kwerfeldein
10. Januar 2009 Lesezeit: ~5 Minuten

Mein Weg in die einfache Bildgestaltung

In meiner Entwicklung mit der Kamera gab es eine Phase, welche mein Fotografieren nicht unwesentlich veränderte. So eine Art „Moment it clicks“, ein Gedankensprung, so von der Art her. Wie Du merkst fällt es mir gar nicht leicht, hierzu Worte zu finden, da es sich nicht um einen klar festzulegenden Punkt oder gar Datum handelt – vielmehr um eine Entwicklung.

Und dennoch möchte ich es wagen, nach Worten zu suchen, um diese Entwicklung zu beschreiben. Hier und jetzt. Auf geht’s.

Als ich 2005 begonnen hatte, mich näher mit der Fotografie zu beschäftigen, kam ich mir vor wie Alice im Wunderland. Überall, wo ich hinsah, sprangen mir supergeile Fotos entgegen und ich war überwältigt von deren emotionaler Wirkung auf mich. Pralle Landschaften, persönliche Portraits von Menschen und knackige Macroaufnahmen faszinierten mich Tag für Tag.

Als ich dann selbst die Kamera in die Hand nahm fand ich meine Fotos zwar nicht der Hammer, aber ein bisschen stolz war ich dennoch. Und wenn sie nicht ganz so schön waren, war der Gimp an der Reihe ich machte die Fotos (eher schlecht als recht) viiiiel besser. Dachte ich zumindest.

Gleichzeitig begann ich, im Netz und in Büchern Biografien und Tipps von den „ganz Grossen“ (wie ich sie damals einstufte) zu lesen. Irgendwann begegnete mir ein Satz, der ungefähr so ging:

„Fotografie hat viel damit zu tun, Dinge aus dem Bild auszuschliessen.“

Dieser Satz klang irgendwie weise, doch ich wusste noch gar nicht wirklich, was ich damit anfangen sollte. Nunja, ich machte einfach weiter und ab und zu kamen mir diese Worte in den Sinn. Zeitgleich bekam ich Lust, Bilder minimalistischer zu gestalten, einfach zu fotografieren. Ich begann ein kleines Experiment:

Fotografiere nur das, was Du wirklich auf dem Bild haben willst – alles andere lasse beseite.

Nun, das klingt jetzt so wie als ob ich morgens den Satz gelesen hätte und es mittags „klick“ gemacht hätte. Stimmt aber nicht. Alles, über was ich hier schreibe ist eine Entwicklung, ein Prozess, der heute immer noch andauert. Jetzt aber weiter im Text.

THE APPLEWie gesagt, begann ich, mich immer stärker auf das Hauptsächliche zu konzentrieren. Fotografierte ich einen Baum, versuchte ich alle anderen Elemente, die stören könnten auszuschliessen. Ein vorbeifahrendes Auto, Elektroleitungen oder gar herumstehende Häuser hatten nichts in meinen Fotos zu suchen. Nur eben der Himmel, das Feld und schön offensichtlich: Der Baum.

Das war ganz schön Arbeit kann ich Euch sagen. Denn wie geht denn das? Bewegung! Ich legte mich auf den Boden, versuchte es mal von weiter weg, ganz nah ran, andres Objektiv, bei Nacht – alle möglichen Ideen, um an einer Stelle nur das Nötigste aufzunehmen wurden ausgetestet.

Heute weiss ich, was das war: Ich lernte, zu komponieren.

Am liebsten hätte ich es ja so gehabt:

Ankommen.

Kamera raus.

Abdrücken.

Heimgehen.

Geiles Foto.

(So läuft es eigentlich nie).

The OneEher so:

Jeden Tag raus, versuchen, ausprobieren.

Störende Elemente ausschliessen.

Dass Wichtige „wichtig“ werden lassen.

Auf die Schnauze fallen.

Fehler machen.

Unterbelichten.

Wieder zu viel drin.

Nicht aufgeben.

Das ist anstrengend.

Schweiss.

Kälte.

Unangenehm.

The Secure OneVor allem vor Ort war es anstrengend. Hatte ich eine Stelle gefunden, dann hielt ich mich manchmal 1-2 Stunden dort auf, nur um eine Komposition zu finden, die „gut“ war. „Gut“ wurde (als allererstes) daran gemessen, ob das Wichtige zu sehen und alles unwichtige nicht zu sehen war.

Wenn man selbst fotografiert, dann merkt man es ja gar nicht – aber heute kann ich sagen, dass meine Bilder damals Schritt für Schritt besser wurden. Mir blieb die Arbeit zwar nicht erspart, und ich musste mich immer wieder aufraffen, weiterzufotografieren – aber Stück für Stück begannen meine Bilder Form anzunehmen – und auch anderen Menschen besser zu gefallen.

