kwerfeldein
08. Oktober 2009 Lesezeit: ~9 Minuten

Sphärische Panoramen einer Architektur erstellen (Teil 2)

Das ist Teil 2 der Panorama-Reihe von Thomas Kraetschmer (twitter). Er ist selbständiger Media Designer und Trainer für Software von Apple und Adobe, wozu er auch diverse Video-Trainings für video2brain produziert hat.

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Scripting, Open Source Projekten, Panoramafotografie und der Regie von Videoprojekten.

Aufnahmen planen

Die Fotos selbst werden alle im Hochformat aufgenommen. Das hat zwei Vorteile: erstens bekommt man so einfach mehr vom Horizont nach oben und unten (also in der vertikalen Ausrichtung) auf die Fotos und zweitens braucht man bei sphärischen Panoramen auch in dieser Richtung einen sinnvollen Bereich der Überlappung.

Wie ihr in anderen Artikeln über Panoramen bestimmt schon herausgefunden habt, geht es um eine Überlappung von etwa einem Drittel oder maximal zur Hälfte. Diesen Bereich braucht sowohl die Software für das Auffinden von Ähnlichkeiten als auch ihr selbst, wenn ihr Euch später beim Setzen von übereinstimmenden Kontrollpunkten visuell orientieren müsst.

Es gibt eine Menge JavaScript basierender Tools auf Webseiten, die Euch bei der Berechnung der benötigten Bilder für Euer Objektiv helfen können – der Frank van der Pol hat das hier sehr schön aufbereitet und dieses Tool wird auch von vielen anderen Seiten adaptiert. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Fisheye- und Normalobjektiven.

Das Stichwort für die Planung der Anzahl der Aufnahmen ist der Bildwinkel bzw. das Sichtfeld. Im Englischen nennt man das FOV, also Field Of View. Wenn ich also das Tool zur Berechnung mit meinen Werten füttere, wird mir ein maximaler horizontaler Bildwinkel von 45,15 Grad angegeben. Im nächsten Schritt gebe ich an, wieviel Prozent Überlappung ich erreichen will.

Mindestens ein Drittel – haben wir vorhin gesagt – also 33 Prozent eingegeben und die errechnete Bildanzahl (bei Hochformat) lautet 11.9, sprich 12 Bilder. Nun muss ich nur mehr ausrechnen in welchem Gradabstand voneinander ich die Bilder machen möchte. Da ich die kompletten 360 Grad – eine ganze Runde also – abdecken möchte 360 / 12 = 30 Grad. Die Basis des Panoramakopfs bildet üblicherweise eine Skala, auf der die Drehungsgrade in bestimmten Stufen angegeben sind. Viele Panoramaköpfe können auch so eingestellt werden, dass sie genau an diesen Positionen einrasten.

Wenn man einen gesamten Kreis oder einen Teil davon in einer (horizontalen) Ebene abbildet, dann nennt man das ein zylindrisches Panorama. Stellt Euch einfach einen Zylinder vor, den ihr innen mit hochformatigen, sich einander überlappenden Bildern beklebt, um ein Panorama zu erhalten.

Die nächste Steigerungsstufe sind so genannte Multi-Row-Panoramen, hier werden mehrere solcher Reihen miteinander kombiniert, um auch in der Vertikalen mehr aufs Bild zu bekommen – besonders hohe Motive bieten sich dafür an.

Schließlich kommen eben die sphärischen Panoramen, bei denen man sich schlichtweg eine Kugel vorstellen kann, die innen ganz deckend mit sich überlappenden Bildern beklebt wird. Im konkreten Fall also: eine Runde von 12 Bildern in der Horizontalen, eine Runde von 12 Bildern um 45 Grad nach oben geneigt, eine weitere Runde um 45 Grad nach unten geneigt und schließlich noch die Bilder im Zenit (senkrecht nach oben) und im Nadir (senkrecht nach unten).

Wieviele man von letzteren beiden braucht ist sehr abhängig vom Objektiv. Ich selbst habe mal sicherheitshalber jeweils 4 gemacht, und zwar immer um 45 grad versetzt. Dabei halte ich eine genaue Reihenfolge ein, um mich später in den Bildbeständen orientieren zu können: 12 horizontal + 12 schräg nach oben geneigt + 4 in den Zenit + 12 schräg nach unten geneigt + 4 in den Nadir = 44 Fotos gesamt.

Bei den Aufnahmen nach unten haben wir nun noch das Problem, dass auf jeden Fall die Basis des Panoramakopfs sowie die Stativbeine abgebildet sind. Daher nehme ich dann sofort nach dem letzten Foto die Kamera vom Stativkopf ab, stelle das Stativ zur Seite, stelle mich einen Schritt weit vom ehemaligen Stativstandort breitbeinig auf und halte bei ausgestreckten Armen die Kamera möglichst exakt über diesen Punkt, um nocheinmal 4 Fotos wie zuvor (aber ohne abgebildetes Stativ) anzufertigen. Am Schluss habe ich mit dieser Technik also eine gesamte Bildanzahl von 48 Fotos gemacht.

