kwerfeldein
10. Oktober 2009 Lesezeit: ~9 Minuten

Sphärische Panoramen einer Architektur erstellen (Teil 3)

Das ist Teil 3 der Panorama-Reihe von Thomas Kraetschmer (twitter). Er ist selbständiger Media Designer und Trainer für Software von Apple und Adobe, wozu er auch diverse Video-Trainings für video2brain produziert hat.

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Scripting, Open Source Projekten, Panoramafotografie und der Regie von Videoprojekten.

Update von Martin: Ich bin sehr beeindruckt von Thomas‘ Fachkenntnis, die er uns in diesem Vierteiler – einer kommt noch – zugute kommen lässt. Schaut Euch auch mal weiter unten den „Exkurs in die Geschichte der Pano Tools“ an (d. Red.).

Dateiorganisation

Wie geht man nun mit so einem Stapel an digitalen Bildern sinnvoll um? Am praktischsten ist bestimmt, direkt vor Ort einen Laptop samt Kartenlesegerät oder USB-Kabel zur direkten Verbindung dabei zu haben, die Bilder gleich nach dem Shooting zu übertragen, auf ihre Schärfe zu prüfen und fein säuberlich in einen Ordner zu dieser Aufnahmeposition abzulegen.

Manche werden sich jetzt denken „Wunschdenken Tom!“. Gut, wenn das nicht gewünscht oder möglich ist, dann würde ich auf jeden Fall gleich zu Beginn (also bei der ersten Aufnahme des Panoramashootings) lieber zweimal hinsehen und am Kameramonitor zumindest Schärfe und Histogramm prüfen, bevor ihr später draufkommt, dass da was grob verstellt war und beim direkten Einblenden des Bildes nach der Aufnahme nicht aufgefallen ist.

Oder ihr macht es so wie ich und zahlt frustriert euer Lehrgeld (-; um gleich erneut zu einer Runde Panoramashooting an dieser Position anzusetzen und sich darüber zu ärgern, dass die Sonne jetzt gerade nicht mehr so gut steht …

Einen kleinen Trick will ich euch aber schon mitgeben: Wenn man soviele Bilder in hoher Auflösung fotografiert, wird natürlich schnell die Speicherkarte voll. Manchmal entdeckt man aber einen Fehler erst nach einigen Aufnahmen und das bedeutet, dass man dann auch im Schnellverfahren die nicht benötigten Bilder mit der kameraeigenen Löschen-Funktion verbannt.

Zumindest mir geht es so, dass man sich dann selber in einen kleinen Finger-Speed-Marathon wirft, dieses Löschen ruck-zuck durchzuführen. Um nun zu vermeiden essentielle Bilder von der Serie zuvor zu löschen, empfehle ich in jedem Fall das letzte Bild der letzten aufgenommenen Serie mit der entsprechenden Kamerafunktion zu sperren.

Das hilft Euch übrigens auch bei der späteren Übertragung auf den Computer. Man kann sehr gut anhand der exakten Aufnahmeuhrzeit aber auch anhand dieser schreibgeschützt markierten Bilder die einzelnen Aufnahmeserien voneinander trennen.

Wieso überhaupt Panoramasoftware?

Endlich – die Aufnahmen sind im Kasten und wir können unsere Panoramasoftware damit füttern. Aber wozu braucht man die überhaupt? Kennen einige von euch noch die Technik, mit der wir „damals“ zu analogen Zeiten Panoramen von freihändigen Fotos im Album zusammengeklebt haben? Genau, überlappend und dann hat meistens irgendein Teil nicht so ganz zusammengepasst.

Also hat man vielleicht den Bildbereich mit dem höchsten Kontrast genommen, wie zum Beispiel den Horizont oder den Gebirgsrücken, weil darauf zu allererst der Blick fällt und das andere mit einem Zähneknirschen quittiert.

