildern wirklich eine Serie zu machen, etwas emotionales. Und hin und wieder greife ich in meiner Sammlung ein Bild raus und gehe es mit der Nachbearbeitung an – teilweise sogar Fotos, die ich schon x-mal bearbeitet habe. Und immer kommt etwas anderes dabei heraus.

    Insofern kann ich Dein Vorgehen voll nachvollziehen und bestätigen!

  5. Bin deiner Meinung, manche Fotos müssen reifen.
    Ist bei mir auch so. Leider wollen die Models nach
    dem Shooting so schnell wie möglich ihre bearbeiteten
    Fotos haben – in dem Umfang wie im TfP-Vertrag ausgemacht.
    Bei mir zzt. 10 Fotos je Shooting bei TfP.

    Die Fotos, die ich für mich bearbeite müssen reifen, wie ein guter Käse, ein guter Wein, oder ein Mensch mit Charakter und Charisma – Meine Meinung.

  6. Mir geht es oft so, dass mir die Bilder beim betrachten direkt nach einer Fototour nicht so gut gefallen, da Sie oft nicht so schön aussehen, wie ich mir das beim fotografieren vorgestellt habe. Wenn ich Sie dann aber nach einer Zeit nochmal anschaue, merke ich erst, dass mir die Fotos teilweise doch viel besser gefallen, als ich vorher dachte.
    Vielleicht brauch ich aber auch noch ein bisschen Erfahrung im bearbeiten von Fotos, um das eigentliche Potential von einem Foto zu erkennen. Wobei unberabeitete Fotos, die direkt gut aussehen für mich doch irgendwie wertvoller sind.

  7. Interessanter Aspekt! Bist Du durch die Selektion für das Best-of 2009 darauf gekommen?
    Ich persönlich denke auch, dass das nicht nur für die Landschaftsfotografie, sondern auch für viele andere Bereiche gilt, z.B. Menschen / Portraits.
    Ich fotografiere jetzt seit ca. 4 Monaten und habe außer den gaaaanz schlechten noch kein Bild entsorgt…das hat allerdings auch andere Gründe. Ich plane aber, im kommenden Urlaub mich mal in Ruhe hinzusetzen, Bilder zu sichten, sortieren und ggf. löschen bzw. auch zu bearbeiten und zu veröffentlichen…

    • @anwin: Hm, nein – ich mach das schon ziehmlich lang, habs aber noch nie so richtig beschrieben. Dachte – da kann man sicher nen Artikel draus machen… Aber ich habs ja bei nem Bild schon angerissen gestern und da haben ein paar drauf geantwortet. Das hat mir den Kick gegeben, das Ganze mal als Artikel reinzustellen ;)

  8. Hey Martin,
    Bei mir ist es ähnlich, aber eher andersherum.
    Anstatt, dass ich mich nicht trennen kann, mache ich öfters die Erfahrung, dass ich ein Bild nach einigen Monaten doch ganz gut finde oder ich eine Idee habe, wie man es mit PS interessant ins Licht rücken kann.
    LG, Marvin

  9. Das mit dem Abstand hat ja auch den positiven Effekt, dass man nochmal in der Erinnerung an den Ort, die Zeit oder die Landschaft schwelgen kann. Da kommt bei mir immer so ein bisschen das Gefühl zurück als ob man gerade dort gewesen wäre. Fotos und gerade Landschaftsaufnahmen sind ja auch ein Stück Erinnerung an etwas. Ich bin dann auch etwas objektiver was die Bewertung der Fotos angeht und mit Abstand zieh ich für mich mehr aus eventuell nicht so guten Bildern.

  10. Bei mir ist es eher andersrum…
    Da bleiben immer zu viele Bilder übrig!
    Deswegen habe ich mir in letzter Zeit angewöhnt, bereits beim fotografieren zu überlegen, ob sich das Bild überhaupt lohnt. Inzwischen kann ich sogar halbwegs abschätzen, wie ein Bild am Monitor aussehen wird.
    Ich denke, wir alle kennen dieses Phänomen, dass ein tolles Motiv in Live wesentlich besser aussieht als durch den Sucher.