Herausforderungen am Point of View: Weißabgleich

Nun, da unser Programm steht, können wir eigentlich loslegen. Wären da nicht noch ein paar kleine aber enorm wichtige Details. Das erste ist auf jeden Fall der Weißabgleich. Ich weiss, dass es viele Fotografen gibt, die den automatischen Weissabgleich an der Kamera eingestellt lassen, was ja auch für einzelne Fotos super funktioniert.

Bei Panoramen kann das aber verheerende Folgen haben. Stellt die Kamera aufgrund bestimmter Messungen den Weissabgleich nämlich während einer solchen Aufnahmeserie um, dann erhält man Bilder, die farblich nicht mehr zusammenpassen. Selbstverständlich kann man das visuell noch nachträglich anpassen – aber muss man sich wirklich das Leben so schwer machen?

Lieber vorher einmal am Aufnahmeort einen Weissabgleich einmessen und fix einstellen, das erspart viel Ärger im Nachhinein. Gleiches gilt auch für die Fokusierung – einmal Schärfe einstellen (oder autofokusieren lassen), auf manuell umstellen und nichts mehr verdrehen. Die Gründe dafür sind die gleichen wie zuvor – mit noch verheerenderen Folgen bei Nichtbeachtung …

Herausforderungen am Point of View: Belichtung

Die nächste Herausforderung ist jene der zu wählenden Belichtung, also der Kombination von ISO, Blende und Belichtungszeit. Aus den bereits genannten Gründen stellt man ISO zunächst einmal auf einen festen Wert. Als Hinweis dazu: Bildrauschen mag für ein einzelnes Bild ein Stilmittel sein, für Panoramen ist es eigentlich eher störend, um die Bilder optimal zusammenzusetzen.

Blende und Belichtungszeit sollte man nun wirklich manuell wählen und auf eine fixe Kombination einstellen. Darin liegt eines der größten Probleme. Man muss nämlich jenen Kompromiss finden, der bei der Panoramarunde noch hell genug für die dunkelsten Stellen ist, aber immer noch Zeichnung in den hellsten Bereichen bietet.

Da dies in manchen Situationen wirklich unmöglich ist, werdet ihr beispielsweise auf Panoramen von Kircheninnenräumen meistens völlig überstrahlte Fenster (weiss) entdecken, weil korrekt auf den Innenraum belichtet wurde. Andererseits ist bei Motiven mit viel Anteil von Himmel vielleicht gerade dieser mit seinen Wolkenformationen besonders interessant und daher kann man getrost auf Zeichnung im Schatten eines Baumes verzichten.

Oder man entscheidet sich für eine Belichtungsreihe (Bracketing), um später die Software ein HDR– (High Dynamic Range) Panorama daraus rechnen zu lassen. Hierzu sollte man unbedingt auf der Kamera die Bracketing-Funktion aktivieren und dann immer in einer neuen Position gleich die Belichtungskorrekturen fotografieren lassen, um sicherzugehen, dass die Bilder wirklich das exakt gleiche Motiv abdecken.

Lässt man zum Beispiel im Bracketing zusätzlich zum fix eingestellten, einen Lichtwert nach unten und einen nach oben nachkorrigieren, dann erhält man natürlich gleich dreimal soviele Bilder pro Position (also 144 in meinem Fall). „Viel Spaß beim Verarbeiten“, klopft mir dann ein grinsender Freund immer auf die Schulter.

Herausforderungen am Point of View: Zeit

Bei alledem ist auch der Faktor Zeit nicht zu unterschätzen. Je nachdem wie stabil der eingesetzt Panoramakopf ist, kann es nämlich durchaus vorkommen, dass beim Schwenken der Kamera in eine neue Position, diese noch einen Moment nachwackelt. Es reicht dazu oftmals schon das Zurückklappen des Spiegels in der Kamera.

Wenn man auch nur 3 Sekunden warten möchte, bis die Kamera sich wieder „beruhigt“ hat, dann ist man selbst bei extrem kurzen Belichtungszeiten schon einige Minuten unterwegs, bis man ein Panorama fertig hat. Und bei bestimmten Wetterlagen können einige Minuten in puncto Wolkenbewegung am Himmel schon enorme Bewegungen bedeuten, was zum Problem werden kann. Schon allein deshalb sollte man tunlichst vermeiden mit dem Finger am Auslöseknopf zu drücken sondern in jedem Fall einen Fernauslöser per Kabel oder Fernbedienung zu verwenden.

Dann ist aber alles auch noch eine Frage der verwendeten Blende. Betrachter sind es in der Regel einfach gewohnt bei Panoramen Schärfe von vorne bis hinten zu erhalten, Tiefenschärfe als Stilmittel einzusetzen ist also eher tabu. Nun wissen wir ja, dass beim Abblenden (kleine Blendenöffnung = große Blendenzahl) die Schärfentiefe eine große Ausdehnung hat, also genau das, was wir erreichen wollen.

