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27. August 2009 Lesezeit: ~7 Minuten

Objektive: Warum ich Festbrennweiten empfehle

Martin, ich möchte gerne fotografieren lernen und habe mir gerade meine erste digitale Spiegelreflex gekauft. Doch das Kitobjektiv..naja. Ich habe leider nicht viel Geld, möchte aber in ein neues Objektiv investieren. Hast Du einen Tipp?

Diese Frage wird mir wirklich oft gestellt. Entweder per Mail oder im persönlichen Gespräch. Meistens frage ich nach, was die Person denn fotografieren möchte. Wenn „Menschen“ dabei einer größere Rolle spielen, zögere ich nicht lange und empfehle eine Festbrennweite.

Meistens das 50mm 1.8 für knappe 120€* – das ist zwar kein supervergütetes Glas aber meiner Meinung nach das beste Objektiv, um fotografieren zu lernen.

Vor allem dann, wenn der Studenten-Geldbeutel aktuell nicht mehr zulässt.

Häufig entwickelt sich daraus dann ein nettes Gespräch und die viele Leute fragen: „Warum eine Festbrennweite? Was ist das eigentlich und wo liegt der Vorteil?“ Wenn ich dann erkläre, dass eine Festbrennweite wie der Name schon sagt eine feste Brennweite (= keinen Zoom) hat, dann wird das Fragezeichen umso größer. Denn warum soll man sich so stark beschränken?

Darauf werde ich jetzt einmal ausgiebig eingehen. Ich möchte an dieser Stelle dazusagen, dass ich kein Labor zu Hause habe und hier keine technisch-anatomischen Testergebnisse liefere. Nein, ich werde jetzt aus meiner Erfahrung mit Festbrennweiten sprechen. Und weil ich nicht immer nur meine Fotos hier zeigen möchte, habe ich mich bei Flickr mal nach Festbrennweiten-Fotos umgeschaut.

1. Erhöhter Spassfaktor bei der Bildkomposition

Da die Festbrennweite kein Zoom erlaubt sondern immer die gleiche Brennweite hat, zwingt sie mich, mit den Beinen zu zoomen. Das soll heißen: Wenn ich einen größeren Bildausschnitt möchte, dann muss ich eben mal 5, 10 oder 20 Meter zurückgehen. Möchte ich mehr Details, muß ich näher ran. Das klingt erstmal unglaublich anstrengend, macht aber unglaublich viel Spass (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Mit einer Festbrennweite zu fotografieren gibt mir das Gefühl, noch mehr an der Bildentstehung beteiligt zu sein als mit einem Zoomobjektiv (früher auch Gummilinse genannt). Und zwar genau deshalb, weil ich mir unter Umständen jeden sichtbaren Zentimeter im Bild erarbeiten muss.

Gerade für Foto-Einsteiger kann das eine super Hilfe sein, kompositorisch weiterzukommen und schnell dazuzulernen.

Und jetzt noch eine Behauptung: Ich glaube, dass man die Grundlagen der Bildgestaltung besser mit einer Festbrennweite lernt als mit einem Zoomobjektiv.

Das liegt wiederum daran, dass man wirklich selbst aktiv werden muss und mit allem, was man hat, das Bild gestaltet. Das ist in etwa so, wie die spanischen Kinder, in Gassen mit Dosen Fußball spielen lernen und später zu Fußballstars werden, weil sie auf kleinstem Raum mit dem Ball umgehen lernen (ist nur eine Metapher, die hinkt hier und da).


2. Lichtstärke

Wer sich schon einmal nach Festbrennweiten umgeschaut hat, der wird feststellen, dass diese Objektive meist (nicht immer) sehr lichtstark sind. Da finden wir Offenblenden von f/1.2 oder f/1.8. In der Regel ist es so, dass je lichtstärker ein Objektiv ist, umso teurer ist es auch. Doch welchen Vorteil hat denn ein „lichtstarkes“ Objektiv eigentlich? Nun, das ist ganz einfach.