    Zum Aussortieren: Bei mir läuft das so ab – Im ersten Durchgang werden alle Bilder, die technisch nix geworden sind, aussortiert (Unscharf, Verwackelt…). Im zweiten Durchgang kommen dann die doppelten und die „Nichts-sagenden“ dran. Zum Schluss nochmal alles durchgehen, und die Bilder raushauen, denen einfach „was fehlt“.

    Das schöne daran: Wenn man damit durch ist, hat man eine übersichtliche Liste mit den Besten Fotos.

  11. Das ist witzig. Genau das habe ich gestern gerade gemacht. Ich habe mir Lightroom vorgenommen und wollte endlich mal etwas aussortieren. Dabei lief ich durch die Bilder von St. Peter-Ording aus dem letzten Winter (ich hatte meine DSLR gerade neu). Nach einem Jahr Lesen, Probieren, Erfahrung sammeln muss ich sagen, hab ich mir die Bilder ganz anders angeschaut und aussortiert. Da sind noch gute Bilder bei, die ich bestimmt die nächsten Tage mal anfassen werde.

  12. jau, so geht es mir auch. Ich habe auch die Erfahrung gemacht dass ich nach einem Monat manches 4-Sterne bild gelöscht und in den unmarkierten machen Schatz gehoben habe.

    Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass man bei der Aufnahme was bestimmtes im Kopf hatte – meistens kriege ich es nicht genau so hin. Nach einiger Zeit hat man den Abstand zur Aufnahmesituation und schaut das Bild neutraler an.

    -b

  13. Ein sehr schöner Artikel, in dem ich mich wiederfinde.
    Gerade dieses „Betrachten aus einem neuen, unvoreingenommenen Blickwinkel“ nach Monaten, manchmal Jahren, lässt Bilder, die man in der Überflutung nach dem Shooting oder auf einer Reise möglicherweise sogar gelöscht hätte als Perlen hervortreten.

    Ein weiterer Grund, keine Bilder „in the field“ zu löschen. Und Zuhause am besten auch nur technisch unzureichende.

  14. Blogartikel dazu: Tweets die Alles hat seine Zeit | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel erwähnt -- Topsy.com

  15. Na- ja ist es nicht eher so das „Fotoneulinge“ darauf brennen ihre Arbeit möglichst zeitnah auszuwerten, zu verbessern, daran zu feilen? Alteingesessene Fotohasen aber gern mal ein bisschen abwarten weil sie nahezu wissen das ihre Arbeit eh was geworden ist?

  16. Toller und interessanter Artikel.
    Ich fange auch so allmählich damit an, meine Bilder besser auszusortieren bzw. die Bilder erst nach einer gewissen Zeit zu begutachten.
    Denn bisher habe ich quasi jedes Bild, welches ich geschossen habe, behalten (nachdem Motto: Das könnte man ja noch mal gebrauchen).

  17. Und es gibt Anlässe da darf das Bild gerade mal einige Minuten reifen, dann sollte es bearbeitet und verschlagwortet auf der Redaktion liegen. Ja, immer hat man eben die Zeit nicht und das Bild muss im Kasten sein wie es der Kunde verlangt.
    UND! DAS! AM! LIEBSTEN! GESTÄÄÄRN!
    Dann ist aber fertig mit Romantik … aber sowas von!

