kwerfeldein
19. November 2009 Lesezeit: ~7 Minuten

Bokeh! Oder: Was ist das?



Es gibt ein Element in der Fotografie, welches mich immer wieder fasziniert: Das Bokeh. Es kann einem Foto eine unglaubliche Tiefe und Brillianz verleihen, welche ohne das Bokeh schlicht und ergreifend fehlen würde.

Da ich das Thema so spannend finde habe ich mich in den letzten Wochen immer wieder darüber informiert und eingelesen. Es ist faszinierend, wie viele Artikel und halbe Bücher über dieses Thema zu finden ist – was für mich ein Zeichen dafür ist, dass das Thema mehr als relevant ist (aber manchmal auch überbewertet ist).

Und heute möchte ich das Thema etwas aufrollen. Natürlich habe ich keinen wissenschaftlich-100%-definierten Anspruch, denn hier und da wird auch meine eigene Meinung durchscheinen. Und zusätzlich hängt hier viel vom ästhetischen Empfinden jedes Einzelnen ab.

Aber was ist eigentlich das Bokeh? Woher kommt denn der Begriff?

Nun, das Wort Bokeh stammt aus dem japanischen und bedeutet so viel wie „unscharf oder verschwommen“. Es waren auch japanische Fotografen, welche den Begriff ursprünglich in die Fotoszene brachten und was damit gemeint ist, das möchte ich Euch kurz vorstellen.

Mit Bokeh ist (wie in der Übersetzung schon angedeutet) der Teil eines Fotos gemeint, der unscharf abgebildet ist. Das Bokeh bedeutet auch, wie diese Unschärfe aussieht. Beispielsweise ob sie ruhig oder unruhig ist, ob sie weich oder eher „hart“ ist.

In Fotobüchern, -Blogs und Webseiten gibt es viele unterschiedliche, beinahe wissenschaftliche Definitionen von Bokeh, welche sich über die Jahre entwickelt haben. Dabei trifft man auch immer wieder auf „gutes“ und „schlechtes“ Bokeh.

Ich selbst würde einfach mal sagen: Ein Bokeh ist nicht gut oder schlecht, genauso wie Stein nicht gut oder schlecht ist. Mit Bokeh ist der unscharfe Bereich gemeint. Fertig. Ein Bokeh kann mir gefallen oder nicht – das trifft es meiner Meinung nach besser.

Wenn ich also von einem Bokeh spreche, dann kann ich sagen: Das finde ich „schön“ – oder eben nicht.

Und da liegt auch gewissermaßen der Hund begraben, denn wir fragen uns sicher manchmal:

Was ist denn ein schönes Bokeh?

In erster Linie entscheidet das jeder für sich. Wenn ihr wollt könnt ihr Euch ja mal ein paar Fotos anschauen, die im Hintergrund unscharf sind und Euch fragen, warum Euch welches Bokeh gefällt – und ein anderes wiederum nicht.

Somit gibt es bisher heute keine eindeutige Definition von einem guten, schlechten, schönen oder hässlichen Bokeh.

Unter vielen Fotografen werden jedenfalls weiche Bokehs als schön empfunden, unruhigere Bokehs als nicht so schön. Ist ja klar. Denn wenn die Unschärfe von dem ablenkt, was ich scharf darstellen möchte, dann verfehlt die Unschärfe quasi ihr Ziel. Die Aufmerksamkeit des Betrachters soll ja in erster Linie auf dem scharfen Bereich liegen und nicht auf dem Bokeh.

Zudem gibt es noch viele weitere Faktoren, die hier mit hineinspielen, beispielsweise die Form der Zerstreuungskreise , die besonders bei Nachtportraits in einer urbanen Umgebung entstehen (wir kennen sie auch aus unzähligen Videos und Fotos).

Die Zerstreuuungskreise enstehen dann, wenn im Hintergrund eine Lichtquelle ist, die dann unscharf abgebildet wird. Was wir dann sehen, ist eine Projektion der Forum der Blende. Das heißt: So wie die Blende in unserem Objektiv aussieht, so werden auch die Kreise im Bokeh aussehen. Macht Sinn, oder?

