Kwerfeldein
06. November 2008 Lesezeit: ~4 Minuten

Kein Hokus Pokus

Bath In The Light by you.

Montag morgen sah ich aus dem Fenster und bemerkte, dass die Stadt Jöhlingen in feinstem Nebel eingehüllt war. Da ich ein wenig Zeit hatte, packte ich sofort meine sieben Sachen und fuhr los. Nachdem ich eine Stunde fotografiert hatte und im Wald angekommen war, brach das Licht der Sonne durch die Blätter, so wie Du es im Bild oben sehen kannst. Zirka eine halbe Stunde hielt der Zauber an und ich versuchte, aus unterschiedlichsten Perspektiven das Ganze aufzunehmen. In diesem Bild habe ich mich selbst ins Licht gestellt und ich finde, dass das Ergebnis ganz gut ist.

Doch bei all dem Fotografieren und Staunen blieb ein Gedanke hängen, den ich heute mit Dir teilen möchte :

In den meisten Fällen entstehen gute Fotos, weil Du einfach zur rechten Zeit am richtigen Ort bist. Dann musst nur nur noch Abdrücken und hast ein leichtes Spiel. Alles was Du tun musst ist da sein und auf den Auslöser drücken.

Immer wieder begegne ich bei jungen Fotografen einer Art Irrglaube – und hoffe, dass Dich dieses Wort nicht abschreckt. Dabei wird angenommen, dass gute Fotografen eine Art Zauberformel haben. Sei es die geile Kamera, besondere Photoshopkünste oder irgendein verstecktes Tool mit dem sie diese Hammerfotos machen. Und ich kann diese Gedanken verstehen, denn in vielen Fällen kommen wir einfach nicht drauf, wie jemand ein gutes Foto gemacht hat.

Doch in vielen Fällen ist ganz harmlos und einfach : Da sein und Abdrücken.

Gerade, wenn ich mir Bilder von Joe McNally, Gilad und anderen guten Fotografen ansehe, dann weiss ich, dass es am Ende darauf rausläuft. Keiner von denen kann diese Fotos aus Photoshop herauszaubern, ohne nicht die Mühe zu haben, einen Weg zu gehen und dann vor Ort abzudrücken. Es geht einfach nicht. Selbst wenn sie mit Photoshop ihre Fotos aufhübschen : Sie waren vor Ort und hinter der Kamera.

Wenn Du gute Fotos machen möchtest, dann musst Du bereit sein, zu schwitzen.

Die Fototasche packen, warm anziehen, den Fototrip planen und manchmal Kilometer weit laufen – das sind alles Dinge, die nicht bequem sind. Keine Zeit vor dem Rechner, Fernseher oder andere schicke Sachen. Ich bin der Meinung, dass mit die besten Fotografen die sind, welche immer wieder diese Komfortzone verlassen, um sich in eine andere Zone zu begeben : Das Abenteuer mit der Kamera.

Und das ist manchmal öde, langweilig oder nicht immer so, wie wir es in so manchen actionreichen Foto-Jetztgehtsab-Videos wie denen von Chase Jarvis gezeigt bekommen. DennDu hast eben nicht diese derbe Ausrüstung wie die grossen Fotografen, Du hast nicht ein Kamerateam, dass Deine Shootings mitfilmt und mit fetter Musik hinterlegt. Nein, es sind meistens nur 2 Dinge :

Du und Deine Kamera. Die Frage ist, was Du damit machst.

Ich kann es zu gut verstehen, wenn Du frustriert bist über Deine Fotos, weil sie nicht so sind, wie die von den „Ganz Grossen“. Und ich wünschte, ich könnte nun bei Dir sein, zusammen die Sachen packen und mit Dir auf Fotosafari gehen. Aber das geht leider nicht, und in den meisten Fällen wirst Du auf Dich alleine gestellt sein. Aber eine Sache möchte ich, dass Du sie verstehst :

Du kannst mit den einfachsten Mitteln hammergeile Fotos machen, wenn Du einfach „vor Ort“ bist. Dann gilt nur noch abdrücken, komponieren, versuchen, experimentieren. Keine Zaubertricks – nur da sein. Natürlich solltest Du Deine Kamera kennen, Blende, Belichtungszeit und andere Dinge verstehen – und wissen, wann Du ein Stativ einsetzen solltest (ein bisschen Bildbearbeitungskenntnis schadet auch nicht). Aber diese Sachen sind einfach zu erlernen – Du kannst Dir ja Zeit lassen. Kein Hokus Pokus.