Nun, da wir aber alle Möglichkeiten digitaler Bildtechnik haben, können wir zum einen die Software eine Alpha-Maske zum Freimalen von Bereichen erstellen lassen. Das seht ihr beispielsweise bei der Anwendung von Photomerge innerhalb von Photoshop.

Aber da passiert noch vielmehr, nämlich auch eine partielle Verzerrung sowie weiche Überblendung der überlappenden Bildbereiche. Wenn man nun die verschiedenen kennengelernten Parameter (wie die Drehung auf dem Stativ, die exakte Orientierung und vieles mehr) nicht einfach nur „magisch“ von Photomerge erkennen lassen möchte, dann kann man sich auf Panoramasoftware verlassen.

Auch hier gibt es solche Programme, die eher visuell orientiert vorgehen: früher Realviz, jetzt Autodesk Stitcher. Und andere die wirklich auch die kleinsten möglichen Details in Zahlen festlegbar machen: PTGgui oder Hugin als grafische Benutzeroberfläche zu den PanoramaTools. Das bedeutet zwar manchmal mehr Arbeit aber auch mehr Kontrolle über das Endergebnis.

Schließlich ist eine Panoramasoftware in der Lage, Panoramen aus Fisheye Objektiven richtig zu entzerren und korrekt darzustellen. Und auch bei der Ausgabe weiß solche Software zu punkten. Es können Bildformate in unterschiedlichsten Formaten, Auflösungen und Komprimierungen, aber zum Beispiel auch interaktiv navigierbare QuickTime Filme oder Darstellungen basierend auf Adobe Flash Technologie sein.

Oftmals sind die Ausgabeformate so standardisiert, dass sie beispielsweise von Software akzeptiert werden, die sich lediglich um die interaktive Steuerbarkeit von Panoramen im Rahmen einer Webseite kümmert.

Exkurs – Die abenteuerliche Geschichte der Pano Tools

Das selbst bei einem so nüchternen Thema wie Panoramen auch die Wogen hoch gehen können, zeigt der folgende Fall. Der an der FH Furtwangen lehrende Mathematik- und Physikprofessor Dr. Helmut Dersch hat 1998 die Entwicklung der freien Software „Pano Tools“ begonnen und auf seiner Webseite veröffentlicht.

Es handelte sich dabei um sogenannte Libraries, also zusammengefasste Funktionen in einer höheren Programmiersprache, die es zunächst ermöglichten kommandozeilenbasierend Panoramabilder miteinander zusammenzurechnen. Kurzerhand trat aber eine US-Firma namens IPIX auf den Plan und drohte aufgrund Patentverletzungen in den USA und Europa mit einem rechtlichen Verfahren.

Klar war schon damals, dass es lediglich darum ging, die eigene Machtstellung mit einem bereits im Vertrieb stehenden Panorama-Plugin und Software zur Erstellung auszubauen, indem man mögliche Konkurrenten aggressiv angriff. Da man hier ernst machte, sah sich Dersch gezwungen im Jahr 2001 die Entwicklung seiner Software einzustellen und sie vom Netz zu nehmen.

2003 haben sich dann engagierte und in das Projekt involvierte Programmierer der „Pano Tools“ angenommen und sie als freie Software veröffentlicht. Dersch ist seit 2007 wieder dabei und hat das Projekt unter eine GNU Lesser General Public License gestellt.

Die Firma IPIX hingegen machte in der Panoramaszene weiter negative Schlagzeilen durch Patentstreitigkeiten und Gerichtsfällen, bis sie selbst 2006 Konkurs anmelden musste. Der Markenname und bestimmte Technologien werden gegenwärtig unter anderer Firmenleitung weitergeführt.

Eine führende Rolle im Bereich von Panoramasoftware hat IPIX jedenfalls definitiv nicht mehr und die Nennung von IPIX unter Panoramafotografen ruft meistens nur ein angestrengtes Seufzen und Kopfschütteln hervor. Die „Pano Tools“ sind hingegen seit Jahren etablierte Bestandteile verschiedenster – freier als auch kommerzieller – Panoramasoftware geworden und erfreuen sich weiterhin höchster Beliebtheit und großen Erfolges.

