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04. Juni 2009 Lesezeit: ~8 Minuten

Von Anfänger zu Anfänger (Teil 1/2)

http://farm4.static.flickr.com/3400/3548386345_fa78ab3845_m.jpgDer folgende Gastbeitrag stammt von Malte Pietschmann (Flickr, Twitter). Malte (22) studiert derzeit Medienmanagement, hat vor einem Jahr angefangen sich mit Fotografie zu beschäftigen und interessiert
sich hauptsächlich für Reportage- und Modefotografie.

In der letzten Zeit fragen mich viele Bekannte wie man am besten anfängt zu fotografieren. Da ich selbst erst vor ca. einem Jahr angefangen habe, finde ich diese Frage sehr spannend, da man, je nachdem wem man sie stellt, ganz unterschiedliche Antworten bekommt und es klar sein dürfte, dass es darauf keine Pauschalantwort geben kann.

Wenn ein (blutiger) Anfänger diese Frage einem recht erfahrenem Fotografen stellt, so habe ich die Beobachtung gemacht, dass mit dem Erfahrungsschatz des Gefragten auch die Komplexität der Antwort zunimmt. Mir persönlich haben diese, mit Fachbegriffen vollgespickten, Antworten nie wirklich weitergeholfen, sondern mich eher noch verwirrt.

Auf den ersten Blick mag der Einstieg in die Fotografie sehr schwierig erscheinen, eben weil man oft das Gefühl hat von den ganzen Fachbegriffen und der Theorie, die dahinter steckt förmlich erschlagen zu werden. Ich möchte also versuchen aus der Perspektive eines Anfängers zu beschreiben, welche Ratschläge mir persönlich weitergeholfen haben und welche Erfahrungen ich in dieser Zeit gemacht habe.

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1. Fang klein an und bleib auf dem Boden
Ich lese häufig, dass teils kompletten Anfängern zu völlig überdimensioniertem Equipment geraten wird; wegen dem Rauschverhalten, wegen der chromatischen Aberration, wegen der Abbildungsleistung oder dem schönen Bokeh. Meiner Ansicht nach völliger Quatsch. Ein kleiner Body inkl. Kitobjektiv (z.B. 18-55mm) bietet einen überschaubaren  Funktionsumfang und damit alles, was man braucht um die Basics ganz in Ruhe zu erlernen, ohne zwangsweise viel Geld ausgeben zu müssen. Die richtige Kamera für sich selbst zu finden ist nicht leicht. Es gibt eine Vielzahl an
verschiedenen Features, mit denen die Hersteller auftrumphen und die von Fotografen ganz unterschiedlich gewichtet  werden. Für mich ging es in dieser „Phase“ erst einmal darum herauszufinden welche Anforderungen ich selbst an eine  Kamera stelle, bzw. wie und was ich überhaupt fotografiere.

Sobald diese grundlegenden Fragen geklärt sind und es fest steht, dass man tiefer in das Thema Fotografie einsteigen  möchte, würde ich allerdings jedem raten längerfristig zu denken und auch dementsprechend zu investieren. Du wirst es nicht bereuen. Ich persönlich habe die Fotografie durch mein derzeitigen Equipment (Nikon D90, Nikkor 50mm f1.4) komplett neu entdeckt. Gleichzeitig denke ich auch, dass es wichtig ist zu sehen wo man sich selbst bewegt: in der Amateurfotografie. Diese Erkenntnis schont vor allem deinen Geldbeutel. Bei dem Kauf meines neuen Equipments stand ich vor der Wahl zwischen einer Nikon D90 und einer Nikon D300. Im Nachhinein bin ich sehr froh auf den kleineren Body gesetzt zu haben, da er für dort, wo ich mich derzeit befinde mehr als ausreichend ist, auch nach oben hin genügend Freiraum für meine persönliche Entwicklung lässt und so noch etwas Geld für Objektive und Zubehör übrig blieb.


Daher mein Rat wenn es um den Kauf von Equipment geht: Stimme dein Equipment auf deine Fähigkeiten und deine (tatsächlichen) Bedürfnisse ab; nicht andersrum. Teures und gutes Equipment bietet vor allem einen größeren Radius an Möglichkeiten. Möglichkeiten, die man erstmal nutzen können muss und die sicher kein Garant für gute Bilder sind.

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2. Learning by Doing
Je mehr du produzierst, desto mehr (wertvolle) Erfahrungen wirst du sammeln und desto besser wirst du werden. Während meiner Indienreise habe ich angefangen zu fotografieren, besser gesagt zu knipsen. Überwältigt von den Eindrücken dort, habe ich tonnenweise Bilder geschossen. Letztlich konnte nur ein Bruchteil von ihnen wirklich verwendet werden. Vergeudete Zeit? Keineswegs. Durch diesen hohen Output habe ich die Scheu vor der Technik verloren und Routine bekommen.