26 Kommentare

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  1. ganz toller text, aber der letzte absatz ist ganz wichtig und unterstreicht noch mal: wenn man nicht vor ort ist, verpasst man das beste. natürlich braucht man noch das gewisse auge, um die situation aufzunehmen. aber wenn ich nicht dort bin, kann ich nichts speichern.

    das und viele weitere deiner bilder zeigen einfach, dass gute fotos arbeit bedeuten und kein zuckerschlecken sind. danke für diesen ratschlag.

  2. Das Bild ist wirklich schön. DIe Schärfe ist unschlagbar. Hast Du sie aus einem Bild herausgeholt, oder mehrere Bilder zusammengefügt. Jedenfalls wirkt es einfach großartig. Man spürt die frische des Morgens. Vor allem durch diese glasklare Atmosphäre.

    Desweiteren gebe ich dir absolut recht. Es geht hauptsächlich darum am richtigen Ort zu sein. Ich habe bei mir festgestellt, dass ich oft völlig allen an Orten bin und genau in solchen Momenten entstehen für mich persönlich die interessantesten Bilder, da man einfach Gegenden kennenlernt, die man selten zu sehen bekommt. Dazu noch die passende Musik im Ohr und ich fühle mich gut :-) Man sollte auch nicht frustriert sein, wenn man nach stundenlangen Wanderungen kein einziges brauchbares Bild vorzuweisen hat. Sowas kommt vor und gehört dazu. Dennoch versuche ich mir die Gegenden die ich besucht habe, einzuprägen und stelle mir gleihzeitig vor wie sie bei anderen Witterungen wirken würden. So kann man immer wieder zurückkehren und bekommt doch noch sein Photo.

  3. Hei Martin.
    Schöner Artikel :) Vor allem gut gegen Leute die einem einreden wollen man bräuchte keine DSLR weil man eh nie die Bilder eines Profis machen würde… der war auch nur zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort :D

  4. Das ist auch meine bisherige Erfahrung… in manchen Situationen gibt es die Hammerbilder einfach so durch Abdrücken, ein anderes Mal kann man versuchen, was man will, aber es wird nix. Wenn man das „Handwerkszeug“ erstmal drauf hat, muß man einfach ne gute Situation, passende Lichtverhältnisse erwischen. Natürlich muß man dann noch ne passende Idee haben ;) Und es ist ja auch kein reiner Zufall, daß man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

    Von daher kann ich Deinem Artikel nur zustimmen.

  5. Hallo Martin,
    das ist ein ganz toller Beitrag. Ich muss mich selbst auch immer wieder dran erinnern, dass es das Wichtigste ist, raus zu gehen und Fotos zu machen. Vor allem jetzt, wenn es draußen wieder kalt und unangenehm wird ist es schwer, sich zu überwinden. Aber wenn man die erste Hürde erst mal geschafft hat, stellt man eben fest, dass so die guten Fotos entstehen.
    Und nun noch zu Deinem Foto: Die Komposition gefällt mir wirklich sehr gut. Der Lichtkegel aus den Sonnenstrahlen über der Person (bzw. über Dir) ist genau an der richtigen Stelle und erzeugen eine ganz tolle Stimmung. Man möchte sich auch sofort da hinstellen und die ersten Sonnenstrahlen, die sich durch den Nebel kämpfen, genießen :)

  6. Ein klasse Beitrag, in dem Du das Wesentliche genau auf den Punkt bringst! Es ist halt kaum möglich vom Sofa aus, die perfekten Aufnahmen hinzubekommen, dafür ist häufig ein wenig mehr von Nöten…
    Problem dabei ist nur, dass viele nicht dazu bereits sind, Stunde um Stunde aufzubringen, um am Ende mit womöglich nur einem oder sogar gar keinem guten Foto nach Hause zukommen.

  7. Tja, und da ist der Unterschied vom Amateur zum Profi:
    Der Amateur ist in der Arbeit wenn die guten Fotos draussen entstehen. Grad jetzt, in der dunklen Jahreszeit, gilt: Im Dunkeln ins Büro und im Dunkeln zurück. Und am Wochendende noch um Frau (und Kind) gekümmert, Wohnung geputzt, Wäsche gewaschen, … . Woche vorbei, wieder kein Bild.
    Da sitzt der Frust. Ganz tief im Kapitalistischen Verwertungs und Selbstausbeutungsspiel.

  8. Stimmt, auf der Couch sitzend ist die Motivvielfalt eng begrenzt. Die Qualität der Bilder hängt manchmal eben auch davon ab was man für seine Bilder tut.
    ‚Low Impact Photography‘ hinterlässt eben meist ebensolche Fotos, solche die den Zuschauer nicht berühren.

