Kwerfeldein
27. November 2009 Lesezeit: ~8 Minuten

Uli Staiger: Ein Photoshop Künstler im Interview

Als ich vor vielen Monaten zum ersten Mal auf Uli Staiger’s Portfolio stieß, musste ich erst einmal schlucken. Das, was mir da an Bildmontagen begegnete hatte ich fast nie (oder selten) zu Gesicht bekommen. Ich selbst bin, was Retusche und Montage betrifft eher der Purist, doch bei Ulis Compositings (so nennt man das) sprang sofort der Funke über. Mir war klar, dass ich ich Uli gerne mal ein paar Fragen stellen wollte und vor zwei Wochen hat es nun endlich geklappt.

Tipp: Wenn ihr auf die Bilder klickt, könnt ihr sie in größerer Auflösung betrachten. Und jetzt wünsche ich Euch viel Spaß beim Lesen!

Uli, magst Du Dich meinen Lesern kurz vorstellen?

Hallo liebe Leser von kwerfeldein, mein Name ist Uli Staiger. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Fotografie, genauer gesagt mit den Themen Landschafts- und Studiofotografie. Klingt wie eine schräge Kombination. Fand ich auch, solange, bis ich Photoshop in die Finger bekam. Ich war plötzlich in der Lage, all meine seltsamen Bilderfantasien in die Realität umzusetzen. Was ich seit etwas 12 Jahren nun auch tue.

Also zuerst die Kamera, dann Photoshop – gute Reihenfolge. Hattest Du damals schon Vorbilder, die Du heute in Deinen Compositings wiedererkennst? Oder wie kamst Du auf die Idee, das zu machen, was Du heute tust?

Klar hatte ich die. Jean-Loup Sieff, weil er unglaublich einfühlsam Brennweiten einsetzen kann. Meinen Freund und Lehrer Helmut Hirler (solltest Du auch mal ansehen), mit dem ich viele Reisen unternommen habe. Und Neil Molinaro, für den ich ein Jahr lang in den USA gearbeitet habe. Neils Studiokompositionen waren der absolute Wahnsinn. Seine Art zu beleuchten, aber auch surrealistische Effekte und „unfotografierbare“ Bilder zu produzieren war Anfang der 90er unerreicht.

Und damit nimmst Du mir fast die nächste Frage vorweg: Wie und wo hast Du die Techniken gelernt, die Du heute einsetzt? Hast Du Workshops besucht oder Bücher gelesen?

Ich glaube, dass Deine Frage absolut berechtigt ist. Allerdings ist die Technik nur ein Teil dessen, was zu meinen Bildern führt. Logo. Fotografieren gelernt habe ich während meiner Ausbildung zum Fotografen 1987 – 90. Nicht ausschließlich durch die Ausbildung selbst, sondern durch viel Fotografieren und SW-Labor-Arbeit. Dann folgte besagter USA-Aufenthalt, wo ich auch als Freelancer für viele andere Fotografen gearbeitet habe und so eine Menge Erfahrung sammeln konnte. Fotografie, ihre optischen Gesetzmäßigkeiten und Regeln bilden die feste Grundlage, auf der meine Bilder entstehen.

Nachdem mir die USA zu stressig und zu langweilig geworden waren, bin ich zurück nach D gezogen und habe mal Berlin ausprobiert. Hat Spaß gemacht, also bin ich geblieben und habe mich selbständig gemacht. Nebenher habe ich eine zweijährige Ausbildung zum Fototechniker und Fotografenmeister abgeschlossen, und in diesem Rahmen ist mir auch Photoshop begegnet. Damals (Version 3.05) gab es noch fast keine Bücher über PS, klingt seltsam, ist aber wahr, also habe ich die PS-Hilfe bemüht und viel gelernt. Später dann erst kamen weitere Bücher dazu, die ich verschlungen habe und seit etwa zwei Jahren lerne ich unter anderem mit DVDs.

Hört sich nach einer langen Reise an. Das heißt, wir können getrost sagen, dass Du 12 Jahre gebraucht hast, um Dir die Sachen beizubringen, oder?

Stimmt, ein paar Reisen waren auch noch dabei. Ich war insgesamt 3 Monate in Spanien und weitere 3 in Chile. Nirgendwo kann man solche Landschaften sehen wie dort. Aber mit den 12 Jahren liegst Du schon richtig. Lernen ist die Summe der Erfahrungen, die man innerhalb eines Zeitraums macht. Je mehr man dabei bewusst erlebt, desto intensiver ist die Auseinandersetzung mit den Bildern, die „raus“ wollen.

Jetzt mal was aussergewöhnliches,  Uli. Was war Deine Rekord-Zeit, die Du an einem Bild gearbeitet hast?

In welcher Richtung? Das Schnellste oder das, was am längsten gedauert hat?

Beides.

Na ja, so genau kann ich Dir das nicht mehr sagen, zumindest nicht bei dem, das am schnellsten ging. Außerdem müsste man die gedankliche Arbeit eigentlich mitrechnen, denn sie ist das wichtigste an meinen Bildern. An den meisten Bildern vermutlich. Sagen wir mal so: Es kam schon vor, dass ich ein Bild in anderthalb Tagen zusammengeschraubt habe, wenn alles fotografiert oder im Archiv war.