Ob sich Softwarepatente auf eine Technik des Fotografierens und das Zusammensetzen von Bildern also wirklich auszahlen, möchte ich mal so als Frage in den Raum stellen … *winkmitdemzaunpfahl*


Klick auf das Bild macht es größer

Lego für Große: Bilder zusammensetzen

Für das Zusammensetzen der Bilder – im Englischen: Stitching – nutze ich persönlich PTgui. Die Software basiert, wie der Name schon sagt auf den „Pano Tools“ (PT) und bietet dafür ein „gui“ (graphical user interface), also eine Benutzeroberfläche zur Ansteuerung verschiedener Funktionen.

Das Programm ist in Englisch verfügbar, kann kostenlos heruntergeladen und getestet werden (rechnet dann aber Wasserzeichen in die Panoramen). Für den echten Einsatz gibt es eine Basis-Version um EUR 79,- und einer Pro-Version um EUR 149,-. Letztere bietet dann noch so nette Zusatzfeatures wie die Erstellung von HDR-Panoramen, automatische Vignettierungskorrekturen oder globale White Balance-Anpassungen. Das Programm ist für die Plattformen Windows und Mac verfügbar.

Beim Start begegnet man zunächst einem sehr einfach gehaltenen Project Assistant. Er bietet Schritt für Schritt das Laden von Bildern, das Ausrichten von Bildern und die Erstellung von Panoramen. Klickt man rechts oben auf den Advanced Button eröffnet sich aber der volle Funktionsumfang.

So wie bei der Aufnahme durchläuft man auch beim Stitching eine Reihe von Aufgaben, die übersichtlich von links nach rechts auf Karteireitern hinterlegt sind. Da ich das Rad nicht neu erfinde möchte, poste ich hier jetzt kein detailliertes PTgui-Tutorial, davon gibt es sowohl beim Hersteller als auch bei engagierten Benutzern genügend ausführliche Anleitungen und Tipps.

Nur im Schnelldurchlauf: Zunächst lädt man alle Bilder einer Position in die Source Images. Dann legt man in den Lens Settings fest, mit welcher Objektiveinstellung man fotografiert hat (auch das automatische Auslesen dieser Metadaten in den Fotos klappt hier perfekt).

Nun wird in den Panorama Settings definiert, welche Art von Panorama man eigentlich erstellen möchte: flache, zylindrische, sphärische und viele mehr sind hier möglich und bestimmen unter anderem, wie letztlich gerade Linien im fertigen Panorama erscheinen.

Mittels Crop kann jedes Foto dann noch an den Rändern beschnitten werden. Nun folgen die Image Parameters, in denen man festlegt, aus welcher Position ein Foto aufgenommen wurde – „Yaw“ bezeichnet den oben beschriebenen Drehwinkel, „Pitch“ die Neigung nach oben oder unten, sowie „Roll“ die waage- oder senkrechte Stellung der Kamera.

Auch dieses Mal hoffe ich, dass Euch der Teil über die Organisation von Panoramen und die Software weitergebracht hat. Und natürlich freue ich mich auf Euer Feedback. Nächstes Mal, im letzten Teil werden wir mit der Optimierung in PTgui und der Veröffentlichung des Panoramas abschließen.

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10 Kommentare

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  1. Es ist oft schwierig, die Bilder einer Aufnahmeserie voneinander zu trennen, speziell wenn die Panoramamotive sehr ähnlich sind (z.B: Aufnahmen in landschaftlich ähnlicher Umgebung).
    Deshalb trenne ich Aufnahmeserien durch ein Leerbild, für dass ich einfach nur meine leere Hand fotografiere. Erleichtert das Löschen vor Ort und das spätere Sortieren in Lightroom.

