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06. Juli 2009 Lesezeit: ~4 Minuten

Lomographie – das Leben ist analog

Lomographie - das Leben ist analog
Selbstportrait mit der LC-A

Der folgende Gastbeitrag stammt von Ralf-Jürgen Stilz (Twitter). Ralf (33) bloggt auf photoappar.at über künstlerische Fotografie, Bildbände, Hardwarefetischismus und das Leben in digitalen Foto-Communities. Die Synthese von Technik und Kunst – der Photoapparat – ist sein Gemüse.

Gerade im Zeitalter der digitalen Fotografie darf man die Ursprünge der heutigen Fotokünste nicht vergessen. Wir verwenden Ausdrücke wie „Abwedeln“ mit einer Selbstverständlichkeit als Begriff aus der digitalen Bildbearbeitung, als ob es die analoge Fotografie nie gegeben hätte. Ich persönlich beschäftige mich nicht sehr gerne mit der Entwicklung von Film, aber es gibt eine analoge Disziplin, da werde ich regelmässig schwach: die Lomographie.

Lomographie - das Leben ist analog
LOMO Compact Automat

Ihren Ursprung hat die Lomographie lustigerweise an zwei geschichtsträchtigen Orten: Wien und St. Petersburg. Die Kleinbildkamera „LOMO Compact Automat“ (LC-A) der St. Petersburger Firma LOMO inspirierte in den 90er Jahren eine Gruppe Studenten aus Wien und herausgekommen ist eine neue Art zu fotografieren: das Lomographieren – gerne auch als „lässige Schnappschussfotografie” beschrieben.

Es geht nicht um Bildgestaltung oder Komposition. Es geht um Spaß! Lomographien entstehen durch Spontanität, sind bunt, verrückt, unscharf, verwackelt, schief, mehrfach belichtet und einfach nur schön.


Aber es gibt auch Regeln:
1. Nimm die Kamera mit, wohin auch immer Du gehst!
2. Benutze die Kamera Tag und Nacht!
3. Lomographie ist Teil Deines Lebens!
4. Schieße aus der Hüfte!
5. Geh so nah heran wie möglich!
5. Denke nicht nach!
7. Sei schnell!
8. Es ist vorher nicht wichtig zu wissen, was Du auf den Film gebannt hast!
9. Erst recht nicht nachher!
10. Kümmere Dich nicht um irgendwelche Regeln!

Die wohl bekannteste Regel ist Nr. 4 (Shoot from the hip!), eine Technik welche auch gerne einmal von Digitalfotografen angewendet wird. Beim Durchlesen des Regelwerks habt Ihr sicherlich schon bemerkt, dass die Regeln wohl eher den Charakter von Richtlinien entsprechen, wenn ich mir dieses Filmzitat erlauben darf.

Lomographie - das Leben ist analog
Aufname mit der Fisheyekamera

Neben der legendären LC-A gibt es noch viele andere Kameras, die sich nach und nach als Lomo-Kameras etabliert haben. So z.B. die chinesische Mittelformatkamera (!) Holga, die Features mitbringt, die bei modernen Kameras einfach nicht zu finden sind: Unschärfen, Streulichter oder gar Farbverfälschungen. Das Highlight der Holga sind die sehr wenigen Einstellmöglichkeiten. Ihr merkt schon, worauf ich hinauswill: „Reduce to the max!“.

Fehler der Kameras werden durch die Lomographen zelebriert und gerne werden die Bodies der meist günstigen Lomokameras auch modifizert, z.B. durch das Hinzufügen selbst gebohrter Löcher im Gehäuse um Fehlbelichtungen zu erzielen. Richtig gehört! Aber keine Angst, beim Kauf der Holga ist schone eine Rolle Klebeband mit in der Verpackung zu finden!

Lomographie - das Leben ist analog
Das Holga Starterkit mit Klebeband

Außerdem gibt es noch den Actionsampler, die Fisheye-Kamera, eine Diana oder die Panoramakamera Horizon. Alles Kameras haben eins gemeinsam: sie sind analog, fotografieren also auf Film (es gibt sogar eigene Lomofilme). Der Grundgedanke, mit einer billigen Kamera Schnappschussfotografie zu betreiben, ist bei den aktuellen Preisen für Neugeräte im Shop der Lomografischen Gesellschaft aber nur noch Wunschdenken. Aber auf diversen anderen Plattformen kann man nicht selten ein Schnäppchen machen.

Aber wie bekommen diese Lomographen ihre Fotos so bunt, so schräg, so übersättigt hin, wenn sie doch gar kein Photoshop nutzen? Nun, auch das ist einfach erklärt: sie bedienen sich einer Technik namens Crossentwicklung. Hierbei wird ein Farbpositivfilm dem Prozess der Negativ-Entwicklung ausgesetzt (oder umgekehrt). Das bedeutet, dass z.B. ein Dia-Film so entwickelt wird, wie man normalerweise einen Farbnegativfilm entwickeln würde (cross-entwickelt). So erhält man ein sehr kontrastreiches Negativ auf klarem Trägermaterial. Die Lomographen pflegen sogar Listen, welcher Film von welcher Marke welche Fehler bei der Cross-Entwicklung aufzeigt.

Lomographie - das Leben ist analog
Aufnahme mit Actionsampler

Zum Abschluss meiner kleinen Einführung in die Lomographie möchte ich Euch noch zwei der bekannteren Lomographen aus der Szene vorstellen, damit Ihr Euch selbst einmal einen ersten Eindruck über professionelle Lomographie machen könnt. Schaut Euch in einer ruhigen Minuten die Flickr-Streams von Maya Newman und Kevin Meredith an. Beide sind schon lange im Geschäft und auch ein gutes Beispiel dafür, dass man mit lässiger Schnappschussfotografie und billigen Kameras Geld verdienen kann.

Lomographie - das Leben ist analog
Aufnahme mit der Holga 120CFN

Lomo on!

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