Kwerfeldein
16. Dezember 2008 Lesezeit: ~4 Minuten

Vom Geheimnis des Staunens

Vom Geheimnis des Staunens

Vor ein paar Tagen habe ich mir die neue Platte von Eluvium gekauft. Das ist für mich tiefgehende, beruhigende und unglaublich schöne Musik. Jeden Tag lief Eluvium nun bei mir und hat mich bei fast allen Tätigkeiten begleitet. Ebenso heute morgen beim Frühstücken. Da fiel mir auf einmal auf, dass manche Stücke immer wieder die gleiche Melodie haben. „Achso – na dann. Ist ja billig“. Die Musik hatte ihren Zauber scheinbar verloren.

Als ich so meine Gedanken reflektierte wurde mir klar, dass es uns Fotografen eigentlich ähnlich geht.

Ich surfe bei Flickr durch die Bilder meiner Kontakte. Eines sticht besonders heraus. Um es in gross zu sehen, klicke ich darauf und schon erscheint das Foto in einer 500er Breite. Die schillernden Farben eines Landschaftsbild treffen mein Innerstes und ich bin einen Moment in diesem Foto gefangen. Doch dann geht es los mit dem Analyisieren – und das passiert von ganz alleine. „Ah, Mehrfachbelichtung. Am Himmel hat er gedreht. Obwohl, könnte auch ein HDR sein. Klar. HDR.“

Das Foto ist somit in einer Schublade gelandet. Ich habe es zugeordnet, einsortiert, abgehakt. Und ich weiss, dass viele Menschen das ähnlich erleben.

Bitte verstehe mich jetzt nicht falsch. Es ist völlig normal, dass wir so denken. Routine stellt sich überall ein, was man eine längere Zeit macht. Somit können wir selbst bessere Fotos machen, da wir einen Blick für gute Kompositionen und Techniken bekommen. Wir lernen eben dazu.

Doch was wir dabei verlernen ist das Staunen. Schönheit verliert ihre einst so intensive Wirkung.

Als ich mit der Kamera die Landschaften zu erkunden begann, also ganz am Anfang meiner Fotokarierre, da hatte ich es noch. Das Staunen. Wenn sich zum Beispiel ein paar Wolken zu einer Schäfchenformation zusammenschlossen, da war ich davon innerlich bewegt und konnte gar nicht anders als abdrücken. Zwar waren 99% aller Bilder „nicht so gut komponiert“, aber sie hatten diese Naivität, von der auch Albert Watson in seinem Video spricht.

Wenn ich heute an einen See komme, um ihn zu fotografieren, dann sind die Vorgänge für mich schon von vorneherein klar. Ich bin abgeklärt, weiss, was ich will und fotografiere fast mechanisch. Kein echtes Hinschauen mehr. Ja, ich sehe die Farben, aber sie berühren mich nicht mehr. In meinem Kopf sind nun andere Dinge. „Stativ. Polfilter. ISO überprüfen. Fernauslöser.“

Wiederum möchte ich betonen, dass technische Schritte zum Fotografieren gehören und auch wichtig sind. Doch ich glaube, dass sie nicht anstelle des Staunens ihren Platz finden sollten. Wir Fotografen lechzen doch geradezu nach neuer Inspiration. Täglich schauen wir uns Portfolios von anderen an, lesen Artikel und Tipps, darüber, wie wir bessere Fotos machen können. Wir suchen täglich nach neuer Inspiration.

Wenn wir es schaffen wieder zu staunen, dann sind wir einer Quelle der Inspiration näher, als uns vielleicht bewusst ist.

Ich sage nicht, dass es einfach ist. Aber wir können es lernen, Dinge nicht immer gleich einzuordnen, zu bewerten und in Kisten zu packen. Gerade wenn ich fotografieren gehe (und auch so) möchte ich wieder staunen lernen. Und Staunen, das kann man nicht machen. Ich kann nicht „Boah ey“ über etwas sagen, was mich nicht bewegt.

Aber wir können innhalten.

Nicht gleich loslegen und fotografieren. Nicht X mal abdrücken und wenn wir fertig sind wieder abziehen. Nicht die Situation auslutschen und abhaun. Auch mal stehen bleiben. Die Kamera weglegen. Sehen. Und vielleicht auch wieder ein bisschen Staunen ;) .

Ähnliche Artikel

35 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. DANKE, du sprichst mir aus der Seele.
    So manchen schönen Augenblick konnte ich nur erkennen, weil ich keine Kamera dabei hatte. Es gehört Mut dazu als Fotograf irgendwo hinzufahren und bewusst die Kamera nicht mitzuhemen. Man muß das Nichtmitnehemn üben, aber ich denke, dass man das Staunen dadurch wieder erlernen kann.

    Zurzeit stelle ich mir die Frage, wenn ich den Jakobsweg beschreiten würde. Nehme ich eine Kamera mit, mache eine Hand voll echt geiler Fotos oder nehme ich keine Kamera mit und bin einfach im Hier-und-jetzt und konzentriere mich ganz auf mein Inneres.