    (BTW: Zu der Sache mit Prof. Dersch und IPIS und dem vermeintlichen Patent könnte man ein ganzes Buch schreiben.)

  2. Auch ich fotografiere meine Hand am Anfang und am Ende eines jeden Panoramas um mir das sortieren zu vereinfachen.

    Schöner Artikel, viele Informationen und toll auch das hier viele Hintergrundinformationen enthalten sind. Da sieht man das du dich mit dem Thema etwas tiefer auseinander gesetzt hast.

    Ich freu mich schon auf den letzten Teil!

    Eine Frage noch. Um so mehr man ließt wird immer wieder PTGui erwähnt. Hast du auch erfahrungen mit anderen Programmen gesammelt? So z.B. Panorama factory o.ä.?

  3. Super Artikelreihe, bin gerade zum ersten Teil der Panoramareihe glücklicherweise auf diesen Blog gestossen, und freue mich auf jeden neuen Artikel beim stöbern durchs Archiv, richtig dickes Kompliment an alle die hier mitwirken!

    Nun mag meine Frage sehr Banal sein, doch sind es meistens genau diese, die Blockaden ausrichten. Ich bin seit geraumer Zeit glücklicher Besitzer einer alpha 350, und frage mich immer wie das nun ist mit dem Crop Faktor. Wenn ich nun mit 18mm Brennweite die einzelnen Bilder geschossen habe, muss ich dann beim Panoprogramm, ich versuche es jetzt mal mit Hugin, 27mm einspeisen, oder checkt es das Programm auch so?

    Danke schonmal.

  4. Aus gegebenem Anlass:
    Was für einen Rechner benutzt du eigentlich (Hardware Ausstattung)

    Ich bin gerade eben beim erstellen eine Panoramas in voller Auflösung an die Grenzen meines MacBookPro’s gestoßen.
    Ein Filter in PS konnte wegen zu wenig RAM nicht ausgeführt werden. Musste das Panorama vorher verkleinern bevor ich weiter machen konnte… :-/

    Das sind dann doch schnell mal ganz gewaltige Datenmengen…

    • Hm, mal schaun – hier gehn die Artikel ja nicht verloren.. Problem dabei ist, wenn wir das bei diesem Artikel anfangen, kann es gut sein, dass andere Leute andere Beiträge als PDF gerne hätten usw.. Finde den Vorschlag nicht schlecht, werde drüber nachdenken…

  5. Eine Möglichkeit den Artikel zu archivieren fände ich auch prima! Im Prinzip würde doch eine Druckversion der Seite reichen, ein *pdf ist daraus doch schnell erstellt….

    Zu den Panos:
    Erstmal herzlichen Dank für die schönen Beiträge hier.
    Auch ich versuche mich seit geraumer Zeit mit unterschiedlichen, aber besser werdenden Ergebnissen. Bisher nur vom Stativ geschossen und in PS gestitcht. Landschaften waren schon sehr schön, Innenräume wenig zufriedenstellend. Soweit ich das nun verstanden habe, liegt das ua. am Nodalpunkt. Also überlege ich, ein Adapter anzuschaffen.
    Ich finde das Thema so spannend, dass ich es unbedingt vertiefen muss und überlege nun ein wenig Geld zu investieren, wofür ich euch um euren Rat bitten möchte:
    Ich habe ein Manfrotto 055XPROB mit einem 808RC4 Kopf (mit Gradeinteilung).
    Welches wäre ein empfehlenswerter Nodalpunkt Adapter.

  6. Blogartikel dazu: Sphärische Panoramen einer Architektur erstellen (letzer Teil): Optimierung & Veröffentlichung | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel

  7. @Martin
    Mein Hintergrund ist, dass man eine Anleitung mitnehmen kann, wenn man vor Ort Panoramen macht. Ist halt einfacher, das schnell mal auf einem Blatt zu lesen, als das Notebook aufzubauen. :-D

    Naja – zur Not kann man sich das ja auch hier ausdrucken.