Was heißt das aber noch? Genau, eine kleinere Blendenöffnung erfordert eine längere Belichtungszeit, um das Motiv korrekt zu belichten … Versteht ihr jetzt also, wieso ich eingangs von einem fotografischen Kompromiss in der Panoramafotografie gesprochen habe?

Schließlich sollte man bei Outdoorpanoramen auch den Sonnenstand nicht außer Acht lassen. Am einfachsten hat man es beim Zusammensetzen der Bilder, wenn man sich mit der Kameraposition in den Schatten retten kann. Das bedeutet nämlich immer, dass die Sonne hinter einem Objekt (Baum, Haus, Kirchturm) befindet und an keiner Position direkt abgebildet werden muss. Manchmal lässt es sich aber auch nicht vermeiden – wie z.B. an der Position auf dem Dach des Pavillons.

Dann muss man aber damit rechnen, dass trotz Sonnenblende einige Fotos auf jeden Fall einen störenden Lens Flare aufweisen, der manchmal schwierig zu retuschieren ist. Dieser ist unter anderem auch von der Anzahl der im Objektiv befindlichen Linsen abhängig.

Ich hoffe, Euch hat der zweite Teil zum Thema Panorama Fotografie gut gefallen. In Teil 3 werden wir über die Organisation der Dateien und Panorama-Software sprechen.

Sphärische Panoramen einer Architektur erstellen (Teil 1)

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11 Kommentare

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  1. Tipp zu Flares:
    Wenn man nur wenige Aufnahmen macht (großer Aufnahmebildwinkel oder gleich Fisheye) dann kann man gegen Flares einfach zwei Bilder desselben Ausschnitts mit der Sonne machen (vom Stativ). Ein Bild wird normal und eins mit durch die Hand verdeckter Sonne belichtet. Das zweite Bild sollte dannkeien Flares haben und man legt es in der Bildbearbeitung über das erste (Ebenentechnik). So überblendet man damit die Blendenflecken/Flares im ersten Bild. Der Rest des zweiten Bildes wird per Ebenenmaske ausgeblendet.

  2. Blogartikel dazu: Tweets die Sphärische Panoramen einer Architektur erstellen (Teil 2) | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel erwähnt -- Topsy.com

  3. Wow, DAS nenne ich einen zweiten Teil. Ich finde klasse, dass wirklich alle technischen Kniffe bei der Aufnahme erwähnt wurden. Ich denke, dass dadurch vielen Panorama Testern viel Zeit und Mühe erspart wird – >z.B. Weißabgleich! Da ich mich gerade selber direkter mit dem Thema W-Abgleich beschäftige ist sowas gut zu lesen.
    Ich bin jetzt mal gespannt, wie der dritte Teil rüber kommt, wenn es um die Bearbeitung geht. Aber ich bin da guter Dinge ;-)

  4. Super Fortsetzung!
    Schön ausführlich geschrieben und an manche Punkte hätte ich so garnicht gedacht, bzw diesen garnicht soviel Wichtigkeit zugeordnet. Klasse!

    Darf man fragen warum du deine Panoramas nicht z.B. mit einem Fisheye (8mm) aufnimmst? Denn da würdest du dir ja so einige Bilder und damit auch Zeit, sparen. Oder benötigst du die hohe auflösung für deine Ergebnisse?

  5. Toll erklärt. Macht Lust auf eigene Panos.

    Ich habe zwar schon häufiger Bilder zu einem Panorama zusammengesetzt, aber die Anzahl der Bilder vorher exakt berechnen ist dann doch ganz schön viel Arbeit. Aber ich denke, wenn es perfekt werden soll, dann muss man das wohl so machen.

  6. Na da rockt ja bei einigen das Thema Panorama!
    @t0m: Du hast natürlich recht, für die Webpräsentation würde die Produktion mittels 8 mm Fisheye bestimmt reichen, in der Tat haben wir aber auch gelegentlich die Anforderung Ausschnitte großformatig auszudrucken und da kann ich die echte Auflösung gut gebrauchen.
    @Teatime: Also wenn man einen Panokopf verwendet, ist Aufnahmenplanung eigentlich Pflicht – mit dem geeigneten Schema, kann man auch auf Nummer Sicher gehen, an der doch eher einmaligen Location nichts zu vergessen und echt Zeit zu sparen, denn auf den errechneten Winkel kann man sich echt verlassen. Der Blick durch den Sucher kann dann eigentlich beim Fotografieren entfallen.

  7. Blogartikel dazu: Blog-Tipps: Panorama- und Naturfotografie | Das offizielle video2brain-Blog

  8. Blogartikel dazu: Digitale Panoramafotografie – Das Praxisbuch | KWERFELDEIN | Digitale Fotografie