    Ich kann es noch nicht sagen.

  2. Mein Prof hat heute noch gesagt, mansoll nicht direkt abdrücken, sondern erstmal genau hinschauen. Er nennt das bewusstes Sehen, das fotografieren wird dabei zur Nebensache. Wir sollen nicht nach tollen Fotos suchen, sondern nach tollen Momenten und diese festhalten. Ich weiß nicht, ob ich das verständlich ausgedrückt habe, ich hoffe ihr versteht mich :)
    Gruß Philipp

  3. Blogartikel dazu: Über das Staunen | hellyeah!!!

  4. ich denke das passiert genau dann, wenn leute dir von etwas erzählen und meinen: ## DAS ## musst du gesehen haben. auf bildern kann man zwar emotionen und gefühle vermitteln, aber es am eigenen leib gespührt zu haben oder die luft gerochen zu haben…. ich denke das ist nochmal ein himmelweiter unterschied (das was man ablichtet sollte man auch geniesen und mögen).

    • @derkleber: Ja, das stimmt. Selbst dabei zu sein kann durch nix ersetzt werden. Auch nicht durch ein gutes Foto (obwohl das Ziel eines Fotos ja sein kann, dem Dabeisein recht nahe zu kommen). Danke für Deinen Kommentar!

  5. Schön geschrieben und stimmt vollkommen. Ich glaube viele Menschen haben einfach das Staunen verlernt. Und ich meine nicht unbedingt das Staunen über irgendwas unerwartetes, sondern eben das Staunen über etwas, das als Selbstverständlich angesehen wird. Gerade in der Natur gibt es so viele Dinge über die man staunen kann. Vielen Menschen würde dass wohl erst bewusst werden, wenn es nicht mehr selbstverständlich wäre. Ich will mich da natürlich mal nicht vollständig ausschließen. Und genauso habe ich auch manchmal schon gedacht, dass man aufpassen muss, sein Leben nicht nur durch das Objektiv zu sehen. Ich bekomme meine DSLR erst zu Weihnachten, aber auch im Urlaub mit ner Knipse ist es nicht anders. Phillip hat das auch schön formuliert (oder sein Prof. ;) )

  6. Und vor allem nicht an Szenen kommen und sofort die Kamera auspacken. Umdrehen, innehalten, beobachten – die Augen nutzen, denn sind es die das entstehen lassen.

    Aber du hast natürlich Recht – es ist manchmal wirklich deprimierend wenn einem Freunde auch Bilder schicken, die sie toll finden und dann schaut man es sich an und denkt – hier ein wenig zu dunkel. Der Himmel? Mmmh – HDR. Da ein wenig Tonmapping… und schon ist der Moment zerstört.

  7. Genau das gleiche, was du da über das Staunen reflektiert hast, habe ich kürzlich auch – mal wieder – gedacht. Und zwar als ich gerade dabei war, zu fotografieren und feststellte, dass die Szene auf dem LCD nicht annähernd so toll aussah, wie in echt. Vielleicht liegt HIER der Hund begraben: Staunen kann man besser draussen, in der Natur, denn am Monitor!

  8. also bei mir ist es wirklich so, dass ich erst durch etwas was mich berührt zum fotografieren angeregt werde. das heißt wenn ich irgendwo zum fotografieren hingehe und nicht ein besonders schönes licht oder eine schöne umgebung o.ä. dann mache ich auch in den meisten fällen kein foto.

    aber ich stimme auch mit dir überein, dass man fotos oft dahingehend analysiert, wie sie bearbeitet wurden, wie bestimmte effekte erreicht werden konnten. während ich früher hin und weg von den texturen auf fotos war ist es heut gar nichts mehr besonderes, obwohl mir solche fotos immer noch sehr gut gefallen. ist halt wie bei einem zaubertrick: wenn man weiß wie er funktioniert, ist es keine zauberei mehr…

  9. Blogartikel dazu: Torsten Luttmann schreibt. » Blog Archive » Eluvium - Prelude For Time Feelers

  10. Ich muss sagen, dass ich vor diesem Beitrag von der Band noch nie etwas gehört habe. Auch wenn es in Deinem erstklassigen Beitrag nicht wirklich um die Band geht, möchte ich mich doch bei Dir für genau diesen Tipp bedanken! Auch wenn sich die Stücke alle gleich anhören! ;-)

  11. Ein wirklich schöner Beitrag! Allerdings geht dieser Prozess mit allem einher, womit man sich „intensiver beschäftigt“. Bevor ich zur Photographie gekommen bin habe ich selbst Musik gemacht und habe das gleiche an mir beobachtet: die Naivität, das Staunen und Bewundern, wird durch Analyse und vermeintlich „kaltes Verständnis“ eines Sachverhalts ersetzt („Verdammt! Warum rummst die Bassdrum bei dem so gewaltig? Haaa, jetzt weiss ich’s, billiger Trick!“ usw. usf.)

