kwerfeldein
13. Oktober 2009 Lesezeit: ~7 Minuten

Sphärische Panoramen einer Architektur erstellen (letzer Teil)

Das ist der letzte Teil der Panorama-Reihe von Thomas Kraetschmer (twitter). Er ist selbständiger Media Designer und Trainer für Software von Apple und Adobe, wozu er auch diverse Video-Trainings für video2brain produziert hat.

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Scripting, Open Source Projekten, Panoramafotografie und der Regie von Videoprojekten.

Achtung! Dieser Artikel schließt an Teil 3 der Panorama-Reihe von Thomas an. Falls ihr nicht mehr wisst, wie dieser beendet wurde, dann schaut doch nochmal kurz rein.

Optimierung – ungewohnt spät im Workflow



Jetzt folgt mittels der Control Points die Suche nach Übereinstimmungen zwischen zwei überlappenden Bildern. PTgui kann hier mittels der „Align Images“-Funktion sehr gute Ergebnisse schon selbst liefern, manchmal ist aber noch nachträgliche „visuelle Handarbeit“ notwendig. Sehr praktisch dabei: die zwei Bilder werden jeweils nebeneinander gestellt und mit der gleichen Zoomstufe dargestellt. Hat man zumindest drei übereinstimmende Punkte definiert, rollt beim Scrollen das andere Bild genau am gleichen Bildausschnitt mit.

Dann folgt der sehr wichtige Optimizer. Hier kommen die Pano Tools zum Tragen und optimieren die Abstände der Kontrollpunkte auf ein Minimum. Mit Exposure / HDR werden in der Pro-Version dann noch Helligkeitsanpassungen vorgenommen und HDRs erstellt. Schließlich kann man in der Preview festlegen, in welcher Größe man eine nicht hochauflösende Vorschau mit welchen Bildern machen möchte. Und mittels Create Panorama legt man dann das Ausgabeformat fest – von den pixelbasierenden JPEG und TIFF, über ebenengetrennte PSD oder PSB (für besonders große Daten) bis hin zu QuickTime VR .MOV Dateien ist einiges möglich.

Ist euch schon aufgefallen, dass bis jetzt noch keine klassische Bildbearbeitung stattgefunden hat?


Das ist manchmal eine echte Herausforderung, denn man muss sich im Workflow damit abfinden, mit eigenem Bildmaterial umzugehen, mit dem man eigentlich noch gar nicht so wirklich zufrieden ist. Bei den vielen Arbeitsschritten davor kann das sogar in Frustration umschlagen, jedesmal auf einen Teil der Fotos zu schauen, der zum Beispiel unterbelichtet ist, nur damit er mit den anderen zusammenpasst. Aber Geduld ist angesagt.

Denn das höchste Prinzip bis zum fertigen Panorama ist es, den Anschluss zwischen den Bildern so nahtlos wie möglich zu gestalten. Jeder noch so kleine Anschlussfehler wird vom Betrachter als störend empfunden werden. Und was heißt das? Sitzfleisch würde ich sagen. Bei Panoramen gibt es eigentlich immer noch was zu verbessern, weitere Kontrollpunkte hinzuzufügen und vieles mehr.

Sicher wird es Bildbereiche geben, die den Betrachter tendenziell weniger interessieren. Und da gebe auch ich zu, schon manchmal gewisse Abstriche gemacht zu haben. Aber für extreme Perfektionisten ist das Stitching wirklich die ideale Beschäftigung für verregnete Nachmittag – oder wenn man mal wieder spätabends aus freien Stücken zuviel Kaffee getrunken hat (Haha! d. Red). Und selbstverständlich können die exportierten Dateien auch noch in der Bildverarbeitungssoftware eurer Wahl nachbearbeitet werden.

Notiz am Rande: Ich muss zugeben, dass ich mit ein paar Millimetern kürzerer Brennweite ein größeres FOV erreichen könnte und daher mit viel weniger Aufnahmen und dadurch weniger Arbeitsaufwand durchkommen würde. Daher ist es bei Panoramafotografen durchaus üblich, sich eigens für diesen Zweck mit einem geeigneten Weitwinkel oder sogar Circular Fisheye auszustatten. Neben den Objektiven hoher Güte der bekannten Kamerahersteller haben sich im günstigeren Segment das Sigma 8mm sowie das russische Peleng 8mm echten Kultstatus erarbeitet.

Veröffentlichung

Zu guter Letzt sollte man sich natürlich noch die Frage stellen, in welcher Form man sein Panorama eigentlich präsentierten möchte. Für Ausschnitte eines zylindrischen oder Multi-Row-Panoramas gibt es natürlich den klassischen Großformatausdruck. Wenn eine volle Runde oder ein sphärisches Panorama aber sinnvoll erlebt werden soll, dann sind wohl interaktiv steuerbare Formate das Mittel der Wahl.

