kwerfeldein
09. Juli 2009 Lesezeit: ~12 Minuten

Das Model – ein unbekanntes Wesen

Wie finde ich ein Model zum fotografieren?Das ist ein Gastartikel von Jürn-Christian Hocke (29). Jürn arbeitet als freiberuflicher Multimediadesigner & Fotograf. Den Weg zur Fotografie hat er über die Bildbearbeitung gefunden und er widmet sich vor allem der Studio- und Modefotografie. Seine Arbeiten, sowie Tipps&Tricks zur Bildbearbeitung, gibt es auf seinem Blog.

Ich kann mich noch sehr gut an mein allererstes »Menschenshooting« erinnern. Zuvor habe ich mich immer an Bienchen und Blümchen ausgetobt – immer am Rande der Naheinstellgrenze, quasi »Auge in Auge«mit dem Motiv. Jetzt stand auf einmal dieses Mädel (eine Freundin einer Freundin einer Freundin) vor meiner Kamera und erwartete, dass ich ihr professionelle Posinganweisungen gebe.

Das Shooting war zugegebener Maßen ein Alptraum: die erste Hälfte habe ich versehentlich mit 1.600 ISO geschossen, weil ich am Abend vorher mit Langzeitbelichtungen herumgespielt habe. Ich hatte mich schon gefreut, dass ich selbst im Schatten nicht über 1/200s Belichtungszeit hinauskomme… Durch Zufall habe ich den Fehler dann bemerkt. Dann immer darauf achten, einen schönen Bildausschnitt zu wählen, wie fällt das Licht aufs Model, wie schaut sie grad, und … da war doch noch was … achja – das Model. Ähm – Posen … ja … »Mach doch mal … also … hm … ja bleib so.« *klick* »und jetzt … mal ähm … ja das ist gut« *klick*

So oder so ähnlich lief mein erstes Shooting ab. Beim Betrachten der Bilder am PC sah ich dann das Dilemma: sie hat sich Mühe gegeben, aber irgendwie war das alles nichts. Das war einfach nicht das, was ich mir erhofft und vorgestellt hatte. Es hat einfach an der »Modelführung« gehapert. Damals war mir das nicht so direkt bewusst – das sehe ich erst heute so.

Bei meiner Arbeit im Fotostudio habe ich mitbekommen, dass sehr viele Fotografen Probleme in der Modellführung haben. Darum möchte ich mal etwas näher darauf eingehen, wie ich es mittlerweile bei meinen Shootings handhabe.

Vorbereitung

Für mich fängt das Ganze schon bei der Vorbereitung und beim Vorgespräch an. Zuerste sollte man sich klar sein, »wo man mit seiner Fotografie hin will.« Welche Aussage sollen die Bilder haben, die entstehen sollen? Sollen es eher dokumentarische Bilder werden, Lifestylebilder, romantische Bilder, Fashionbilder oder oder oder… werden?

Ein kleiner Rat an dieser Stelle: Es besteht scheinbar ein magischer Zusammenhang zwischen dem »Einstieg in der Menschenfotografie« und dem »Bedürfnis, Aktfotos zu machen.« Tut euch und dem Model einen Gefallen und stürzt euch nicht gleich in dieses Abenteuer, zumal ästhetische Aktfotografie meiner Meinung nach eh eine fotografische Herausforderung und Gradwanderung ist.

Nehmen wir also an, ihr entscheidet euch für Fashionfotos. Ich persönlich mag einen etwas extravaganten Posingstil – je ungewöhnlicher / frecher / lauter desto besser. Solch ein Posing aus einem Model herauszuholen ist nicht immer einfach und gelingt mir selbst auch nicht zu 100% – aber ich komme mittlerweile nah an das von mir gewünschte Ergebnis heran.

Ich habe die Erfahrung gemacht, das Leute, die Sport machen, tanzen, schauspielern o.ä. ein wesentlich besseres Körpergefühl mitbringen. Gerade Tänzer haben ein gewissen Grundgefühl für Körperhaltung und auch für das »Handposing«, was wirklich schwer zu vermitteln ist. Wenn ihr euch also einen Gefallen tun wollt, sucht euch ein tanzendes Model.

Ich mache mir VOR dem Shooting schon Gedanken wie das Lichtsetup aussehen soll und bereite das bereits vor, wenn das Model sich noch in der Maske befindet. Idealerweise hat mir das Model seine Schokoladenseite verraten, ansonsten stell ich ersteinmal »auf Verdacht« ein. Man kann sich eigentlich merken: wenn das Model eine mit einem Scheitel hat, sollte das Hauptlicht auf der entgegengesetzten Seite sein, damit sich das Model zur Kamera hin »öffnet«. Oft ist eine Begleitperson mit anwesend, die dann ersteinmal als »Testobjekt« herhalten muss. Einstellungen in der Höhe der Blitze kann man dann später noch vornehmen.