Heute liebe ich es, minimalistisch zu fotografieren.

Eins muss hier gesagt werden: Es passt nicht immer. Es ist kein Zaubermittelchen, welches sich auf alle Bereiche der Fotografie ausweiten lässt. Es liegt Schönheit im Einfachen – aber auch (oder gerade) im Komplexen. Vielschichtige Dinge wie eine Menschenmenge, Stadtaufnahmen oder Bäume kann ich selbst nur schwer nach diesem Prinzip fotografieren.

Ausserdem möchte ich anfügen, dass das „Einfach fotografieren“ keine Zauberformel oder gar Regel ist, welche ich penibel verfolge. Eher eine Tendenz, eine Richtung, eine Art Vorgehen beim Fotografieren. Zwar glaube ich, dass diese Art vielen Menschen eine Hilfe sein kann – anderen aber wiederum nicht. Wir sind alle unterschiedlich und es gibt Leute, die lieben es, komplexe, wirre und vernetzte Sachen zu fotografieren. Weil solche Sachen ihnen besser gefallen. Beides hat seinen Reiz.

Das ist die Spannung in der wir stehen – und heute habe ich mal eines beleuchtet: Das einfache Fotografieren.

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29 Kommentare

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  1. Hey Martin!

    Wenn du solche Beiträge verfasst, mag ich Kwerfeldein am aller liebsten. Du hast die Fähigkeit, verständlich auszudrücken was du eigentlich sagen willst, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich kann mir vorstellen dass das nicht gerade einfach ist und deswegen bewundere ich dich für deine harte Arbeit hier an diesem Blog! Weiter so!

    Danke für diesen Beitrag! Nun habe ich wieder eine Seite kennengelernt die ich mit berücksichtigen, über die ich mir meine Gedanken machen kann beim fotografieren.

    David

  2. Sehr sehr guter Beitrag!
    Ich fotografiere auch erst seit gut einem Jahr und entdeckt bis jetzt sehr starke parallelen. Denn auch ich finde, dass meine Bilder „gut“ sind – aber dennnoch vermisse ich das gewisse „etwas“. Denn irgendwie finde ich sehen sie immer gleich auf und das stört mich. Ich glaube ich werde den Beitrag und das Zitat: „Fotografie hat viel damit zu tun, Dinge aus dem Bild auszuschliessen.“ sehr zu Herzen nehmen und beim nächsten mal wenn ich in den Park/Wald gehe und fotografiere sehr minimalistisch agieren. Danke für diese tollen Worte ;D.

  3. WOW das ist ein Klasse Beitrag!
    Ich finde wen man auf diesem Weg sich befinden dan kann es nur in die richtige Richtung gehen. Da sieht man mal wieder wie Unwichtig die neuste Technik ist!
    Es ist besser nach Inspiration zu suchen als nach den neusten Schrei der Technik!
    Komponieren kann man sich irgendwo kaufen sondern muss erlernt werden auch wen es ein unangenehmer Weg ist!

  4. Blogartikel dazu: Der Weg in die einfache Bildgestaltung - Rene Design | Mediendesign, Mediengestalter, Fotografie, Bad Waldsee, Bodensee, Oberschwaben, Ravensburg, Web Entwicklung, Webdesign

  5. Hallo Martin,

    ein klasse Beitrag mit einer ganz wichtigen Botschaft und noch dazu liest er sich wie von selbst – super!
    Wie hiess es doch mal in der Leica-Werbung:
    Wer sehen kann, kann auch fotografieren.
    Sehen lernen kann allerdings lange dauern.

    Gruss, Carsten

  6. Eindrucksvoll und stimmig beschrieben. Als ich anfing, mich näher mit der Fotografie zu beschäftigen, war es ein Artikel in einer Zeitschrift, wo kwerfeldein.de erwähnt wurde. Von da an habe ich mich durch das Web geschlagen und täglich neue Sachen entdeckt. Als Anfänger war ich damals viel zu viel damit beschäftigt, die wirklich wichtigen Informationen zu filtern – beeindruckt war ich jedes Mal, wenn ich wieder neue Bilder entdeckt hatte – flickr bot da viel Potential. Ich selbst kann den Leidensweg (s.o. „Eher so“ …) nachvollziehen, sehr gut. Selbst heute geht es mir immer noch so. Zu gross ist manchmal die Enttäuschung, wenn ich von einer Tour wiederkomme und das Ergebnis sichte – allerdings gibt es dazwischen auch immer wieder Momente, wo zwischen vermeintlichen Schnappschüssen Bilder schlummern, die dafür sorgen, dass das Ego gestärkt wird und die dafür Sorge tragen, weiterzumachen. Und eben das ist das Schöne daran.

