kwerfeldein
21. August 2009 Lesezeit: ~7 Minuten

Wie ich Hochzeiten in der Kirche fotografiere

Hochzeiten in der Kirche fotografieren

Gestern ging bei mir eine Email ein mit der Frage, ob ich nicht einmal darüber berichten könne, wie ich in der Kirche auf Hochzeiten fotografieren würde. Und jeder, der schonmal versucht hat, in einer Kirche Menschen zu fotografieren, weiß, dass das Thema eher ein rotes Tuch (ergo: eine Herausforderung) ist als die große Erleuchtung.

Der Frage möchte ich heute einmal nachgehen und aus meiner Sicht berichten.

Kirchen-Scouting
Den Begriff „Scouting“ kennt man eher aus der Landschaftsfotografie. Dort wird eine Location nach potentiellen Standorten und Kompositionen für ein gutes Bild durchkämmt. Wenn es mir möglich ist, dann tue ich das Gleiche in der Kirche – was meistens 30 Minuten vor Beginn der Trauuung passiert.

Ich nehme eine Kamera mit und schaue wie der interne Belichtungsmesser reagiert. Und der ist meistens ganz links. So lege ich schon einmal ISO, Belichtungszeit und Blenden fest. Selbstredend fotografiere in der Kirche ausschließlich im „M“-Modus (was ist das?). Die ersten Gäste, die langsam hereintrudeln machen sich prima als Lichtmodelle zum Testen (und wissen dann schon mal, dass ich sehr wahrscheinlich der Hochzeitsfotograf bin).

Während des Scoutings lege ich ein mindestens drei Standorte fest, von denen ich das Paar fotografieren werde. Zwischen diesen werde ich mich während der Trauuung hin und herbewegen. Wie häufig das passiert, spreche ich in Punkt drei an.

Nah dran
Im Vorhinein spreche ich mit den Paaren an, wie sie „einziehen“ werden und wo ich dann dann fotografiere. Entscheidet sich das Paar, gemeinsam einzulaufen, werde ich nicht irgendwo in dritter Reihe warten. In geduckter Haltung, langsam mitlaufend bin ich direkt vor (manchmal auch hinter) den Beiden und nehme auf, wie sie die Gäste anstrahlen und diese stehend, applaudierend und voller Emotionen das Paar bewundern. Solche Momente müssten aufgenommen werden, denn sie sind mit die Wichtigsten einer Hochzeit.

Ebenfalls nah dran bin ich bei der Ringübergabe. Dabei bleibe ich trotzdem mindestens 4,6,8 Meter entfernt, denn der Moment gehört ja nicht mir sondern den Beiden. Meine Aufgabe ist es, in kürzester Zeit, die geeignetste Schußposition zu finden. Optimal ist es, wenn ich die schon vorher weiß, aber manchmal gehört ein bisschen Improvisation dazu.

Das richtige Maß finden

Es gibt nichts Schlimmeres als einen Fotografen, der nicht auch mal stillhalten kann. Pfarrer: Liebes „Klick!“-„Klickklick“-zeitspaar. Wir haben „Klickklickklicckkkkk“ -mmelt, um mit (Reisverschluß der Fototasche auf) „Raaaaahaaaaaaaaaaaaaaaaaaatsch“ diesen Tag zu feiern. „Klick“.

Hochzeiten in der Kirche fotografieren

Die Hochzeit ist nicht meine Show auf der ich als Starfotograf umherturne und allen zeige, wie gut ich doch fotografieren kann. Im Gegenteil: Vielmehr habe ich es mir Aufgabe gemacht, mich der allgemeinen Stimmung anzupassen und herauszuspüren, wieviel Bewegung und klicken von mir angebracht ist. Ich werde mich nicht verstecken aber auch vermeiden, unnötig aufzufallen. Das ist manchmal ein Drahtseilakt, aber mit einer Brise Entschlossenheit und Fingerspitzengefühl klappt das ganz gut.

Zusatztipp für Einsteiger: Immer dann wenn Leute klatschen oder etwas anderes lautes (wie z.B. die spielende Band) stattfindet, bietet es sich an, die Position zu wechseln bzw. „durchs Bild zu huschen“. Natürlich nicht nur dann, aber das ist eben ein Moment, bei dem die meisten Leute mit etwas Anderem beschäftigt sind.