Aus der Erfahrung heraus bitte ich das Modell am Anfang des Shootings das »unspektakulärste« Outfit – zB die Sachen in denen sie zum Shooting gekommen ist – anzuziehen. Einfach deshalb, weil wir uns beide erst »warmschieße« müssen und es wäre schade, wenn man das Pulver (also ein tolles Outfit) schon am Anfang verschießt.

Das Shooting – fast

Wenn das Model dann fertig geschminkt im Studio steht, dann lass ich nicht sofort den Auslöser glühen. Ich erkläre ihr, was es mit dem Lichtsetup auf sich hat. »Hä? Wieso das denn?« Ganz einfach: Ich sehe ein Foto als Gemeinschaftswerk. Ganz abgesehen von Visa, Stylistin und Ausstatter – ohne Model würde der Fotograf  und ohne Fotograf das Model blöd dastehen.

Ich habe mein Lichtsetup die ersten Male eigentlich nur erklärt, um mich selbst zu beruhigen und um alles nochmal durchzugehen. Dabei habe ich gemerkt, dass die Models das dann mit einbezogen haben in ihr Posing. Also hab ich die Erklärung intensiviert und siehe da – es wurde von Mal zu Mal besser. Bei der Erklärung tausche ich mit dem Model die Seiten – sie stellt sich da hin, wo ich mich beim Fotografieren befinden werde und ich nehme ihre Position – zwischen den Blitzen – ein. Gerade bei extremeren Lichtformern wie zB dem Beautydish, erkläre ich, welchen Effekt das Licht hat. Welche Posen gar nicht gehen. Ich mache die Posen vor und das Model sieht selbst, wie es wirkt. Denn das Licht kann man halt nicht fühlen, deswegen wird sie nicht von allen wissen, wann ein Schatten ungünstig fällt.

Diese Erklärung sorgt einerseits für Verständnis, wie das Ganze »funktioniert« und es gibt oft etwas zu lachen, weil ich weniger elegant im Posen bin als die meisten Models, andererseits nimmt es gerade Neulingen die Angst. Sie wissen, wo das Hauptlicht ist, weil ich es ihnen gesagt und gezeigt habe – und haben damit schonmal einen Orientierungspunkt.

Das Shooting – nun aber endlich

Nach so viel Vorgeplänkel soll es nun endlich um das Shooting gehen. Wie schon erwähnt, hat jeder ein anderes Körpergefühl – Tänzer und Sportler oft ein sehr gutes. Je nach Typ nutze ich die ersten 30-60 Minuten eines Shootings dazu, um das Model »kennenzulernen«: Wie muss ich mein Licht ändern, damit Gesicht und Körper gut zur Geltung kommen, welche Makel hat das Model, bzw welche Makel möchte sie lieber verdecken und natürlich welche Vorzüge sollte man betonen. Damit ich nicht nur für mich arbeite, bespreche ich die Bilder, die in dieser Zeit entstehen mit dem Model. Ich lasse sie absichtlich schlechte Posen einnehmen, fotografiere diese und zeige ihr, wie es wirkt und fast automatisch passieren diese Fehler dann beim weiteren Posen nicht mehr.

Es ist also wichtig zu begründen wieso man die Pose so und so haben möchte, denn dann kann das Model auch wirklich mitarbeiten.

Während dieser Zeit ist das Model in der Regel noch recht steif. Das ist ersteinmal (für mich) nicht weiter tragisch, aber ich nutze diese Zeit, um zu sehen, wie man mit dem Körper des Models weiter »arbeiten« kann: wie gelenkig ist sie, bekommt sie ein extremes Hohlkreuz hin, oder macht es ihr schon Schwierigkeiten, überhaupt einigermaßen gerade zu stehen, wie sind ihre Proportionen und wie wirken sie … etc. Durch dieses Herumprobieren wird das Model in der Regel langsam locker.

Die erste Phase des Shootings entspricht also mehr einer Art Testshooting und Aufwärmphase. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich das Model einigermaßen kenne, kommt der erste Outfitwechsel und ab jetzt zählt es.

Eine wirklich elementare Sache habe ich noch nicht erwähnt:

Kommunikation.

Man darf nie vergessen, dass man – auch wenn ich hier über »das Model« schreibe – mit einem Menschen arbeitet. Macht den Mund auf und sprecht mit dem Model und vor allem – auch wenn es schwer fällt: nehmt die Kamera runter. Ich erlebe es sehr oft, dass Fotografen anvisieren und dann »durch« die Kamera sprechen wollen. Auf der einen Seite versteht man das sehr schlecht und auf der anderen Seite ist es auch eine Sache der Höflichkeit, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Freilich gibt es Ausnahmen – wenn man gerad ganz intensiv nach einem bestimmten Bildausschnitt schaut und nur ein kurzes: »Höher« oder »nach rechts« von sich gibt. Aber im Normalfall einfach die Kamera runternehmen oder kurz vom Stativ weg.

Kommunikation muss jedoch nicht nur verbal ablaufen. Ich tausche mit dem Model oft die Plätze und zeige vor, was ich meine. Klar kommt man sich da komisch vor – aber hey – das Model soll das ja auch machen. Ein wenig körperlicher Einsatz schadet also nicht. Viele können auch nicht von einem Bild, was man vielleicht auf dem Laptop als Vorlage hat, eine Pose umsetzen. Also ist man als Fotograf gefragt, das (ich nenn es so) »vor zu turnen«. In diesem Zusammenhang ist in Bezug auf Kommunikation sicher eine Tugend wichtig: Geduld. Gerade Neulinge haben es schwer und sind unsicher.

Ich habe damals beobachtet, dass ich mich »viel lieber« mit meiner Technik beschäftige, als mit dem Model. Man steht da und fummelt an den Blitzen, brummelt vor sich hin, wenn man die Bilder an der Kamera anschaut, dreht grübelt an den einzelnen Parametern etc. DAS trägt nicht zur Kommunikation bei. Ich lasse die Modelle an diesem Prozess teilhaben: »Ich stell jetzt mal die Streiflichter ein wenig heller ein um dich noch mehr vom Hintergrund abzuheben« – und zeige dabei das Bild in der Kamera. Apropos – ich weiß – es sind unsere »Babies«. Aber ich gebe den Models die Kamera in die Hand und zeige, wie man sich die Bilder anschaut. So liegt die Kamera nicht irgendwo im Studio herum, wenn ich an den Blitzköpfen herumturne und ich kann auch nicht drüberstolpern. Außerdem bezieht man das Model wieder mit ein – Umgang mit einem Menschen halt.

Nun hab ich es weiter oben schon angesprochen: mit dem Model reden. Ich bin sonst eigentlich eher ruhig, aber ich kommuniziere permanent mit dem Model. Nein – natürlich kein »Ja Baby – sexy – sexy – sexy!« Ich gebe Feedback und Anweisungen zum Posing: »Kinn höher – Blick zum Licht – Bauch rein aber Hohlkreuz!« und erst DANN kommt die Kamera ans Auge und es wird abgedrückt – 2 – 3- 4 Frames – je nachdem, wie stark das Model seinen Ausdruck variiert. Denn das verlange ich vom Model: nach jedem Blitzen soll sich irgendwas (idealerweise der Ausdruck / Blick) ändern, denn sonst brauch ich nicht erneut abdrücken. Wenn ich eine Pose ein Ausdruck super finde sag ich es auch: »So bleiben – mehr Spannung!« Klar dass hier nicht immer die Kamera vom Gesicht weggehen kann, wenn man gerade nach dem perfekten Bildausschnitt sucht – aber dann sollte man laut reden.

Wenn ich das Gefühl habe, dass ich gerade ein paar gute Bilder »im Kasten« habe, dann schau ich sie mir mit dem Model gemeinsam am PC an. Dabei analysiere ich mit ihr gemeinsam das Bild – was ist gut, was nicht. Entweder wir sind beide begeistert oder wir versuchen es nochmal. Aber diese Analyse ist wichtig, um gemeinsam Fortschritte zu machen. Eine Heidi Klum hat sicherlich schon im Gefühl, ob die Bilder gerade gut oder schlecht sind – das haben aber die meisten (Amateur-)Modelle nicht.

Die Kommunikation mit dem Model wird auch über anfängliche Unsicherheit hinweghelfen. Wenn man so ein Shooting als gemeinsames Projekt sieht und den anderen als Projektpartner, geht man anders miteinander um. Das tut der ganzen Situation – und letztendlich dann den Bildern – gut.

Einen Tipp möchte ich noch geben: Wenn ihr die Möglichkeit habt, bucht euch ein erfahrenes und posingsicheres Model. Ich hatte durch Zufall nach ein paar Shootings die Möglichkeit mit einem Profimodel zu arbeiten. Sie wusste genau wie sie posen muss und hat mir das mitgeteilt – hat mir gesagt wieso und weshalb sie dies und jenes macht. Bei diesem Shooting habe ich jede Menge gelernt – was ich meinerseits an die Modelle weitergeben konnte, mit denen ich danach gearbeitet habe.

Ein Shooting ist für mich dann erfolgreich und zufriedenstellend, wenn nicht nur gute Fotos entstanden sind, sondern wenn auch beide Seiten etwas gelernt haben.

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