Historisch hat hier in jedem Fall das QuickTime VR Format (kurz: QTVR) die Nase vorne. Schon seit 1994 (!) unterstützt diese Medienarchitektur von Apple Panoramen und die Navigation darin. Dabei werden die Bilder intern auf die Innenseite eines Würfels „geklebt“, in dem man sich dann herumdrehen kann. Das ist sehr komfortabel, allerdings gibt es besonders bei langen Fluchtlinien im Motiv zu den Rändern hin starke Übertreibungen der Perspektive.

Man kann in solchen QTVRs auch hinein- und herauszoomen, allerdings bleiben die Bilddaten immer nur in einer Auflösung. Bei starken Vergrößerungen pixelt so ein Panorama daher auch gerne. Da QuickTime ein so genanntes Container-Format ist, kann problemlos auch innerhalb einer MOV Datei ein Multinode-Panorama abgelegt werden, also Sprungpunkte zu weiteren Panoramen definiert werden. Das alle in einer Datei zum Weitergeben – das hat schon was!

Heute gibt es neben QTVR noch viele Java- sowie vor allem Flash-basierende Formate, die noch mehr Funktionen zur Ansteuerung von Panoramen bieten. Vor allem die Adobe Flash-Technologie ist wegen der weiten Verbreitung innerhalb von Webbrowsern mittlerweile sehr beliebt bei Panoramafotografen. Dabei bieten Softwareentwickler meistens eine kleine Authoring-Software, in die man entweder einzelne Fotos zum Zusammensetzen oder ein fertiges Panoramabild (zum Beispiel aus PTgui) als Pixelformat lädt.

Die Software lässt zum einen Hotspots definieren, zum anderen die Darstellung von Steuerelementen innerhalb des Panoramas. Technisch wird dann schließlich eine fertige SWF-Datei erzeugt, die auf eine Webseite integriert werden kann und die komplette Steuerungslogik für das Panorama mitliefert. Ich selbst verwende beispielsweise Pano2VR, es gibt sogar einige Open Source Projekte dafür, wie beispielsweise PanoSalado, die aber ein wenig Programmierkenntnis mehr erfordern. Das alles dann noch in eine kleine aber feine selbst entwickelte dynamische Webseite mit Datenbank gepackt und fertig ist die virtuelle Tour durch den Österreichischen Pavillon auf der Biennale di Venezia, Italien.

Inspiration

Nun möchte ich mir wirklich nichts auf meine Panoramaaufnahmen einbilden, es gibt wie immer viele andere und viel bessere Panoramafotografen. Und das ist ja auch schön und gut sich an ein paar Vorbildern zu orientieren. Ich kann aber jedem empfehlen sich Inspiration bei einigen guten und aufstrebenden Pano-Fotografen und Plattformen zu holen. Für mich zählen dazu in jedem Fall die folgenden – und nein, ich habe keine kommerzielle Verbindung zu den genannten Seiten: 360cities, International VR Photography Association, Worldwidepanorama, arounder.com, Fullscreen QTVR, Hans Nyberg – besonders hervorzuheben sind ausgefallene Ideen wie das Mondpanorama, Thomas Bredenfeld, Carel Struycken und Andreas Frenyo.

So jetzt aber genug davon gelesen und lieber selbst ans Werk gemacht. Ihr seht schon am Umfang der Erklärung, dass man sich für diese Form der Fotografie auch wirklich Zeit nehmen sollte. Ich wünsche euch allen viel Spaß und Erfolg mit Panoramen. Und ich freue mich auch auf Kommentare von all den Tapferen, die bis hier unten ausgehalten haben. Wie so oft gilt: Viele Wege führen nach Rom, Hauptsache ein Ziel vor Augen!

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6 Kommentare

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  1. Eine wirklich informative und gut ausgearbeitete Serie, vielen Dank dafür!
    Mich hat sie auf jeden Fall dazu bewegt, mich mehr mit dem Thema Panoramen auseinanderzusetzen. Dank des von Dir vermittelten Wissens habe ich jetzt auch eine gute Basis auf die man aufbauen kann.

  2. Hallo Thomas,

    vielen Dank für den ausführlichen Panorama Workshop! Was ich nicht verstanden habe, ist, warum du mit unbearbeiteten Bilder arbeitest? Ich bearbeite meine RAW Daten vorher – natürlich alle mit den selben Einstellungen und kein Crop, etc. Dann wandele ich sie ins TIFF Format um und jage sie durch Hugin. Mache ich da was falsch?

    Schöne Grüße und noch mal vielen Dank!

    Volker

  3. Junge, junge, bin erst jetzt dazu gekommen, alle Artikel darüber zu lesen.
    Danke, Thomas – Top-Artikel!
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Panorama-Fotografie nie wirklich mein Ding werden wird. Aber ich möchte trotzdem nochmal betonen, daß ich den Artikel echt für sehr gelungen halte. Das wirkt alles sehr fundiert.