Eben diese Routine ist unglaublich wichtig. Denn erst, wenn sich die Fototechnik auf einer eher unterbewussten Ebene abspielt (was bei mir noch lange nicht der Fall ist), ist man wirklich in der Lage sich voll und ganz auf das eigentliche Bild zu konzentrieren. Beim nachträglichen Betrachten der Bilder sind mir viele Details aufgefallen, auf die ich heute viel stärker achte. Ich denke gerade am Anfang geht es nicht primär darum wirklich bewusst zu fotografieren (das kommt der wachsenden Erfahrung von ganz alleine). Für mich ging es eher darum erst einmal ein Gefühl für die Sache zu bekommen und einfach „zu machen“.

3. Sehen, lesen, ausprobieren.
Um die oben genannte Routine zu bekommen muss man sich allerdings erstmal mit der manchmal doch recht trockenen Theorie auseinandersetzen und natürlich üben, üben und nochmals üben. Ich habe lange versucht mich um die theoretischen Grundlagen zu drücken, aber irgendwann festgestellt, dass das doch ein wohl notwendiges Übel ist, weil es mich letztlich weiterbringt und ein grundlegendes fototechnisches Verständnis auch für bevorstehende Kaufentscheidungen wichtig ist.

Wenn man anfängt zu fotografieren stellt sich einem selbst eine schier unendliche Flut an Fragen. Da die Fotografie sostark technik- und equipmentlastig ist, ist es wichtig seine Hausaufgaben zu machen um wirklich zu wissen wie man welchen Bildstil erreicht und was man dazu braucht. Beginnt man dabei sich mit der Materie auseinanderzusetzen versteht man am Anfang nur die Hälfte. Doch je mehr man auf Blogs, in Foren (usw.) liest umso mehr versteht man die Zusammenhänge. Ich selbst habe mir für den Einstieg nur ein einziges Buch gekauft (John Hedgecoe – Fotografieren:Die neue große Fotoschule); das meiste lerne ich aus Blogs und Tutorial-Seiten. Für mich ist es auch immer eine große Hilfe die Arbeiten von Fotografen, die ich sehr bewundere zu analysieren. Von wo kommt das Licht? Weich oder hart?

EXIF-Daten? Wie ist das Bild komponiert? Nach einer Regel oder eher intuitiv? Je mehr man fotografiert, desto mehr achtet man auf solche Details bei den Arbeiten anderer und desto besser kann man letztlich seine eigenen Ergebnisse bewerten. Doch alles Wissen ist nutzlos, solange es nur pure Theorie bleibt. Bei vielen Dingen, die man so liest glaubt man es nun  zu können, weil man es jetzt ja weiß. In der Praxis gestalten sich so manche Technik dann aber doch schwieriger, als es im Youtube-Video scheint.

Ich rate also jedem Anfänger sich mit der Technik, die zur Fotografie eben nunmal einfach dazugehört  auseinanderzusetzen. Aller Anfang ist zwar schwer; wer jedoch aber wirkliches Interesse für die Fotografie hat, dem wird  es nicht wie Arbeit vorkommen sich damit zu befassen. Ein paar interessante Links könnt ihr übrigens in meinen delicious bookmarks (tutorial#1, tutorial#2, fotografie#1, fotografie#2)finden.

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4. Fotografiere und sei kein Technik-Nerd
Anderseits ist es aber auch wichtig nicht zum „Technik-Nerd“ zu werden. Ich kenne einige Leute, die sich offensichtlich mehr für die technischen Aspekte interessieren, als dafür gute Bilder zu schiessen. Diese Leute philosophieren dann gerne über den Nutzen dieser und jener Technik, wieso Nikon nun besser oder schlechter ist als Canon oder sie  jammern auf hohem Niveau warum sie gerade nicht in der Lage sind gute Bilder zu schiessen (á la „wenn ich dieses und  jenes Equipment hätte, dann, ja dann wäre das alles ganz einfach!“).

Ich denke wer wirklich lernen möchte gute Bilder zu schiessen, sollte sich nicht zu sehr auf die technischen Aspekte der Fotografie konzentrieren. Für mich persönlich ist ein technisch eher schlechtes, aber fotografisch interessantes Bild mehr wert, als ein technisch perfektes, aber motivisch langweiliges Foto. Sich mit Fototechnik auseinanderzusetzen ist gut und auch wichtig; aber für mich besteht Fotografie aus weit mehr als aus Diskussionen über Bokeh & Co.

Von Anfänger zu Anfänger (Teil 1/2)

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