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27. Juni 2009 Lesezeit: ~6 Minuten

Zoom vs. Festbrennweite: Ein Vergleich

Zoom vs. FestbrennweiteDieser Gastbeitrag ist von Philippe Schrettenbrunner, einem IT-Berater und leidenschaftlichen Fotografen aus München. Er betreibt ein eigenes Fotografie-Blog phischeye und twittert.

Wer heute eine Kamera kauft, erwartet, dass man mit ihr zoomen kann. Ein einfacher Dreh am Objektiv wechselt komfortabel zwischen Weitwinkel und Tele. Jede handelsübliche Kompakt- oder Bridgekamera hat so eine variable Brennweite, die üblicherweise in Form eines X-fach Zooms angegeben wird. Doch Zoomobjektive sind nicht nur bei Konsumerkameras etabliert. Auch DSLR-Kits enthalten neben dem Body ein Zoomobjektiv. Offensichtlich ist die Nachfrage so groß, dass es sich nicht rentiert, Kameras ohne Zoom auf den Markt zu bringen.

Andererseits liest man im Internet immer wieder von Festbrennweiten, also Objektiven, mit denen man nicht zoomen kann. Diese sollen schärfere, schönere und bessere Bilder machen. Aber stimmt das?

Sind Festbrennweiten besser als Zoomobjektive?

Zooms und Festbrennweiten sind vom Aufbau her nahezu identisch: in einem Gehäuse sind Linsen angebracht, die das einfallende Licht bündeln und auf dem Sensor ein Abbild des Objekts erzeugen. Bei Zooms können die Linsen in einem komplexen System verschoben werden, so dass sich unterschiedliche Brennweiten einstellen lassen. Im Gegensatz dazu sind die Linsen bei Festbrennweiten unbeweglich verbaut, weswegen sie nur eine Brennweite haben.

Der einzige Unterschied ist also, dass man bei Zooms die Brennweite ändern kann und bei Festbrennweiten nicht. Ansonsten verhalten sich die Objektive gleich.
Stellt man, bei unveränderter Belichtungszeit und Empfindlichkeit, an einem Zoom die gleiche Blende und Brennweite wie an einer Festbrennweite ein, erhält man den selben Bildausschnitt, die identische Belichtung und die gleiche Schärfentiefe.

Welchen Unterschied macht es also, ob man die Brennweite ändern kann? Und worauf wirkt sich das aus? Nun, die unterschiedliche Bauweise hat Einfluss auf das Gewicht, den Preis, die Bildqualität und die Lichtstärke. Und somit doch auch auf das Bild.

Gewicht

Durch eine einfachere Bauweise sind viele Festbrennweiten leichter als Zoomobjektive mit vergleichbarer Brennweite. Dies liegt meistens daran, dass weniger Linsen verbaut werden müssen und diese fest in das Gehäuse integriert werden können. Weniger Material führt zu weniger Gewicht.
Zoomobjektive benötigen neben den Linsen selbst noch eine Vorrichtung, die diese zueinander verschiebt. Nur so sind unterschiedliche Brennweiten möglich. Darauf kann bei Festbrennweiten verzichtet werden. Dies und eventuell zusätzliche Linsen machen Zooms schwerer.

Preis
Viele Festbrennweiten sind günstiger als vergleichbare Zoomobjektive, was ebenfalls auf die einfachere Bauweise zurückzuführen ist. Außerdem können für die Linsen Gläser verwendet werden, die ausschließlich in der einen Brennweite ihr Optimum haben. Somit lassen sich Kosten sparen.
Allgemein stellt ein Zoom höhere Anforderungen an die Linsen, da sie unter verschiedenen Brennweiten gleich gute Ergebnisse liefern müssen. Solche Gläser sind in der Regel aufwendiger und teurer in der Herstellung.

