kwerfeldein
29. Oktober 2009 Lesezeit: ~7 Minuten

Wünsch Dir was

Dies ist ein Gastartikel von Thomas Nathan. Er studiert Audiovisuelle Medien in Stuttgart und ist drauf und dran sich eine Existenz als Freelancer aufzubauen. Bis zur Fertigstellung der eigenen Webpräsenz können seine Arbeiten auf behance.net/tnathan verfolgt werden. Im Rahmen seines Studiums hat er ein Fotoprojekt gestartet, welches er uns hier vorstellen wird.

Kommt dir das bekannt vor: In der U-Bahn sitzt dir eine wildfremde Person gegenüber, man wirft sich gelegentlich schwer interpretierbare Blicke zu, es herrscht beklemmende Stille, eigentlich macht die Person einen recht interessanten Eindruck und du frägst dich „Kommt das jetzt komisch, wenn ich den/ die anspreche?“.

Die Idee dahinter

Warum scheint es in Deutschland so unnormal zu sein Gespräche mit fremden Menschen zu führen? Vielleicht geht es dir da ganz anders, aber bei mir scheint sich da jedenfalls eine unüberwindbare psychische Hürde aufzubauen, wobei ich manchmal einfach Lust hätte mit Leuten zu reden und sie kennenzulernen.

Ich wollte nicht nur mein Bild der prüden Deutschen wieder ins rechte Licht rücken sondern auch anderen Leuten die Augen für die Menschen öffnen, an denen sie tagtäglich vorbei gehen. Und diesmal sollte es mir leichter fallen auf Leute zu zugehen, denn ich hatte meine Kamera und somit einen Grund, vielleicht auch eine Entschuldigung mit dabei. Fotografieren allein? Nein, das wäre zu wenig.

Ich wollte dem späteren Betrachter noch etwas mitgeben, eine kleine Information, die etwas über die abgebildete Person aussagt, die zum weiterdenken anregen könnte. Nach langem Überlegen und Ausprobieren bin ich an einer Frage hängen geblieben: „Was ist dein größter – oder zumindest ein großer Wunsch – im Leben?“.

Die Gedanken davor

Die alles entscheidenden ersten Worte. Mensch, was hab ich mir den Kopf zerbrochen. Was sagt man den Leuten, dass sie nicht schon abwinken kurz nachdem man den Mund aufgemacht hat? Garnicht so einfach, fand ich zumindest. Nach vielen Gedanken im Vorfeld entwickelte sich die endgültige Version erst nach den ersten Begegnungen. Möglichst knapp, aber dennoch viel sagend sollte das Ganze klingen, und dabei auch noch sympathisch rüberkommen.

So, oder so ähnlich muss sich das angehört haben: „Guten Tag, ich hätte eine Frage. Und zwar arbeite ich an einem Fotoprojekt für mein Studium bei dem ich ganz einfach Leute auf der Straße anspreche, Fotos von ihnen mache und sie mir eine Frage beantworten müssen: „Was ist ihr größter oder zumindest ein großer Wunsch im Leben?“ Würden sie mitmachen?“

Ich hatte schon eine Weile Fotografien im quadratischen Format mit Freude betrachtet und wollte das nun auch mal selbst umsetzen, wobei ich nicht direkt sagen kann, was genau den Reiz am Quadrat für mich ausmacht.
Schon im Vorfeld war mir klar, dass ich s/w-Fotografien haben möchte, unter anderem weil jedes Bild woanders bzw. unter verschiedenen Lichtverhältnissen aufgenommen sein wird, und es so einfacher ist eine gestalterische Linie reinzukriegen.

Allerdings habe ich nicht direkt in s/w fotografiert, sondern die Konvertierung nachträglich vorgenommen, ganz einfach um die Möglichkeit eines späteren universelleren Einsatz der Bilder zu haben. Um mit halbwegs schönem Licht rechnen zu können bin ich in der Regel nicht vor 17 Uhr aus dem Haus (bei Sommerwetter). Für die Blende galt bei mir: Aufreißen, was geht! Ich wollte die Person möglichst vom Geschehen und allem Drumherum abheben.

