kwerfeldein
11. November 2008 Lesezeit: ~5 Minuten

Kein Abra Kadabra

Kein Abra Kadabra

Photo Credit : orvaratli


Letzte Woche hatte ich geschrieben, dass es unter jungen Fotografen eine Art Irrglaube gibt. Dieser besagt, dass die wirklich guten Fotografen eine Art Zauberformal haben, mit welchen sie ihre supergeilen Fotos machen. Daraufhin habe ich gesagt, dass das nicht im Geringsten richtig ist und gute Fotos dann enstehen, wenn man einfach „vor Ort“ ist und abdrückt.

Heute möchte ich einen weiteren Mythos „lüften“.

Auch die grossen Fotografen haben Schwächen, Unsicherheiten und ne fette Tonne schlechter Bilder im Keller. Die sieht nur keiner.

Ich habe immer geglaubt, dass die wirklich Guten die Kamera in die Hand nehmen, abdrücken und fertig. Dass sie dieses „magische Auge“ haben, mit welchem sie das geile Bild schon sehen. Dass sie gar nicht nachdenken müssen und einfach nur easy funky aufs Knöpfchen ihrer Hightechallesistsuper-Kamera drücken und ab geht der Peter. Heute kann ich mit grosser Sicherheit sagen : Das ist Bullshit.

Bitte entschuldige das Wort, aber es ist wirklich so. Denn jeder auch noch so geile Fotograf, den wir anhimmeln und die derbsten Fotokünste zuschreiben, ja auch der hat mal ganz klein angefangen. So wie wir. Der hat üble Fehler gemacht. Unterbelichtet. Grausig schlecht komponiert. Daumen runter. Echt nicht gut. Der hat tausende Fotos gemacht, die alle nix waren. So wie Du und ich.

Doch diese „Fehler“ sieht man nicht, wenn man durch das Portfolio von z.B. Greenberg oder Demuynck klickert. Es sieht so aus, als ob der Fotograf schon immer so fotografiert hätte.

Doch das war nicht so. Er hat Fehler gemacht. Aber er hat sich eine Sache zu eigen gemacht, welche ihn dorthin gebracht hat, wo wir ihn sehen : Er hat nicht aufgegeben. Weiterfotografiert. Sich Gedanken gemacht. Neue Fehler gemacht. Tausende und abertausende Male das eine Foto gemacht. Und ganz langsam, nach und nach ist er besser geworden. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Und auch noch kein Starfotograf.

Es malen uns die Medien ein Bild vom Erfolg des Fotografen, welches einfach nicht der Wahrheit entspricht. Man glaubt dann an eine Art „Glückssträhne“ und wenn man die gefunden hat, dann passt alles. Man findet auf einmal die richtigen Motive, lernt die richtigen Leute kennen und ist *vollkrassmitdabei und *derbeangesagt und *yeavollfettallespasst. Doch das ist meiner Meinung eins der grössten Ammenmärchen, welches jemals über die Fotografie geschrieben, geglaubt und immer noch verbreitet wird.

Ich möchte ein realistisches Bild zeichnen von dem, wie es wirklich ist. Denn Fotografieren ist nicht immer nur geil geil geil.

Ja, Fotografie soll Spass machen und hinter diesem Satz stehe ich 100% mit meiner Person und diesem Weblog. Aber es ist eben nicht immer so. Häufig ist es anstrengend oder gar langweilig, weil man tausende Fotos durchchecken muss nach der einen gelungenen Aufnahme. Manchmal kostet es Überwindung, eine Stunde früher aufzustehen, um den Sonnenaufgang zu fotografieren. Oft fühle ich mich unsicher bei einer Aufnahme, weil ich nicht weiss, ob sich das gerade lohnt oder nicht.

Diese Unsicherheit ist unangenehm und so gar nicht, wie man sich das vorstellt. Ja, manchmal, da weiss ich in dem Moment, in dem ich abdrücke, dass das ein gutes Foto wird. Und wie ich mich da freue! Das kannst Du mir glauben. Aber viel öfter, da stellt sich erst im Nachhinein raus, dass es sich gelohnt hat, nochmal abzudrücken und doch die komische Perspektive zu nehmen. Doch im Moment der Aufnahme, da denke ich manchmal (auch nicht immer): „Mach ich das richtig hier ?“ oder „Verdammt nochmal, lohnt sich das überhaupt?“

Und ich weiss, dass es den grossen Fotografen häufig auch so geht. Heute noch. Keiner steht auf, nimmt die Kamera in die Hand und zaubert Dir DisneyWorld auf den Rechner, ohne nachzudenken. Keiner. Jeder noch so gute Fotograf ist seinen eigenen Ängsten, Fragen und Befürchtungen ausgesetzt. So wie Du. So wie wir alle.

Die Frage ist, wie wir mit unseren Schwächen umgehen. Ob wir uns verkriechen und es sein lassen, weil alles viel zu anstrengend ist oder eine „jetz erst recht“ Mentalität an den Tag legen. Ob wir es schaffen, ruhig, treu und kontinuierlich zu fotografieren und am Ball zu bleiben.

Denn eins sei hier mal gesagt : Es lohnt sich jede Minute, welche Du in ein gutes Foto investierst. Jede Sekunde zahlt sich aus. Du wirst es warscheinlich nicht merken, aber mit jedem weiteren Mal Fotografieren gehen wirst Du besser. Deine Bilder werden knackiger. Offener. Freier. Zugänglicher. Klarer. Schritt für Schritt bekommst Du ein Auge, das sonst keiner hat – denn niemand sieht die Welt so wie Du. Mit jedem Mal Kamera in Hand nehmen verändert sich Deine Art zu fotografieren.

Es ist eben kein Abra Kadabra. Aber es lohnt sich. Bist Du dabei ?

Ähnliche Artikel