Bokeh Praxistipp: Stellt Euch mal nachts in der Stadt samt Kamera auf die Straße. Schaut durch den Sucher stellt so unscharf wie möglich bei weit geöffneter Blende. Dann werden die Ampellichter und Lampen in einer meist runden Form erscheinen (je weiter ihr davon entfernt seit, umso größer sind sie auch). Wenn ihr dann abblendet, werdet ihr immer deutlicher die Blendenlamellen sehen.

Es gibt natürlich noch viele andere Einflüsse auf dass Aussehen des Bokehs, wie z.B. das Erscheinen von Farbsäumen im Bokeh, doppelte Linien usw. Ich möchte das hier aber nicht weiter ausführen.

Unterschiedliche Objektive haben ein unterschiedliches Bokeh

Jedes Objektiv hat eine eigene Bauart. Und die bestimmt auch, wie das Bokeh ausfällt. Da Objektivhersteller nicht immer in erster Linie darauf achten, ein besonders schönes (nochmal: was ist das?) Bokeh zu erzielen, wird das Bokeh bei jedem Objektiv stets anders ausfallen.

Bokeh Praxistipp: Nehmt mal 2 Eurer Objektive, fotografiert z.B. einen Apfel mit viel Platz im Hintergrund und vergleicht mal nur das Bokeh. Um das am deutlichsten zu sehen, ist es wichtig, dass ihr mit der offensten Blende fotografiert, die euer Objektiv hat (z.B. 1,8 beim diesem 50mm).

Ihr werdet mit Sicherheit einen Unterschied feststellen. Was gefällt Euch besser? Warum ist das so?

Festbrennweiten vs. Zoomobjektive


135mm Festbrennweite f/2,2

Da Zoomobjektive häufig nicht so lichtstark sind wie Festbrennweiten, haben sie meist ein nicht ganz so „schönes“ Bokeh wie letztere. Dementsprechend fällt die Unschärfe bei Festbrennweiten häufig stärker aus und das hängt auch mit dem Aussehen des Bokehs zusammen. Aber: Jedes Objektiv steht da für sich alleine und ich empfehle deshalb, Testfotos zu machen und zu vergleichen.

Da ich aber ohnehin Festbrennweiten* empfehle, tendiere ich selbst auch dazu eher diese zu verwenden.

Wann ist Bokeh wichtig?

Die Frage die sich viele von uns sicher stellen ist: Brauche ich ein „schönes“ Bokeh? Für was ist das wichtig? Gegenfrage: Was wollen wir erreichen?

In der Architekturfotografie z.B. ist es vor allem wichtig, dass ein Gebäude so scharf wie möglich abgebildet ist. In den größten Teilen der Landschaftsfotografie ebenfalls. Doch gerade, wenn uns das Thema Portraitfotografie (mit all seinen zweigen wie Fashion, Hochzeiten, Einzelportraits, Dokumentation usw.) am Herzen liegt, dann könnte auch das Thema „Bokeh“ sehr interessant werden.

Natürlich hängt das auch mit persönlichen Vorlieben zusammen – nicht jeder arbeitet gerne mit möglichst starker Unschärfe.

Geht das nicht auch in Photoshop?

Immer wieder finde ich online Tutorials dazu, wie man in Photoshop ein Bokeh nachträglich einbauen kann. Diverse Seiten zeigen dann, wie man die beliebte Tilt-Shift-Unschärfe nachbauen kann aber mal ganz ehrlich:

Ein schönes Bokeh lässt sich nicht faken.

In fast allen Fällen ist erkennbar, dass das Bokeh nachträglich eingebaut wurde. Deshalb: Erst gar nicht ausprobieren.

So. Nun bedanke ich mich bei Euch fürs Lesen und hoffe, mit diesem Artikel das „Mysterium Bokeh“ einwenig entlüftet zu haben und freue mich ganz besonders auf Euer Feedback!

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