  9. Ein sehr schönes Foto!

    Um Dich zu zitieren: „Die Fototasche packen, warm anziehen, den Fototrip planen und manchmal Kilometer weit laufen…“

    Ich wünschte, der ein oder andere Tag hätte mehr als 24 Stunden. Wie oft nehme ich mir das vor und es kommt wieder einmal etwas dazwischen oder man hat Zeit und das Wetter ist derart schlecht, dass man Angst um seine Technik haben muss.

    Wirklich wieder sehr gut gelungen Dein Betrag!!

  10. Sehr lehrreich ist da genau der Fall, einmall nicht dagewesen zu sein(wie wir Leser bei diesem Foto) oder einmal die Kamera nicht dabei gehabt zu haben.
    Man kann nur das fotografieren, was man auch sieht.
    Sich zwingen? Finde ich, klingt schrecklich.
    Man muss Freude haben daran, Momente zu sehen und man muss Freude haben an der Schönheit des Augenblicks. (kann wahrscheinlich nur bedingt gelten, wenn es ums Berufliche geht)
    Ist es das überhaupt: die „ich muss unbedingt auch mal (wieder) so ein Foto gemacht haben“-Denke? Ich träume beispielsweise so oft von Großstadtaufnahmen und Geometrie, aber da bin ich eben im Moment nicht. Es wird kommen und vielleicht lecke ich dann Blut und dann geht das freiwillig und wird wie eine Sucht, jedesmal, wenn sich die Gelegenheit bietet? Kann auch für alle anderen Motive gelten.

  11. Hi!

    Ich bin vielleicht das, was du einen „jungen Fotografen“ nennst. Und ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, in der ich mir keine Zeit beim Fotografieren genommen und wenig Gedanken um die Tageszeit oder ähnliches gemacht habe. Ich hatte eine Kamera, ich wollte es und der Rest würde schon kommen. Am Ende des Tages stand ich mit einer Masse Fotos da, von denen keines, oder nur sehr wenige, das gewisse Etwas hatten.
    Ich stimme deinem Text in jeder Hinsicht zu. Heute mache ich nur noch halb so viele Fotos. Ich denke über das Bild nach, bevor ich die Kamera vor der Nase habe. Und ich stehe halt mal um vier auf, um den Sonnenaufgang abzulichten:
    http://benniandthevampire.blogspot.com/2008/10/i-live-by-river.html

    Gute Fotos kann man halt nicht nebenbei machen. Ich finde, das hat auch was mit Respekt vor dem Motiv zu tun.

  12. „Gute Fotos kann man halt nicht nebenbei machen“
    Da gebe ich Benjamin recht! Einfach rausgehen und alles ablichten, was einem vor die Nase fällt, mache ich schon gar nicht. Da ich in meiner Freizeit am liebsten Landschaften und Natur fotografiere und das Bestreben habe, eindrucksvolle Aufnahmen zu erstellen, mache ich mir schon die Mühe, mal früh aufzustehen, irgendwohin zu fahren und dann auch viel zu laufen. Dazu muss man auch manchmal Glück haben, dass das Licht passt. Es ist auch nicht jeden Morgen das gleiche Licht da. Manchmal muss man einen Ort auch mehrmals besuchen, bis das Licht so ist, wie man es haben möchte. Wichtig ist, dass man im richtigen Moment da ist. Da ich und einen zeitintensiven Job habe (auch wenn es ein bißchen mit Fotografie zu tun hat), kann ich das auch nicht allzu oft machen.

  13. Martin, du sagst es, die Gelegenheit für ein gutes Foto muss da sein – dann ist es doch oft nicht besonders schwer, ein richtig gutes Bild zu machen – welches eventuell eine Aussage sehr gut erfasst und vermittelt….

  14. Die Aussage, man müsse nur zum rechten Zeitpunkt einfach da sein und abdrücken, kann ich nur bestätigen. Wie oft habe ich mich über verpasste Gelegenheiten geärgert, weil ich keine Kamera dabei hatte.

  15. hallo und einen schönen sonntag
    nach meinem urlaub – natürlich mit vielen fotos – wieder internet und gleich wieder kwerfeldein… ein beitrag der verdeutlicht, was wirklich zählt in einer welt voller angebote, konsumdenken und „ich hab die falsche kamera“ feeling. auch als anfänger und auch mit minimaler ausstattung kann man schöne bilder machen. man muss nur aus der tür gehen…

  16. Blogartikel dazu: blog.chilled-area.com » Blog Archive » 30 Days #10

  17. Blogartikel dazu: Browserfruits : Foto News, Links & Meinungen 2008/12/08 | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel

  18. Blogartikel dazu: Kwerfeldein.de : Die wichtigsten Artikel 2008 | Digitale Fotografie Lernen - KWERFELDEIN - Martin Gommel

  19. Blogartikel dazu: Blick durch den Sucher – 2008-W45 » blog.intermayer.com