kwerfeldein
23. November 2008 Lesezeit: ~5 Minuten

Fotografieren mit der Alten

Hannes Trapp

Dies ist ein Gastartikel von Hannes Trapp. Wer mag, kann gerne auf seiner Seite potograf.de vorbeischauen.

Nachdem ich gestern über die Möglichkeiten geschrieben habe an alte Kameras zu kommen, und vielleicht den ein oder anderen auf dumme Ideen gebracht habe, muss ich mich wohl auch schuldig bekennen, wenn auf dem Küchentisch einiger Leser bald ein solches Schmuckstück liegt – von Umstehenden auch gerne als „alter Schrott“ bezeichnet. Daher sollte ich nun auch etwas dazu sagen, wie man denn nun mit dieser Metallkiste, die irgendwie keine Knöpfe, kein Plastik und kein Display hat, Fotos macht.

Ich werde mich bei diesem Artikel auf eine analoge Spiegelreflexkamera beziehen, da diese weit verbreitet und leicht zu bedienen ist, und dennoch sehr viele Einstellungsmöglichkeiten bietet. Der Artikel richtet sich an Leute, die mit einer digitalen Kamera fotografieren, die Grundlagen kennen und lediglich nie analog gearbeitet haben. Wer schon mal auf Film fotografiert hat, wird leider nichts neues erfahren.

Der Film

So sehr man sich bei der digitalen Fotografie bemüht, sich alle Möglichkeiten offen zu halten und in RAW fotografiert, um alle Parameter später einstellen zu können, muss man sich bei der analogen Fotografie Gedanken vor der Aufnahme machen. Die erste Entscheidung ist der Film, bei dem man sich zunächst für Farbe oder Schwarzweiß entscheiden muss. Weiterhin gibt es Filme mit verschiedenen Körnungen. Außerdem muss man einen Film mit passender Empfindlichkeit (DIN / ISO / ASA) wählen. Auch die Anzahl der auf die Rolle passenden Bilder variiert.

Im Allgemeinen wird die Rückwand einer Kleinbildkamera geöffnet, um den Film einzulegen. Wie genau das funktioniert, erschließt sich meist von selbst. Nach jedem gemachten Foto muss der Film mit dem Transporthebel weitertransportiert werden. Sind die Fotos alle belichtet, muss der Film mit einer Kurbel zurück in die Patrone gespult werden, bevor der Deckel geöffnet wird, da sonst Licht auf den noch nicht entwickelten Film fällt. Der zurückgespulte Film kann nach öffnen des Deckels entnommen werden und zur Entwicklung in ein Labor gebracht oder selbst entwickelt werden.

Die Einstellungen

Für die Einstellungen an der Kamera kann man auf das Wissen aus der digitalen Fotografie zurückgreifen. Objektive haben feste Brennweiten oder sind zoombar, man kann die Blende einstellen (meist am Objektiv) und muss fokussieren, bei alten Kameras in der Regel von Hand. Hier hilft der Schnittbildindikator, den ich bei digitalen Kameras schmerzlich vermisse. Die Belichtungszeit wird meist am Gehäuse eingestellt. Manche Kameras haben einen integrierten Belichtungsmesser, der mit einem Zeigerausschlag oder einer Leuchtdiode im Sucher anzeigt, ob das Bild korrekt, über- oder unterbelichtet wird. Hat die Kamera dies nicht, kann man auf einen externen Belichtungsmesser, auf Tabellen und mit der Zeit auf Erfahrungswerte zurückgreifen. All diese Einstellungsmöglichkeiten und ihre Auswirkungen sind wahrscheinlich hinreichend bekannt oder sind bereits hier auf kwerfeldein.de besprochen worden, so dass ich hierauf nicht weiter eingehen möchte.

Fotografieren

Woran man sich gewöhnen muss, ist dass man nun denken muss, was man einstellen möchte, bevor man das Foto macht. Die digitale Methode „mal ein Testbild machen und dann nach Bedarf einstellen“ funktioniert hier nicht, denn das Ergebnis bleibt bis nach der Entwicklung geheim und spannend. Ihr werdet merken, dass Ihr deutlich weniger fotografiert als digital, aber dafür jedes Bild plant, die Einstellungen mehrfach überprüft, penibelst fokussiert und mehrfach Euren Standpunkt überdenkt, bevor ihr „das Foto“ macht. Und es wird dann auch meist bei einem Foto bleiben. Denn jedes Bild kostet Geld, und Ihr habt auch keine Chance zu sehen, in welche Richtung Ihr die Einstellungen verbessern könnt. Das schöne daran ist: 80% der analogen Bilder werden aus diesem Grund gut. Nicht nur 10%, wie es beim digitalen Fotografieren leider viel zu oft vorkommt, da so lange getestet wird, bis man vergisst auf das wirklich Entscheidende zu achten.

Achso: Wenn Ihr Euch ertappt, wie Ihr direkt nach der Aufnahme die Kamera nach vorne schiebt, gespannt auf den Rückdeckel schaut und unglaublich erschreckt, weil Ihr dort nur schwarzes Leder seht: Das ist völlig normal. Passiert mir auch ständig, und zwar jedes mal wenn ich wieder lange mit der Digitalen fotografiert habe. Das scheint so was wie ein Reflex zu sein.

Die Nachbearbeitung

Nachbearbeitung und Fotoretusche ist nichts neues, sondern schon seit Beginn der Fotografie üblich. Nur dass damals keine Computer, sondern Chemikalien, Scheren und physikalisches Geschick verwendet wurden. Leider habe ich selber nie gelernt im Labor mit Chemie ein feines Foto zu zaubern, daher behelfe ich mir digital. Das ist keine puristische und auch nicht die eleganteste Lösung, aber für mich ausreichend und vor allen Dingen mit meinen Mitteln machbar. Ich lasse meine analogen Bilder meist in einem Großlabor entwickeln (shame on me), und dort bestelle ich gleich eine Foto-CD mit. Auf dieser sind alle Bilder in gerade so ausreichender Auflösung gescannt. Die anschließende Tonwertkorrektur etc. pp dürfte für die meisten hier kein Hexenwerk sein.

Ich hoffe ich konnte dem ein oder anderen etwas Neues erzählen und habe den „rein digitalen“ Fotografen Lust gemacht, mal „auf die andere Seite“ zu schauen, und mal „ein paar Filme vollzuknipsen“.

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