Bildqualität
Festbrennweiten punkten bei der Bildqualität. Da die Objektive exakt auf eine Brennweite eingestellt und justiert sind, ermöglichen sie sehr scharfe Bilder. Es gibt, mal abgesehen vom Fokus, keine beweglichen Teile, die ausleiern oder verschleißen könnten. Zusätzlich sind die Linsen für diese eine Brennweite optimiert, weswegen Verzerrungen und Vignettierung selten vorkommen. Bei Zoomobjektive lässt oft die Abbildungsqualität nach, je näher man an die kleinst- bzw. größtmögliche Brennweite kommt.

Mittlerweile ist der qualitative Vorsprung von Festbrennweiten allerdings nicht mehr so groß, wie er früher einmal war. Dank der starken Nachfrage nach Zoomobjektiven, sowohl von Amateuren als auch von Profis, hat sich deren Qualität in den letzten Jahren deutlich verbessert. Hochwertige Zooms halten in Sachen Bildqualität in jedem Fall mit Festbrennweiten mit.

Lichtstärke
Das Hauptargument für Festbrennweiten ist jedoch die extrem große Blende. Auf Grund der einfacheren Bauweise können Festbrennweiten erheblich lichtstärker sein als Zoomobjektive. Somit eigenen sich Festbrennweiten insbesondere für Situationen mit schlechten Lichtverhältnissen. Sie ermöglichen noch Available-Light-Aufnahmen, wo andernfalls auf einen Blitz, eine höhere ISO oder längere Belichtungszeit zurückgegriffen werden müsste.
Festbrennweiten mit einer Anfangsblende von f/1.8 sind keine Seltenheit, es gibt sogar welche mit Werten von f/1.2. Derartige Blendenwerte erreicht nahezu kein Zoom.

Neben der besseren Lichtausbeute ermöglicht die große Blendenöffnung auch eine geringe Schärfentiefe, was insbesondere bei Portraits gefragt ist.

Allerdings ist der Vergleich von Festbrennweiten und Zooms nicht ganz so einfach, wie ich ihn gerade dargestellt habe.

Sowohl beim Gewicht als auch beim Preis gibt es einen Haken. Hier wird immer nur pro Objektiv verglichen. Es wird ignoriert, dass das Zoomobjektiv eigentlich mehreren Festbrennweiten entspricht. So müsste man z.B. ein 24-70mm Objektiv fairerweise mit mindestens drei Festbrennweiten (z.B. 24mm, 35mm und 50mm) vergleichen. In der Summe sind dann mehrere Festbrennweiten schwerer und teurer als das eine Zoom.

Umgekehrt sollte man bei der Bildqualität beachten, dass Festbrennweiten Blendenwerte erreichen können, die mit einem Zoom nicht möglich sind. Gerade bei schlechten Lichtbedingung benötigt man aber lichtstarke Objektive, um bei kurzer Belichtungszeit noch mit geringer ISO und ohne Blitz arbeiten zu können. Andernfalls kann das Bild verrauschen oder verwackeln. Somit kann unter bestimmten Lichtverhältnissen eine Festbrennweite durchaus bessere Bilder machen, da sie Einstellungen erlaubt, die ein Zoom nicht hat.

Was ist nun besser?

Qualitativ gibt es an Zoomobjektiven nichts auszusetzen. Auf Grund der extremen Lichtstärke sind Festbrennweiten aber eine gute Ergänzung.

Ich selbst besitze sowohl Zoomobjektive als auch Festbrennweiten. Dabei setze ich On-Location so gut wie immer auf Zooms, da sie mir maximale Flexibilität geben. Außerdem erspare ich mir Objektivwechsel, die ich insbesondere in staubigem oder feuchtem Umfeld vermeiden möchte.
Im Studio hingegen setze ich neben Zooms sehr gerne Festbrennweiten ein. Hier habe ich die Zeit und Ruhe, immer wieder mal das Objektiv zu wechseln. Als Portraitfotograf schätze ich insbesondere die geringe Schärfentiefe, die die große Offenblende bietet.

Um meinen fotografischen Blick zu schärfen, gehe ich jedoch immer wieder gerne mal nur mit einer Festbrennweite auf Tour. Mein Ziel dabei ist es, die Komfortzone des Zooms zu verlassen und mich somit bewusst und aktiv mit dem Bildausschnitt und -gestaltung zu befassen.

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