  18. Den Fotos Zeit zum Reifen lassen will aber gelernt sein :) Mache ich inzwischen auch so. Früher habe ich immer wild und aufgeregt die Fotos sofort nachbearbeitet. Inzwischen lass ich mir wirklich länger Zeit und schaue mir evtl auch noch nachbearbeitete ein paar Tage später noch einmal an, um zu sehen, ob es immer noch so „gut“ ist :)

    Schöner Beitrag

  19. Ohje… Bei mir reift eigentlich garnix. Nach dem Shooting wird ruckzuck aussortiert, hochgeladen, auf unsere website eingestellt. In Ordern sortiert für die Agentur, auf CD gebrannt, damit diverse Veranstalter, Bands oder Zeitschriften die Fotos bekommen. Speicherkarten lösche ich sofort, um für kommende Events bereit zu sein.
    Für mich privat mach ich nur sehr, sehr selten Fotos. Ich benütze fast ausschließlich beruflich mein Equipment. Mir gehts auch weniger um technische Perfektion, als um lebendige, emotionale Shots. Ich bin Foto-Reporterin, keine Foto-Gestalterin. Und da spielt ZEIT eine große Rolle!

  20. Mir gehts inzwischen auch so, dass ich öfter nach etwas längerer Zeit bestimmte Fotos nochmal anschaue und ganz andere Motive interessant finde und dann bearbeite.

    Meist bin ich direkt nach dem Fotografieren eher unzufrieden mit den Resultaten und wenn ichs dann etwas ruhen lasse, sind die Erwartungen oft ganz andere und mir fallen andere Dinge als beim ersten Mal anschauen ins Auge :)

  21. Ich sortiere meine Bilder mit Hilfe von Lightroom in zwei Durchgängen aus: Im ersten fliegen alle technisch misslungenen Bilder raus und die, die mir gar nicht gefallen. Im zweiten Durchgang, der durchaus „irgendwann“ sein kann, kommt die Bewertung und Verschlagwortung. Dabei werden dann auch nochmal nicht wenige Bilder in die Rundablage geschickt.
    Über meinen Fotoworkflow gibt’s gerade eine Artikelserie in meinem Blog: http://www.publicbrain.de/foto-workflow-4 (Hier geht’s ums Sichten und Aussortieren)

    Frohe Weihnachten!

  22. Ein sehr interessanter Artikel!
    Mir geht es ähnlich. Wie du schon gesagt hast sehe auch ich meine Fotos nach einiger Zeit mit anderen Augen als direkt nach dem Fotografieren, und man verbindet Erinnerungen damit.

    Ich bring´s direkt nach dem Fotografieren auch meist nicht übers Herz viele Fotos zu löschen, so fliegen erstmal nur die ganz schlechten raus. Und dann gibts diese Tage an denen ich meine Fotosammlung durchstöbere und mir Bilder zum Bearbeiten suche. So wird dann manchmal aus einem erst „schlechten“ doch noch ein gutes Foto :-)

    Frohe Weihnachten!

  23. Blogartikel dazu: Bildvorstellung: Sheds | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel

  24. hm, welch weise ansichten du hier mit uns teilst! ich bin dankbar hab ich dich im gewühle des netzes gefunden, denn deine arbeiten sind inspirierend und die gedanken sehr anregend und helfend in den eigenen schritten! go for!

  25. Blogartikel dazu: Aus den Tiefen des Bildarchivs – 21 – Träumereien « Nobsta's Foto-Blog

  26. Blogartikel dazu: Ich scheine Bänke zu mögen… | MonoStep

  27. Blogartikel dazu: Bilder brauchen Zeit. | Portfolio von Jonas Riegel

  28. Blogartikel dazu: Blogparade: Mein bestes Foto 2009 // hombertho.de

  29. Hi Martin,

    danke für diesen Beitrag von dir! Er ist mir nach all den Jahren in sehr guter Erinnerung geblieben. Dies konnte ich nutzen um deinen Beitrag als Antwort auf einen Kommentar auf meinem Blog zu posten. Aber darum geht es nicht! Ich wollte dich nur mal kurz wissen lassen, dass deine Beiträge und dein Blog und somit deine Arbeit und die deines Teams einen stets in Erinnerung bleibt! DANKE!