Kwerfeldein
13. November 2008 Lesezeit: ~5 Minuten

Bildvorstellung : Lonely

Lonely by you.

Es ist ja wirklich schon sehr lange her, dass ich hier eins meiner Fotos gezeigt habe. Und so manch einer hat sich bei mir schon beklagt, dass ich viel zu wenig über meine Fotos schreiben würde. Nun, aus diesem Anlass zeige und beschreibe ich Dir heute mein aktuellstes Foto mit dem Titel „Lonely“. Dabei möchte ich neben den technischen Details auch ein bisschen in die Philosophie meiner meist zentrierten Bilder einsteigen.

Bildgeschichte

Nun, ich will Dich nicht langweilen mit irgendwelchem Blabla und ich weiss, dass es ganz schön aufgeblasen wirken kann, wenn jemand um sein Bild zu viele Worte macht. Deshalb mach ichs an dieser Stelle einfach kurz : An jenem Morgen, an welchem der Nebel durch Jöhlingen zog, war dieser Baum mein erstes Ziel.

Ich hatte ihn schon unter anderen Lichtbedingungen fotografiert und konnte mir gut vorstellen, wie er im
Nebel aussehen würde. Deshalb bin ich hingefahren und hab einfach ein paar Mal abgedrückt. Mal mit Horizont weiter oben, weiter unten und fertig. Ehrlich gesagt habe ich mir dabei wenig Gedanken gemacht und es einfach laufen lassen.

Kameradaten

Modell : Canon EOS 30D
Verschlussgeschwindigkeit : 1/200s
Belichtungsprogramm : Blendenpriorität
Blendenwert : f/7.1
ISO : 100
Brennweite : 18 mm
Stativ : Nö.

Originalbild

Bisher habe ich es vermieden, ein Originalbild zu zeigen, weil ich der Auffassung war, dass das Werk dadurch an Geheimnissvollem verliert. Heute möchte ich es aber einmal wagen und zeige Dir das Foto so, wie es im Ursprung als RAW – Datei aufgenommen wurde.

Wer da ein bisschen genauer hinschaut, der wird schon merken, dass ich das Bild letztendlich sehr stark „optimiert“ habe – eine Sache, welche für mich genauso zum kreativen Prozess des Fotografierens gehört, wie der Rest.

Processing

Als ich letzte Woche das schicke Progrämmchen Adobe Lightroom entdeckte, war dieses Bild eines der Ersten, an denen ich Lightroom ausprobierte.

Was schonmal ganz leicht zu ersehen ist : Ich habe das Bild in einem 1×1 Format beschnitten, um den Baum noch mehr hervorzuheben. Denn der Weg führt ja den Blick zum Baum und ich dachte mir : Warum denn eigentlich nicht. Ich mag 1×1 Bilder gerade sowieso.

Anschliessend habe ich die Sättigung bis auf ca. 95 % herabgesetzt, sodass nur noch ganz feine Details in den Farben zu sehen waren und es schon fast nach einem Schwarzweissbild aussah. Wie in vielen meiner Bilder habe ich viel Kontrast reingedreht und einwenig mit den Schatten & Lichtern gespielt.

Des Weiteren habe ich gebrauch des Verlauftools gemacht, um den Himmel deutlich abzudunkeln. Somit bekam der Vordergrund und der Baum noch mehr Aufmerksamkeit. Um den perfekten Verlauf hinzubekommen habe ich eine Weile rumprobiert und das kann bei mir schon mal 15 Minuten oder länger dauern.

Anschliessend habe ich eine Teiltonung gemacht, bei welchem ich die Schatten auf einen Cyanton und die Lichter auf einen Gelbton stellte. Zusammen mit den schwachen, latent wirkenden Farbinformationen des Originalbildes wirkte das auf mich sehr harmonisch. Ausserdem mag ich die Kombination Gelb/Cyan. Keine Ahnung warum, aber das hat für mich was von Vanille. Bitten nicht lachen jetzt.

Zuguterletzt habe ich den Horizont streckenweise heller gemacht um eine noch „nebeligere“ Stimmung zu erzeugen und den Blickpunkt stärker auf den Baum zu legen. Abschliessend habe ich die dunklen, zum Baum führenden Weglinen leicht abgewedelt, um dem Auge die Blickführung zu erleichtern.


Bildkomposition oder „Warum denn so mittig ?“

Immer wieder werde ich in letzter Zeit gefragt, warum ich einige meiner Bilder so stark zentriere. Heute möchte ich diesen Gedanken etwas ausführen.

Denn eigentlich sagt mir mein Fotografenherz, dass eine solche Bildgestaltung so gar nicht schön ist. Denn wenn ich die Drittelregel verstanden hätte, müsste doch der Baum ein wenig weiter rechts oder links hingesetzt werden. Ist ja auch richtig, jaja, stimmt schon.