Solch ein Objektiv lässt (wie schon im Wort verankert) mehr Licht auf den Sensor als ein Gewöhnliches. Deshalb kann man auch in dunklen Verhältnissen mit einer weit geöffneten Blende (z.B. f/1.4) noch relativ helle Ergebnisse erzielen kann. Natürlich kommt das sehr auf den Einzelfall an und braucht einwenig Übung.

Die weite Blendenöffnung sorgt übrigens auch dafür, dass das Schärfe/Unschärfeverhältnis sehr extrem ist. Somit wird bei einem Portrait z.B. das Auge scharf sein und (je nach Einstellung) schon das Ohr, die Haare und der gesamte Hintergrund in der Unschärfe versinken. Wenn man auf diesen Effekt steht, kann man ihn mit einer Festbrennweite besonders gut erreichen.

3. Optische Qualität

Weil die Produktion einer festen Brennweite (da weniger Linsen) wesentlich präziser zu gestalten ist als die eines Zoomobjektives, wird das auch in der Qualität und der Abbildungsleistung deutlich.

So unterliegen Zoomobjektive nicht selten in Kontrast, Brillianz und Schärfe. Die Verkrümmung von Linien (stark in der Architekturfotografie) ist meist deutlich geringer – doch nicht nur das, sondern auch ein schneller Fokus kann einem das Fotografieren erleichtern.

Allerdings möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass es hier gewaltige Unterschiede innerhalb der Angebote gibt. Das von mir oben empfohlene 50mm 1.8 ist eine – wenn nicht DIE – billigste Festbrennweite auf dem Markt und kann demensprechend nicht in allem Punkten glänzen.

Der laute Autofokus und die Verarbeitung (größtenteils Plastik) lassen meiner Meinung nach zu wünschen übrig. Für Schärfe, Brillianz und Abbildungsleitung (und vielem mehr) muss man häufig ordentlich bezahlen – wodurch sich Preise von knapp 1400€ für das 50mm 1.2 L erklären lassen.

4. Gewicht

In Festbrennweiten sind weniger Linsen verbaut und somit sind sie automatisch leichter (wie immer gibt es auch Ausnahmen). An einer ohnehin schon schweren DSLR kann das unter Umständen ein großer Vorteil sein, wenn man z.B. einen ganzen Tag lang Menschen fotografiert. Das Gewicht ist aber eher ein „Nice-to-have“ und sollte kein Grund für eine Festbrennweite sein.

5. Was man in Kauf nehmen muss

a)Natürlich haben Festbrennweiten auch Nachteile und die möchte ich ebenfalls nennen, sonst wäre der Post irgendwie zu glatt. Wer mit Festbrennweiten fotografiert, hat zwar an der Kamera ein eher leichtes Geschoss, muss aber unter unter Umständen trotzdem zwei oder drei weitere Objektive mitschleppen, und das ist dann wohl eher schwer.

b)Daraus resultiert ein häufiges Wechseln. Wer nunmal nur eine Kamera hat (was der Normalfall bei Hobbyfotografen ist) ist somit etwas unflexibler und kann mal nicht eben vom Telebereich in den Weitwinkel wechseln. Hinzu kommt, dass natürlich wesentlich mehr Staub in die Kamera gerät als mit einem Immerdrauf von 18-200mm.

c)Festbrennweiten sind nicht zwingend billiger als Zoomobjektive.So kostet das 85mm 1.2 knapp 2000€ und für 400€ weniger das bekommt man das 70-200mm/ 2,8/ L USM*, das noch zusätzlich bildstabilisiert ist. Doch nicht nur Canon und Nikon haben Festbrennweiten in ihrer Produktion, auch andere Hersteller wie Sigma und Tamron haben eine beträchtliche Auswahl.

Fazit

Festbrennweiten rocken, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Sie sind nicht die „besseren Objektive“ sondern lediglich anders ;)

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