    @Martin: Zu Deinen Artikel kann ich nur sagen: „Mach weiter so!“. Mit diesen Artikeln macht das Lesen deines Blogs noch mehr Spass.

  7. Danke Martin,

    ich glaube, dass dieser Beitrag mich wieder einmal ein Stückchen weiter gebracht hat.

    Und ich muss mich Scart’s Meinung anschliessen:

    Ich finde es unglaublich, wie du es schaffst diesen Blog am Leben zu erhalten und wie viel Arbeit hierin wohl steckt.

    Auch (was ich wahrscheinlich nicht schaffen würde) deine Konsequenz, dich hier regelmäßig dranzusetzen und trotz wichtigerer Dinge wie z.B. deines Krankenhausaufenthaltes und neben all den anderen Sachen im Alltag dich hierum zu kümmern.

    All das damit ich (in den grad mal paar Minütchen) was dazulernen kann. Dankeschön. ;)

  8. Blogartikel dazu: Projekt 365 - Tag 1 | Jörg Esser Fotografie

  9. Bin seit ein paar Wochen eine regelmässige Leserin Deines Blogs und komme immer wieder gerne zurück, da mich Deine Art zu schreiben sehr anspricht.
    Befinde mich gerade in einer sehr kritischen Entwicklungsphase und hätte es niemals so in Worte fassen können wie Du.
    Für mich sind Deine Seiten eine wirkliche Bereicherung im WWW und motivieren mich zum weitermachen.
    LG Petra

  10. Blogartikel dazu: Martin Gommels Weblog: Grundlagen der Fotografie | Nikon-BLOG

  11. Hey, ich muss sagen, ich finde die Grundlagen, die uns Neueinsteigern hier vermittelt werden sehr toll.

    Ich habe schon als Kind immer eine Kompaktbildkamera mit mir herum geschleppt, als Teenie hatte ich dann schon eine bessere… Danach immer die kleinen Digitalkameras. Nun habe ich mir endlich den Traum einer (digitalen) Spiegelreflexkamera erfüllt und mir eine Einsteigerkamera von Canon gekauft.

    Allerdings find ich, dass unbedingt alle wissen sollten, dass man das Bild, was man aufnehmen will, überhaupt erstmal sehen muss, man braucht eine gewisse Vorstellungskraft, um sich das Foto vorzustellen, denn durch die Kamera und auch ohne Kamera sieht man ganz anders. Dieses Vorstellungsvermögen fehlt vielen Menschen. Sie denken, das Foto sieht später so aus, wie man es durch die Kamera sieht. Aber das stimmt ja nicht. Auf Papier oder auf dem Monitor wirkt es ganz anders. Man muss einfach lernen einen Blick dafür zu bekommen.

    Und zu dem Beitrag hier konkret. Grundsätzlich sollte man wirklich genau drauf achten, dass man wirklich das auf dem Bild hat, was man sehen will. Wenn es aber vielleicht mal nicht ganz so perfekt klappt… Man kann immer noch rechts oder links mal ein Stück abschneiden. Hierbei ist es aber enorm wichtig, dass man berücksichtigt, dass die Proportionen des Bildes beibehalten werden sollten. Wenn man also mal was nicht so toll vor die Linse bekommt, dann einfach generell einen ETWAS größeren Ausschnitt fotografieren und dann zuschneiden, aber bitte drauf achten, dass das Gesamtbild dazu auch den Platz bietet. Das hat mir zumindest mit meiner „langweiligen normalen“ kleinen Digitalkamera immer geholfen, trotzdem mal ein schönes Foto raus zu holen, auch wenn die Gegebenheiten eben nicht passten… Das ist also gerade für einen Einsteiger, der – so wie ich – vielleicht noch nicht viele Objektive hat oder gerade das passende nicht dabei hat und wenn man sich räumlich dort befindet, wo eben nicht viel Platz ist, z.B., da ist man eben drauf angewiesen, zu solchen „Tricks“ zu greifen :o)

  12. Das war mir nicht bewusst, aber letzte Zeit ist es wirklich so.

    „Manchmal ist weniger mehr“.
    Früher habe ich oft am PC Unnötiges weggeschnitten. Jetzt versuche ich es am „Tatort“ sofort richtiges Foto zu schießen.

    Danke für dein Beitrag.