kwerfeldein
06. Oktober 2009 Lesezeit: ~8 Minuten

Sphärische Panoramen einer Architektur erstellen (Teil 1)

Dies ist ein Gastartikel von Thomas Kraetschmer (Twitter). Er ist selbständiger Media Designer und Trainer für Software von Apple und Adobe, wozu er auch diverse Video-Trainings für video2brain produziert hat. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Scripting, Open Source Projekten, Panoramafotografie und der Regie von Videoprojekten.

Update (von Martin): Thomas ist nicht nur das, sondern er hat auch Regie bei meiner DVD-Aufnahme in Graz geführt woraus eine tolle Freundschaft entstanden ist.

Panoramen rocken definitiv. Da gebe ich Barbara Luef in Ihrem Gastartikel vor einiger Zeit hier auf Kwerfeldein vollkommen recht. Auf ganz seltsame Weise schaffen es Panoramen den Blick zu fesseln. Wohl deshalb weil es am ehesten unserem persönlichen Seherlebnis von Situationen entspricht.

Im Gegensatz zum gestalteten einzelnen Foto – das mit den Silmitteln der Freistellung, Formatwahl, Tiefenschärfe, Vignettierung, dem Einsatz von Bokeh, eingefrorenen Momenten, dem goldenen Schnitt und vielem anderen komponiert wird – sind Panoramen gewissermaßen ein fotografischer Kompromiss.

Und gerade diese Herausforderung macht die Bildwirkung so realistisch und unmittelbar. Aber genug philosophiert. Ich will Euch hier mal zeigen, wie ich persönlich vorgegangen bin, um Architektur mit zylindrischen und sphärischen Panoramen in Szene zu setzen und auf www.derpavillon.at zu veröffentlichen – konkret also den Österreichischen Pavillon auf der Internationalen Kunstausstellung der Biennale di Venezia, Italien, vorzustellen.


Praktisch ist besser

Irgendwie machen Projekte mehr Spaß, wenn sie einen konkreten Zweck erfüllen. Immer wieder denke ich mir bei Tutorials, dass das doch alles recht schön und nett ist, aber so ganz trocken möchte ich das nicht durchspielen müssen. Daher rate ich Euch zunächst mal auch beim Thema Panorama immer eine konkrete Situation abbilden zu wollen.

Das kann ein beeindruckender Blick über eine Landschaft oder in einen interessanten Innenraum sein. Ihr könnt ein einzelnes Panorama erstellen, oder eine ganze Tour planen, bei der man einzelne Punkte in einem Panorama direkt anspringen kann. Ihr könnt eine recht flache Sicht auf eine Landschaft nehmen – mit der Gefahr dann als einzige Motivabwechslung einen schmalen Streifen am Horizont rauszubekommen – oder einen Ort mit verstreuten Objekten unterschiedlicher Größe.

Eurer Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ihr werdet schnell Euren eigenen Stil finden. Ein zweiter Tipp ist in jedem Fall mit einem sehr ruhigen Ort anzufangen. Ruhig meint damit sowohl die Natur (also bei Outdoor-Aufnahmen z.B. einen eher windstillen Tag mit wenig Baum- oder Wolkenbewegung) als auch die Anwesenheit von Menschen (also am besten wirklich menschenleer).

Also machen wir den Realitycheck.

Mein Projekt

Es handelt sich um den Österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, Italien. Das ist eine Kunstausstellung, die alle zwei Jahre dort stattfindet. Ein Gebäude, das in den 1930er Jahren errichtet wurde und seitdem immer wieder für verschiedene Kunstprojekte als Ausstellungsfläche dient. Viele Länder der Welt haben dort ihren Pavillon. Von Österreich aus wird das Projekt vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur getragen.

Dort haben wir vorgeschlagen, die Ausstellungen zu dokumentieren und in Form eines interaktiven Panoramas begehbar zu machen. Das Projekt fand Zustimmung und wurde – wie im Fall öffentlicher Aufträge üblich – in Form einer Kunstförderung finanziell abgegolten. Man kann also definitiv mit Panoramen auch Geld verdienen.

Ich würde Euch aber zur realistischen Aufwandsabschätzung sehr empfehlen, vorher zu üben und dabei ganz ehrlich die Zeit mitzuschreiben, damit ihr besser einschätzen könnt, wieviele Arbeitsstunden ihr hier verrechnen wollt oder euren Kunden in Form eines Pauschalpreises anbieten könnt. Denn wenn man vorher den Aufwand nicht kennt und von reinem Fotografieren und dann *so-n-bischen-nachbearbeiten* ausgeht, stellt man schnell fest, dass man sich da leicht verrechnet und frustriert entlohnt arbeiten muss.

