kwerfeldein
03. November 2009 Lesezeit: ~4 Minuten

Wenn der Fotograf besser ist als seine Kamera

Als ich zum ersten Mal die Canon EOS 350D sah, dachte ich: „Ich brauche nur diese Kamera, dann kann ich viel bessere Fotos machen.“ Keine 12 Monate später erfuhr ich, dass man mit Superweitwinkelobjektiven eine tolle Dramatik erzeugen konnte. „Nur dieses eine Objektiv, dann, ja dann….“. Zwei Jahre später entdeckte ich die Vorteile von Festbrennweiten: Gestochen Scharfe Fotos und Lichtstärke. „Ich brauche nur diese eine..“ Naja, ihr wisst schon…

Der Mythos des Nächst-Besseren begleitet mich nun schon eine Weile – und ich weiß, dass die Fotografie nur ein Bereich ist, in dem er sichtbar wird. Das nächst-bessere Auto, der nächst-bessere Rechner – Höher, weiter, schneller – es scheint kein Ende zu haben. Und wir ambitionierte Fotografen sind mittendrin. Ich fühle mich da manchmal etwas verloren, ganz ehrlich.

3 Mal im Jahr erscheinen neue Objektive, Stative, Kalibrierungstools und Canon spielt mit Nikon fangen oder „wer hat die bessere Kamera im Lager“. Bitte versteht mich nicht falsch, ich bin absoluter Fan von Technik, Haptik und wie jeder weiß auch von Canon. Doch gerade als jemand, der täglich mit dem Thema Fotografie beschäftigt ist fällt mir auch auf, dass wir in einer Zeit leben, in der das eigentliche Fotografieren gerne mal zu kurz kommt.

Vor zwei Wochen habe ich mir die Canon EOS 5D Mk2 gekauft. Ich bin fasziniert von der Technik, die in dieser Kamera steckt und habe täglich meine Freude daran. Ich habe mich bewusst für diese Kamera entschieden und werde mir in der kommenden Zeit ein paar gute Objektive zulegen.  Trotzdem weiß ich auch, dass die 5DMkII nicht alle meine Probleme fotografischer Art lösen wird. Sie gibt mir einige Möglichkeiten mehr als meine alte 30D aber besser fotografieren werde ich damit nur bedingt.

Richtig gut wird es, wenn der Fotograf besser ist als seine Kamera.

Dieser Satz schwirrt mir nun seit mehreren Wochen im Kopf herum und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr bin ich davon überzeugt. Natürlich ist es Quark einen Menschen mit einer Maschine zu vergleichen – denn ein Fotograf wird nie „besser sein“ als die Kamera. Doch dieses kleine Sätzchen gefällt mir und mit ein wenig Fanstasie enthält es eine Weisheit, die mein Fotografenleben bereichert:

Denn was nützt es mir, wenn ich die derbste Technik zur Hand habe, die aber nicht nutzen kann? Was bringt mir die schärfste Festbrennweite, wenn ich nicht weiß, wann ich sie einsetzen sollte und wann nicht?

Gar nichts.

Es wäre furchtbar, wenn ich in einer Kirche die Trauuung eines Paares fotografiere, mein Weitwinkel aufsetze und dann merke:

„Oh, das verzieht mir ja die Linien! Halla, die Waldfee!“

Spätestens dann wüsste ich, dass mein Werkzeug „besser ist“, als ich.

Aber richtig nach vorne geht es, wenn ich mein Werkzeug so gut kenne, dass ich auf den Punkt genau sagen kann, was passiert, wenn ich dies und das tue.

Wenn ich genau weiß, wie die Linien einer Architektur bei meinem 10-20mm verzogen werden. Wenn ich abschätzen kann, wie weit ich die ISO-Kapazitäten meiner Kamera ausreizen kann und ab wann es keinen Sinn mehr macht.  Wenn ich genau weiß, wann ich am besten welches meiner 2,3,4 Objektive einsetzen sollte, um damit die Situation am besten Abzulichten.

Dann kann ich ich meine fotografischen Ziele erreichen. Dann enstehen Fotos, die mich (und unter Umständen auch andere) begeistern werden.

Wir müssen unser Werkzeug kennen und auch nutzen können.

Es wird nie alleine „dieses eine Tool“ sein, dass uns zu besseren Fotografen macht. Wir sind es. Technik ein nicht wegzudenkender Teil der Fotografie- und ich heute bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass Festbrennweiten rocken, Superweitwinkelobjektive geil sind und die 5D MkII eine tolle Kamera ist.

Aber…

Was ist schlimmer: Ein schlechter Fotograf mit einer guten Kamera oder ein guter Fotograf mit einer schlechten Kamera? Ich glaube, wir alle wissen die Antwort ;)

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