Aber gerade weil heute jeder die Drittelregel benutzt und sich die wenigsten trauen, einen Baum wieder schön fett in die Mitte zu setzen kommt mir dies wieder sympatisch vor. Aber nicht nur deswegen, denn ich möchte nicht auf teufelkommraus anders sein als alle anderen. Aus dem Alter bin ich raus (hoffentlich). Nein, mittige Landschaftskompositionen ergeben in manchen Situationen für mich ästhetisch gesehen eine ganz besondere Harmonie, welche durch Drittelkompositionen verloren gehen würde.

Dazukommt : Manchmal passt es, manchmal nicht. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich es auch nicht so genau begründen. Mir gefällt es eben so besser. Auch wenn viele meinen, es wäre so nicht „schön“. Ich finds gut so. Punkt.

Fazit
Fazit ? Schon komisch, ein Fazit über sein eigenes Foto zu schreiben – klingt ja schon fast wie die Besprechung eines Meisterwerkes, und das ist es meiner Meinung nach definitiv nicht. Es ist ein gutes Bild, und vielleicht eins meiner Besseren. Ich bin insgesamt sehr zufrieden und glaube, das viel herausgeholt zu haben. Ich bin mir sicher, dass ich diesen Baum noch öfters mit meiner Kamera aufnehmen werde. Er steht so wunderbar schön allein in der Landschaft und wirkt deshalb eben alleine oder eben „Lonely“.

Danke lieber Baum.

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34 Kommentare

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  1. bitte gern – aber ich hab doch gar nix gemacht. außer den artikel gelesen. wie so ziemlich alles hier….

    die mitte zwingt sich in meinen augen hier durch den weg einfach auf – und an regeln halten können sich andere. ich hab das alles auch irgendwann mal gelernt, aber ich wähle den ausschnitt wie es mir passt und nicht wie es in regeln steht.

  2. Jetzt fängst Du schon an Deine Bilder so zu gestalten, wie es zu meiner derz. Laune paßt – hilfe ;)
    Nein, es ist definitiv ein Klasse Bild, gerade auch weil die Drittelregel hier nicht benutzt ist oder vielleicht sollte man besser sagen weil sie hier angepaßt ist? Denn wenn ich einigermaßen schätzen kann dann liegt der Horizont und damit die Wurzel des Baumes schon am Anfang des oberen Drittels nur, dass dann eben der Baum selbst nicht auf einem der Drittelkreuzpunkte liegt sondern eher in der Mitte (von rechts nach links gemessen).
    Was für mich hilfreich gewesen wäre, wäre, wenn Du Deine einzelnen Processing-Schritte auch nochmal mit Bildern hinterlegt gehabt hättest (auch wenn wir dann hier schon eine halbe Lightroom Einführung statt einer Bildbesprechung gehabt hätten) einfach um zu sehen wie sich das Bild entwickelt hat im Laufe der Bearbeitung.

  3. Ich bin schon fast ein Liebhaber von Zentralkomposition. Es wird im Allgemeinen viel zu viel auf Drittel und Goldenem Schnitt herumgeritten und -gepriesen. Natürlich funktioniert das nur bei einem aussagestarken/stimmungsvollen Hauptmotiv ohne nennenswerte Nebenmotive, welches sich in einer weitgehend homogenen Matrix befindet (so wie hier der Baum, der nur von reizarmem Himmel und Feld umgeben ist). Drittelregelung und G. Schnitt sollte man maximal als Kompositionsvorschläge, nicht aber als Regeln behandeln. Es gibt Motive, die MUSS man einfach plakativ komponieren, und dass geht oft am besten mittig.
    Nebenbei: Vertikal hast du dir den Goldenen Schnitt ja doch noch behalten ;-)
    Was leider vom Original verlorengeht, ist der interessante konvexe Horizontverlauf.

  4. Ich muss mich nochmal kurz zu Wort melden. Ich glaube deine Beschreibung und vorallem auch zu sehen welchen Wandel die Bilder durchmachen vom Original zum Fertigen hat bei mir gerade einen Schalter umgelegt. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes, aber ich habe das Gefühl es hat gerade „Klick“ gemacht und ich bin voller Lust und Tatendrang zu Fotografieren und zu Bearbeiten! :)

    Danke!

  5. Nunja, Du sagst es – endlich mal etwas anders tun, als es die Gewohnheit anbietet. Wenn es nicht der „Goldene Schnitt“ oder die „Bilddrittelung“ ist, hast Du eben das Mittel der wegweisenden Führungslinien genutzt. Wie auch immer, das entscheidende Urteil liegt im Auge des Betrachters :-).
    Ich fuer meinen Teil kann sagen, dass ich es sehr gelungen finde, gerade die noch verbleibende Farbe und der mit dem Verlaufsfilter gestaltete Himmel machen das Bild zum Hingucker.

  6. Ein sehr schönes Bild, das die Stimmung des Augenblicks wirklich zur Geltung kommen lässt. Vielen Dank auch für die Hintergrundinfos und das Zeigen des Originals – so sieht man einmal mehr, wie viel die spätere Bearbeitung ausmachen kann. Aber rundum ein gelungenes Werk, ein schöner Artikel, aus dem ich mir für meine nächsten Fotos sicher auch einige Anregungen mitnehmen werde.