Und Frust ist doof, die Sache soll ja Spaß machen.

Nun wohne ich ja nicht direkt in Venedig – eher so in einem 600 km entfernten Vorort namens Wien – und daher will so ein Arbeitseinsatz auch gut geplant sein. Es soll zum Zeitpunkt der Ausstellung oder im renovierten Zustand ausserhalb der Ausstellung sein, es soll zu einer tendenziell wettergünstigen Jahreszeit stattfinden, es muss der Pavillon und seine Umgebung möglichst menschenleer sein (daher kam nur der Schließtag in Frage) und es soll nicht allzuviel Wind gehen. Manchmal kann man aber nicht alles so gut planen und wir haben uns einmal mit dem Regenwetter arrangiert, was aber auch ganz interessant war. Die Faktoren passen also, auf zum nächsten Punkt.

Ausrüstung – Grenzen kennen und zurechtkommen

Meiner Ansicht nach ist einer der Vorteile in der Panoramafotografie, dass man auch mit sehr einfachem DSLR-Equipment auskommt
.

Sicher – bessere Kamera, lichtstärkere Objektive, stabileres Stativ tragen immer zu noch optimaleren Ergebnissen bei und es ist schön, wenn ihr das zur Verfügung habt. Aber in meinem konkreten Fall tut es auch eine gute alte Nikon D70 mit nur knapp über 6 Megapixel zusammen mit einem Tamron AF 19-35mm f/3.5-4.5.

Absolut essentiell in der ordentlichen Panoramafotografie sind noch zwei weitere Dinge: ein halbwegs stabiles Stativ – bei mir der Vorgänger von einem Manfrotto 055XB mit einem einfachen Kugelkopf – sowie ein Panoramakopf. Dieser letzte Punkt ist unter Panoramaenthusiasten das Diskussionsthema schlechthin.

Eigentlich kann man das im Eigenbau lösen oder z.B. von einer Schlosserwerkstätte günstig anfertigen lassen, dann gibt es die großen Hersteller mit komfortablem aber auch teurem Equipment (zum Beispiel Manfrotto, 360Precision oder Novoflex) sowie ein paar günstige kleinere Hersteller mit durchaus interessanten Alternativen – ich selbst verwende hier einen Panokopf von NodalNinja und bin recht zufrieden damit.

Ohne mich zu sehr in technischen Details zu verlieren, geht es hier darum, die Kamera samt Objektiv in genau jene Position zu bekommen, in dem der Parallaxenfehler am geringsten ist. Weitläufig wird hier auch vom Nodalpunkt gesprochen, was aber genaugenommen nicht exakt das gleiche ist.

Wie dem auch sei, man misst das, indem man ein sehr nahes Objekt und ein eher weit entferntes im Kamerasucher miteinander in Deckung bringt (z.B. eine nahe Straßenlaterne vor einer entfernten Hauskante). Dann dreht man die am Stativ angebrachte Kamera um die Drehachse des Stativs nach links und rechts und sieht ob die beiden Objekte sich sowohl am linken als auch am rechten Bildrand exakt decken. Ist dem nicht so, gibt es auf dem Panoramakopf die Möglichkeit durch Verschieben entlang der Schienen genau diese Deckung zu erreichen.

Der ganze Kopf muss vorher auch noch exakt in Waage gebracht werden, was man mit der kleinen integrierten Wasserwaage oder einer Variante am Blitzschuh der Kamera gut feststellen kann. Gut Leute, das war jetzt wirklich die kürzestmögliche Variante, das zu erklären – bitte liebe Panofotografen da draussen: Lasst ein mildes Urteil über meine einfache Erklärung walten ;-)

„Moment Tom“, werdet ihr jetzt vielleicht sagen, „ich habe doch da sogar bei meiner kompakten Knipse eine Software beigepackt, die aus meinen Bildern direkt aus der Hand in verschiedene Richtungen ein brauchbares Panorama macht und auch Photomerge in Photoshop macht schöne Ergebnisse daraus.“

Stimmt prinzipiell, aber die Gefahr ungenaue Anschlussstellen, verzerrte Kanten oder unscharfe „Lösungen“ für optische Probleme zu erhalten, ist viel zu groß. Vor allem dann, wenn man sich komplett 360 Grad um die eigene Achse und 180 Grad nach oben und unten drehen können soll. Den ganzen Aufwand betreibt man nämlich nur deshalb, um die Bilder später optimal zusammensetzen (stitchen) zu können.

Und nächstes Mal erzähle ich Euch, wie wir Panorama-Aufnahmen planen und mit der Herausforderung am „Point of View“ klarkommen.

Sphärische Panoramen einer Architektur erstellen (Teil 1)

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