Das, was am längsten gedauert hat, habe ich vor etwa zwei Jahren angefangen. Ich habe immer wieder Anläufe unternommen, es fertigzustellen. Jetzt schaffe ich´s tatsächlich, es wird noch dieses Jahr fertig.

Deine Werke sehen sehr reif und durchkonzeptioniert aus – ein Blick auf Deine Referenzen zeigt auch, dass das ankommt, was Du machst. Gibt es Dinge, die Du noch lernen möchtest, die Du (für Deine Begriffe) noch besser machen könntest?

Na klar. Sobald ich aufhöre zu lernen, sind alle weiteren Bilder zum Scheitern verurteilt. Ich würde gerne noch mehr cgi (computer generated imaging) nutzen, um mich vom Fotografieren unabhängiger zu machen. Außerdem gibt mir meine Fantasie Dinge preis, die einfach nicht existieren, die ich aber herstellen könnte: Laubscooter mit eingebauter Antigrav-Einheit zum Beispiel. Das Problem besteht darin, virtuelle Inhalte und fotografierte Szenen so miteinander zu verschmelzen, dass es keinerlei Stellen mehr gibt, die auf cgi hinweisen. Daran arbeite ich zurzeit, und so wie´s aussieht, werde ich so schnell nicht damit aufhören. Auch neue Photoshop-Techniken interessieren mich: Das Netz ist voll von Leuten, die unglaublich gute Techniken drauf haben, da kann ich noch viel lernen …

Oh, ja, das Netz scheint manchmal unendlich zu sein – viele Möglichkeiten. Doch mal ganz praktisch. Was würdest Du einem jungen Foto-Einsteiger raten, der Deine Bilder sieht und wagt, einwenig zu träumen … „Wenn ich nur mal solch Bilder machen könnte“ …

Dass er selbst welche macht, was sonst? Im Ernst: Ich glaube, die stärkste Triebfeder, Bilder zu machen, ist, welche machen zu wollen. Wenn man es nur ganz nett findet, dann wird´s nix. Man muss eine Art innere Besessenheit dafür haben. Die kann auch im Laufe der Zeit erst dazukommen. Ich würde dem jungen Foto-Einsteiger einfach raten, sich Vorbilder zu suchen und zu lernen, wie diese Vorbilder arbeiten. Das ist heute verhältnismäßig einfach. Er soll ruhig kopieren, nachbauen – dabei lässt sich sehr viel lernen. Irgendwann wird sich der eigene Wille dann emanzipieren, eine eigene Handschrift erkennbar. Außerdem würde ich ihm raten, diese Vorbilder – sofern möglich – zu kontaktieren. Fragen zu stellen. Und an Wettbewerben teilzunehmen, den Diskurs mit anderen zu suchen, sich Kritik zu stellen.

Das nenn ich mal eine handfeste Antwort Uli – und ich glaube, dass da einige Leser dankbar dafür sein werden. Letzte Frage, Uli: Welche Musik läuft bei Dir, wenn Du Deine Fotos bearbeitest?

Beim Denken: Keine. Beim Bearbeiten: Höchst unterschiedlich. In letzter Zeit höre ich häufig einen Internetsender, der sich cinemix nennt: Filmsoundtracks, großartig. Oder ich gebe mir einen Ambient Sound, nichts was wehtut, aber die Gedanken fliegen lässt. Musik kann wie eine Landschaft sein, man hört sogar manchmal, wie das Wetter in dieser Landschaft ist.

Danke, Uli für das Interview!

Tipp: Aktuell ist geplant, dass Uli Staiger einen Gastartikel für kwerfeldein.de schreiben wird. Wer nicht so lange warten möchte, kann sich in der Zwischenzeit seine Bücher* und DVDs* bei Amazon anschauen.

*Das ist ein Affiliate Link. Wenn Ihr darüber bei Amazon etwas bestellt, bekomme ich eine kleine Provision dafür. Ihr bezahlt aber keinen Cent mehr.

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29 Kommentare

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  1. Blogartikel dazu: Tweets die Uli Staiger: Ein Photoshop Künstler im Interview | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel erwähnt -- Topsy.com

  2. So, hier bin ich wieder.

    Hab gerade was weiss ich wieviele Browserfenster offen. Das ist total mein Ding! Sehr sehr geil, mir fehlen die Worte.

    Von seinen/deinen Bildern habe ich auch schon welche gesehen, zb das mit den 2 Ziegen (?) auf dieser gepflästerten Straße. Das war mal in einem Photoshopheft.

    Ich stelle es mir wirklich grandios vor, wenn man das, was man im Kopf hat, wirklich auch ins Bild umsetzen kann. Ohne Grenzen. Wahnsinn wirklich. Ich versuche mir vorzustellen, wo man da anfängt bei so einem Projekt.