  7. ich finde den bildschnitt sehr gelungen. Ich finde der Weg, der so knapp am Baum vorbeiführt, baut Spannung auf und er verschafft dem Ganzen etwas Asymetrisches, was mir sehr gefällt. Zu deiner SW-Umwandlung und überhaupt der ganzen restlichen Nachbearbeitung kann ich nur sagen, dass ich immer wieder begeistert bin, wie du es schaffst, diese mystischen Stimmung zu erzeugen.Ich find deine Einstellung, dein Wissen so anschaulich zu vermitteln sehr sehr sehr lobenswert :)

  8. Guten Moren, also wirklich richig klasse, dass du mal ein oriinal eeigtast. Viele machen das nicht und ich denke dass das viele ier verunsichert, weil man immer nir perfekte bilder sieht, aber dass sie so nie aus der kamera kommen würden weis man am anfangh noch nich…wirklich super

  9. Melde ich mich also auch mal zu Wort – wo ich doch schon einge ganze Weile deinen Blog verfolge :-)

    Ich möchte meine Meinung zum Himmel und dem Verlauf, den du dort eingesetzt hast, mal loswerden: Mich verwirrt das ;-)
    Oder anders gesagt: Ich finde es geht einiges der Nebelstimmung verloren durch den dunklen Teil des Himmels im oberen Bildbereich. Für mich passt es nicht so richtig zum Bild.

  10. Hi,
    dein Ausgangsbild haut mich jetzt nicht vom Hocker, aber was du daraus gemacht hast, ist echt super. Wie ich schon mal gesagt habe, gehört für mich die Bildbearbeitung mit zum Fotografieren. Durch die Bearbeitung hast die Idee des Bildes, den Grundgedanken super fokusiert und auf den Punkt gebracht. Ob Mittig oder nicht, finde ich nicht so wichtig. Es kommt bestimmt wieder die Zeit in denen die Drittelregel-Bidler bei dir überwiegen.

    Schöne Grüße Andre

  11. Freut mich sehr, dass es mal ein Vorher-Nachher gibt! Wie auch schon andere geschrieben haben: das findet man ja nun nicht so häufig. All die positiven Reaktionen darauf „verleiten“ Dich hoffentlich dazu, vielleicht bald nochmal so ein Vorher-Nachher-Ding zu machen…zB mit dem Bild zum Artikel „Kein Kokus Pokus“?
    Interessant, wie Du aus einem eher…unscheinbaren Foto ein richtig gutes Teil gemacht hast – gefällt mir sehr. Auch die Tonung ist super!
    Aber: kann es also doch sein, dass gute Bilder also doch ein wenig „Hokus Pokus“ brauchen und dass Deine Aussage „Dieser besagt, dass die wirklich guten Fotografen eine Art Zauberformal haben, mit welchen sie ihre supergeilen Fotos machen. Daraufhin habe ich gesagt, dass das nicht im Geringsten richtig ist und gute Fotos dann enstehen, wenn man einfach “vor Ort” ist und abdrückt.“ nicht ganz richtig ist? Dass es eben nicht nur reicht, „vor Ort“ zu sein, sondern dass man auch wissen muss, was man aus seinem „Rohmaterial“ noch so rauskitzlen kann?

    Grüße Blue

  12. Sehr schönes Endprodukt hast du da! Was mich allerdings ein wenig stört ist der kippende und auf der rechten Seite stark verblasste Horizont. Und dieser kleine Punkt über dem Baum. In der kleinen Version sieht es ein wenig aus wie ein Fleck… Aber sonst hervorragende Stimmung und Bearbeitung!

  13. Super!Fotografen sind halt auch nur Menschen und keine Übermenschen. Du führst den Faden Deines letzten Artikels der Supermegafotografen perfekt weiter, indem Du offebarst was so „hinter“ den Super-Bildern steckt!Das zeigt von viel Mut und gibt Selbstvertrauen, was man alles aus einem Bild noch „rausholen „kann.Ich schliesse mich da Andre und Fabusch an.Danke fuers aumfbodenbleiben!

  14. Blogartikel dazu: 766 - The Magnificent Tree | 1800blogger

  15. Mir gefällt das Originalbild viel, viel besser. Die Farben, die Stimmung, die Bildaufteilung finde ich wunderschön. Es ist für mich ein traumhaft schönes Foto. Die Weite der Landschaft kommt besser herüber. Die bearbeitete Version verliert dagegen. Der Zauber fehlt, das Bild wirkt mir zu düster, zu negativ. Für mich ist eben Alleinsein postiv besetzt. Vielleicht ist das der Grund, dass ich hier mit meiner Meinung aus der Reihe tanze.

  16. Blogartikel dazu: Keine Angst vor schlechtem Wetter

  17. Juchu, ein Making-of! Wahnsinn, was man aus „langweiligen“ Bildern herausholen kann. Das motiviert mich ungemein, mal zu sehen, dass deine Ausgangsbasis nicht anders aussieht als meine. Dankeschön :)

  18. Blogartikel dazu: Bildvorstellung : A Warm Place | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel