kwerfeldein
07. Juli 2009 Lesezeit: ~6 Minuten

HPRM – Human Photographic Resource Management

Als Hochzeitsfotograf echte Hingucker sichernDies ist ein Gastartikel von Martin Krolop. Gemeinsam mit Marc Gerst ist er selbst Hochzeitsfotograf und ihre Bilder können auf 4ever1.de besichtigt werden. Ausserdem haben die beiden auch ein Blog zum Thema Fashion & Commercial Photography.

Komische Überschrift in einem Fotografieblog, oder nicht? Nicht, wenn man die nachfolgenden Zeilen liest und aufmerksam verfolgt. Es geht um bessere Fotos. Solche Fotos entwickeln sich gegenüber den vorherig gemachten Fotos und sind eben besser geworden. Eine konstante Entwicklung die hoffentlich jeder Fotograf ständig bei sich vorantreiben möchte.

Wie erreichen wir nun aber dieses Ziel der besseren Fotos und was hat das mit “Resource Management” zu tun? Ganz einfach…

Wir sollten anfangen uns als lebende Denkfabrik zu betrachten. Jeder Mensch hat nur eben nicht unbegrenzt Resourcen um Sachen zu tun sondern unsere Möglichkeiten sind je nach Entwicklungsstand mehr oder weniger begrenzt. Und gerade Fotografie ist eine Sache, die uns Menschen an so vielen Stellen fordert.


Dieses Foto wurde in der Programmautomatik gemacht. Mehr Auge und mehr Fähigkeiten für den Moment, weniger für die Technik.

Fotografie ist Kreativtät, ist visuelles Kontrollieren und vor allem technische und mathemtische Denkarbeit.

Belichtungen müssen ständig kalkuliert werden, weiße und schwarze Bildinhalte darauf gegengewertet werden, der Moment muss gesucht und abgepasst werden und bei all dem muss die Bildidee umgesetzt werden.

Wir sehen also sofort: Unser Gehirn arbeitet sicherlich auf Hochtouren und die grauen Zellen schieben dicke Überstunden wenn wir die Kamera in die Hand nehmen.

Und jetzt kommt ein kleiner Einwurf von mir.
Egal wie gut man ist als Fotograf, man erreicht nie den Stand, dass die Fähigkeiten höher sind als die Anforderungen, denn die Anforderungen steigen gerade mit den Fähigkeiten.

Wenn ich besser werde, dann werden meine Anforderungen erst recht höher, meine Ideen verrückter und ich bin genauso schlau wie noch zuvor. Wir können also von einer steten Überforderung als Fotograf sprechen… um es mal ganz hart zu formulieren.


Hier haben wir die Kamera auf einem Stativ fixiert und haben uns so viel besser auf das Baby konzentrieren können. Mit dem Fernauslöser konnte man dann direkt des besten Augenblick einfangen.

Und da kommt eben das HPRM ins Spiel.
Wir müssen anfangen unsere Möglichkeiten gezielt aufzuteilen. Resourcen gezielt verteilen. Wenn der Beitrag bis dato sich eher wie eine Vorlesung in Betriebswirtschaft gelesen hat, so kommen wir jetzt zum Praxisteil.

Als Fotograf sollte man gezielt anfangen sich selbst seiner Möglichkeiten zu berauben. Schnitte machen in Ausrüstung und vor allem in technischen Möglichkeiten. Denn über jeden Schalter den wir umstellen können, über den müssen wir auch nachdenken ob wir in umlegen wollen.

Beispiel 1:
Wir stellen uns einfach mal die Situation vor, wenn wir in unserer Fototasche ein 28-300, ein offenblendiges 50er und dazu noch ein tolles Weitwinkel liegen haben. Wir sehen einen bezaubernden Moment und plötzlich stehen wir vor millionen Möglichkeiten diesen Moment für immer festzuhalten. Und wenn wir durch den Sucher schauen und uns das perfekte Foto suchen wollen, fangen wir plötzlich noch an am Zoom zu drehen. Und gleichzeitig fängt das Bild im Sucher an sich zu verändern.

Es bewegt sich. Und durch das Zoomen, durch das Verändern und nachdenken über den Zoom, verlieren wir das Motiv aus dem Auge. Unser Gehirn ist einfach nicht mehr in der Lage viele Details innerhalb des Bildes anzuschauen, weil wir nur noch mit dem Großen und Ganzen zu tun haben. Wir schauen was wir schneiden, was wir nicht anschneiden, wie die Aufteilung ist… aber was ist mit dem Moment, dem Lachen der Freundin oder des Freundes, was ist mit dem Blick in den Augen, was ist mit dem kleinen Vogel an der ganz besonderen Stelle???

Wir können uns darum schlicht nicht mehr kümmern, weil wir dazu keine Möglichkeiten mehr haben.


Dank Festbrennweite mehr Blick für den Moment.

Beispiel 2:

Wir fotografieren eine Hochzeit. Die Kirche ist toll und wir stehen so da und schauen immer wieder, dass wir die Belichtung in der Blendevorwahl gezielt an Brautkleid und Bräutigamsanzug anpassen. Wir machen immer perfekt unsere Belichtungskorrekturen, schauen fein säuberlich auf den Inhalt und die Größe des weißen Kleides und des schwarzes Anzuges im Bild… und irgendwie können wir uns dabei nicht mehr wirklich um das kümmern was passiert. Warum, weil wir so beschäftigt sind, offenblendige Fotos vom Brautpaar zu machen, die korrekt belichtet sind. Die Belichtungssteuerung nimmt so viel von unsere Kompetenzen im Gehirn, dass wir für das Wesentliche nix mehr zur Verfügung haben.

Wir müssen als immer wenn wir fotografieren einen Schwerpunkt setzen. Was wollen wir machen und vorauf konzentrieren wir uns. Dann müssen wir überlegen was wir noch nebenher (!!!) machen können und was nicht mehr nebenher machbar ist. Und dann wird rigoros weggestrichen was nicht mehr machbar ist.

Nehmt eine Festbrennweite, dann habt ihr garnicht mehr die Möglichkeit zu zoomen und konzentriert euch von Grund auf mehr auf das Motiv. Oder nimmt ein Stück Klebeband und verklebt euer Zoomobjektiv an einer bestimmten Brennweite. Nutzt den Programm-Modus und achtet nur noch auf Blickwinkel oder Brennweite. Ihr seht, es geht wirklich darum, den Kopf sich frei zu machen für die Dinge die euch wirklich wirklich wirklich wichtig sind.

Und keine Sorge. Auch wir nutzen öfters mal den P-Modus an einer 1D oder dergleichen. Das ist keine Schande sondern sich seiner Fähigkeiten bewusst zu sein und gezielt Schwerpunkte zu setzen ist Stärke.


Dieses Foto wurde mithilfe eine automatischen Blitzes gemacht. Keine Einmessung vor dem Foto dank TTL-Messung.

Und wer jetzt immernoch nicht überzeugt ist, der soll sich selbst mal fragen warum wir gerne die Blitzbelichtung einsetzen??? Wir könnten doch auch jeden Blitz selbst einmessen und einstellen. Ganz einfach, weil wir sonst oftmals garnicht mehr den Blick für das Foto haben könnten.

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17 Kommentare

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  1. Du sprichst mir mit diesem Beitrag aus der Seele, immer wieder merke ich das sich viele Fotografen einfach nur um die technischen Aspekte kümmern und das wesentliche aus dem Blick verlieren.

    Ich selber fotografiere praktisch nur mit meiner 50er Festbrennweite und merke einfach, das ich mich dadurch viel intensiver mit dem Bild bzw. Motiv auseinandersetze.

    Und ein weiteres Geständnis muss ich machen, ich nutze bei Outdooraufnahmen ebenfalls den P-Modus meiner Kamera und habe dafür auch schonmal ein abfälliges Lächeln einiger Fotografen bekommen. Als wir dann allerdings die Ergebnisse verglichen haben, war das Lächeln auf einmal verschwunden.

