kwerfeldein
17. August 2009 Lesezeit: ~6 Minuten

Männerfantasien, Frauen und Fotografie.

Als es mir das erste Mal auffiel, dachte ich: „das ist eben so und gehört dazu“. Die Rolle von Männern und Frauen im Hobby- und Berufsleben der Mode/Fashion/Akt-Fotografie. Heute möchte ich versuchen, dieses Thema kritisch und öffentlich zu reflektieren und werde Euch meine Gedanken so wie sie sind auf dem Tablett dieses Artikels servieren. Und ich weiß schon jetzt, dass es kein Dreizeiler wird.

Ich werde (bei vollem Bewußtsein darüber) eine extreme und wahrscheinlich polarisierende Haltung einnehmen und es kann gut sein, dass meine Meinung hier einwenig übertrieben oder gar unvernünftig klingen mag. All das nehme ich in Kauf, denn ich sehe vor allem den Sinn hinter diesem Kurztext, Fragen zu stellen, die unbequem, sperrig und eher seltener Natur sind.

„Warum fotografieren eigentlich in den meisten Fällen Männer die Frauen?“

Diese Frage beschäftigt mich nun seit mehr als einem Jahr und ich habe nicht aufgehört, darüber nachzudenken und mich mit Freunden und Fachleuten darüber zu unterhalten und deren Meinung einzuholen. Natürlich ist die Warum-Frage von vorne herein schwierig zu beantworten, da das Thema immer komplexer ist als man denkt und (scheinbar) einfache Fragen nicht durch einfache Antworten zu klären. Und ich will gar nicht versuchen, Antworten zu geben sondern – wie gesagt – mit weiteren Fragen den Bogen nicht noch größer um das ohnehin tabuisierte Thema machen sondern es mal offen auf den Tisch legen. Und draufgucken.

Kein Alptraum

Dass die Frau in ihrer Rolle Männern „gleichgestellt“ ist und bleibt für mich ein Ammenmärchen. Das stimmt vielleicht in ein paar alternativ-denkenden Kreisen und Cliquen. Doch in vielen Bereichen unserer Gesellschaft werden Frauen immer noch in eine sauber definierte Schublade geschoben und möchte hier gar nicht aufführen, wo und wie das auffällig ist. Ich glaube ein Blick auf die untere Hälfte der Bildzeitung spricht für sich. Wobei wir schon wieder beim Thema wären.

Der Fotonerd mit der Canon 1Ds, der ein (wenn überhaupt leicht) bekleidetes Mädchen fotografiert ist die Horrorvorstellung, die für mich nicht nur ein Alptraum blieb. Ich habe ihn immer wieder gesehen und wenn er auch in unterschiedlicher Gestalt auftritt, bleibt es immer beim gleichen Schema. Ein Beispiel?

Fotokina 2008.  Stand einer bekannten Firma. In der Mitte 2 Mädels. Overstyled, overschminked, over-allet. Drumrum und davor: Männer. Um den Hals: Schwanzverlängerungen Kameras. Je größer umso besser. Und im Visier: Die beiden Mädels. Endlich mal Abdrücken. Einmal Held sein. Starfotograf. Zumindest für ein paar Sekunden (Digger, träum weiter). Zwar macht jeder die gleichen Fotos, aber egal. Draufhalten.

Jeder, der mit einigermaßen offenen Augen durch die Fotoszene läuft, weiß, dass das kein Einzelfall ist. Erst vor ein paar Wochen hat mir ein Workshopleiter gestanden, dass 99% der Anmeldungen für seinen Studio-Licht-Kurs Männer sind. Dazu kommt, dass – wenn nicht irgendein superbekanntes Modell (natürlich eine Frau) gebucht wird – die Anmeldungen sofort zurückgehen. Da frage ich mich schon, was passiert, wenn man unangekündigt 5 Männer als Models anstatt 5 Frauen vorne hinstellen würde. Das würde abgehen, und wie. Nur nach hinten eben.

Bild Dir Deine Meinung.
Wer kennt den Spruch nicht. Doch wenn wir schon bei BILD sind, lassen wir uns doch einmal genau hinschauen. Das, was wir in vielen Zeitschriften dieser Sorte zu sehen bekommen ist (zumindest bei den Käufern UND Spickern) auch das BILD, das wir von Frauen haben. Was ich nicht verstehe ist, dass das Niveau in vielen anderen (angeblichen) Fotofachmagazinen nicht wirklich steigt sondern gleichbleibt oder noch tiefer sinkt. Unser Bild von Frauen ist eben immer noch geprägt von Vorurteilen, sexualisierte Fantasien und einer ziemlichen klaren (Wunsch-)vorstellung, was sie zu tun und zu lassen haben. Innere Werte bei einer Frau erregen nur geringes Interesse und sind ungefähr so viel Wert wie der zweite Gang in einem roten Ferrari.


In den Staaten habe sich immer wieder Kritiker, die davon überzeugt waren, dass Waterboarding keine Folter ist in die Rolle eines Häftlings begeben um Waterboarding selbst zu erleben (Vorsicht, nichts für schwache Gemüter). Dadurch wollten sie  bestätigen, dass ihre Überzeugung richtig und Waterboarding harmlos sei. Diverse Videos davon kursierten durchs Web und wer sie gesehen hat weiß, dass diejenigens es meistens keine Minute ausgehalten haben und umgehend bestätigten, es sei Folter und sie hätten das Gefühl gehabt, zu ertrinken.

Wie wäre es, wenn wir das Gleiche mal unter Fotografen durchspielen würden? Man nehme: 3 bierbäuchige, schwitzige,… (ihr wisst schon) Fotografen und 3 weibliche Models und tauschen mal für eine Woche die Rollen. Das Leben beider Gruppen würde sich verändern. Mit großer Sicherheit.

Mann fotografiert Frau.

Das ist heut so selbstverständlich wie: Samstag Abend kommt die Sportschau. Aber muss das sein? Dass wir Fotografen mit dem, was wir tagtäglich tun ein Teil des Problems sind, ist schon vielen klar. Ich weiß auch, dass es einige Fotografen gibt, die in und von der Branche  leben und sich durchaus bewusst sind, dass das ein heißes Eisen ist. Das sind auf häufig die, die respektvoll und achtsam mit den Models Menschen umgehen, die sie fotografieren. Sie achten darauf, falls möglich die Person in den Bildern hervorzuheben und setzen sich wirklich mit Ihr ausseinander. Arbeiten nicht AM sondern MIT dem Model. „Stell Dich mal da hin“ hört man eher selten.

Ich glaube nicht, dass die Lösung aller Probleme in dieser Hinsicht ist, zukünftig nur mit Männern zu arbeiten – obwohl, wie wärs mal mit einem Foto-Projekt mit Männern – oder haben wir Angst, dann schwul dazustehen?. Viel eher bin ich der Meinung, dass wir an unserem BILD von Frauen buchstäblich arbeiten und ordentlich feilen müssen. Respektvoll mit Ihnen umgehen (nicht nur im Gespräche sondern auch in der Praxis) und dann, wenn wir sie fotografieren auch versuchen uns in sie hineinzuversetzen. Und vielleicht auch mal (wenn nur für 5 Minuten) die Rollen tauschen ;)

Männerfantasien, Frauen und Fotografie.

Ähnliche Artikel