    Freue mich über einen Gastartikel und werde die HP gleich mal bei mir verankern. So, jetzt geh ich mal bei amazon einkaufen :P

    Danke für die Vorstellung dieses grandiosen Portfolios.

  3. Ich kenne die Bilder von Uli auch schon eine ganze Weile und bin immer wieder begeistert was mit Bildbearbeitung und 3D Software alles so möglich ist. Mir gefallen dabei am meisten diese Fantasie Bilder bzw. diese total irr witzigen Ideen. :) Das Zucker Bild oder das Bild mit dem Schiff im Olympiastation. Einfach sehr gute Ideen auf welche man erst mal kommen muss, mein großen Respekt dazu. :)

  4. Ein Interview mit Uli Staiger, ja wie geil ist das denn?

    Uli Staiger ist der Grund wieso ich mich mit der Fotografie beschäftige. Ich habe vor einigen Jahren Uli bei seinem Vortrag auf einer MacExpo in Köln zugehört. Ich war begeistert von seinen Comps und der Entstehungsgeschichte seiner Werke. Wer mal die Chance hat Uli live zu erleben, der nehme sie wahr. Eine wahre Inspirationsquelle.

  5. Also ich kann nur staunen.
    Als 1989, kurz vor dem Mauerfall, zum erstenmal an einem Computer sas war an sowas nicht zu denken.
    Ich kann mir vorstellen wie viel Arbeit es macht überhaupt sich selbst so weit zu entwickeln. Allein dafür meinen Respekt.
    Die Bilder sind so geil das es keinen Kommentar bedarf!

  6. Wow, da bleibt eiem die Spucke weg! Ich arbeite jeden Tag mit Photoshop, bin aber noch in der Aubildung und das was er kann werde ich wohl lange noch nicht können. Sehr beeindruckend und interessant das er in Berlin Kurse anbietet, da ist Berlin doch grad in der Reisezielskala deutlich gestiegen.

  7. Hm, ganz nett anzuschauen, mehr aber auch nicht. Finde ich zumindest. Mit Fotografie hat sowas nichts mehr zu tun, eher mit unreale Illusionen verkaufen. Nein, ich fotografiere lieber und widme mich in Maßen dem post processing.

  8. Blogartikel dazu: unterwegs « maik meissner … / … antje hoppe

  9. Blogartikel dazu: Faszinierende Photoshopkunst | neunzehn82

  10. Sehr geniale Arbeiten!
    Ich verfolge die Bilder schon eine Weile ud sie flashen mich immer wieder…

    Tolles Interview mit vielen, ehrlichen Antworten. Gefällt mir!
    Danke dafür! Freu mich schon jetzt auf den Gastartikel!!!

  11. Ich bin über diese Bilder auch an anderer Stelle schonmal gestolpert … natürlich, dahinter stecken tolle Ideen, diese sind hervorragend umgesetzt und erschaffen im wahrsten Sinne des Wortes neue Bilderwelten.

    Die Bilder sind schön anzusehen, aber sie berühren mich emotional nicht. Ich bin auch kein Freund von Science-Fiction-Filmen :-)

    Ein grobkörniges, schwarz-weisses Bild, mitten aus dem Leben … stimmt der Inhalt, die Aussage, darf es sogar nicht optimal komponiert sein, mit Unschärfen … das spricht mich mehr an als eine am Computer erschaffene Illusion.

  12. Das Foto mit dem AlphaJet vor der Tankstelle kannte ich tatsächlich schon länger. Aber auch die anderen Arbeiten sind sehr beeindruckend.

    Ich musste gerade auch kurz schmunzeln: Uli Staiger hat direkt nach mir (1983 – 1986) seine Fotolehre gemacht hat. (Natürlich nicht im selben Betrieb. ;-) )

  13. Wow, also ich bin ja auch PS-Fan, aber sowas bekomme ich im Leben nicht hin!
    Wäre wirklich mal sehr interessant zu sehen, wie so ein Bild entsteht! Da kann man bestimmt einiges mitnehmen…

    Falls also sowas im nächsten Beitrag dabei sein sollte – TOP!

  14. Bin eignetlich nicht so der Fan von Photo bearbeiten (ich geb zu ich mach es auch leicht) … aber hier ist das unreale so real wie noch nicht .. mein Kompliment du bist kein „Photograf“ und auch irgendwie wie kein „Künstler“ – man könnte sagen du baust dir die Welt wie sie dir gefällt – hier kann ich nur meinen Hut heben und Danke schön für die schönen Bilder sagen …

  15. @Michi.G85:
    Uli Staiger hat einige Lern-DVDs herausgebracht (bei v2b) – einige der Bilder welche man hier sieht (sogar viele davon) kreirt er „gemeinsam“ mit den Betrachter der DVD von 0 weg neu.

  16. Blogartikel dazu: Tolle Foto-Links vom November 2009

  17. Blogartikel dazu:   Fotografen über die Schulter geschaut by DigitalesRauschen

  18. Blogartikel dazu: Fotografen über die Schulter geschaut | 7oom

  19. Blogartikel dazu: Fotografen über die Schulter geschaut | Oberlehrer