kwerfeldein
30. November 2008 Lesezeit: ~3 Minuten

Soziologie und Fotografie

Die ist ein Gastartikel von Sebastian Pink. Er studiert Soziologie in Bamberg im 4. Semester. Er fotografiert hauptsächlich Skateboarder und Inlineskater. Eine kleine Auswahl seiner Bilder kannst du unter www.fallik.de/Album ansehen.

Für die, die nicht wissen, was man sich unter Soziologie vorstellen kann: Soziologie versucht mit wissenschaftlichen Methoden gesellschaftliche Phänomene und das Handeln der Menschen zu verstehen und zu erklären.

In diesem kleinen Paper möchte ich ein paar Gedanken aufzeigen, inwiefern die Vorgehensweise in der fotographischen Praxis mit der Erklärungsweise sozialen Handelns verglichen werden kann.

Ein Foto ist eine Momentaufnahme. Dabei hat der Fotograf die Wahl zwischen verschiedenen Belichtungsmodi. Er kann zum einen eine Automatik verwenden, um schnell einen Schnappschuss seines Motivs zu machen. Zum anderen kann er aber auch den manuellen Modus verwenden, um Belichtungszeit, Filmempfindlichkeit, Brennweite und Blende selbst zu wählen.

Hier zeigt sich die Parallele, wie die Soziologie Handeln erklären kann. Zum einen entwickeln Menschen routineartige Handlungsabläufe, den sogenannten Habitus, der ihnen ermöglicht, in ihnen bekannten Situationen schnell reagieren zu können. Zum anderen aber können Menschen auch über ihr Handeln reflektieren, vorzugsweise in ihnen unbekannten Situationen. Um fotografisch zu sprechen, wählen sie einen bestimmten Fokus, um sich auf bestimmte Teilaspekte der Situation zu konzentrieren. Dieser Fokus wird begleitet mit der Wahl der Blende, die ihnen erlaubt, die Tiefenschärfe ihrer Betrachtung der Wirklichkeit zu bestimmen. Wie weit diese Tiefenschärfe aber reicht, wird dann maßgeblich durch ihr Wissen und ihren kulturellen Hintergrund bestimmt. Ich denke, die Vorstellung fällt leicht, dass je mehr Wissen die Person in die Situation mitbringt, desto differenzierter durchdenkt sie ihre Handlungsmöglichkeiten. Heißt: Desto tiefenschärfer beleuchtet sie ihr Bild der Situation.

Das Vorangegangene stellt die eher theoretische Seite der Soziologie dar. Die „praktische“ Seite, „empirisch“ genannt, sind konkrete Befragungen mittels wissenschaftlicher Methoden. Hier möchte ich einmal die Querschnittsdaten herausgreifen.

Querschnittsdaten werden mittels einmaliger Datenerhebungen gewonnen. Auch hier lässt sich wieder die Metapher der Fotografie anwenden. Der Fokus beschreibt das Erkenntnisinteresse des Forschungsprozesses, die Brennweite und die Blende weisen auf den Umfang der gesammelten Informationen hin und bestimmen dadurch die Tiefenschärfe des untersuchten Objektes.

Natürlich könnte man, wenn man diese Gedanken weiter ausführt, mit Sicherheit ganze Bücher füllen. Meine Intention war aber, den Lesern dieses Fotografieblogs einmal eine andere Möglichkeit aufzuzeigen, über Fotografie nachzudenken. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist.

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6 Kommentare

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  1. Für mich wäre jetzt interessant, ob du Fotografie als ähnlich wie Soziologie empfindest oder umgegekehrt?

    Denn wenn ich dich richtig verstehe, dann bist du nicht ganz zufällig als Soziologe auf die Fotografie getstoßen, sondern es hat für dich etwas mit Erforschen und Begreifen von Menschen zu tun?!

    PS: sehr schicke Bilder von den persönlichen Räumen… finde die spiegeln sehr gut die Athmosphäre wider!

  2. Na ja… insgesamt interessante Gedanken, die ich mit immerhin sechs Semestern Soziologie im Nebenfach zumindest nachvollziehen kann. Ich finde die Parallelen-ziehung zwischen Fotografie undSoziologie aber sehr gewagt, um nicht zu sagen: gekünstelt. Denn letztendlich bleibt die Fotografie doch nie mehr als reiner Selbstzweck – kann sie auch gar nicht – während die Soziologie ein reines Instrumentarium darstellt, um weitergehend zu forschen und Erkenntnisse gewinnen. Wenn man schon Soziologisch vorgehen will, dann in die Anfänge der SOziologie -> und damit Platons Höhlengleichnis. Die Schatten an der Wand bilden nur ab – was dahintersteckt, ist eine sehr viel komplexere Seite der Realität.

  3. @Anika: Nein, ich habe schon fotografiert, bevor ich mich für die Soziologie interessiert habe. Ich wollte lediglich ein paar Gedanken aufzeigen, inwiefern die technische Seite der Fotografie mit der Erklärungsweise der Soziologie verglichen werden kann. Es ging also nur darum, die Überlegungen, die man als Fotograf anstellt, wenn man ein Foto macht, auf soziales Handeln zu übertragen und so eine Verbindung zwischen beiden herzustellen.
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    @derfototim: Als gekünstelt sehe ich die Parallele nicht. Ich fand schlichtweg, dass diese Illustration dem Laien, der sich ein wenig mit Fotografie auskennt, hilft, einen etwas anderen Blick sowohl für das eigene, als auch für das Handeln anderer, zu gewinnen.
    Und die These, dass Fotografie nur Selbstzweck sei, sehe ich als unhaltbar. Wäre sie nur Selbstzweck, würde das ja bedeuten, dass Fotografie nur dem Zwecke dient, Fotos zu machen, nur um der Fotos willen. Heißt: Motiv, Komposition etc wären egal. Dabei würden ja viele Faktoren wie Selbsterfüllung des Fotografen, Aufklärung der Bevölkerung durch Fotos (siehe Fotojournalismus) oder ähnliches. Da würde ich die These des Selbstzweckes vielmehr durch die These ersetzen, dass Fotografie immer nur ein Mittel für einen/mehrere, bestimmte Zwecke ist.