kwerfeldein
28. November 2008 Lesezeit: ~4 Minuten

Kreise und Kanten im Sucher

Hannes Trapp

Dies ist ein Gastartikel von Hannes Trapp. Wer mag, kann gerne auf seiner Seite potograf.de vorbeischauen.

Die Umfrage gestern hat gezeigt, dass viele der Kwerfeldein-Leser auch analog fotografieren, was mich sehr erstaunt hat. Ich hatte mit deutlich weniger Filmfreunden gerechnet. Auch das einige bisher rein digitale Fotografen angekündigt haben, dass sie sich mal mit der analogen Fotografie beschäftigen wollen hat mich sehr gefreut. Daher möchte ich heute auf ein Thema eingehen, das in den Kommentaren des Artikels „Fotografieren mit der Alten“ angesprochen wurde – die Verwendung des Schnittbildindikators. Damit richtet sich dieser Artikel an Neulinge auf dem analogen Gebiet, die alten Hasen wissen darüber natürlich schon Bescheid.

Der Schnittbildindikator ist eine Hilfe, um schnell und exakt fokussieren zu können. Technisch handelt es sich um eine Mattscheibe, die bei einer Spiegelreflexkamera zwischen Spiegel und Prisma eingebaut ist. Leider findet man diese Technik meist nur bei älteren analogen Kameras, da sie bei Kamerasystemen mit Autofokus als „überflüssig“ eingeschätzt wird, außerdem kommen sich die Belichtungsmessung und der Schnittbildindikator je nach Konstruktion in die Quere.

K800i TTV Praktica L - Café 2

Um mit dem Schnittbildindikator schnell umgehen zu können, gibt es verschiedene Blickführungen; eine, die sich bei mir bewährt hat, möchte ich nun Vorstellen. Als Beispiel nehme ich einen gewöhnlichen Schnittbildindikator an, wie er z.B. in der Canon AE-1 verbaut ist. Manche andere Kameras haben abweichende Schnittbildindikatoren mit mehr oder weniger Bereichen.

Als erstes schätze ich den Abstand zum Motiv grob ab, während ich die Kamera in Bereitschaft bringe. Alte Objektive haben in der Regel aufgedruckte Zahlen, die Entfernungen in Meter und Fuß angeben, den geschätzen Abstand stelle ich dort ungefähr ein.

Dann schaue ich durch den Sucher, und achte zuerst nicht auf die Mitte, sondern auf den äußeren Bereich des Bildes. Dort lässt sich die Schärfe grob beurteilen und etwas genauer einstellen.

Der zweite Blick richtet sich auf den Ring um den Schnittbildindikator, der als Mikroprismenring bezeichnet wird, umgangssprachlich habe ich auch schon „Griesring“ oder „Griselring“ gehört. Mit seiner Hilfe lässt sich die Schärfe schon recht genau einstellen. Bewegt man die Kamera minimal, scheint das Bild im Mikroprismenring zu flimmern. Verstellt man den Fokus, hört das Flimmern an einer bestimmten Stellung auf, in dieser Stellung ist korrekt fokussiert. Mit etwas Übung ist die korrekte Einstellung schnell gefunden, auch wenn der Bereich der korrekten Fokussierung sehr sehr schmal ist.

Zur Überprüfung der Fokussierung und zur Feineinstellung kann der mittlere Bereich – der eigentliche Schnittbildindikator – genutzt werden. Im Idealfall richtet man den Schnittbildindikator auf einen Bereich am Objekt mit scharfen Kanten und guten Kontrasten. Hier sucht man sich eine Linie im Bild, die senkrecht zur Schnittlinie des Schnittbildindikators (meist horizontal) verläuft. Weist die Linie keine Sprünge auf, ist korrekt fokussiert und das Bild wird scharf.

Je nach aufzunehmendem Bild ist natürlich eins der beiden Hilfsmittel vollkommen ausreichend. Möchte ich auf einen Baumstamm fokussieren, reicht der Schnittbildindikator vollkommen aus, für eine Wiese oder Steinmauer ist der Mikroprismenring besser geeignet. Verschiedene Kameras haben auch nur eine der beiden Möglichkeiten; meine Praktica L hat beispielsweise nur den Mikroprismenring und keinen Schnittbildindikator.

Sollte die Kamera eine rein manuelle Blende haben, empfiehlt sich das Fokussieren bei Offenblende, da hier die Schärfe aufgrund der geringen Tiefenschärfe am besten beurteilt werden kann. Nach dem Fokussieren kann man dann wieder auf die gewünschte Blende zurückstellen. Manche Kameras (wie z.B. die Praktica L) haben aber eine automatische Blendensteuerung, die rein mechanisch funktioniert und die die (wohl gemerkt manuell) gewählte Blende erst einstellt, sobald der Auslöser gedrückt wird. Hier spricht man von einer Springblende oder Automatikblende. Die offene Blende zum Einsellen wird als Einstellblende bezeichnet, die auf den vorgewählten Wert geschlossene Blende, als Arbeitsblende.

Ähnliche Artikel


16 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Also auch ich finde, dass beide Kameras so ihrem Charme haben. Ich könnte nicht sage, mit welcher ich lieber fotografiere. Klar wenn ich das Bild bearbeiten will mit allem technischen Schnick Schnack dann greife ich zur Digitalen aber wenn ich einfach Lust habe Fotos zu machen auch schon mal gerne die Analoge.

  2. Empfinde die Behandlung „analoger Themen“ hier als angenehmen Kontrast zur sonstigen digitalen Tageskarte. Spiele gerade mit der alten Exa IIa meines Vaters herum, die hat (bzw. das Objektiv Domiplan 50/2.8) auch diese sehr hilfreiche Springblende; zur Fokussierung dient ein Schnittbildindikator, einen Mikroprismenring hat sie nicht.

  3. Sehr interessant!
    Ich kenne die Technik (*1986) noch von der alten Analogen von meinem Vater. Hab als Kind immer spass mit gehabt.

    Ist das nicht die gleiche Technik, wie sie heute in der Leica M8 verwendet wird? Mein Onkel hat die M8 und ich muss sagen, bessere und schärfere Manuellfocus Bilder hab ich noch nie gesehen.

    Liebe Grüße

    david

  4. Blogartikel dazu: Altes Objektiv an digitaler Spiegelreflexkamera