  2. Da kann ich nur zustimmen, der P-Modus hat ein schlechteres Image als nötig.
    Ich finde aber es hilft sehr, wenn man einmal den Schritt gemacht hat, von P wegzugehen und sich wirklich mal in M ausgetobt hat. Das schult das technische Verständnis.

    Andererseits kauft man sündhaft-teure Kameras, bei deren Entwicklung mit Sicherheit viel Know-How und Resourcen in die Belichtungsautomatik gegangen sind. Wäre schon blöd, wenn man das nicht nutzen würde. Gerade in Situationen, in denen der Moment alles ist.

  3. Genau das Problem hatte ich bei meinem letzten Besuch im Zoo. Ich hatte mein altes geliebtes Minolta 70-210 mit. Die ersten 20 Minuten habe ich damit verbracht an die Tiere ranzuzoomen, die Blende zu öffnen, und die Verschlusszeit anzupassen.

    Jedesmal sind dabei langweilige Bilder rausgekommen, bzw. ich hab erst gar keins gemacht, weil der Moment gerade nicht gepasst hat.
    Bis dahin war ich der Meinung, daß man eigentlich nur im M Modus fotografieren darf.
    Is ja uncool irgendwelche Automatiken zu benutzen. Ziemlicher Blödsinn, ne ;)

    Dann hab ich mir gedacht: benutz doch mal die Zeitautomatik.
    So hab ich immer noch die Schärfentiefe unter Kontrolle, die Belichtung macht meine Kamera, und ich kann mich aufs Motiv konzentrieren.
    Und siehe da: http://www.flickr.com/photos/pixel_boogie/3624657524/

    Ich hab seit dem den Modus an meiner Kamera nicht mehr geändert.

  4. Hallo Martin,

    Hut ab! Der Artikel gefällt mir richtig gut!
    Wenn ich überlege wieviele Bilder ich schon versaut habe und nur weil ich tausend Dinge auf einmal machen wollte um alles unter Kontrolle zu haben … brrr *schauder
    Ich denke auch, das da auch der Spaß wesentlich drunter leiden kann.

    Wie ist es eigentlich bei euch ? Ihr müßt stetig klasse Bilder abliefern, alles schaut euch über die Schulter, ihr fahrt sehr oft unmengen an Hardware auf.Bleibt da nicht manchmal auch der Spaß auf der Strecke ? Einfach mal die Kamera nehmen und ohne sonstige Hilfsmittel ein „Partyfoto“ oder eins beim Spaziergang machen, ist das noch drin ?

    LG

    Andreas

  5. Moin,

    fehlt da nicht noch ein „r“?

    Abgesehen davon finde ich den Titel doch etwas unpassend.
    Mich stört einfach die Umschreibung „menschliche Ressourcen“, die im Wirtschaftsdenken ja leider schon Gang und Gebe ist. Hier wird der Mensch nur noch als Betriebsmittel gesehen. Mit natürlichen Ressourcen wie z.B. Strom oder Wasser gleichgesetzt zu werden, finde ich total daneben. Tschüss Menschlichkeit.

    Ansonsten ist das ein gelungener Beitrag und interessant zu erfahren, dass auch Profis ab und zu im P-Modus fotografieren.

    Gruß
    Bernhard

  6. Das ist ein sehr schöner Beitrag, danke dafür. Es ist garnicht so einfach, mal bewusst zu reduzieren und sich nur auf etwas bestimmtes zu konzentrieren. Wenn ich losziehe, versuche ich vorher bewusst zu entscheiden, was ich für Bilder machen möchte. Das klappt recht gut, da ich mich so nicht andauernd auf komplett neue Szenarien/Techniken einstellen muss.

  7. Du sprichst mir aber sowas von aus der Seele.
    Fotografieren ist Arbeit. Ganz oft bin total durchgeschwitzt nach nem Shooting.
    Der (Erwartungs-)Druck, das Rumrennen, Anweisungen erteilen, die Konzentration, das ständige Luftanhalten :-), Kamera-Einstellungen im Blick behalten etc. das verbraucht ordentlich Ressourcen.