Große oder kleine Kameratasche?
Auf einer Hochzeit nehme ich immer (fast) alles mit, was nicht festgenagelt ist. Das packe ich in meinen großen Rucksack* und gut ist. Für die Kirche ist der allerdings zu groß und sperrig. Deshalb gewöhne ich mir derzeit an, die beiden Kameras + 1 Objektiv in die kleinere Umhängetasche* zu stecken und bin damit viel beweglicher.

Kameras & Optik
Damit ich nicht ständig Objektive wechseln muss, habe ich immer meine beiden Kameras (Canon EOS 30D+350D) dabei. Da an jede Kamera nur ein Objektiv passt, habe ich jeweils das 50mm 1.8 an der 30D und das 18-50mm Sigma an der 350D. Zu 99% aller Fälle fotografiere ich mit Offenblende und da ist die Lichtstärke gerne voll ausnutze. Da muss dann beim Scharfstellen aber alles stimmen. Weil das 50mm im AutoFokus manchmal eher wie ein aufgescheuchtes Huhn scharfstellt, fokussiere ich gerne von Hand.

Fotografier-Technisch bin ich zu 80% beim Paar und schaue, dass ich es gut eingefangen bekomme. Dennoch habe ich auch immer ein Auge auf den VIP’s der Beiden (Eltern&Freunde) und sonstigen Snapshots.

Weitwinkel: Zusätzlich fotografiere ich gerne von der Empore herab mit meinem Superweitwinkelobjektiv und kann so alle Gäste einmal auf ein Bild bekommen. Da es da oben meistens knarzt, knirscht und jeder Schritt nach unten dringt, nehme ich (wenn es einigermaßen sauber ist) auch mal die Schuhe ab, um unten niemanden zu stören.

Stativ

Blitz
Den Blitz setze ich in Kirchen nur dann ein, wenn die Kirche lichtmässig gar nichts mehr hergibt. Als Stilmittel finde ich den Blitz eher kritisch, aber wenns sein muss, kann ich auch damit umgehen. Wenn die Decke der Kirche nicht allzuweit weg (oder zu dunkel) ist, werde ich versuchen, den Blitz an die Decke zu richten. Lieber mit voller Leistung an die Decke blitzen und Batterien wechseln als Menschen direkt anzublitzen.

Aussicht: Wo ich investieren werde
In Kirchen zu fotografieren bedeutet auch, Bildrauschen (und dadurch bedingt den Verlust von Schärfe) in Kauf zu nehmen. Das ist eben so – für mich aber gerade ein weiterer Grund mich nach einem neuen Body (evtl. 5D MkII) umzuschauen. Bildrauschen macht sich auf vielen meiner Schwarzweissfotos (1) zwar gut, aber ich mag es nicht, daran gebunden zu sein.

Aktuell bin ich mit meinen beiden Optiken zwar sehr zufrieden, aber wer gestern mitgelesen hat, der weiß, dass ich mich gerade nach ein paar Linsen für Hochzeiten umschaue. Und da ist auch das Canon 85mm 1.2 dabei, welches erlaubt, noch ein Stückchen näher dran zu sein und die Lichtstärke bringt, die ich brauche. Ich hoffe, ich bekomme die Linse irgendwo gebraucht, denn der Preis… 

Natürlich habe ich in diesem Artikel das Thema Fotografieren in der
Kirche noch lange nicht abgedeckt. Wenn der Wunsch besteht, kann ich
auf einzelne Punkte in einem extra Post gesondert eingehen
.

*Das ist ein Affiliate Link.
Wenn ihr darüber bei Amazon etwas bestellt, bekomme ich eine kleine
Provision, ihr bezahlt aber keinen Cent mehr

(1) Wer Lust hat, von mir eine Stellungnahme zum Thema Bildrechte bei Hochzeiten zu hören, der kann das beim aktuellen Happy-Shooting Podcast tun.

Frage: Hat Euch dieser Artikel weitergeholfen? Habt Ihr noch Fragen? Was habt Ihr nicht verstanden?

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