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29. August 2009 Lesezeit: ~4 Minuten

Wie das Objektiv die Welt sieht

Wie das Objektiv die Welt sieht.

Lange Zeit war einer meiner Leitsätze: Kenne Deine Kamera. Wisse, wie sie funktioniert, was sie ausmacht, wo ihre Stärken und wo ihre Schwächen sind. Heute möchte ich dem noch etwas hinzufügen, was mir in den letzten Wochen immer wichtiger geworden ist: Kenne Dein Objektiv und lerne, die Welt mit seinen Augen zu sehen.

Eine Kurzgeschichte

Letztes Jahr, ein verschlafener Novembermorgen. Ich stehe in der Küche mit der Müslischale in der Hand und bin gerade dabei, mir das beste Frühstück aller Zeiten zusammezustellen (wie jeden Tag). Da fällt mir beim Blick durch das Fenster auf, dass ein weicher Nebel durch Jöhlingen zieht. So wie im Kino, gruselig aber auch bisschen Fantasy. Kurz auf die Uhr geschaut packe ich meine Sachen. Stativ, Kamera, 2 Objektive und los geht’s. Achso, Jacke an, draussen ist es bestimmt wieder klirrend kalt.

Mit dem Auto fahre ich zum Jöhlinger Wald, weil ich alter Kitsch-Hase auf vernebelte Waldfotos stehe. Eingeparkt. Jetzt geht es auf Motivsuche. Das alte Spiel.

Nach einer halben Stunde bemerke ich, dass die Sonne so schräg am Himmel steht, sodass der Nebel diese wunderbaren Streifen bildet. Wahn. Sinn. Ich bin hin und weg. Und Mariah Carey singt.. Nein.

Zack Zack! Jetzt muss es schnell gehen, denn dieses Phänomen kann gleich vorüber sein. In meinem Kopf stelle ich fix das Bild zusammen, wie es aussehen soll. Ich bin fasziniert von der Idee, ein Selbstportait mitten in diesen Streifen zu machen.

Auf der sitzt noch mein 10-20mm Superweitwinkel. Weil ich weiß, dass ich damit nicht nah genug rankomme, brauche (mit diesem Objektiv) ich erst gar nicht durch den Sucher zu schauen. Nein, ich greife sofort zu meinem 18-50mm, welches noch in der Tasche schlummert. Genau das brauche ich jetzt.

Die Linse wird zackig aufgesetzt, so weit wie möglich ausgefahren und (in Augenhöhe) auf das aufgestellte Stativ gesetzt. Passt. Ich weiß, dass das Objektiv bei Blende 8.0 ziemlich scharf ist, weil ich etliche Male zuvor ausprobiert habe, wann das Objektiv am besten arbeitet. Und Schärfe, das brauche ich jetzt. Timer eingestellt und ins Bild gerannt. Klick. Nach ein paar Anläufen steht mein Bild:

Streifen drauf, ich drauf. Perfekt.

Rückblick

Um so schnell reagieren zu können, muss ich wissen, wie mein Objektiv (in dem Fall das 18-50er) die Welt sieht, BEVOR ich es auf die Kamera setze. Damit kann ich jede Menge Zeit sparen und gezielter damit arbeiten.

Solche Situationen passieren mir (natürlich ohne Nebel) ganz häufig bei Portraitshootings oder auf Hochzeiten. Da entsteht durch Zufall eine Situation und ich muss blitzschnell das Objektiv wechseln. Wenn ich dann noch lange überlegen muss, was jetzt wohl passiert, wenn ich z.B. das Teleobjektiv aufsetze, ist es meistens zu spät.

Ausserdem fotografiere ich viel sicherer, wenn ich immer weiss, WAS welches Objektiv macht. Fotografieren kann so viel einfacher sein…

Tipp

Wenn ihr Euch nicht sicher seid, wie eines Eurer Objektive „die Welt sieht“, dann fotografiert mal für zwei Monate regelmässig nur mit dieser einen Linse. Wenn ihr im Schnitt 2-3 mal die Woche ein paar hundert Fotos macht, dann könnt ihr mit der Zeit Euer Objektiv noch besser einschätzen – und dann bewusst einsetzen, wenn ihr es braucht. Dabei könnt ihr Euch folgende Fragen stellen:

  • Wieviel Licht lässt das Objektiv durch?
  • Wieviel von dem, was ich mit dem bloßen Auge sehe wird dann auch im Bild sein?
  • Ist die Verzeichnung (z.B. krumme Linien) extrem oder eher schwach?
  • Werde ich durch den Sucher eher weiter weg vom Objekt sein (Weitwinkel) oder nah dran (Teleobjektiv)?
  • Wie wirkt sich die Neigung der Kamera auf das Bild aus (Superweitwinkel).
  • Mit welcher Blende arbeitet das Objektiv am besten?
  • Wo liegt ca. die Naheinstellgrenze?

Panoramen in Photoshop erstellen

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