    Wer das alles mit links macht…Hut ab!

  8. vieles davon ist sicher richtig, besonders das mit der festbrennweite, aber was nützt ein bild von dem perfekten moment und es ist qualitativ daneben? über oder unterbelichtet, schärfe unschärfe an der falschen stelle. dann ärgert man sich doch hinterher noch viel mehr, dieses moment offensichtlich „versaut“ zu haben.

  9. @SARAH
    Und genau darum geht es… bloß denkst du, dass das Foto perfekt wird, wenn man sich selbst drum kümmert und der Artikel spricht gerade davon, dass das Foto verhunzt werden könnte, wenn man zu viel machen möchte.
    Denn gerade dann kann man oft nicht mehr auf Belichtungsspielchen eingehen. Und du weißt es selbst wenn du mal überlegt wieviele Fotos im P-Modus schief gehen…

  10. Zuerst vielen Dank für den Artikel, Martin, für mich bietet er einige Anregungen an. Mit einigen Schlussfolgerungen bin ich (wie immer auf den kwerfeldein.de) nicht einverstanden, es ist aber interessant zu sehen wie andere „Kollegen“ denken.
    Für mich ist fotografieren wie Autofahren – nach eine gewisse Zeit werden die Grundprozesse (Schalten, Beschleunigen, Bremsen) automatisiert und man kann sich sehr gut auf den Straßensituation konzentrieren. Nach und nach werden weiter Prozesse (Schulterblick, Verkehrszeichen-Erkennung) auch automatisiert und bleibt immer mehr Zeit sich auf den Wesentlichen zu konzentrieren. Es soll aber Leute geben, die gerne ein Auto mit Automatik-Schaltung fahren.
    Die Entscheidungen über Blende, Verschlusszeit und ISO (auch Weißabgleich und Fokus) dauern bei mir nicht lange. Außerdem sind diese Einstellungen auch Teil des kreativen Prozesses. Ich möchte sie nicht gerne eine Maschine überlassen. D.h. aber nicht, dass ich sie nicht ab und zu nutze. Reportagen (Streets) mache ich gerne mit eine A, Sportaufnahmen mit einen S. P nutze ich nicht gerne, weil ich nicht weiß, wie sie funktioniert. Auch die Matrixmessung ist mir suspekt – nutze liebe Spott- oder mittenbetonte Messung (liegt aber an meine Faulheit sich mit den Neuerungen intensiv zu beschäftigen).
    In einen Punkt gebe ich dir Recht – es geht nichts über eine gute Festbrennweite. Man muss sie aber gut kennen. Ich behaupte jetzt nicht, dass ich nur mit einer 50er fotografiere. Mir sind aber meine 3er (20-50-85) viel lieber als eine 28-70. Alles das was du über Bildkomposition mit den Festbrennweiten gesagt hast kann ich unterschreiben.
    Es könnte sein, dass ich einige gute Momente verpasse, aber ich mache meine Fotos selbst. Der kleine Koreaner in meine Kamera brauche ich (fast) nicht.

  11. „Dank Festbrennweite mehr Blick für den Moment.“ – die Zeile wird meine neue Signatur.

    Ich mag Festbrennweiten ja auch sehr gern, was aber auch nicht zu verachten an einem Zoom ist, ist die Flexibilität!
    Dank RAW kann man im Nachhinein noch locker die Belichtung korrigieren.
    Folgende Situation: Kind lernt Fahrrad fahren und Papa hat stolz sein neues 85mm objektiv drauf. Das Kleine fährt und fährt und Papa merkt, Kind kommt zu dicht. Ein Objektivwechsel könnte hier höchstwahrscheinlich den entscheidenen Moment versauen.

  12. Hi Martin,

    ich habe gerade nachgedacht und bin draufgekommen, dass ich einige Fotos aufgrund des M Moduses versaut habe. Danke für deinen Artikel und auch deine Bestätigung, das man auch mal den P Modus verwenden soll.

    Viele Grüße
    FLo