Nach einigen Jahren der analogen Fotografie (teils aus Überzeugung) stand ich kurz vor dem Kauf einer neuen digitalen SLR-Kamera und habe mich durch das Equipment meiner Freunde getestet, weshalb die Bilder zum einen auf einer Canon EOS 350D und einer Canon EOS 5D entstanden sind. Die Objektivwahl fiel überwiegend auf ein Canon-Standardobjekitv mit 18-55mm / 3,5-5,6 und ein Sigma-Objektiv mit 24-70mm / 2,8.

Die Reaktionen & Begegnungen währenddessen

Ein wortloses Abwinken, belächelt werden, ein „keine Zeit“, ein „das kann ich jetzt wirklich nicht sagen“ oder einfach ein klares „nein“.

Ablehnung – der Motivationskiller schlechthin und so ziemlich das Letzte, was man bei so einem Vorhaben gebrauchen kann, oder etwa doch? Naja, mir fällt jetzt tatsächlich nichts ein, außer vielleicht lernen zu können damit umzugehen, was etwas klugscheißerisch klingt, aber dir im Endeffekt auch nichts anderes übrig bleibt. So manches mal bin ich nach einer Niederlage erstmal ewig durch die Straßen gestreunt und konnte niemanden mehr ansprechen.

Ich denke so manche unangebrachte Reaktion war aber auch einfach ein Produkt von Überforderung und Verunsicherung, was zumindest einen Teil wieder entschuldigen würde und ich mir keine weiteren Gedanken machen muss.
Aber zum Glück gibt es da auch wieder diese Lichtblicke, die du aber nur erleben wirst, wenn du dich wieder aufraffst.

Nach Bereitschaftserklärung, sind dann viele doch wieder etwas verunsichert, sobald ich die – für die meisten – große Kamera auspacke und wild drauf los knippse. Gestellte Mimiken werden meist unschön und es war ja auch nicht in meinem Interesse lauter fröhlich lächelnde Menschen abzubilden, weshalb ich jeden ermutigt habe sich so zu geben, wie er sich fühlt. Dankbar war ich auch für einen kleinen Tipp eines Kommilitonen den Leuten zu sagen man würde erst mal ein paar Testfotos machen. Da verspürt keiner den Zwang auf Knopfdruck gut aussehen zu müssen und in den meisten Fällen waren da auch schon die endgültigen Bilder dabei.

Vielleicht frägt sich der eine oder andere, weshalb unter den Fotografien überwiegend männliche Personen zu sehen sind. Ich hatte schon mehr Frauen vor der Linse, allerdings waren die Bilder nicht so gut. Abgesehen von der Geschlechterfrage kommt dazu, dass man unbewusst – im Nachhinein wurde mir das viel deutlicher – schon eher auf Leute mit einer gewissen Sympathie zugeht.

Da ich vor habe das Projekt hin und wieder weiterzubringen möchte ich auf diesen Aspekt mehr eingehen und eine größere Spannbreite erreichen. Als Tipp: Wer vor hat Bilder von Punks oder Obdachlosen zu machen sollte etwas Kleingeld dabei haben, sonst geht da garnichts.

Von schneller Abhandlung bis zur guten Unterhaltung beim gemeinsamen Nachhauseweg zu Fuß und mit der Bahn war alles dabei und ich bin für alles sehr dankbar.

Die Rechtsfrage danach

Das Thema Straßenfotografie ist ja immer ein recht heikles, was das Recht betrifft. Oft stoße ich im Netz auch über Bilder, bei denen ich durchaus anzweifle ob da jemand gefragt worden ist. Solange die Person nicht klar im Mittelpunkt steht ist das ja nicht schlimm, aber sonst find ich das ziemlich kritisch. Und um auch dazu Stellung zu nehmen wollte ich nur nochmal sagen, dass ich wie erwähnt niemanden ungefragt abgelichtet habe. Ich habe jeden wissen lassen wofür die Bilder verwendet werden und dass eine Publikation in verschiedenen Formen nicht ausgeschlossen sei.

An euren Gedanken und Rückfragen bin ich natürlich auch sehr interessiert.

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