    Ich denke jedoch, dass über das schiere „Schaffen“ hinaus das Ziel jeder Kreativität ist auch etwas zu schaffen, dass *beeindruckt*. Und das gelingt nur, wenn man sein Handwerk beherrscht und die verklärte Begeisterung abstreift. Die schönste Landschaft wirkt halt auf den Betrachter nicht, wenn am Bildrand ein rotes Auto parkt.

    Der Spagat ist in der Photographie wie auch in jedem anderen kreativen Prozess, dass man die Augen nicht verschliesst vor der Schönheit und dem Besonderen, nur da man sie in technischer und rationaler Hinsicht „durchschaut“.

    Und meiner Meinung nach nimmt mit wirklichem Verständnis die Begeisterung und das Wundern nur zu. Die Technik und die Nüchternheit der Analyse helfen uns dann dabei, diese Wunder für andere greifbar zu machen und zu transportieren.

  12. Die Kamera wegzulassen und einen Moment einfach genießen gibt Kraft für neue Inspiration und Kreativität.
    Die Musik von Eluvium ist passend dazu;kein Wunder also das Du über das Staunen nachdenkst ;-)

  13. ich war gerade eine Woche beruflich in Spanien unterwegs und habe die Kamera bewusst zu Hause gelassen. Ich habe wahnsinnige Wetterphänomene gesehen, Schneestürme, Wolken in abgefahrenen Formationen und Beleutungen, und eigentlich immer habe ich gemotzt, dass mir die Kamera fehlte. Wieder zu Hause habe ich meiner Freundin all diese Situationen erzählt und beschrieben. Farben, Gefühle, Eindrücke. Das war echt schwer, aber super. Da merkt man erstmal, wie faul und verwöhnt man von der ganzen Medienwelt ist. Reden ist Gold. Frohes Fest Euch Allen!

  14. Ich kann immer noch staunen. Man darf aber sagen, dass vieles heutzutage einfach oberflächlich ist und man deshalb nicht mehr zum staunen animiert wird. Jeder fotografiert irgendwie, jeder kennt ein paar Schalter in Photoshop. Jeder kann irgendwie Musik machen, jeder kennt ein paar Loops aus Garageband. Es gibt einfach eine ekelhaft große Masse von Leuten, die sich selbst beweihräuchern, nur weil sie einen erschwinglichen Fotoapparat oder ein Musikprogramm ihr Eigen nennen. Es kommt einem vor, als hätte man alles schon gehört und gesehen. Das Internet trägt zur Übersättigung bei, denn es trifft keine Auswahl. Jeder kann alles veröffentlichen. Und die Leute fressen es.

    Wenn ich mir vorstelle, was ein Johann Sebastian Bach geleistet hat oder ein Chopin, dann kann ich heute darüber noch in Ehrfurcht erstarren. Wenn ich Bauwerke aus längst vergangener Zeit sehe dann stelle ich mir vor, wie die das damals erschaffen haben. Ganz ohne CAD-Programm. Und was bauen wir dagegen heute für Glas-und-Stahl-Dreck? Wenn ich den Zauberberg lese, dann erkenne ich jedes Mal etwas Neues darin. Wenn ich im Gebirge auf einem Gipfel stehe, dann staune ich über unsere fantastische Welt. Wenn ich AC/DC höre, weiß ich, dass die Griffe einfach sind. Aber trotzdem klingt keine Coverband wie das Original :-) Man kann echt über alles staunen, jeden Tag. Es ist ganz einfach.

  15. Sehr schön ausgedrückt Martin. Du sprichst glaub ich vielen aus der Seele. Genial, wie du den Kern triffst. So abgedroschen das vielleicht auch klingen mag, aber diese kindliche Naivität entdecke ich immer wieder (logischerweise) an meinen Kindern. Und oft bin ich nur entsetzt, wie sehr „erwachsen“ ich doch bin. Staunen, als ob es das erste mal ist und erleben, als ob es das letzte mal wäre.

    Von Eluvium hab ich übrigens auch noch nie gehört, klingt aber interessant. Danke für den Tip.

    Grüße
    ivan

  16. Es ist gut möglich, dass man als Fotograf mit der Zeit die Fähigkeit des Staunens verliert.
    Allerdings möchte ich anmerken, dass Fotografen – zumindest mir geht es so – immernoch „mehr“ sehen wie „normale“ Leute.
    Mir fällt das vielfach im Alltag auf. Z.B bin auf dem Nachhauseweg mit der Strassenbahn und der Himmel über dem Zürichsee sieht total schön aus. Meistens bin ich dann die einzige der Mitfahrer, die wirklich und lange aus dem Fenster schaut um den Himmel zu bestaunen.
    Ich denke, ich persönlich habe das Staunen noch nicht in allen Bereichen verloren, da ich zum Beispiel auch nach wie vor einfach eine Landschaft oder den Himmel betrachten kann ohne ein Foto zu schiessen.

  17. Blogartikel dazu: 44 Dinge, die ich 2008 über die Fotografie gelernt habe | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel

  18. Blogartikel dazu: abgelichtet.com » Wunderschöne Tage am Ostseestrand